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21.3.1896 Zweites Blatt
 
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1896

Hr 69 Zweites Blatt. Samstag deu 21. März

rlints- und Anzergeblntt für den Kreis Gietzen

Annahme dob Anzeigen zu der Nachmittag« für bew felgmbm Lag erscheinenden Nummer bi« Borm. 10 Uhr.

Alle «nnoncen-Bureaux beS In. unb »urlaube« nehme» Anzeigen für benGießener Anzeiger" entgegen.

rief er mit koam rat ut Di gon Dag

ES war ganz erklärlich, daß der erste seit der feier« | llchen Wiederaufrichtung deS Reiches gewählte Reichstag in feiner Zusammensetzung die mächtige nationale Bewegung, welche damals durch ganz Deutschland ging, deutlich genug wiederspiegelte, und daß dann auch die Thronrede, mit welcher Kaiser Wilhelm I. daS neugewählte Parlament am 21. März eröffnete, noch völlig unter dem Eindrücke der gewaltigen, welthistorischen Vorgänge stand, welche sich soeben vollzogen hatten. In schlichter und doch ergreifender Sprache hob die Thronrede nochmals hervor, was Deutschland durch den sieg­reichen Ausgang deS ihm aufgedrungenen Kampfes mit Frankreich erreicht hatte, die fett langer Zeit vergeblich er­strebte und ersehnte Einheit seiner Stämme, daS neue Reich unter einem nationalen Kaiserthum, die Sicherheit seiner Grenzen, die Unabhängigkeit feiner nationalen RechtSentwicke- luog, und mit Jubel wurde die Kundgebung auf allen Setten der Versammlung ausgenommen. Zu ihrem ersten Vor­sitzenden wählte sie den späteren RetchsgertchtSpräfidenten Dr. Stmson, einen der Führer der nattonalliberaleu Partei und Vorkämpfer für die Sache der nationalen Einigung Deutschlands, der schon vom constituirenden wie vom ersten ordentlichen Reichstage des norddeutschen Bundes zum Präsi­denten gewählt worden war. Zum ersten Vicepräsidenten aber wurde Fürst Hohenlohe-Schillingsfürst, damals Ab­geordneter deS bayerischen Wahlkreises Forchheim und Mit« glted der liberalen Retchspartet, der jetzige Reichskanzler und preußische Ministerpräsident, gewählt. Die gesammte mit der Sitzung vom 21. März 1871 eingeleitete ReichStagssesfion dauerte bis zum 15. Juni genannten Jahres, ihre hervor­ragendsten Beschlüsse waren die Genehmigung der deutschen ReichSverfaffung (14. April), des Gesetzes über die Gründung des Jnvaltdenfonds und des Gesetzes über die Vereinigung der zurückgewonnenen Provinzen Elsaß und Lothringen mit dem Reiche als besonderes Reichsland (3. Juni).

Mit jenem Zeitpunkte, da daS oberste Parlament des neuen deutschen Reiches zum ersten Male zusammentrat, find also sünfundzwanzig Jahre vergangen, und in dieser Frist hat der Reichstag äußerlich wie innerlich so manche tiefgreifende Wandlungen durchgemacht. Seine Zusammen setzung nach Parteien hat fich ganz erheblich verändert, jene

Zum Jubiläumsseste des Reichstages.

Gewissermaßen als einen Nachklang zu den zahlreichen patriotischen Gedenkfeierlichketten an die großen Eretgniffe on 1870/71, welche daS deutsche Volk seit vorigen Sommer bi« in dieses Jahr hinein begehen durfte, stellt fich das Erinnerung-fest dar, welches der Reichstag am SamSlag den r21. März feiert. Denn an genanntem Tage vollendet fich ein Bierteljahrhundert, daß das deutsche Reichsparlament seine erste Sitzung abhielt, nachdem am 3. März 1871 die Wahlen zu demselben ftattgefunben hatten. Der Reichstag wird, wie bekannt, diesen Gedenktag durch eine am Abend DeS 21. März im RetchstagSgebäude stattfindendeFestsitzung" Legehen, zu welcher alle noch lebenden früheren ReichStagS- ibgeorbneten, sowie eine größere Anzahl sonstiger Gäste Ein- abnngen erhalten haben, unb bürste bie gesammte Festlich« feit, nach ben getroffenen Vorbereitungen zu schließen, einen uürblgen unb zugleich lebenbigen Verlauf nehmen. Wenn« gleich aber bie Jubiläumsfeier vom 21. März somit zunächst nur eine häusliche Angelegenheit des Reichstages repräsen- litt, so hinbert biefer Umstanb doch gewiß nicht, daß man uuch außerhalb der parlamentarischen Kreise der sünfund- zwanzigsten Wiederkehr des Tages der ersten Reichstags- 'sitzung Interesse und Theilnahme entgegenträgt, ist doch der Reichstag schließlich ein Stück von der Nation selber, und -,cin herangenahteS Jubelfest kann daher mit Recht Anspruch darauf erheben, auch im Volke und Lande berücksichtigt zu werden.

Na, n Dag ok, min lewe olle Fruend," sagte Hinrik Bröficke herzlich und umarmte seinenollen Nepomuk", daß

Malzhuber trug daS Unvermeidliche mit Würde. Ja, er wunderte fich im Stillen über die weltmännische Gewandt­heit, mit welcher er der jungen Pflegetochter BröfickeS ent« gegentrat, als welche sichLise" schließlich entpuppte. Bröficke hatte die junge Waise nach dem Tode seiner Fran inS Hau» genommen unb hing mit rauher Zärtlichkeit an dem lieblichen Kinbe, bie es burch eine rührenbe Sarge unb Anhänglichkeit vergalt. Lise machte etwa achtzehn Jahre alt sein unb schien fich burchauS nicht mit Zweifeln Über ihre Existenzberechtigung zu plagen. Wenigsten- beuteten bie lachenden braunen Augen, bie frischen Wangen unb ber kleine, kirschrothe Mund auf alles andere, als auf Weltflucht ober philosophische Grübelei. Dieses Wesen war natürlich füx Herrn Malzhuber ein un- erklärbares Meerwunber, unb er begnügte fich auch demgemäß in ben ersten Tagen seiner Anwesenheit auf Nemblin mit wortlosem Staunen, wenn er fie über seinen Ooib hinweg burch bie neue Reservebrille ansah. Nach unb nach aber ge­wöhnte er fich an da- Helle, fröhliche Lachen und bas muntere Geplauber beS MäbcheuS, mit bem er viel allein war, da Hinrik meist in frühester Morgenstunde schon auf die aus« gedehnten Felder hinauSritt.

Sie zeigte ihm alles, was es nur irgend zu sehen gab. Er mußte Küche und Keller bewundern, zu Taubenhäusern und Bodenkammern binausklettern und in Pferde-, Kuh« und Schweinellällen Herumkriechen, wobei fie ihm in ihrem reizenden Plattdeutsch die ernsthaftesten Belehrungen über Trockenfütterung, Düngerverwerthung und fonstige öconomische Vor- und Rachtheile zum Besten gab.

(Schluß folgt.)

Vierteljähriger >6o»Ba»e»t5|ird*t 2 Mark 20 Pfg. mit vringerlohn. Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Pfg.

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das Rauchen und ließ die Redefiuthen feiner zungenfertigen Frau Wirthin, bie ihm täglich bie Annehmlichkeit eines ge- otbneten Familienlebens vor Augen führte, mit stoischem Gleichmnth an seinem Ohre vorüberbrausen. Nein, wenn ihm etwas zuwider war, so war es baS Heirathen! Hatte er boch erst jetzt wieder an dem unglücklichen Beudemann constatiren können, wie weit die Liebe, diese Wahnvorstellung eines nicht existirendeu Ideals, einem sonst vernünftigen Menschen das gesunde Denkvermögen zu rauben im Stande ist und ihn ablenkt vom engen Pfade der reinen Wissenschaft.

Bei dieser Lebensweise fühlte fich Herr Nepomuk Malz­huber außerordentlich wohl und war allezeit ruhigen und zufriedenen GemütheS. Man brauchte nur auf die liebliche Rundung seine- nicht unansehnlichen Bäuchleins zu blicken, um dieses schöne Factum zu bestätigen. Andererseits mochte da- stetige Vorrücken feiner hohen Denkerstirn, die fich jetzt schon beinahe bis zum Wirbel hin auSdehnte, ein Zeugniß fein für die außergewöhnlich hohe GeisteSthätigkeit deS seltenen Mannes.

Augenblicklich war er beschäftigt, mit Eduard von Hart­mann an der Existenzberechtigung seine- lieben JchS zu zweifeln, und eS ist nicht zu verwundern, baß ihn bet einem berartig ttefgehenben Stubium bie Ferien trotz feiner Sehn­sucht überraschten. Was nun thun? Schon überlegte er ernstlich, ob er bie begonnenen Zweifel in ber Stille seines Stubirzimmers fortsetzen sollte, als ihn ein Brief seines alten Freunbeß Heinrich Bröficke aus allem Grübeln riß. Der lange Hinrik", tote er früher bei ben Kommilitonen geheißen, hatte fich nach zehn Semestern jns als bemoostes Haupt auf bie väterlichen Güter in Pommern zurückgezogen und lud nun seinenleimen ollen Nepomuk" ausS Herzlichste ein, die dies­jährigen Ferien bei ihm zu verbringen. Malzhuber dachte nach. Richtig, e8 ging; Bröficke war Wittwer. Nach kurzem Schwanken wanderten Schopenhauer und Hartmann in den Bücherschrank unb Herr Malzhuber auf ben Bahnhof, nach- bem er von ber liebenSwÜroigiM Frau Hannemann einen schnellen Abschieb genommen unb sich in ber Eile noch mit einer Reservebrille unb OvidS Metamorphosen zur geistigen Nahrung verprovtantirt hatte.

ihm alle Rippen im Leibe krachten. Dann Stentorstimme inS HauS:Life, DüwelSkind, Din KlabuS! Unkel Nepomuk iS bo un will

feggen!" Und ehe der bestürzte Malzhuber fich von ber Umarmung seine- zärtlichen Freunde- erholt hatte, sah er auch schon etwas Weibliches auf sich zufliegen, fühlte zwei weiche Arme um seinen HalS geschlungen unb einen herzhaften Kuß auf seinen bartlosen Lippen.

Det iS Lise," sagte Hinrik lakonisch.Un nn kumm unb vernüchtere Dir 'n Bcten. Du wirst woll hungrig sind vnn Din grotc Reis." Unb bamit zog er den zerschmetterten Freund inS Eßzimmer.

Der Jhijeiget erfcheint täglich, * Ausnahme bei Montags

Die Gießener 9««Hien0U(ftt werden dem Anzeiger »ichmtlich dreimal deigelegt.

Feuilleton.

Herr» ötyomnk Aahhubers erste nud letzte siede.

Von Gottfried König.

(Nachdruck verboten.)

Der Herr Oberlehrer Nepomuk Malzhuber war einer jener beneidenSwerthen Naturen, deren Blut nur bei außer« ordentlichen Ereignissen in höhere Wallung geräth, während sie auf die unbedeutenden Begebenheiten des alltäglichen Lebens mit olympischer Ruhe herabschauen.

Heute aber hatten seine Secundaner eS doch gar zu Ichlimm getrieben. Nicht nur, daß ber Sebastian Kleemeier, Lieserletbtge Windhunb", in seinem lateinischen Extemporale mit eiserner Conseguenz einen falschen Casus zu setzen fich unterstand, nein, auch der ehrsame PrimuS Gottlieb Beude­mann, auf den er allezeit so große Stücke gehalten, er hatte mitten in seine wirklich prächtige AbhandlungUeber den Einfluß der Reden Cicero- auf die römische Rechtspflege" statt deS wöchentlichen Klaffenberichts ein glühende» LiebeS- jebldjtAn Elise" hineingelegt. DaS war denn doch zu bunt? MalzhuberS Stirn zog fich in düstere Falten, zornig Spreng er auf und durchmaß mit feierlichen Schritten das Zimmer.Ein falscher CasuS! Ein Liebesbrief," rief er in tiefster Erbitterung.Ein Liebesbrief Ein falscher Las»-! ES ist unglaublich! Aber ich will unter Euch treten und fürchterlich Musterung halten!"

Und die hielt er. Mit tiefstem Richterernst machte er dem unglücklichen Beudemann die Verwerflichkeit seines leicht- sinnigen Thun» klar und hielt ihm vor versammelter Secunda eine Strafpredigt, deren sittliche Entrüstung dem zerknirschten PrimuS kalten Schweiß auf die entweihte Dichterstirne trieb.

Aber herzlich sauer war dem guten Malzhuber die Musterung" doch geworben, denn al» er am Tage des Ge richt» die heimischen Penaten wieder erreicht und seinen müden Leib in einen bequemen Lehnstuhl versenkt hatte, seufzte er tief und sprach:

Wann wird kommen ber Tag, bo ich freubig ben laftenben Schulstaub schüttle ^vom wanbernben Fuß, bobenb, Natur, mich in Dir k" Unb bamit griff er refignirt zum Schopenhauer.

Die Philosophie war überhaupt sein LieblingSstubium. Sie ersetzte ihm alle». Er trank nicht, spielte nicht, haßte

Gießener Anzeig er

Kenerat-Wnzeiger.

Theil.

Nr. 7 be» ReichS-Gesetzblatt, auflgegeben ben 17. b. M., enthält:

(Nr. 2294.) Gesetz, betreffenb bie Controle deS ReichS- hau»haltS, deS LandeShauShaltS von Elsaß Lothringen unb des Haushalt» ber Schutzgebiete für daS Etatsjahr 1895/96. Vom 4. März 1896.

Gießen, den 20. März 1896.

Großherzogliches KreiSamt Gießen.

v. Gagern.

Parteien, welche im ersten Jahrzehnt seine» Bestehens bi beherrfchenbe Stellung in ihm einnahmen, bie National- liberalen unb bie Reichspartei, sinb aus berfelben burch bie Wanbelbarkelt ber Gunst ber Wählermasse unb anbere Um- stänbe längst verbrängt worben, bofür stellt heute daS Zentrum ben gewichtigsten Factor im Reichstage bar. Anbere Par­teien sinb ganz verfchwunben, wie bie altliberale unb die Fortschrittspartei, wenngleich letztere heute in ber freisinnigen Dolkspartei ihre Nachfolgerin in ihren politischen Anschauungen unb Bestrebungen gefunben hat; völlig neue Parteigebüoe, an welche bamalS noch nicht gebacht würbe, wie bie Antise­miten, haben sich dafür ihren Platz im bentschen Parlament erobert. Unstreitig ist auch baS ganze geistige Niveau be» Reichstages seit 1871 gesunken, bie Mittelmäßigkeiten find in ihm heute in ber großen Mehrzahl gegenüber ben Parla­mentarier» ersten Ranges, unb im Zusammenhang mit letzterer Erscheinung steht eS offenbar, wenn im Reichstage kleinliche FractiouS- und Parteiintereffen häufig genug die allgemeinen Interessen deS Vaterlandes unb ber Nation überwuchern. Aber trotz alledem bleibt ber Reichstag boch nach wie vor bie freigewähtte oberste parlamentarische Ber« tretung unsere» Volkes unb eine unserer ersten nationalen Einrichtungen, auch bars man zu ihm da- Vertrauen hegen, baß er in etwaigen hochkritischen Zeiten für baS Vaterland ungeachtet aller ihm mit Recht gemachten Vorwürfe noch immer die Eatschlüffe zu foffen wissen wird, welche alsdann die Ehre, daS Ansehen und die gejammten Jntereffen de« Reiches erfordern. In dieser Erwartung und Hoffnung be­gleitet das deutsche Volk mit seinen besten Wünschen den Reichstag bei der parlamentarischen Jubelfeier am 21. März.

Seit Menschengedenken wuchert unter den Steinen be« garstigen Urals eine Pflanze Happolygum, welche von Niemaubem beachtet wurde, bis ein Einstedler, der fich mit Heilkunde bejahte, bamit Versuche anstellte und bie Entdeckung machte, baß der Adju» dieser Pflanze bei vielen Krankheiten, besonders Lungenieiden, Ver­schleimung der Athmungsorgane, chronischem Katarrh der Lunge» und Luströhren, Husten, Heiserkeit ?c. ein in seiner Wirksamkeit einzig dastehendes Mittel ist. Tausende Atteste unb Danksagungen bestätige» dies. Man schreibe an das General-Depot Emil Görbel in Colberg, welches fünf Packete für 4 Mk. franco verschickt, weniger wird nicht abgegeben.

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