Samstag den 22. Februar
1S96
Zweites Blatt
G ießener Anzeiger
Kenerat-Mnzeiger
Amts- unb Anzrigeblatt für den Tireis Gieren.
Hratisöeikage: Hießener Jamikienökätier
Amtlicher Theil
Rr Probe ß e.
xxxxxxxx
1707
Türk u. Pabst, Frankfurt a. M.
Fe«illeton
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für de» folgenden Tag erscheinenden Nummer bi» Dorm. 10 Uhr.
Der chichener Anzeiger erscheint täglich, »$it Ausnahme deS MontagS.
Alle Annoncen-Bureaux deS In« und Auslandes nehm« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
einem Vetter meines Vaters aufrecht, der mir immer wohl gewollt hatte. Er war ein steinreicher Mann, unverheirathet und lebte, noch in den besten Jahren stehend, schon als Rentier in Berlin. Er hatte mir mit feiner vollen Tasche durch die mageren Studentenjahre und über manche Extra- nöthe htnweggeholfen. Ich, ein blutarmer Schlucker, der aus der Hand in den Mund leben muhte, schätzte diesen Onkel ungemein, auf dessen Erbe ich als sein LieblivgSmffe unbedingt rechnen zu können glaubte, zumal die Befürchtung, daß er noch heirothen könne, so gut wie ausgeschlossen war, da er als ein notorischer Weiberfeind galt. AuS meinem ständigen UnterstützungSbedürfniß ergab sich allerdings auch ein gewisses AbhängigkeitSverbältniß zwischen 'hm und mir, das mich stillschweigend verpstichtete, den Onkel von allen entscheidenden Schritten meines Lebens vorher in Kenntniß zu setzen und seine Genehmigung dazu etnzuholen. Nun, er war ein jovialer Herr, der mir noch niemals Steine in den Weg gelegt hatte, also ließ sich das schon ertragen.
Ich hatte meinen Doctor hinter mir, nun sollte der Ernst des LebenS beginnen. In dem Anzeiger deS Städtchens, in dem ich mich niedergrlosien, hatte ich mich zwischen Schuster- lehrlingSgesucken und Frische Wurst Offerten als practischer Arzt ankündigen laffen und wartete nun seit etlichen Monaten auf den ersten Patienten.
ES war Frühlingszeit, und da geschah eS, daß ich mich verliebte . . . ernstlich verliebte, bis an den Kragen . . . „Sie" war die Tochter einer verarmten O'fizierSwittwe in Berlin und hielt sich besuchsweise ein paar Wochen auf dem benachbarten Gute ihrer Verwandten aus, bei welcher ich durch Vermittelung besagten OnkelS, der den Gutsbesitzer von früher her kannte und wich, um einen soliden Menschen auS mir zu machen, gern in Familien verkehren sah, ein» geführt war. Also ich verliebte wich und schrieb unverzüglich an Onkrl Fritz, daß ich zu heirathen gedächte. Ich theilte ihm diese Absicht ganz kurz und sachlich mit, ohne im Geringsten auf die Persönlichkeit oder die Familieuverhaltniße
Die Gießener
A»««rrieuvtLlter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal dcigelegt.
n. Fauerbach bei Friedberg, 19. Februar. Heute wurde der älteste hiesige Einwohner begraben. Derselbe erreichte ein Alter von 93 Jahren. In Friedberg wurde gestern der älteste dorttge Einwohner, welcher im 91. Lebensjahre gestorben war, beerdigt.
Kr. Nieder Mockstadt. 19. Februar. Der Carouffel- besttzer Vie hl von Ober-Florstadt holte mit feinem Knecht heute auS dem hiesigen Steinbruck einen Wagen voll Steine. An einem Abhang gingen die Pferde mit dem beladenen Wagen durch, der Knecht, ein Mann aus Osnabrück, kam unter den Wagen, dieser ging demselben über den Kopf und blieb der Knecht auf der Stelle tobt.
§ Vom höheren Vogelsberg, 18. Februar. Seit letzter Zeit macht sich hrer in den Dörfern ein bedeutender Wettbewerb bei den Müllern bemerkbar. Selbst in Orten, wo vier bis fünf Müller find, fahren ebensoviele auswärtige Müller herum und suchen, wo sie etwas zu mahlen bekommen. Sogar aus der Gegend der Wetrerau kommen Müller hierher, die nicht mehr für den Verkauf arbeiten, sondern sich Bauern- Kundschaft suchen. Ihre Bedingungen sind mäßig, sie behalten nur 12 Pfund pro Centner als Lohn und rechnen 2 Pfund für Staub ab; hierbei fahren die Bauern bester, als wie mit dem sogenannten „Mollern". — Eiae ähnliche Concurrenz bitten sich gegenseitig die Bierbrauer, welche aus weiter Ferne hierher kommen, um ihre Erzeugnisse abzusetzen. Daß sich infolge dessen die Brauereien in der Nähe bestreben, besseres Bier herzustellen, ist unzweifelhaft. Auch wird das Bier frischer und pünktlicher geliefert als seither, sodaß es nicht auf dem Transport leidet. Nachdem eine Aschaffenburger Bierbrauerei eine Niederlage mit Eiskellereinrichtung in Gunzenau zu errichten beabsichtigt, gedenkt auch die Frei- herrlich Riedescl'sche Bierbrauerei in Lauterbach ihrem Fuhrmann in Nieder-MooS eine eigene Niederlage mit Eis- einrichtung am Teichdamm bei Nieder-MooS kostenfrei zur Verfügung zu stellen. Die Einrichtung ist mit geringen Kosten verbunden, indem der Teich gewöhnlich bis 1. Mai mit EiS bedeckt ist. Auf diese Art und Weise bekommen wir jetzt auch in unseren sonst abseits gelegenen Orten ein gutes Glas Bier.
* Die Tochter deS Bürgermeisters Tschech. Aus dem Gewirr sozialer Kämpfe in den vierziger Jahren nach Amerika verschlagen, hat Elisabeth Tschech, die Tochter deS BülgermeisterS Tschech, welcher auf Friedrich Wilhelm IV. von Preußen ein Attentat verübte und dafür hingerichtet wurde, nach einem an Entbehrung reichen Leben ihr Dasein in einem Brooklyner Spital geendet. Am 26. Januar wurde die irdische Hülle im Armenfriedhof zu Flatbush verscharrt. Der „Newyorker Herold" berichtet darüber: Bürgermeister Tschech von Storkow, an dessen Thal man vor zwei Jahren anläßlich des halbhundertjährtgen Gedenktages in den Zeitungen erinnert hatte, war am 14. December 1844 hin- gerichtet worden - seiner damals 20 jährigen Tochter Elisabeth hatte er als Abschied die letzten Worte gesagt: „Wärst D» ein Mann, würde ich Dir sagen: Räche mick!" Die verwaiste Tochter hat wenig Glück auf dieser Erde gefunden- von Berlin ausgewiesen und unter polizeilicher Aufsicht gehalten, gelang eS ihr, nach Amerika zu flüchted- hier in Newyork nährte sie sich kümmerlich durch St cken und gelegentliche schriftstellerische Arbeiten. Mit einem gewissen Wrllenau ging sie eine gemeinrechtliche Ehe ein, trennte sich aber bald wieder von ihm. Seitdem war, wie sie selber sagte, der Hunger ihr treuester Gesellschafter. Vor zwanzig Jahren war die damals schon sehr gealterte, abgezehrte Frau eine häufige Besucherin der Redactionen deutscher Zeitungen- ein umfangreiches Manu^cript über die Vorgeschichte des Attentats wollte sie in Druck bringen. Aber die Geschichte war zu veraltet, erst als Johann Most mit seiner „Freiheit" nach Newyork kam, wurde Freu WillrnauS Wunsch erfüllt, und ihr Manuskript veröffentlicht. BIS auf 72 Jahre hat eS die stille Dulderin gebracht. Die Damen deS „Ger- mania-Frauen'VereinS" von Brooklyn wollten' vor zwei Jahren die Greisin im Marien Heim unterbringen, fie aber weigerte sich, dies zu acceptiren- mit ihren Lieblingen, einer Schaar Katzen, von milden Gaben ihr Dasein fristend, lebte fie weiter in einem Z mmer von 65 Monell Str., WilliawS- burg; vor niet Wochen traf sie ein Schlaganfall, au dessen Folgen fie im Armenbo'pital zu Flatbush gestorben ist.
Wünsche» Sie köstliches Deffert, Sandtorten, Festkuchen? Dies läßt sich am besten durchBrown L PolsonS Mondamin herstellen. Dasselbe besitzt einen eigenen Wohlgeschmack und fördert durch seine Entölung bedeutend die Verdaulichkrit der Speisen. Recepte zur Zubereitung befinden sich auf den M on dami n - Packeten, zu haben ä 60, 30 und 15 Pfg. in besseren Colonial-, Delicateß- u. Drog.-Geschäften. Für die gute Qualität bürgt am besten das 52jährige Bestehen dieser weltbekannten, schottischen Firma. GngroS bei
en t
!r Comp.
ndlung.
Dooooooa
Der gute Dnkel.
Eine tragikomische Geschichte von Anna Behnisch.
(Nachdruck verboten.)
„Warum ich kein Weib nahm, wollt Ihr wissen?" sprach der alte Sanitätsrath, der noch heute gegen die Reize deS schwächeren Geschlechtes nicht unempfindlich war, und steine grauen Augen blitzten ingrimmig unter den buschigen Brauen, nachdem ihn eines Sonntags Abends ein neugieriges Richtlein vorwitzig um Aufklärung über jene interessante That- fache ersucht und alle Anwesenden diese Bitte erwartungsvoll unterstützt hatten.
Der gute Erbonkel mußte fich wohl über die vielen Schmeicheleien geärgert haben, die ihm gesagt wurden, um ihn willfährig zu machen, — er konnte Schmeicheleien gründ- sätzlich nicht leiden, — denn er, der auf das schon oft vorsichtig angerührte Thema noch niemals eingegangen war, wetterte plötzlich loS: „Gut, Kinder, ich will Euch die Geschichte erzählen, damit das ewige Schönthuu mit mir endlich airfhört. Dann werdet Ihr wenigstens einsehen, waS man von seinem Onkel zu halten hat."
Und er erzählte:
„Also vor dreißig Jahren war ich ein lustiger Bruder, der zu allen dummen Streichen aufgelegt war, besaß einen ewigen Durst, sah^ schöne Mädchen gern und brauchte Heiden- mäßig viel Geld. Natürlich war ich infolge dessen der Schrecken meiner Familie — meine Eltern waren lange tobt — und die beiden unverheiratheten Schwestern meiner Mutter, welche meine Kindheit überwacht hatten, schlugen die Hoände über dem Kopfe zusammen, wenn nur mein Name gnuannt wurde. Die Onkels, mit Ausnahme eines einzigen, rker drückten ihr Portemonnaie unwillkürlich fester zu, wenn vmr mir die Rede war. So ging ich natürlich erst recht avrine eigenen Wege und hielt nur die Verbindung mit
meiner Erkorenen einzugehen, denn es widerstrebte mir, ihm auch von diesem wichtigsten Entschlüsse meines LebenS Rechenschaft geben zu müssen. Nur am Schluß sprach ich noch ganz beiläufig die zuversichtliche Hoffnung auS, daß der allezeit hilfsbereite Onkel mich ja wohl auch diesmal nicht tat Stich laffen, sondern mir, bis meine Praxis zur Bestreitung eines Hausstandes auSreiche, mit feinen Mitteln unter die Arme greifen werde.
Zwei Tage waren vergangen, als ich das in höchster Erregung und mit großem Selbstgesühl verfaßte Schriftstück wieder in der Hand hielt. Onkel Fritz hatte mir dasselbe mit der lakonischen Randbemerkung zurückgcschickt, daß ich doch gefälligst 'mal bei voller Nüchternheit Nachlesen möchte, wa» ich unzweifelhaft nur im Rausche zu Pap'er gebracht haben könne. Daß ging mir doch über den Spaß. Ich setzte m'ch daher auf der Stelle wieder an den Schreibtisch »nd erklärte dem ungläubigen Onkel, daß ich von dem Mädchen meiner Wahl nun und nimmer lassen würde, was man auch dagegen einwenden möge, daß ich ohne sie nicht leben könne und mir, falls man mir Hindernisse bereite, eine Kugel durch den Kopf jagen werde. Dann entwickelte ich aufs Schwungvollste, wie Onkel Fritz, dessen Herz »och nie für ein Weib geschlagen, ja überhaupt nicht ermessen könne, wie unaussprechlich glücklich oder wie unselig die Liebe den Menschen machen kann, führte weiter auS, daß eine ernste Neigung den teichtfinnigsten Strick in einen gesetzten besonneuen Mann zu verwandeln vermöge und daß Derjenige, der bei Jemand eine solche Neigung zu ertödt« strebe, für daS moralische Wohl und Webe deS betreffende« Menschen veraotwortlich sei. Die letzten Z'ilrn deS Brieses lauteten schlicht und refignirt: „Lieber Onkel, Du hast nun die Wahl: Entreiße mich dem sittlichen Untergänge, ja, dem Tode, indem Du mir mit Deinem Uebeifluffe die Bereinigung mit der Geliebten ermöglichst — oder betrachte Deinen Reffe» als der Vernichtung geweiht."
Fortsetzung folgt.)
Bekanntmachung, betreff eab die Abhaltung landwirthschaftl'cher Vorträge in den Gemeinden deS Kreises Gießen.
Herr LandwirthschaftSlebrer Leithiger zu Alsfeld wird 1) Sonntag den 1. März 1896, Nachmittags 2 Uhr, zu Queckborn in dem Saale des Herrn Wirth Heßler daselbst über Viehhaltung und Viehzucht, sowie Über die Verwendung künstlicher Dünger,
2) Sonntag den 15. März 1896, Nachmittag« 2 Uhr, tn dem Saale des Herrn Wtrth Tdeiß zu WeiterS- Hain über Errichtung einer Genossenschaftsmolkerei ttatn Vortrag halten.
Zu diesen Vorträgen werden alle Landwirthe und Freunde bet Landwirthschaft hierdurch eingeladen.
Die Herren Bürgermeister der obengenannten und benach- bmrteu Gemeinden werben hierdurch ersucht, dies in den Gemeinden zur öffentlichen Kenntniß bringen zu lassen und a.af recht zahlreichen Besuch der Versammlung hinzuwirkeu.
Gießen, den 10. Februar 1896.
Der Director deS landwirthschaftlichen BezirkSveretnS. Carl Jost, RegierungSrath i. P.
»tttbliebmen.
1738 Februar, RachiMaz,
imemim
us wähl
vermischte
* Karlsruhe, 19. Februar. In Freiburg find die drei Knaben deS SteinhauerS Rill im Alter von 5, 31/# und 2 Jahren bei einem Brande, der aus Unvorfichtigkett entstand, erstickt.
iluMener,
8 Uhr nach langem,
ge.
lrmige Mttheilung, ' Schwiegersohn im
vierteljähriger Avonnementspretar 2 Mark 20 Pfg. mtt Bringerlohn. Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Pfg.
Rebaction, Expedition und Druckerei:
KchulstraßeKr.7.
Fernsprecher 54.
Familie alten werden;
Berlin etWM J» “* ftÄ- W? SÄ1"*
ogw eines hochuuE -M Rsjatf aan tvohtli'
.'Wftj tfges4g geno^
haben.6“ Welb
Gießen, den 19. Februar 1896. Betreffend: SpeditionS-, Speicheret- und Kelleret-BerufS- grnossenschaft.
DaS Sroßherzogliche Kreisamt Gießen
an Grosth. Polizeiamt Gietzeu^
iinb die Grosth. Bürgermeistereien der Landgemeinden des Kreises.
Der Vorstand der Spedition-', Speicherei- und Kellerei- Berufsgenossenschaft hat den Herrn August Schwan, in Firma Gebr. Sckwan tn Gießen, zum Vertrauensmann für die Provinz Oberhessen, und den Herrn Emil Pi stör in Gießen zu dessen Stellvertreter, beide mit Wirkung vom 1. October 1895 ernannt. Wir weisen Sie hierdurch an, die Benachrichtigung Über die Einleitung einer Untersuchung über die bei Mitgliedern der genannten BerusSgenosseoschaft etaflttretenea Unfälle an den Vertrauensmann bezw. dessen Stellvertreter in Gemäßheit des § 54 deS UnfallverficherungS- gesetzeS zu richten.
v. Gag er«.
ier SchriW1« end


