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22.10.1896 Zweites Blatt
 
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Nr. 249 Zweites Blatt.

Donnerstag den 22. October

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Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" -entgegen.

Amtliche* Theil.

vekmmtmachllng,

die Bestellung der Wahlcommissäre für die Ersatzwahlen der Abgeordneten zum Deutschen Reichstag im 1. und 9. Hessischen ReichStagSwahlkreiS betreffend.

Zur Leitung der am 5. November d. I. im 1. und 9. Hessischen Reichstag-Wahlkreise stattfindeuden Ersatzwahlen der Abgeordneten zum Deutschen Reichstag find auf Grund der Vorschrift in § 24 deS Reglements vom 28. Mai 1870 Bundesgesetzblatt Nr. 17 folgende Wahlcommissäre bestellt worden:

1. für den ersten Wahlkreis: der Großherzogliche Pro. vtnzialdirector Freiherr v. Gagern in Gießen,

2. für den neunten Wahlkreis: der Großherzogliche Provinztaldirector Geheimrath Rothe in Mainz.

ES wird dies hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht. Darmstadt, den 1. October 1896.

Grobherzogliches StaatSmiutfterium. _____________________Finger.__________Dr. Fuchs.

Betr.: ReichStagSwahl.

Bekanntmachung.

Die durch Erlöschen deS Mandats des seitherigen Reichs, tagsabgeordneten Köhler erforderlich gewordene Ersatzwahl im 1. ReichStagSwahlkreise des GroßherzogthumS ist auf

Donnerstag, den 5. November 1896, festgesetzt.

Die Abstimmung wird um 10 Uhr Morgens beginnen und um 6 Uhr Abends geschloffen werden.

Die- wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht mit dem Ansügen, daß jede Bürgermeisterei deS Kreises, mit Ausnahme der Stadt Gießen, einen Wahlbezirk bildet.

Die Stadt Gießen zerfällt in folgende 7 Wahlbezirke:

1 Wahlbezirk:

Asterweg, Ederstraße, Marburgerstraße, von Sicher- straße 23 Kaserne 2, Nordanlage, Am Rodtberg, Schtller- straße, Schottftraße, Stetnstraße, Wallthorstraße Nr. 2377, Weserstraßr und Wteseckerweg.

2. Wahlbezirk:

Dreihäusergasse, Erlengaffe, Löwengaffe, Maigasse, Neuenweg, Plockstraße, SelterSweg, Sonnenstraße, Süd- ! anlage, Teufelslustgärtchen, Weidengaffe, Wolkengaffe, West- I an läge Nr. 120.

3. Wahlbezirk:

An der Bach, Brandgasse, Brandplatz, Braugasie, Diez, straße, Dammstraße, Hundsgasse, Kaplaneigaffe, Kanzleiberg, Kirchevplatz, Linderplatz, Ltnbeugaffe, Moltkestraße, Neuen- bäue, Ostanlage, Schloßgasse, Schulstraße, Senkenbergstraße, Waagengoffe, Wallthorstraße Nr. 122, Wtesenstraße, ZozelSgaffe.

4. Wahlbezirk:

Bahnhofstraße Nr. 1-50, Burggraben, Ktrchstraße, Kaplansgaffe, Katharinengasse, Kreuzplatz, von Licherstraße 23 Kaserne 1, Marktplatz, Marktstraße, MäuSburg, Rittergaffe, Schauzenstraße, Ttefenweg, Wettergasse, Wetzstetngafle, Wetz, stetnstraße.

5. Wahlbezirk:

Bahnhofstraße Nr. 5193, Grabcnstraße, Hammstraße, Au der Hardt, Kornblumengasse, Krofdorferstraße, Lahn­straße, Neustadt, Große und Kleine Mühlgaffe, Rodheimer. straße, Sandgaffe, Schützenstraß-, Westanlage Nr. 2145.

6. Wahlbezirk:

Bergstraße, Bismarckstraße, Bruchftraße, Eichgärten, Erdkauterweg, Gartenstraße, Goetheftraße, Grünbergerftraße, Heffenstrahe, Landmannstraße, Licherstraße mit Ausnahme der Nr. 23, Löberstraße, Lonyftraße, Ludwigstraße Nr. 146, LudwigSplatz, Nahrungsberg, Schiffenbergerweg, Stephan, straße, Wolfstraße, Gemarkung Schiffenberg.

7. Wahlbezirk:

Alicrstraße, An den Bahnhöfen, Bleichstraße, Ebelstraße, Frankfurterstraße, Hofmannstraße, Klintkstraße, Lethgesterner- weg, Ltebigftraße, Ludwigstraße Nr. 4773, Rtegelpfad, Wilhelmftraße.

Die selbstständigen Gemarkungen werden den Bürger­meistereien wie folgt zugeihetlt:

Heibertshauseu zu Daubringen- Arneburg zu Eberstadt-. Schiffenberg zu Gießen (6. Wahlbezirk)- Hof Albach, Coln- Hausen und Mühlsachsen zu Ltch- Hof Güll zu Muschenheim- Appenborn zu Odenhausen- Ringel-Hausen zu Rabertshausen- Hof-Graß zu Rodheim- Winnerod zu Ber-rod- Bvllnbach, BeitSberg und Wirberg zu Saasen- Friedelhausen zu Staufenberg.

Zu Wahlvorsteher» bezw. Stellvertretern werden ernannt: in Gießen:

für den 1. Wahlbezirk: Beigeordneter Georgi als Borfitzender, Stadtverordneter Homberg er als Stellvertreter- für den 2. Wahlbezirk:

Stadtverordneter Heichelheim als Borfitzender, n Adami als Stellvertreter -

für den 3. Wahlbezirk: Stadtverordneter A. Keller als Vorsitzender, Schmoll als Stellvertreter-

für den 4. Wahlbezirk:

Stadtverordneter JugHardt als Vorsitzender, // Haubach als Stellvertreter- für den 5. Wahlbezirk:

Commerzienrath W. Gail als Vorsitzender, Kaufmann Friedrich Habenicht als Stellvertreter- für den 6. Wahlbezirk:

Oberbürgermeister Gnauth als Vorsitzender, Stadtverordneter Vogt als Stellvertreter- für den 7. Wahlbezirk:

Stadtverordneter Hehligenstä.dt als Vorsitzender, w Kirch als Stellverereter.

In den übrigen Gemeinden hat der Großh. Bürger­meister als Wahlvorsteher, der Großh. Beigeordnete als Stellvertreter zu fungtreo.

Die Wahl ist in den einzelnen Gemeinden in dem Ge- weindehause, bezw. in dessen Ermangelung im Schulhause abzuhalten und wird durch bie Großh. Bürgermeistereien da- Nähere ortsüblich bekannt gemacht werden.

Zum Wahlcommtffär, au jwelchen die Wahlacten etnzu» senden find, ist der Unterzeichnete ernannt.

Gießen, den 17. October 1896.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Gießen, den 17. October 1896. Betreffend: Reichstagswahl.

Das Großherzogliche Kreisamt Gieße«

« die Srsßh. Bürgermeistereien M Kreises.

Wir beauftragen Sie, vorstehende Bekanntmachung, welcher Sie noch die Bezeichnung des Wahlloeals zuzusetzen haben, sofort spätestens aber am 27. Oktober 1896 in Ihren Gemeinden, sowie in den Ihnen etwa zugetheilten besonderen Gemarkungen orts« üblich bekannt zu machen.

Ihrem Bericht über den Vollzug dieser Anordnung sehen wir unter Angabe deS Tages der ortsüblich erfolgten Bekanntmachung zugleich mit der Namhaftmachung deS Wahl- locals unfehlbar bis zum 31. October entgegen.

v. Gagern.

tfcuiUctotl.

Rothschilds Loge.

HumoreSlc von Alberic Second.

l (Nachdruck verboten.)

Als ich Gelegenheit hatte, ihn kennen zu lernen, war Arnold Raymond ein armer Teufel von Künstler, der schlecht und recht von seinen Pinseln lebte. In den Schaufenstern der Kunstläden der Rue Lafitte hingen Aquarelle von ihm, die nicht verkauft wurden, und für die jährliche Ausstellung im Judustriepalast pinselte er Landschaften, die man selten annahm und die noch seltener Käufer fanden. Zu dieser Zett bewohnte er in einem verfallenen Hause der Rue Neuve- Coquenard eine Dachstube, in der es ihm recht kümmer­lich ging.

Nach einigen Monaten wohnte derselbe Arnold Raymond in einem hübschen, kleinen Hotel der Avenue d'Eylau und war mit einer reizenden Frau ve-heiratbet, die er Liebt und die ihn wieder liebt. Er besaß und besitzt noch ein be­deutendes Vermögen und führt ein ruhiges, behagliches Leben. Und doch hat er keine Erbschaft gemacht und auch nicht in der Lotterie gewonnen.

Wie da- zuging, will ich in Nachstehendem erzählen:

Als wir Arnold Raymond zum ersten Male begegneten, lebte er von der Hand in den Mund- seine Lage war eine ziemlich traurige. Eines Abends, als er noch mürrischer, noch verzweifelter als gewöhnlich nach Hause kam, setzte er sich erschöpft an seinen kleinen wackeligen Tisch und schrieb beim flackernden Lichte einer Kerze solgenden Brief:

Mein lieber Philipps

Ich bin verliebt! wahnsinnig verliebt, verliebt bi- über die Ohren!

Meine Liebergeschichte ist sehr einfach, eS ist die alte und doch ewig neue Geschichte von Abälard und Heloise, von Romeo und Julia. Meine Julia (in Wirklichkeit heißt sie Fxaneiue) ist die Tochter eine- reichen Industriellen, der sich

mit mehreren Millionen von den Geschästen zurückgezogen hat und nie einen vermögenslosen Maler zum Schwiegersöhne wählen wird- ein barbarisches, aber väterliches Verfahren, das ich nicht umhin kann, unendlich vernünftig zu finden. Fräulein Francine Joubert ist 18 Jahre alt und schön wie Aphrodite. Wenn ich ihr Signalement aufsetzen müßte, so würde ich schreiben: Besondere Kennzeichen: Eine wahre Zauberin!

Das ist da- Mädchen, das ich liebe, mein guter Philipp. Von ihrem braven Vater dazu ausersehen, ihr Zeichenunter­richt zu geben, habe ich sie ansangS mit meinen Künftler- augen nur Ichön gefunden und nichts weiter. Heute liebe ich fie mit wahrer Glurh, wie Pygmalion seine Galathe, nur mit dem Unterschiede, daß der griechische Bildhauer die Götter deS Olymp zu rühren wußte, während ich das nicht verstehe.

Diese Liebe ist mir die Quelle von tausend Freuden und gleichzeitig von tausend Leiden geworden. Sie sehen und mit ihr sprechen, ihren Bleistift spitzen, den ich ihr mit zitternder Hand zurückgete. ihre Haare berühren, daS waren für mich Genüffe, die wein Herz mit Freude erfüllten. Nun aber die Kehrseite der Medaille. Du kennst meine Garderobe, Du weißt, tote bescheiden fie stets war und mit welcher wahrhaft peinlichen Sorgfalt ich mit ihr umgehe. Aber ach, trotz einer unendlichen Zärtlichkeit gegen ein gewisses hell- braunrS Beinkleid, das nicht von gestern stammt, trotz meiner rührenden Verehrung für weinen einzigen Gehrock, der eben­falls ein recht respektables Alter aufzuweisen hat, werden diese ehrwürdigen Hüllen meines Leibes an den Nähten weiß und fasern aus. Ich will Dir nicht erzählen, welchen Schmerz ich beim Anblick dieses Verfalls empfinde. ES mag Dir ge­nügen, wenn ich Dir sage, daß es seit Deiner Abreise furcht­bar schwierig geworden ist, in Paris Anzüge aufzutreiben. Die Schneider sind es müde geworden, die Wohlthäter der Menschheit zu spielen.

Doch kehren wir zur Sache zurück. Als ich gestern zu Herrn Joubert kam, um seiner Tochter Unterricht zu er-

theilen, wurde ich von einem Diener mit den Worten em­pfangen: »Mein Herr, Herr Joubert wünscht Sie zu sprechen, haben Sie die Güte, in sein Zimmer einzutreten."

Ich warf einen Blick in den Spiegel und lächelte mir wohlgefällig zu. Meine hellbraune Hose und mein schwarzer Rock leuchteten in ungewöhnlichem Glanze. Doch ich mochte noch so viel in meinen Taschen heruwtoühlen, ich fand nicht einen einzigen Handschuh. ES gibt eben auf Erden kein voll­kommenes Glück.

Herr Joubert sagte zu mir mit ernster feierlicher Miene: »Herr Raymond, ich bin kein Comödienvater- ich habe Augen und sehe, habe Ohren und höre. Damit will ich Ihnen sagen, daß ich Ihre Gefühle für meine Tochter kenne."

Ich blieb stumm vor Staunen.

Herr Joubert fuhr mit eisiger Ironie fort: »Sie find ein reizender junger Mann, das gebe ich zu - Sie haben viel Talent, da- will ich gern glauben. Doch Sie haben kein Geld. Meine Tochter wird sich nie ohne meine Einwilligung vermählen, und ich sage Ihnen gleich: Sie werden nie mein Schwiegersohn . . . Wa- haben Sie zu erwidern?"

Wie Du Dir wohl denken kannst, habe ich gar nichts erwidert- ich nahm meinen Hut und ging mit zwei großen Thränen in den Angen von dannen. Theure kleine Francine! Ich werde fie niemals Wiedersehen.

So steht es mit mir, mein lieber Philipp! Ich habe Dir meine Bilanz mit solcher Offenheit gezogen, daß ich Dir, nachdem ich Dir meine Passiva genannt, auch meine Activa aufzählen muß. Beruhige Dich, das wird nicht allzu lange dauern. Meine Activa bestehen aus Folgendem: Ich habe freies Entrv in der Großen Oper. Für ein Aquarell, das ich dem Direet,r verehrt habe, hat er mir dsese so viel beneidete Gunst zu Theil werden lassen. Ich werde mich beeilen, davon Gebrauch zu machen, denn ich sehe voraus, daß der Zustand meiner Garderobe mit in sehr naher Zu­kunft cine unendliche Quarantäne auferlegen wird.

(Fortsetzung folgt.)