1896
Freitag den 19. Juni
Zweites Blatt
Amts- unb 2lnzeigeblatt füv den Aveis Gietzen.
Hratisbeikage: chießener Iamitienötätter
Hochachtmc
■ Oiu>imt Bon Ängeigen zu der Nachmittag» für den Je Nif m Tag erscheinenden Hummer bi» Bonn. 10 Uhr.
Alle Nnnoncen-Bureaux de» In- und 8u»lande» nehme» Anzeigen für den „(Biefcener Anzeiger- entgegen.
vierleltLhriger jL»ex«fmeet»FreU l 2 Mark 90 Pfg. mtt Bringerlohn. Durch die Post bezöge»
2 Mark 50 Pf».
Nedactton. lipebitt*» und Druckerei:
-chRkNrnheNr.7. Fernsprecher 51.
von Kalckstein die Glückwünsche des Kaiser« anläßlich seiner 25jährigen Zugehörigkeit zur preußischen Armee überbracht. Prinz-Regent Luitpold ist Chef deS Magdcburgifchen Feld« Artillerie-Regiment« Nr. 4. Der Vorgang beweist wohl am besten, daß der Zwischenfall mit der Moskauer Rede de« Prinzen Ludwig die herzlichen Beziehungen zwischen den Höfen von Berlin und München nicht im Mindesten getrübt hat. Auch an den König von Sachsen entsandte der Kaiser einen seiner Flügeladjutanren, den Major Grafen Moltke, doch ist der Zweck dieser Sendung noch nicht bekannt.
/\ Bon der Ohm, 17. Juni. Unsere Hau-frauen, denen zum größten Thetl die Bestellung und Instandhaltung der Hausgärten obliegt, führen häufig Klagen über das zu Grundegehen der ausgesetzten jungen Pflänzchen, besonder« der Blumenarten. Heute verpflanzt, find viele derselben schon am andern Tage verschwunden, oder liegen zerfrefien am Boden. Sehr oft kommen unsere nützlichsten Gartenhüter, wie Buchfinken, Sperlinge u. A. in den Verdacht, die Zerstörer der jungen Pflänzchen zu sein. In der That ziehen auch beide genannten Vogelarten manche Samenpflanzen aus der Erde, gleichwohl sind sie aber keinesfalls die Hauptschädiger, sondern diese stecken in der Erde- e« find die großen Regenwürmer. Am Tage sieht man allerdings außer einigen Löchern im Boden nicht« von ihnen, da sie ihr ZerstörungSwerk Nacht«, hauptsächlich gegen Abend vollbringen. Wenn man um diese Zeit, insbesondere bei feuchter Witterung oder nach einem Regen mit einer Laterne da« Gartenland absucht, ist man geradezu verblüfft über die Maffe dieser großen Regenwürmer, welche den Boden be- decken. Mit leichter Mühe, ein rasche« Zugreifen genügt, kann man sie auflesen und vernichten oder auch als vortreffliches Hühnerfutter benützen. In welcher Menge diese Regen- Würmer im Gartenland oft vorkommen, erhellt zur Genüge daraus, daß Schreiber dieses jüngst von einem kreisrunden Beete von einem Meter Durchmesser ca. 30 Stück solcher Pflanzenverwüster ablesen konnte. Der Besitzer eines anderen Garten- hatte sogar ganze Cigarrenkistchen voll Regenwürmer aus demselben aufgelesen.
PcmWo.
* Bremen, 13. Juni. Die Verwaltung de« für die Hinterbliebenen ter bei dem Untergange der „Elbe" Ver-
r Asterwen 1 zu reden, dieser Regierung eine« Staates, welcher ■. . errWhaberet eines Königs entsprang und den ein vertrag
M öenaltbetamtten, jn ctncr gutcn Stunde in die Staatengemeinschaft
heu Brauerei Das ungerathene Kind, das dem belgischen Volke
HgeS prnoa vllt nn iteschwersten und berechtigsten Sorgen bereitete, verdient
, sowie dai AbMtN (immal eine scharfe Zurechtweisung.
1 und Controle. V '
chä-Htzu sstch am Montag und Dienstag vorwiegend mit dem P. Geisel, 1 .nJrfttjt (Arendt, welcher sich gegen da« zum 1. Juli 1896 qqzuriwtte Inkrafttreten der Bestimmungen über den Be-
"chmittags U SV’M. 6* 5 kommen 8 .
6« für welche d nnd 18 ft, **1 einetniit
von Franhh ■ mit Mk. 10,00' et 6C00 Meter mii is v chen Reitn mit i-f- wird.
Gießener Anzeiger
Kmerat-Wnzeiger.
Der Anzeiger 1 er/Xi täglich, Ml WliO nähme be» R antag».
V Gießener y*|nii'i*n»r4t(ei »ewr-trm Anzeiger »»Ht-ech dreimal l-i||elegt
- Da« preußische Abgeordnetenhaus be-
unglückten gesammelten Unterstützungsfonds veröffentltcht einen Bericht über ihre Thätigkeit im Jahre 1. Februar 1895 bi« 31. März 1896. An Einnahmen standen zur Verfügung 689944,53 Mk. Außer kleinen Ausgaben für Insertionen, Drucksachen u. s. w. stehen unter Ausgaben die Posten Einmalige Unterstützungen: 126 830,23 Mk., JahreSrenteo: 37694,4Mk.- eSbleibteinVerwügenSbestandvon523716,52Mk. An den gezahlten Unterstützungen haben theilgenommen von den Hinterbliebenen der Mannschaft 55 Wittwen, 129 Kinder, 55 Ascendenten, zusammen 239 Köpse mit 86896,27 Mk., von den Hinterbliebenen der Paffagiere: 40 Wittwen, 117 Kinder, 48 Ascendenten, zusammen 205 Köpse mit 77628 Mk. Für daS laufende Jahr find in Aussicht zu nehmen: JahreSrenten für 65 Wittwen, 158 Kinder, 58 Afcen- deuten mit etwa 38000 Mk. und für einmalige Unterstützungen 1000 Mk., Kapitalauszahlungen an Wittwen bet deren Wiederverheirathung 1500 Mk.
• tu« der Schule. Lehrer: „WaS ist Et für ein Wort? — Schüler: „Ein Hauptwort!" — Lehrer: „Welche« Geschlecht?" — Schüler: „Dös woaS wer no net, bi« e« auSkrochen i«!"
3. Platz Deutsche» Heid). ___
8 VereinsfirM BttNn, 16. Juni. Zu den anmaßenden Ver- i i»4tlgtung en der congostaatltchen Preffe in Brüffel gegen ■ V^e!)»lischland und jetzt auch England gegenüber in An- sowie meiner (rillt' '-vi'ifrobrt der Aeußerungen de« vertheidiger« deS Comrnan- daß ich von heule )anMi Äithaire bemerkt die „Voss. Ztg." : Da ist es denn doch^ui per Zeit, einmal deutsch mit der sogenannten Congo-
titeratur und Arnrst
- Das neueste Heft (6) bet unter der Nedictton von Bertha von Suttner im Verlage von E. Pierson in Dresden erscheinenden Zeitschrift »Die Waffen nieder!" hat wiederum einen mar.nsgfaltigen und reichhaltigen Inhalt Wir hebm auS demselben Nachstehendes hervor: Wilhelm Unseld: Was die Volker verbindet und was sie trennt. - Briefwechsel mit einem Freunde. Marchese P. Pandolfi: Jung. Europa. — Eberle: Der erste Sonntag in jedem Jahr als „Friedensfestsonntag". - Richard March: Der Casus belli*. — Die r8ocietu d’Etutes Internationales . — Bertha v. Suttner: Zeitschau. - Nationaler Hochmuth. - Paul Peuker: Widmung. Weieschagin. — Maximilian Oesterreicher: Der Krieg. — Gegen die FriedcnSbewegung. — Gegen den Krieg. — Corresponden». — Literarisches. — Leopold Kätscher: AuS den Fachzeitschriften. - Aus der Preffe. - Aus Friedensveretnen und Versammlungen. — Vermischtes. — Briefkasten. Anzeigen. Bet reichem Inhalt und vorzüglicher Ausstattung kosten »Die Waffen nieder!" jährlich nur 6 Mk.__
- .Velo-Sport*, Lahr l ». Jllustrirte SportSzeitschrist für daS gesammte Radiahrwesen, pro Quartal Mk. 1.50 bei jeber Postanstalt. — Inhalt der Nr. 16: Mehr Ausgleich -wischen Werth- und Geldpreisen. - lieber Tourismus im Allgemeinen. Von Robert Hurni. — Gruppe 6 der Internationalen Ausstellung ..Radfahren in Innsbruck - Deutschland. - Ausland. -B""" Briese. - Chronik. — Rennberichte. — Ausschreibungen. — Sportkladderadatsch. — Industrie und Handel. — Veirensnachrichtm. — An untere Correspondenten. — Bekanntmachung. — Illustration: Ein Match.
.afintti Debatten hierüber traten die Redner des Centrums us 1 -izvcr des Antrages Arendt und als Vertheidiger der ififlÖUtlü* arölUtn Bestimmungen auf; während die Sprecher der 9 .eibteoa cwnfervativen Fractionen und der Nationalliberalen , . _ m:r )enli;ta0 befürworteten. Schließlich wurde derselbe mit ceunoen sag - cn R z^men der letzteren Parteien angenommen, die Rehme an dem unL- :t|rln3 toirb ihm jedoch sicherlich keine Folge geben.
M schweren - wem Prinz - Regenten Luitpold von Bayern
ne trostreichen M rur-w fdurch den kaiserlichen Flügeladjutanten Obersten
2lmtiid?er Theil.
Gießen, den 17. Juni 1896.
><e Hl: Wie standesamtlichen Auszüge in Angelegenheiten der kranken-, Unfall-, Invalidität-- und Altersversicherung.
DlW Großherzogliche Kreisamt Gießen
a in biit Großh. Ttaudesbeamten des Kreises
Gießen.
Unbt Bezugnahme auf unser Ausschreiben vom 9. d. anibic Vorstände der Kcankenkaffen u. s. w. (Gießener jinitgejtr Dir. 134) fordern wir Sie auf, bis spätestens am !'». ,M!d. I. bei uns ^hren Bedarf an Formularien zu 3enM1 Kürzten Registeravszügen anzumelden.
v. Gagern.
8M1 142
sie schreit laut auf.
»bi rücken auf bafl Schloß zu, hörst Du sie?"
zcüdi, — Gott, unser Dors! So find fie schon so
I1 ffn Jftr ast LH:!xrr die Schwelle.
Wwer A L ", vu ,Hortense, wo bist Du? Find ich Dich endlich. Barm- Licht* lll>1 » Fimmel, alles ist verloren, Hortense, alle»! O, ' TTmfangeS „ iesttiiHivslutton 1 Dort stehst Du," er deutete gen Himmel, 1 n rtlnn? VOD ■ dt^ttiiwndröthe, das ist das Dorf." .ufstelM .....
ieebe 0° ____ ,
en - Ällfch horcht auf. Näher dringt der Waffenlärw, fie
i heieit < M:nteMt,ll>er deutlich da« Aufschlagen der Kugeln ander flruArtlW 11 ’ ortalte Schloßfront. Schon hört man die wilden, rauhen jJiCuJW111 Fredertk eilt zurück ins Haus. Bange Minuten
Crhl0S59> ergrifz:. Der Himmel färbt fich mit immer tieferer Gluth, faltet die Hände. .Gott, nimm mir alles, nur
1 < 1*| 11V ^t." Sie sieht im Geiste, wie fich der Geliebte den I |I(J***5 cafeE! Revolutionären entgegenwirft, wie die Kugeln um
-q. hn b rrira. „Fredi, mein geliebter Fredi!"
Mslveg «j k wird wieder die Balkonthüre aufgeriffen und er A L t/^irürrrxs neider heraus, hastiger, athemlofer als zuvor. Sie ditfl (T ipriiWlÄf.
*_ ,?aitt, Du lebst! Was bringst Du für Nachricht?"
l ft Iß f(aßt fie ungestüm am Arme.
.ftmtense, in Deiner Hand liegt mein Leben; rette ^imt Vater warf fich besinnungslos unter die wilde
.—§«r9ft 6 8r liegt drunten vor dem Thore erschaffen. Gott, ßab1™/ »en«!i i mtr auch so erginge! Hortense, ich bitte Dich, ich
tltß1
„ her Feuilleton.
untoilis btr Großvsler die Großmutter nahm.
Von M. Escherich.
—(2- Fortsetzung.)
Bieter dieselbe Sceoerte, aber doch anders. Der Th<rraben 14- ^oränr'tHttn ist verblichen, der Himmel trüb. Au« der 1 1 1 .cTÄnniiat fortwährender Geschützdonner. Oben auf der
- Ntlutltl W ' ->t^ Ilehnt Hortense. Ihre Wangen find bleich; fie blickt « »J|i|i "p^ieilne dunkle Röthe überzieht den Horizont.
Ifdllll»“' v- wird die Balkonthür aufgeriffen. Fredertk stürzt
beschwöre Dich! Süße, geliebte, unvergleichliche Hortense, weißt Du keinen Ausweg mehr?"
Er liegt zu ihren Füßen, sie tritt einen Schritt zurück. Ein gellender Schrei: „Fredi!"
Dann Stille.
Das find keine Kinderaugen mehr, die auf den Knteenden herabblicken, da« sind die Augen des Weibes. Der sorglose Ausdruck ist aus ihnen geschwunden; mit dem einen Schrei sank ein Leben hinunter und eine Liebe. Hortense wankt einen Augenblick zurück und der Lärm kommt näher. Wieder klingt die flehende Bitte deS Marquis an ihr Ohr: „Hortense, rette mich, jede Secunde ist kostbar. Dein Zögern ist mein TodeSurtheil!"
ES ist ganz dieselbe Stimme, die einst ihr Herz höher schlagen gemacht. Sie begreift eS jetzt nicht mehr.
Sie hat ihre Fassung völlig wieder erlangt, ihre Wangen find noch bleicher als zuvor, aber ihre Stimme zittert nicht, wie fie in fast gebietendem Tone fagt:
„Steh auf, Fredertk! Du weißt den bekannten Pfad durch den Park, wo meine LieblingSblume, der Rittersporn, blüht; wir find ihn diesen Sommer oft miteinander gegangen. Am Rande deS Parkes, wo der Weg endet, ist die Schloßmauer sehr niedrig, so niedrig, daß sogar Du darüber springen kannst. Dort magst Du Deine Rittersporen holen."
Und fie weist ihn hinunter in den Park.
Er hört den letzten Satz nicht mehr, so eilig springt er davon, fie aber lacht grell aus: „Feigling! Und dem konnte ich meine Liebe schenken? Glücklich das Weib, dessen Liebster in ehrlichem Kampfe fällt!"
Sie eilt die Stufen der Freitreppe hinab, aber am Fuß derfelben bleibt fie stehen, stützt die Arme auf das Geländer und vergräbt daS Gesicht in den Händen. „Mein Vater, mein armer Vater! Du fielest und keine Hand rächt Deinen Tod." Sie regt fich nicht.
Da plötzlich ein Trompetenfignal. Lauter, heftiger tobt der Kampf, dann wirre- Geschrei. Noch einzelne Schüsse — dann wird« still.
Wieder ein Trompetensignal. ES klingt wie ein Rus deS Friedens in da« wildpochende Herz des Weibe«.
Jetzt tritt eine hohe Männergestalt au« dem Schloß. ES ist Graf Robin DornSberg. Er legt müde die Hand an die Stirn, unter den dunklen Locken glänzt eine weiße Binde hervor. Er ist verwundet. Da fällt fein Blick auf Hortense. In seinen Augen leuchtet eS heiß auf. In zwei Sätzen steht er unten neben ihr.
Sie fährt erschrocken empor.
„Sie, Graf, wie kommen Sie hierher?"
Er verneigt sich förmlich.
„verzeihen Sie, Fräulein, wenn ich so unangemeldet vor Sie trete. Aber ich erfuhr, daß baß Schloß in Gefahr sei, da sammelte ich meine Diener und ritt hierher. Der Feind ist jetzt zurückgeschlagen und wird so bald nicht wieder kommen. Aber Ihr Vater, Fräulein —"
„Ich weiß, ich weiß, Graf, ich weiß alles. Fredenk de Chateau-roche hat eß mir gesagt."
„Ihr Bräutigam? Den sah ich gar nicht."
Sie richtete sich hoch auf.
„Ich habe keinen Bräutigam hier. Derjenige, der eß einst war, ist e« nicht mehr. Für einen Feigling ist meine Hand nicht frei; er ließ unß Alle in der Noth, um sein eigenes kostbares Leben zu retten."
„Und der konnte die Augen zu Ihnen erheben?
Sie senkte baß Haupt.
„Ich habe mich selbst anzuklagen. Ich liebte ihn, ich habe glückliche Stunden mit ihm verlebt. O, wenn Sle wüßten, Gras, wie leicht mir noch heute Morgen umß Herz war, al« unser alter Diener die Nachricht brachte, die Revo- lutionäre seien im Anzug, e« gäbe heut noch Kampf auf Tod und Leben; wie ich mich freute, denn ich zweifelte nicht, wer siegen werde. Ich habe alß Kind oft geträumt von Krieg und Noth und blitzenden Feindeswaffen; und dann sprang Einer todeSmuthig in daS Schlachtgewühl und der siegte. So hab ich wirs heute auch gedacht, aber e« ist doch ander« gekommen."
(Schluß folgt.)


