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22.7.1896 Zweites Blatt
 
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Mittwoch den 22. Juli

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Meßmer Anzeiger

Aenerat-Mnzeiger.

Aints- unt* Anzeigeblatt für den Kreis Gieren.

Redaction, Expeditis» und Druckerei:

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Die Gießener IHmikieiStätter werden dem Anzeiger wächentlich dreimal brigelegt.

Der chießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme de- Montag».

Hrattsöeikage: Gießener Iamikienbtätter

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für bei folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr.

Alle Annoncen-Bureaux de- In- und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Anttlicher Tbeil.

Bekanntmachung,

betr.: Schießübungen.

Es' wird hiermit zur öffentlichen Kenutuiß gebracht, daß das 3. Bataillon des Infanterie- Regiments Kaifer Wilhelm Nr. 116 Donnerstag den 23. und Samstag den 25. l. Mts., jedesmal von Bormittags 7 Uhr bis Mittags gegen 1 Uhr ein Schießen mit scharfen Patronen abhalteu wird, au welchen Tagen das Gelände zwischen Kinzenbach Kinzenbacher Mühle Rodheim, dem Wege Rodheim Grube Morgenstern Waldgirmes, dem Feldwege Waldgirmes Atzbach und dem Feldwege AtzbachKinzenbach nicht betreten werden darf.

Die GrubeMorgenstern" kann dagegen betreten werden.

Gießen, den 20. Juli 1896.

Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.

* Gaßglühlicht-Industrie. Am 14. ds. beschäftigte sich das Reichsgericht mit der Klage Gautzsch u. Gen. gegen die Deutsche GaSglühltcht-Actien-Gesellschaft (Auer) wegen Auf­hebung der Auer-Patente und heute geht uns Abschrift des UrtheilS zu. Der Anspruch 3 des Auer'schen Patentes ist darnach zwar in der Hauptsache wieder hergestellt, dagegen sind die Ansprüche 1 und 2 des Hauptpatentes, von welchem daS kaiserliche Patentamt in seinem Urtheile gesagt hat: Als die Grundlage der Auer-Erfindung hat das Patent 39162 und in diesem wieder der Anspruch 1 zu gelten," vom Reichsgericht vollständig gestrichen. Der Anspruch 3, welcher da- Verfahren betrifft, ist, wie das Reichsgericht sagt, eingeschränkt und eS ist in allen Punkten der Ent­scheidung II biS IX der Zusatz gemacht:Wie im vor­liegenden Patente beschrieben." Die Einschränkung, welche sich offenbar auf die angegebene QuautitätSmischungen bezieht, ist unter Nr. 2 II, also beim Verfahren sogar noch aus­drücklicher mit den Worten: Aus den dort (in der Patent­beschreibung) bezeichneten molekülaren Mischungen", präcifirt. Die Kosten sind beiden Theilen zur Hälfte auferlegt. Trotzdem

KttMetoir.

Das Hexenkrautl.

Erzählung von Robert Hiller.

(1. Fortsetzung.)

Kommt jetzt zu spät 'S Bedauern," meinte der Sef. Ja, wann Eine so vor a Jährd'l a vierzig gekommen wär und 'S Mitleid mit 'm BuckeUef gehabt hätte, wär mir schon recht gewesen, ja gar recht wär mirS g'west," setzte er noch traurig hinzu.

No, wirst Dich doch jetzt drein g'schickt hab'n," sagte die Ursel.

Freilich hab ich mich drein schick'n müffen, 'S iS mir halt auch nix anderes übrig blieben," entgegnete der Sef. Aber sind mir ja ganz vom Thema abkämma. Willst D'S nit beichten, Ursel, z'weSweg'n Du vorhin so zum Herrgott aufg'schrte'u hast?"

Ui je," seufzte die Ursel auf,jetzt hätten wir beinahe über Deinem Malheur wein Elend vergrffeu. Sef, daS, was mich druckt, iS a bös Sach," jammerte sie aufs Neue.

Mrd der Herrgott doch nit wollen, daß so a saubre Dirn wie Du zu Gründ gehn sollt," meinte der Sef.

Der Herrgott nit," entgegnete die Ursel,aber der Vater."

Der Vater?"

Ja, der Vater!"

Kanu ich mirS a nit denk'u, daß 'S dem sei Will wär," sagte ungläubig der Sef.

Sixt, Sef, da D' doch schon so ein groß'n Autheil an wir nimmst, sollst D' auchn ganzen Jammer erfahren," erwiderte die Ursel. Sie zog das buntcarrirte Taschentuch hirvor und trocknete die Thränen ab, die ihr «och von vor- hiin in den Augenwinkeln standen.

Red, Ursel, red, Ursel!" ermahnte Sef.

Kennst 'n Jagermax?"

die Auer-Parente etwa zur Hälfte aufgehoben sind, verbreitet | die Deutsche GaSglühlicht Actien-Gesellschaft (Auer), daß der Proceß zu ihren Gunsten ausgefallen sei.

* Die Kraft des Summibandchens. Im pathologisch- anatomischen Institute im Allgemeinen Krankenhause zu Wien demonstrtrte der Docent Dr. Albin Haberda, der für den erkrankten Chef, Hofrath Ritter v. Hofmann, die Vor­lesungen auch über gerichtsärztliche Kasuistik abhält, kürzlich einen Fall, auS welchem die merkwürdige Thatsache hervor­geht, wie oft mit anscheinend ganz unansehnlichen, harmlosen Mitteln die grausamste Marter erdacht und vollführt werden kann. Danach hatte eine Mutter ihr Kind auf folgende, fast unglaublich klingende Art und Weise zu Tode ge­peinigt. Sie legte, anscheinend behufs Zusammenhaltens der Haare, ein einfaches rotheS Gummiband um den Kopf des Kindes ein schmales Gummiband, wie man es sonst für Papierrollen oder kleinere Packete verwendet. Nun sollte man meinen, hob Dr. Haberda hervor, daß dies gar nicht- zu bedeuten habe. Für den Anfang allerdings nicht. Aber wie mit der Zeit der Tropfen einen Stein aushöhlen kann, so bohrt sich mit der Zeit ein solches Gummiband immer tiefer und tiefer in den Schädelknochen und verursacht die furchtbarsten Schmerzen. Dies wußte die Mutter und sir entfernte das Gummiband niemals vom Kopfe des Kindes. Niemand wußte, warum letzteres ununterbrochen schrie; Nie­mandem fiel eS ein, daS unscheinbare Gummiband als Ur­sache deS Martyriums des Kindes anzusehen. Die Mutter selbst erklärte, daS arme Kind leide nach dem Ausspruch der Aerzte an einer inneren Krankheit, an der es früher oder später zu Grunde gehen müffe. Mit der Zeit hatte daS Gummiband daS Schädeldach vollständig entzwei geschnitten. Die Leiche des Kindes wurde trotz des Widerstandes der Mutter zur gerichtSärztlichen Obductiou gebracht. Man fand natürlich keine inneren Verletzungen, entdeckte aber,^ als man die Kopfhaut entfernte, daß, wie erwähnt, daS Schädel­dach völlig entzweigeschnitten sei. DaS Gummiband hatte sich ganz in den Schädel hineingebohrt. Die barbarische Mutter, die selbstverständlich der Gerechtigkeit nicht entgangen wäre, war inzwischen gestorben. Der Kindesschädel wurde dem JnstitutSmuseum einverleibt. Docent Dr. Haberda erklärte, daß dieser Fall im Institute zu Versuchen benutzt worden sei, Knochen durch Umspannen mit einem Gummibande aus­einander zu spalten. Diese Versuche seien vollständig ge­lungen und würden auch in der Chirurgie ihre Nutzanwen-

| düng finden.

WaS iS mit ihm?"

Selb iS met Schatz!"

Der Buckelsef sah sie verschmitzt von der Seite an, pfiff durch die Finger und meinte dann:

Weißt, Ursel, 'n Schlecht'sten hatt'st Dir da nit taut- g'sucht. D'n Jagermax, hm! hm! Wär mir mein' Seel auch recht, wann ich a Dirn wär," philosophirte er vor sich hin.

Die Ursel sagte zunächst gar nichts, sondern spielte verlegen mit den Schnürsenkeln, die ihr vorn vom Mieder herabhingen.

Der Sef stieß sie leise in die Seite.Ursel!"

»No?-

Schämst Di?"

Wann D' a so a Aufhebens von ihm machst," sagte sie in erkünsteltem Schmollton, trotzdem eS in ihrem Innerstem hell aufjubelte darüber, daß der Jagermax dem Buckelsef so gut gefiel.

Js wohl auch bald Hochzeit?" fragte der Sef.

DaS iS ja der Jammer, daß wir da derzu oo nit glei komm'n werd'n, wan's überhaupt gar wird," rief die Ursel und daS rothcarrirte Taschentuch trat abermals in Thätigkeit.

Flenn nit, Ursel, kriegst sonst g'schwollne Augen und g'fallst d'm Jagermax nit mehr/" stichelte der Sef.

'S Frotzeln (Foppen) kinnst D' a bleib'n laff'a," zürnte die Ursel.

IS ju nit bös g'meint," beruhigte sie der Sef.Aber bislang weiß ich'S uo nit, wo'S eigentlich hängt."

Am Vater// rief die Ursel.Er will, daß ich mir einen von den zwei GroßbauerSbub'n nimm."

Sieh amal an, wie g'scheit der Vater iS, hätt'S gar nit g'dacht. Einen von den zwei GroßbauerSbub'n? GlaubS gern, daß 'm so a Schwiegersohn genehm ist," meinte der Sef.Und wie stehts denn mit den Bub'n, haben die schon waS dermerk'n lofin?"

* Nicht loszuwerden. Der hinauSgeworfene Weinreisende: Sie, ich habe eine kleine Probe Rothwein hinter den Treppen- Pfeiler gestellt diesen Nachmittag werde ich mal ansragen, wenn Sie erlauben!"

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Kunstgeschichte. Von Alwin Schultz. Berlin. Ver­lag der G. Grotr'ichen Verlagsbandlung. Die Kunst der alten Egypter war polychrom. Aber in dieser ihrer Eigenart ist sie sür ein größeres Publikum noch niemals genügend dargestellt worden. Die Ausarbeitung einer nach den verschiedenen Richtungen hin aus­reichend veranschaulichenden farbigen Darstellung ist schwierig und die Ausführungskosten sind sehr erhebliche: Momente, unter deren Einfluß der Versuch polychromer Darstellung der altegypttscbrn Kunst in den Werken überAllgemeine Kunstgeschichte" bisher unterblieben ist. Auch in dem in neuester Zeit entstandenen und vielgenannten französischen Werk von Perrot et Chipiez, Hietoire de lArt dans VAntiquitö (bis jetzt 6 Bände ü 30 Mk.), in dem die Schilderung der altegpptischen Kunst einen Band von nahezu 900 Seiten Umfang ausmacht, ist die farbige Wiedergabe auf nur vier Illustrationen beschränkt. Und doch kann die Kunst der alten Egypter, die Totalwirkung ihrer gewaltigen, in ihren Resten noch heute angestaunten Bauwerke nicht ausreichend veranschaulicht und in ihrer Eigenart nicht'richtig verstanden werden, wenn die bildliche Darstellung, welche die Vermittelung des Verständnisses unternimmt, es an der Farbe fehlen läßt. Unsere vorliegende neue Kunstgeschichte, die im Dienste ihrer Sache weder Müden noch Kosten scheut, Neues und Apartes die Fülle bietet und in jeder Weise bestrebt ist, dem BedÜrfniß des kunstsinnigen Publikums voll zu genügen, illustrirt nun in übersichtlicher Zusammenfassung den farbigen Character der so hochbedeutsamen altegyptischen Kunst in einer größeren Anzahl von farbigen Abbildungen, theilS auf Tafeln in der vorliegenden elften und in der folgenden zwölften Lieferung, theils in Bildern im Text. Auf letztere, enthalten in den Seiten 33 bis 48 und 65 bis 80, sei besonders aufmerksam gemacht als auf eine technisch hoch­interessante Leistung typographischen Farben - Kunstdruckes. Die beiden Bogen drei und fünf (der in der nächsten Lieferung erscheint), sind in zehn-, bezw. elffarbiaem Druck in der Buchdruck-Schnellpresse ausgefübrt. Die Art der Zeichnung und des Eolorits der farbig dargestellten altegyptischen ornamentalen Malereien bedingt das allergenaueste, minutiöseste An- und Jneinanderpassen der einzelnen Farben. Es ist das erste Mal, daß die Aufgabe des Druckens einer so beträchtlichen Anzahl farbiger Abbildungen auf einem Bogen von so erheblicher Größe und in so vielen verschiedenen Farben mit so äußerst schwierigemPaßwerk" dem Buchdruck gestellt worden ist. An jedem der beiden Bogen wurde mit zwei und zeit­weise auch drei Schnellpressen fünf Wochen lang gedruckt. Die rühmlichst bekannte Officin Fischer & Wittig in Leipzig hat mit ihrer vielseitigen Erfahrung und großen Sorgsamkeit alle Schwierig­keiten der Aufgabe mit glücklichem Erfolg bewältigt. Die hier vor­liegende Leistung ist für jeden Freund der Kunst und der graphischen Technik bemerkenswerth.

Nachg'ftieg'n fein« mir akrat g'nug, ob fie'S aber a ehrlich meinn, da» weiß ich halt nit."

Nimm Dich vor deu'n in Acht, Ursel, wär ft bei Leib nit die erst Dirn, die V in d' Schänd g'bracht," warnte der Sef.

Hab ichSm Vater a vorg'stellt, hilft ja aber alles nix/ er meint, wan V nit a Schneid af mich hätt'n, würden- nit so oft Herkommen, und 'S wär a Dummheit von mir, so g'ziert zu thun. Wan s' mich a wirli ang'setzt hätten, würdenS mi a Hochzeit'«."

Jeffes, JeffeS, über die Kurzsichtigkeit, über die Kurz- fichtigkeit!" rief der Sef, die Hände über dem Kopfe zu­sammenschlagend.Merkt erS denn gar nit, daß D' den Galgenvögeln grad gut genug wärst zu amüfiren, sunstern aber zu nix? Ursel, glaub mirS, daS giebt der Großbauer nimmer zu, daß einer von seiu'n Bub'n die Hegerursel freit, die nix weiter hat, als ihre Ehre, oder hast epper epperS (etwa etwas) mehr?"

Nit a Bettlinnen für die AnSsteuer iS mein," ent­gegnete tief niedergeschlagen die Ursel.Weißt 'S ja, Sef, wie 'S allzeit bei unS hergang'n iS, seit der liebe Herrgott die Mutter zu sich g'rusen. Der Vater iS halt allweil etwas leichtlebig gewest und hat niemals dran gedacht, daß ich a amal a Aussteuer brauch, und so is nix drein kämma (gekommen) inn Schrein, rein gar nix." '

DaS iS 'S Beringst," tröstete sie der Sef.Der Jagermax, so weit ich ihn kenne, nimmt Dich auch so, die Hauptfach' bleibt, daß wir die, nichtsnutzigen Bub'n ausm Feld schlagen. Denn weißt, Ursel, Deinem Vater trau ich a nit recht, leicht möglich, daß er sich vom Gelde blenden läßt."

Ich sag'S ja, der Vater bringt mi in« Unglück," jammerte die Ursel.

(Fortsetzung folgt.)