Ausgabe 
20.12.1896 Zweites Blatt
 
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Nr. 300

Zweites Blatt. Sonntag den 20» December

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Amts- und Anzeigeblutt füv den Tiveis Gieren

chratisöeitage: Hießener Aamilienbtätter

Vorstand.

8 Uhr, N

AnnahINe von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Sonn. 10 Uhr.

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in Vorstall-.

Kohlensäure erfüllt gewesen sei, die lange Dauer der Er« zeugung erklärt ja hinreichend die Beschaffung deö noch- wendigen Materials sowohl an Kohlensäure als au Pflanzen- stoffen.

Der ganze Vorgang, so wunderbar er uns erscheint, vollzieht sich noch immer vor unseren Augen. Unsere Torf­moore führen unS ihn vor, wenn sich heute auch die Ver­kohlung natürlich in verminderter Ausdehnung vollzieht, weil die damaligen Verhältnisse dem Verkohlungsproceß günstiger waren. Von Torf unterscheidet aber die Steinkohle nur das höhere Alter. Manche Torfschichten zeigen bereits den Ueber- gang zur Braunkohle, während diese wiederum an ihrer unteren Grenze mir den Steinkohlen verschmilzt. Nur auf die Dauer des Verkohlungsprocesses kommt also an, ob wir Torf, Braunkohle, Steinkohle oder gar Anthracit und Graphit vor unS erblicken. Je länger die Dauer, desto weiter ist der Verkohlungsproceß entwickelt, desto größer ist der Procentsatz deS in dem Mineral enthaltenen Kohlenstoffes. Holzfaser enthält nur 50 Procent, Torf 59, Braunkohle 69, Steinkohle 82, Anthracit 95 Procent Kohlenstoff, Graphit ist reiner Kohlenstoff, besteht also aus demselben Material wie der Diamant, der ebenfalls nichts weiter als reiner Kohlenstoff ist, nur stellt er eine andere Modification des Kohlenstoffes dar.

Der Mensch vermag sogar den Verkohlungsproceß künstlich nachzuahmen, indem er Holz bei Luftabschluß erhitzt und dadurch je nach dem Grade der stattgefundenen Erhitzung kohlenähnliche Produkte (Holzkohle) gewinnt. CoakS brivgr man durch Erhitzung der Steinkohlen in besonderen Oefen hervor, wobei Waffer und Schwefel auS der Kohle aus- geschieden und derselben dadurch ein höherer Hetzwerth ver­liehen wird.

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Zum Bezug desGietzener Anzeiger" für das 1. Vierteljahr 1897 laden wir hiermit ergebenst ein. Wie bisher, wird derGießener Anzeiger" die Tagesereignisse in kurzer den Thatsachen entsprechender Weise zur Kenntniß seiner Leser bringen. Die neuesten Nachrichten der zuverlässigsten telegraphischen Nachrich­ten-Bureaus sowie zahlreiche Mittheilungen aus dem engeren und weiteren Vaterland halten den Leser stets über die Vorkommnisse in demselben aus dem Laufenden. Unterstütztdurch an allen Orten der Provinz Oberhessen ansässig e Berichterstatter, ist der Gießener Anzeiger" ferner in der Lage, die interessanten Vorgänge in der Provinz so färhzeitig wie möglich zur Kenntniß seiner Leser zu bringen, desgleichen wird den Begebenheiten in der Stadt Gießen die gebührende Besprechung im localen Theile des An­zeigers zu Theil werden. Der in der Provinz Oberhessen betriebenen Landwirthschaft wird der Anzeiger durch Veröffentlichung von allem Wissens- toerthen aus dem Gebiete derselben besondere Berück­sichtigung zu Theil werden lassen, daneben aber auch die Beobachtungen und Erfahrungen in Haus- wirthschaft, Handel, Gewerbe und Industrie in den Kreis seiner Besprechungen ziehen. Ein ge­diegenes Feuilleton wird neben besonderen Ar- tikün ernsteren und heiteren Inhaltes den erwünschten Unterhaltungsstoff bieten. Außerdem werden die Gietzener Famittenblütter", welche dem An­zeiger wöchentlich 3 mal beigelegt werden, und die stets ein gewähltes Feuilleton als Unterhaltungsstoff dringen, namentlich im Kreise der Familien eine deliäte Beigabe bieten.

Wir ersuchen nun namentlich auswärtige Leser, ihre Bestellung bei der Post baldgefl. aufgeben zu wollen. Neuhinzutretende erhalten vom Tage der Bestellung bis 1. Januar den Anzeiger kostenfrei zu- gestM, wie wir auch gerne bereit sind, Probe- Nummern nach auswärts postftei zu versenden. Den

Riesenwälder von Farren und Schachtelhalmen bedeckten sie. Die Wissenschaft hat das Irrige solcher Anschauungen nach­gewiesen, ebenso die Unzuverlässigkeit verschiedener anderer Hypothesen, wie z. B. derjenigen, daß Ströme und Flüffe den größten Theil der erforderlichen Pflanzen-und Holzmaffen zusammengeschwemmt hätten. Mau nimmt vielmehr an, daß die Pflaozenmaffen, denen die Steinkohlen ihre Entstehung verdanken, in der Hauptsache an Ort und Stelle gewachsen sind. Wir besitzen ja noch eine ganz ähnliche Erscheinung in unseren Torfmooren, worin sich mit anderen Pflanzen zwar, aber in durchaus analoger Weise, der Verkohlungsproceß vollzieht. Die Verkohlung selbst kann aus verschiedene Weise erfolgen, z. B. durch Vermoderung, durch Erhitzung bet Lust- abschluß, durch Einwirkung von Säuren usw. Ein tropisches Klima ist hierzu nicht nur nicht von Nöthen, sondern hindert den KohlenbilduugSproceß, weil die Pflanzen so rasch zersetzt werden, daß keine Verkohlung eintreten kann. Man muß daher den Traum von der tropischen Wunderlandschaft fallen laffen und im Gegentheil eine gemäßigte Temperatur an­nehmen, sowie einen öden, kahlen, eintönigen Wald, den keine Blüthe verschönte, kein Vogelsang belebte, kein Gebüsch ver­dichtete. Nichts als kahle Stämme, keine Blätter, kein Schatten. Der Wind konnte hier nicht rauschen, sondern nur klappern. Die Bäume waren dabet weder wesentlich höher noch stärker als die uaseren, trotzdem boten sie ein fremdartigeSAußsehen. Schachtelhalme, Siegelbäume,Schuppen- bäume und Farrenkräuter stellten das Hauptcontingent. Im großen Ganzen mag wohl der Steinkohlenwald das Gepräge einer ungeheuren Morastvegetation gezeigt haben. Säuge« thiere gab es noch nicht, dagegen Ohrwürmer, Tausendsüße, Skorpione, Küchenschaben, Molche und Frösche von riesiger Größe.

Zur Vollendung des ProceffeS war es auch nicht ersorder« ltch, daß die Atmosphäre mit ungeheuren Quantitäten von

Mutter ganz besonders schwer geworden sei, er würde fit wohl nicht Wiedersehen. Auch der Zufall spielt wieder eine Rolle. Eine Familie auS Osnabrück wollte die Fahrt auf demSalier" ebenfalls mttmachen, mußte aber an Land bleiben, weil der Mann kurz vorher erkrankte. Dadurch wurden sie gerettet. Die Leute fahren morgen mit der Pfalz" nach Buenos AhreS."

Karlsruhe, 17. December. In Wetzen, Amt Bonndorf, gereeth in der dortigen Cementfabrik ein drei- undfechzigjähriger Arbeiter zwischen zwei Kammräder, He ihm den Kopf, die Schulter und den rechten Oberarm buch­stäblich zermalmten. Vom Schwarzwald werden hef­tige Schueestürme gemeldet. In Todtnau mußte der Bahnschlitten durch He Straßen geführt werden, um einen Weg zu schaffen. Der Ort Fahl ist fast gänzlich eingeschneit.

Gute Kollegen. DaS schweizerische Blatt, derGrenz- bote von Katserstuhl" erzählt: Will da kürzlich ein Herr zum katholischen Pfarrer von W. (daS Dorf tft pari­tätisch und hat also auch eine reformtrte Pfarrei). Im Pfarr- garten trifft er einen wetßhändigen, fein in Schwarz gekleideten Mann, der mit Geschick die Baumicheere handhabt.Sind Sie der Herr Pfarrer?" fragte der Besuch.Nein, ich putze ihm nur die Bäume," ist die mit freundlichem Lächeln gegebene Antwort,aber treten Sie nur ein, Herr Pfarrer K. ist zu Hause."Ihr Gärtner da draußen ist mir aufgefallen, Hochwürden," sagt der Fremde im Verlauf deö Gespräches,der scheint mir, nach Aussehen und Manieren zu urtheilen, sonst nicht Landwirthschaft zu treiben."'iS ist mein College, der reformirre Pfarrer von W. AufS Steinobst versteht er sich vorzüglich."

Gegen Säuglinge auf dem Belociped hat sich der Stadtrath von Newyork gewandt. Er hat nämlich ge­funden, daß für die kleinen Staatsbürger eine große Gefahr entstehe, wenn die zärtlichen radfahrenden Eltern ihren BabieS daS zweifelhafte Vergnügen bereiten, sie ganz einfach vorn ,guf dos Stahlroß anzuschnallen und in den stark frequeu- rirten Straßen der Stadt in oft recht scharfem Tempo herum­zufahren. Mit 22 gegen 2 Stimmen hat der Stadtrath beschlossen, diese Art deS Bicycle-Transports von Kindern bis zu 5 Jahren bei Strafe von 10 Dollars zu verbieten. Die vorsichtigen Aldermen haben in ihrem Beschlnffe, um eine Umgehung des Verbots zu verhüten, demselben auch noch hinzugefügt:Das Verbot findet auch auf Großmütter Anwendung in Bezug auf den Transport ihrer Enkel."

* Der unschuldige SouotagSreiter. Poltzeidiener:Haben Sie nicht gelesen, daß hier Retten und Fahren streng ver- boten ist?" SonntagSreiter:Nu, kann denn ich vielleicht etwas dafür, daß der Gaul heretngegangen ist?'."

Feuilleton.

Die Speise unserer Besen.

Von Adolf Martens.

(Schluß.)

Die Feststellung, daß die Kohle auS versteinerten Pflanzen bestehe, war übrigenSnicht so leicht, wie sie unS zur Zeit erscheint. Zwar vermutheten einzelne Forscher schon im vorigen Jahrhundert -dteEntstehung der Steinkohle auS Pflanzenresten, auch errieth man bereits, daß Torf, Braun- und Steinkohle nur ver­schiedene Altersformen eines und desselben Verwandlungs- vroccffes darstellen, doch war der wissenschaftliche Nachweis nicht leicht zu liefern, weil die noch erhaltenen Pflanzen- abdrücke sich nicht in der Kohle selbst, sondern in den sie be­gleitenden Schiefern und Sandsteinen finden und erst eigene Methoden zur mikroskopischen Ergründung deS wahren Sach- oerbaltS erfunden werden mußten. Endlich gelang es aber doch, und auch der Proceß der Aufspeisung deS Kohlenstoffes selbst blieb nicht lange verborgen. Die grünen, d. h. die chlorophyllhaltigen, daS sogen. Blattgrün enthaltenden Pflanzen btt Last bte K-hltas-mr- unb geben ba ttt ben Sauerstoff ab, währenb fle mit Hülse bes Sonnenlichts bie Kohlensäure in Kohlenstoff und Sauerstoff zersetzen und den ersteren für ihre Entwicklung nutzbar machen, da er an der Bildung der Zellen und der Zusammensetzung des Zellen- inhaltS hervorragend betheiligt ist. Ohne Sonnenlicht würde also keine Kohlenstofferzeugung möglich sein.

Woher aber, muß man fragen, die ungeheuren Mafien, wenn man weiß, daß ein hundertjähriger Buchenwald nur dne Kohlenschicht von 2 Centimeter Dicke liefern würde. Früher erklärte man fich dieses Phänomen durch die phan­tastischen Voraussetzungen. Zur Zett der Steinkohlenbtldung, ilagte man, herrschte auf der Erde eine tropische Temperatur,

Der Hießeuer Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des Montags.

Die Gießener Aamitienötälter «erden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal beigelegt.

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Gießener Anzeiger

Keneral-Anzeiger.

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Lesern in hiesiger Stadt werdet wir, wie seither, den Anzeiger weitersenden und den Abonnements­betrag durch Quittung erheben lassen, salls nicht aus­drückliche Abbestellung erfolgt.

Hochachtend

Verlag desGießener Anzeiger" Brühl'sche Univ.-Buch- u. Steindruckerei (Pietsch & Scheyda).

Vermischte».

43,000 Mark RestauratiovSpacht. Das Börsen-Re- staurant auf dem städtischen Viehhofe in Berlin, welche- man gern zu den sogenannten Goldgruben zählt, wird zum 1. Januar einen neuen Pächter erhalten. Während die Pacht bisher 36,000 Mk. betrug, ist sie für die neue Pachtpertode auf jährlich 43,000 Mk. erhöht worden.

* Einem tief traurigen Weihnacht-fest sehen all die Familien in Bremerhaven, Geestemünde und Lehe entgegen, welche auf demSalier" Angehörige gehabt haben. Wie verzweifelt dort die Stimmung über dieses schwere Unglück ist, davon spricht in ergreifenden Worten ein Prtvatbrief ans Bremerhaven, dem wir Folgendes ent­nehmen:Ihr könnt Euch keinen Begriff machen von dem Jammer und der Aufregung, die hier in Bremerhaven und einigen in der Nähe liegenden Orten herrschen. Ueberall sieht man trauernde und aufgeregte Gesichter. Die Lloyd- Agentur, welcher wir gegenüber wohnen, wurde in der ersten Zeit förmlich gestürmt, ein Jeder wollte Aufklärung haben. Alle kehrten sie zurück und in ihren Mienen konnte man lesen, was die Beamten ihnen sagen mußten:Keiner gerettet." Wir haben gestern den ganzen Tag die beiden jüngsten Kinder des CapitänS Wempe sechs und zwei Jahre alt bei uns gehabt,- die armen Kleinen waren ganz verhungert, zu Hause hatte kein Mensch an Beköstigung gedacht. Fran Wempe hat den Kops verloren. Ihre beiden Knaben im Alter von 14 und 12 Jahren liegen im Kranken­hause, sie haben die Masern. Sehr hart betroffen wurde auch ein alter Herr^ der Dtreclor der Bremerhavener Spar­kaffe. Sein dritter und letzter Sohn befindet fich unter den Verunglückten. Der älteste war erster Offizier auf der Elbe", der zweite war Capttän auf einem Fischdampfer, der im vorigen Jahre verschollen ist und nun hat er auch noch auf demSalier" den letzten Sohn verloren. Der Arzt auf dem gescheiterten Schiffe war auch der einzige Sohn seiner alten Mutter. Er scheint seinen Tod schon geahnt zu haben, denn am Abend vor der Abreise war er noch bet unS und sagte, daß ihm der Abschied von feiner

Der Vorstand.