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19.8.1896 Zweites Blatt
 
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3i r. 194 Zweites Blatt. Mittwoch dm 19. August I*»«

2lnt1*< unb Ilitjcirtcllütt für den Kreis Gieren.

Die Gießener

> milienvlätler »erden dem Anzeiger »Lchmtlich dreimal beigelrgt.

Der

z tetze«er Anzeiger «-scheint täglich, nit Ausnahme de» Montag».

vierteljähriger ASonnementsprei« i 2 Mark 20 Pfg. mH Bringerlohn.

Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Psg.

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Gießener Anzeiger

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All- Annoncen-Bureaux de- In- und Auslandes nehm« Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

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2tmtlid?cr Lheil.

Gießen, den 15. August 1896.

Sitr : Die Vorschriften des Arbeiterschutzgesetzes vom 1. Juni 1891 über die Arbeitsbücher und die Beschäftigung jugendlicher Arbeiter und Arbeiterinnen.

Dos Grotzherzogliche Kreisamt Gießen

t8 ldie Grotzh. Bürgermeiftereie« des Kreises.

' Diejenigen von Ihnen, welche unserer Auflage vom 14. Juli d. Js. (Gießener Anzeiger Nr. 165) noch nicht nachx ekommen sind, werden an deren Erledigung erinnert.

v. Gagern.

Vermischter.

'* 8ttHn, 16. August. Ueber den Verkehr nach und iott der Gewerbeausstellung in der Zett vom 8. bis 14. b. MtS. einschließlich ist Folgendes zu berichten: ES inuigten die Eisenbahn nach Treptow 194000 Personen, jnrilff 231000 Personen, die Pferdebahn, Omnibus re. nach Lttpitow 114512, zurück 114739 Personen, die Dampf­schiff! nach Treptow 12 466, zurück 7616 Personen. In hateli», Gasthöfen und Herbergen fanden im Ganzen 21 653 8ttü de Unterkommen.

" Berlin, 14. August. Ein Scat im Fesselballon. Trotz der unheimlichen Verbreitung, die das edle Spiel der litt Wenzel,so weit die deutsche Zunge klingt", gefunden stt, Dürften sich nicht Viele rühmen können, einenGrand »t A4eren" an einem so eigenartigen Platz gespielt zu haben, mit idieS Herr Paul Bendler aus W. that, nämlich 420 Meter zwischen Himmel und Erde. Und das war so Kommen: Vier fidele rheinische AuSstellungSbesucher, die .tzrrrün Theodor Dirksen, Emil Liphardt, Franz Pohl und 'Paul Bendler, sämmtlich aus W., verspürten nach einem jiltnmcn Mahl bei Adlvn und Dresse! das Gelüste, ihre heiß gewordenen Köpfe im Rtesenfesielballon abzu- fieleni. Allein eine einfache Auffahrt, wie fie gewöhnliche Wtchchenkinder zu machen pflegen, erschien ihnen zu prosaisch, ff: beschlossen, ihren Kaffee im Ballon einzunehmen und dazu «Ait Scat zu spielen. In der richtigen Voraussicht, daß ia beim fliegenden Ungeheuer des Herrn Zekelt kein Mokka sinvirl werde, ließen sie sich einige Taffen auf Flaschen ziehen mb vvanderten mit diesen und einem Kartenspiel versehen «:ii ider Auffahrtftätte des RtesenballonS, wo sie mit dem Kgerithümer einen Vertrag dahin abschlossen, daß fie gegen

Erlegung der doppelten Gebühr von 10 Mk. eine Viertel­stunde oben in luftiger Höhe weilen durften. Noch sechs weitere Fahrgäste schloffen fich an, und sowie der Ballon sich hob, begannen unsere Rheinländer, auf Sandsäcken fitzend und die herrliche Fernsicht keines Blickes würdigend, Scat zu dreschen und Kaffee zu trinken.O wie himmlisch!" rief eine Dame, auf die Ausstellung herniederblickend,Grand mit V eren" schrie Herr Paul Bendler zum Gaudium der übrigen Balloninsaffen, als das Luftschiff gerade oben still« hielt. Der Grand wurde verloren, denn Herr B. erhielt nur 39 Points, allein der Verlierer schwor heilig und theuer, niemals habe ihm ein Verlust solches Vergnügen gemacht. Wieder unten angelangt, ließen sich die vier fidelen Brüder eine Bescheinigung über ihreluftige" Scatpartie geben - sie soll, wie fie versichern, unter Glas und Rahmen ihre Stammkneipe in W. zieren, zum ewigen Angedenken an das höchste Spiel", das sie jemals mochten.

Das Seelenheil der Kellner. Eine kirchliche Andacht in der Mitternachtsstunde ist in der Stadt Hannover das Neueste auf dem Gebiete der Seelsorge. Eine solche AndachtS- übung ist für die Kellner eröffnet worden; etwa 50 fanden sich dazu ein im Local desVereins christlicher Männer", dem mehrere zugleich beitraten. Davon ausgehend, daß auch Nikodemus in der Nacht zu Jesus gekommen sei, legte der Prediger den Erschienenen das Wort:Ich bin daS Brod des Lebens" aus.

* AuS Siegburg wird derSchlesischen Ztg." geschrieben: Ueber dem benachbarten Orte Much schwebte am Abend des 5. August ein mit einer französischen Tricolore ge­schmückter rosaseidener Ballon hin, der von Landlemen gegen 7 Uhr Abends bet Niedermiebach gelandet wurde. Der Korb unter dem Ballon barg keine Insassen, wohl aber an fünfzig belegte Butterbrode sowie einen Korb mit zehn Flaschen Champagner. Erst glaubten die Leute, die Führer des BallonS seien auf der Fahrt abgestürzt- bei näherem Zusehen entdeckte aber ein Steuerbeamter, daß es ein ohne Insassen zu wiffenschaftltchen Zwecken aufgelaffener Ballon auS Paris sei. Der Besitzer deS Ballons war, wie an dem Korbe in auffälliger Weise angebrachte Briefe in französischer und deutscher Sprache bekundeten, ein Profeffor Hermit auS Paris. Die im Innern und außerhalb des Korbes an­gebrachten wiffenschaftlichen Instrumente waren noch nach dem Niedergange des 380 Cubikmeter GaS enthaltenden Ballons thätig. Auf dem Boden des KorbeS befanden sich die nöthigen Meßinstrumente. In einem an den Auffinder deS Ballons gerichteten Briefe des Professors Hermit waren Anweisungen enthalten über die Behandlung deS Ballons

bei der Auffindung und über die Entleerung. Gleichzeitig bat der Gelehrte In dem Briefe, ihn gegen eine Belohnung von 100 FrcS. sofort von der Landung telegraphisch zu be­nachrichtigen. Auf eine telegraphische Benachrichtigung deS Professors erhielt der Verwahrer deS Ballons, Gastwirth Kaltenbach in Niedermiebach, am andern Morgen ein Tele­gramm, daß der Professor am nächsten Tage eintreffe, um den Ballon in Empfang zu nehmen. Vorsichtshalber benach­richtigte man das BezirkScommando Stegburg, daS tndeffeu keinen Anlaß fand, die Auslieferung des Ballons an Pro- feffor Hermit, der Abends in Much eintraf, zu beanstanden. Der Gelehrte ist an der Pariser Sternwarte thätig. Die Brödchen und der Champagner waren als Belohnung für die Ausfinder des BallonS bestimmt gewesen.

Auch einStudirter". Ein lustiges Intermezzo spielte sich dieser Tage auf einem BetrtebScontor in Mülfort bei Gladbach ab. Dort erschien ein Arbeiter, der Arm und Hand verbunden in der Schlinge trug und folgendes Schreiben abgab:

An die Wohllöbliche Betriebs-Krankenkasse in Mülfort.

Ich erkläre das D. G. bluthvergiftung des DaumeS in 14 Tage in das Krankenhause zu M'Gladbach in die behandlung deS Schbeziegalarzt Docktor DomaS über­wiesen.

Docktor der medtztn (Name unleserlich)." Die Contorherren zogen Angesichts dieseȀltestes" wunderliche Mienen auf und brachen in ein Lachen auS. Dem Simulanten wurde trotz seinesSchmerzenSschretes" der Verband abgenommen und siehe da, eine gesunde Hand kam zum Vorschein. Tableau!

* Frankenthal, 11. August. AlS die Familie deS Karl Schmitt heute früh ihren Kaffee einnahm, fiel ein an der Wand hängendes Bild herunter, warf die mit heißem Kaffee gefüllte Kanne um, sodaß sich der Inhalt derselben über daS 4,/2J51ji:tfle Söhnchen ergoß. Obschon ärztliche Hilfe bald zur Stelle war, verschied der Kleine doch unter qualvollen Schmerzen.

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Feuilleton.

Drbnt in der Weltstadt.

Berliner Skizze von Max Ketzer.

(Nachdruck verboten.)

>Tr hieß SchuurpS, was er niemals recht zu begreifen Wmwchte, da er in der Einbildung lebte, sein andauerndes stich habe er seinem Namen zu verdanken.

Kaum in Berlin angelangt, hatte ihm dieser Gedanke kliittS zu schaffen gewacht. Sein Köfferchen in der Hand, 16:1 eher dem Futteral eines dahineilenden Barbtergehtlfen Ach, hatte er fich auf eine jenerInseln" geflüchtet, wie der MSimund die mitten auf den Plätzen gelegenen, vom Wagen- lodert abgegrenzten, schön gepflasterten Erhöhungen nennt, uni l enen die mächtigen Candelaber die Leuchthürme im wild- talienbcn, steinernen Meer zu sein scheinen.

«Er sah sich zu diesem rettenden Sprung aus dem Astischengewühl gezwungen, nachdem seine Hühneraugen mj!i t Bekanntschaft mit den Stiefelnägeln eines riesen- Wun Gepäckträgers gemacht hatten und er schließlich so ich zwischen zwei fich begegnenden Droschken gekommen ö;i, daß er sein letztes Stündlein nahen fühlte, trotzdem teil abgetriebenen Gäule durchaus nicht Neigung zeigten, li'. tthent aufregenden Straßenereigniß fich besonders zu Me?n42

Käst betäubt von dem Straßenlärm, der ihm, dem bis- tzchsn Kleinstädter, entsetzlich in den Ohren gellte, griff er N »der Spitze des linken Stiefels, um durch eine liebevolle . AMewegung den Schmerz weniger fühlbar zu machen. ' Mhmnd er das Gesicht verzog, dachte er vorwurfsvoll: LvMtch rücksichtslose Leute hier in Berlin. ES fehlte nicht

1 Htil unnb fie wären mir über die Köpfe gestiegen.

Wer Schutzmann, der neben ihm stand, mußte denselben ' Mmken erwogen haben, denn, ein wohlmeinendes Lächeln m| bi in breiten, gesunden Zügen, blickte er mit einem Aus­

druck auf ihn herab, als wollte er sagen: WaS willst Du kleiner Knirps denn hier in der großen Stadt? Du hättest auch lieber bei Muttern bleiben sollen.

SchnurpS aber, dessen reine» Gewißen einen Polizei- blick nicht zu scheuen brauchte, dachte aufS Neue: Ich möchte nur wiffen, weßhalb der Polizist hier so unbeweglich steht? Dort drüben an der anderen Laterne steht auch einer. Ich werde hinübergehen und ihm sagen, daß dieser hier auf ihn warte. Vielleicht können fie fich nicht sehen . . .

Sein Witz ging ihm aber auS, als seine Hühner­augen fich wieder meldeten, so daß er hin und her zu tänzeln begann.

Zwei vorübergehende Schusterjungen, von denen der eine ein Paar mächtige Kanonenstiefel über die Schulter ge­schlagen hatte, fanden diese Bewegung so drollig, daß sich ihre LachmuSkcln sofort in Bewegung setzten.

Steh doch den mal ... den sriern die Beene im Sommer," sagte der kleinere von ihnen, der aber unstreitig den größeren Mund zu haben schien.

Sie, Männeken, thun Sie doch nicht so schnurpfig," fühlte der andere, durch denCollegen" ermuthigt, fich ver­anlaßt. einzuwerfen.

Ich bin erkannt, dachte SchnurpS, der nicht wiffen konnte, daß der Ausdruckschnurpfig" so viel wiefipfig" bedeuten sollte, womit man einen komisch wirkenden Jämmer­ling zu bezeichnen Pflegt. Der leichte Schreck, der ihn be­fiel, wäre auf alle Fälle ein freudiger gewesen, wenn er den Spott nicht zu aufdringlich aus den Worten heran»- gehört hätte. r ,

Die angehenden Fußbekleidungskünstler hatten obnt Zweifel ihr Talent, harmlose Menschen zu foppen, noch weiter bewiesen, wenn ein strenger Blick des behelmten Mannes der öffentlichen Sicherheit fie nicht davon abgehallen hätte. So wandten fie fich denn weiter durch das Straßen- gewirr, ohne zuvor nicht noch lächerltch-bedauernde Blicke auf denkomischen Insulaner" zu werfen, wobei fie zu

einander die übereinstimmende Meinung äußerten, der Schutz­mann halte gewiß Wache, damit der Candelaber nicht ge­stohlen werde, und derKleine" tanze Kankang, um ihm die Zeit dabei zu verkürzen.

Dann Pfiffen sie beide den Torgauer Marsch, bis fie die Gelegenheit abpaßten, um auf einen vorüberrollenden leeren Leichenwagen zweiter Klaffe aufzufitzen, wobei fie nicht unterließen, die Augen fortwährend auf die Peitsche be» Kutschers gerichtet zu halten.

SchnurpS blickte ihnen nach wie Jemanb, ber einen be­gonnenen Satz gern zu Enbe gehört hätte. Das Wort schnurpfig" gab ihm zu denken. Vielleicht kennen fie dich aus deiner Heimath, dachte er, mußte fich bann aber sofort gestehen, baß baS nicht gut möglich sein könne, denn die 431 Einwohner der kleinen Ortschaft, baß Jüngstgeborene mit eingerechnet, hatte er so gut im Gebächtniß, daß er ihre Nasen hätte beschreiben können.

Ein wohlgemeinter Rath deS Schutzmannes riß ih« aus seinem Gedankengang.Paffen Sie nur auf Ihre» Koffer auf."

Seit einigen Minuten machte fich ein schäbig gekleidete» Individuum mit einem Galgengeficht in ber Nähe der Insel" auffallenb bemerkbar, was den Beamten veranlaßte, fernen schärfsten Poltzeiblick aufzustecken. Er konnte aber schließlich nichts dagegen machen, alS fich der Mensch neben ihn stellte und mit ber freundlichsten Miene eines Penn­bruders sagte:Ick warte hier uff de Pferdebahn. Det wird mau wohl noch dürfen."

ES war zwar hier keine Haltestelle, und man hätte ihn auf den Kopf stellen können, ohne daß ein Nickel auS seinen Taschen gefallen wäre, aber er hatte in diesem Augenblick ohne Zweifel da» gute Recht, von hier auS vergnügt in da» Menschengewimmel zu blicken, wie jeder andere.

(Fortsetzung folgt.)