aus den Taschen! — hat mich nämlich bi- auf das Blut gequält, er wolle Kaufmann werden, und zwar nur bei Ihnen. Und da dachte ich nun — wenn Sie vielleicht — momentan eine Lehrstelle vacant —"
„Ja, ja," unterbrach fie Herr RöderS, feine Cigarre an den Rand des Pultes legend. „Da könnte was drauS werden. Rechnet er denn gut P"
„Hat er loS, sage ich Ihnen! Mir hat er schon vor« gerechnet, in wie viel Jahren die Welt untergeht."
„Ei, der Teufel! Schon mehr ein Genie, Ihr Junge! Aber freilich, derlei Aufgaben wird er bet mir wohl kaum zu lösen bekommen. Doch trotzdem —"
„August? Läßt Du die Katze in Ruhe? Verzeihen Sie, Herr RöderS, aber er hat manchmal noch so jugend- liche Streiche im Kopfe!"
„Werden ihm schon vergehen, Frau Fimpel?"
Kurz und gut, nachdem der Principal noch einige Fragen an August Fimpel richtete, bewirkte er mit dessen Mutter die Bedingung, den Jungen nach vorheriger vierzehniägtger Probe« zeit als Lehrling in seinem Hause aufzunehmen und zwar sollte der Eintritt schon am darauffolgenden Montag erfolgen.
Ein hüpfende- Herz im Busen schied der Engagirte mit Mama von seinem zukünftigen Prtucipale.
Der Montag kam.
Als fich der Tag erhellte und die ersten Sonnenstrahlen in das Zimmer Augusts drangen, sprang der im Bette Liegende mit einem Satze von seinem Lager auf den Fußboden. Schnell kleidete er fich au, trank seinen Kaffee, nahm diverse Verhaltungsmaßregeln von Mama entgegen und machte sich auf den Weg.
Nach wenigen Minuten war er am Ziele.
Etwas beängstigt trat er ein und wurde von Herrn RöderS selbst empfangen. Nachdem ihn dieser seinen anderen Angestellten vorgestellt, begann schon der eine der letzteren, welchem die Dreffur der neuen Zöglings übertragen war, bet August daS Drillen vorzunehmen.
„Daß Sie eS wiffeu," sprach er unter Anderem, „Morgens um halb acht Uhr hat der Lehrling da zu sein, um die Abreißkalender zu besorgen, die Briefe zu empfangen,
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Sonntag den 19. April
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Drittes Blatt
Sießener Anzeiger
Kenerat-Anzeiger.
Reboctwn, Errxditi» unfc Dnider«:
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Die Gießenrr W.mttie»ötS1ter ortni dem Anzeiger Irfkntlicf) dreimal deigelegt.
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Mark 20 Ptg. mit Vrmq.-rloda.
Durch btt Pofi dezogev 2 Mark v ) Psg.
Der ch-Hen,r Anzeiger 'd d)nnt täglich, ii Ausnahme beS Montags.
Aints- nnd Anzeigsblcrtt fut* den Tkveis Gieren.
chratisöeilage: Hießener Ikamilienökätter.
vo» Anzeigen zu der Nachmittag» für de» ßlge»den Tag erscheinenden Nummer bi» Bonn. 10 Uhr.
Alle Annoncen-Bureaux de- In- und Auslandes nehm« Anzrigru für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
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Aintlichev Theil.
Gieße«, den 17. April 1896. ilctr.: Die Voranschläge der Landgemeinden deS Kreises Gießen für 1896/97.
Tas Großherzoglicht Kreisamt Gießen « die Grosth. Bürgermeistereien der Landgemeinden des Kreises.
Die rubricirten Voranschläge werden Ihnen in den nächsten Stagen zugehen.
Die wollen daS in Ihren Händen befindliche Concept ÜKtieli en alsbald mit den Ansätzen deS OriginalvoranschlagS tio Uedereinsttmmung bringen und letzteren möglichst bald dem ßSmeimde'Einnehmer zustellen.
v. Gagern.
Das Verbot des Detailreisens.
Eine der einschneidendsten Bestimmungen deS dem Reichstage ««rliegenden Gesetzentwurfs, betreffend die Abänderung ilti Gewerbeordnung, ist das in Artikel 8 ausgesprochene LÄgemttnt Verbot des sogenannten Detailreisens, also deS hlisivchenS von Bestellungen bei Ntchtwiederverkäufern der ßmkefienden Maaren. Bet der zweiten Lesung der Gewerbe- »lckmagSnovelle find von diesem generalifirenden Verbote «illlkrdlvgS der Buchhandel, sowie die Leinen- und Wäsche- birvichk aulgenommen worden, aber es bleiben noch so viele Mibe Erwerbszweige, welche zu ihrem Gedeihen mehr oder tMigtr auf das Detailreisen angewiesen find, übrig, daß eiA Erweiterung der Ausnahmen von den Bestimmungen blei Artikels 8 entschieden geboten erscheint, so lange eben ß«azu noch Zett ist. Offenbar hat man bei dem auS- gitlprodjcnen Verbote des DetailreisenS Überhaupt die nicht zzu leugnenden mancherlei schädlichen Auswüchse des Haufirer- itgimfl im Auge gehabt und fie zunächst treffen wollen. ES titlaif wohl keiner besonderen Berficherung, wie sehr gerecht- fertigt daß Bestreben ist, der unlauteren und unter verschie- < m GefichtSpunkten bedenklichen Concurrenz, welche auf d« Haufirwege dem seßhaften und anständigen Kaufmanns- vwd Handelsgewerbe häufig bereitet wird, durch geeignete gpsetzgsberische Maßnahmen möglichst entgegenzutreten. Aber
wie so oft in unserer heutigen socialpolitischen und Volks- wirthschaftlichen Gesetzgebung daS Kind mit dem Bade auS- geschüttet wird, indem man ohne Berücksichtigung der Be- dürfniffe deS practischeu LcbenS alles über einen Kamm scheert und einfach schematisier, so ist dies auch in dem das Detail- reifen betreffenden Falle geschehen. ES ist der achtungS- werthe Stand der Detailreisenden mit dem gewöhnlichen Haufirerthum auf eine Stufe gestellt und ihm durch das fast allgemeine Verbot seiner Thätigkeit ein Schlag versetzt worden, welcher zahllose Existenzen vernichten und schwere wirthschaft« liche Folgen nach sich ziehen müßte, falls die GewerbeordnungS- novclle wirklich Gesetz werden würde.
Der Reichstag hat offenbar selber gefühlt, daß Art. 8 der genannten Vorlage viel zu weit geht, wenn er daS Detailreisen fast sammt und sonders verbietet. Dies beweist der in zweiter Lesung gefaßte Beschluß, wonach der Bundesrath befugt sein soll, noch weitere Ausnahmen vom Verbote des DetailreisenS, als fie in der Vorlage bislang festgesetzt worden find, zu gestatten. Aber hiermit kann all den durch die Gewerbeordnungsnovelle in ihrer Existenz Bedrohten nicht gedient sein, wenn eS lediglich vom Ermeffen der Herren im BundeSrathe abhängig gemacht wird, welche Gewerbe noch fernerhin Erlaubniß für das Detailreisen erhalten sollen, sür fie handelt eS fich vielmehr darum, durch daS Gesetz selbst ihre bisherige Erwerbsfreiheit klar und bestimmt gesichert zu sehen. Zugleich bedroht aber die beabsichtigte Neuerung auch gewichtige Interessen deS eigentlichen Kaufmanns- und Handels- standeS, würden doch jahrelangen Anstrengungen, die aufgewandten unendlichen Summen von Fleiß und Mühen, die vielfachen pecuniären Opfer zur Erlangung und Erhaltung eines gewiffen Kundenkreises umsonst sein, wenn künftig daS Detailreisen verboten werden würde. Diese Erkenntniß hat noch in letzter Stunde in den Handels- und Gewerbekreisen unsere» Vaterlandes eine mächtige Bewegung gegen Art. 8 der Gewerbeordnungs-Novelle hervorgerufen, die fich in Protestversammlungen, in entsprechenden Petitionen und Entsendungen von Deputationen nach Berlin, welche dort mit den zuständigen Regierungsvertretern, wie mit den Reichstags- abgeordneten im Sinne der entstandenen Bewegung in Verbindung treten sollen, kundgiebt. Vor Allem wird aber ein Aufschub der dritten Lesung der Gewerbeordnungs-Novelle erstrebt, um der Kaufmannschaft Deutschlands Gelegenheit zu geben, fich über die ihre Jntereffen gefährdenden Bestimmungen über das Detailreisen auszusprechen, und steht
wohl zu hoffen, daß das ReichStagSPräfidium diesem so be- redittflten Wunsche Folge leisten wird.
Deutscher Reichstag.
70. Sitzung. Freitag, den 17. April 1896.
Die Berathung bc8 Gesetzts gegen den unlauteren Wettbewerb wird fortgesetzt bei ben SS 9 unb 10 betr. Verletzung von Geschäfts- unb Betriebsgeheimnissen.
Im S 9 hat bie Commission ben Punkt 2 gestrichen, welcher ben Angestellten für ben Fall vertragSwibrtger Vrrwerthung von Geschäfts- unb Betriebsgeheimnissen auch nach Ablauf bes Dienstvertrages Strafen anbroht.
Abg. Schmibt-Elderfelb (frs. Vp.) beantragt, ben Paragraphen zu streichen unb ibn durch bie Bestimmung zu ersetzen: Mit Gelbstrafe bis zu 3000 Mk. ober mit Gefängnitz bis zu einem Jahre wirb bestraft, wer Geschäfts- ober Betriebsgeheimnisse, beren Kenntniß er durch eine gegen bie guten Sitten verstoßende Hanblung erlangt hat, zu Zwecken beS Wettbewerbcs unbefugt verwerthet ober an Anbere mittbeilt. Zuwiberhanblungen verpflichten außerbem zum Ersätze entstehenden Schabens.
Unterstaatssecretär Rothe: Der Paragraph habe ohnehin schon in ber Commission eine wesentliche Abschwächung trfahren. Werbe daS, was bie Commission Übrig gelassen habe, noch in ter Weise beS Antrages Schmidt umgestaltet, bann bleibe Überhaupt gar nichts übrig. Der criminelle Schutz bestehe boch auch in «oberen Länbern unb auch bet letzte beutsche Juristentag habe sich sür benselben aus- ge prochen. Daß ber von der Commission gestrichene Absatz — gegen bie Verwerthung von Geschäftsgeheimnissen nach Ablauf ber Contract- zeit — einiges Bebenkliche an sich gehabt habe, sei zuzugeben. Gegen den Verrath von Geheimnissen währenb bes Dienstverhältnisses bebürfe eS aber bringenb wirksamer Bestimmungen, bas Fehlen solcher habe sich schon oft als ein Mißstand erwiesen, da daS Strafgesetzbuch für solche Fälle nicht ausreiche.
Abg. v. Langen (cons.) plaibkt für Ablehnung des Antrages Schmidt unb Annahme ber Commissionsbeschlüsse.
Abg Singer erblickt in bem S 9 ein Ausnahmegesetz gegen bie Angestellten, bie man boch, weil sie ben Arbeitgebern gegenüber bie Schwächeren seien, viel mehr schützen sollte. In Be- stimrnungen gegen ben unlauteren Wettbewerb gehörten derartige Maßnahmen gegen Angestellte überhaupt nicht hinein.
Unterstaatssecretär Rothe legt entschieden Verwahrung dagegen ein, baß eS fich hier, wie Vorrebner behauptete, um ein Klassengesetz gegen bie Angestellten hanble. ES handle fich vielmehr lediglich um einen Schutz gegen Verrath von Betliebsgeheimnissen durch Angestellte. Auch eine vom Vorrebner geäußerte Besorgniß, baß womöglich Lehrlinge, bie sich ber Strafbarkeit ihrer etwaigen Mittheilungen nicht bewußt seien, bestraft werben könnten, sei un- begrünbet. Für bie Strafbarkeit falle naturgemäß bas subjektive Moment ins Gewicht.
Abg. Ha mm ach er (nl.) tritt ebenfalls ben Singer'schei, Cinwänben entgegen. Es sei selbstverstänblich, baß ber Staatsanwalt nur bei vorliegenbern öffentlichen Interesse einschreiten werde. Man spreche auch immer nur von Betriebsgeheimnissen, aber gerade
Feuilleton.
Das Ende vom Lied.
k,risch-merkantilische Skizze von Franz Kühn.
(Nachdruck derboten.)
August Fimpel oder da» Faulthier! — Wer daS war? liaii einfach — daS war eine Zeitlang der Stift im Hause i ®bn 8 und Camp.
AIS August fünfzehn Jahre alt war, stellte fich seine LMtur eines Tages vor ihn und sprach: „Augustchen!
Du Dir schon überlegt, wa» Du werden willst? Sage, und willst Du werden?"
„Kaufmann, Mama! Nur ein Kaufmann will ich tnttiei!* erwiderte mit freudiger Stimme der junge Candidat.
„Aber geh doch! Kaufmann — wer wird heutzutage.."
„Nein, Mutter! Das verstehst Du nicht," fiel er ein nie» machte eine wichtige Miene dazu. „Ich will Kaufmann Hieben! Aber weißt Du, kein Dämlak, keine Schreiberseele, k ck: Maschine, nein, ein echter Kaufmann will ich werden. Ll>!d-aS sage ich Dir, nur bei RöderS u. Co. will ich in
Sehre gehen. DaS ist ein großes unb reelles Geschäft, diu Verbindungen hat mit der ganzen Weilt."
„Warum gerade bei RöderS u. C., Augustchen?" fuhr d il« besorgte Mutter fort und ließ fich auf dem Sopha nieder. ,. Ml Du auch, daß der RöderS ein böser Mensch ist, trndigtr Laune hat unb seine Angestellten chicanirt?"
„Ach waS!" brauste er auf, „gerade da kann man etwas C Inrnm, wo man unter strenger Obhut arbeitet und einem diiß Harren selbst auf die Finger sehen."
„Run gut, ich gehe schon morgen mit Dir, wenn Du ■ i6|»lrt gerade bei . . "
LS waren die letzten Worte, als fie zur Thüre hinaus- ciflit enb die Milch vom Herde nahm^, nachdem fie über- g idufitn.
* •
„.Sie geht also mit mir hin! Ich komme zu RöderS unml iio. Hurrah! Famos! Ich — ich — famoS! famofl!"
Solcherlei Reden brummte August in fich hinein, als er die Nacht aufwachte und sein Geficht in die Kiffen grub.
„Herrgott! Wenn mir jetzt einer hunderttausend Mark auf die Bettdecke legte und zu mir sagen würde: „August, hier ist daS Geld, behalte eS, aber gehe nicht zu RöderS und Co.!" Ich glaube, ich würde ihn züchtigen, den Kerl!"
Na also — der Morgen kam.
Nachdem der Kaffee ge chlürft, die Brödchen gewürgt und eine Taffe infolge der ungewohnten Behandlung zerbrochen ging, holte August seinen neuesten Hut auS dem Schranke, dürstete ihn noch einmal eigenhändig, setzte ihn auf, stellte fich vor den Spiegel und rief: „Mama, ich bin fertig!"
„WaS! Du bist schon fertig?" sagte die Erstaunte und nahm in zwei Partieen ihren üppigen Haarwuchs auS der Schublade. „Na, dem Anscheine nach haft Du ja das Zeug zu einem tüchtigen Kaufmann."
„Und wie habe ich baß! Aber mache doch nur, wenn wir zu spät kommen, ist Herr RöderS nicht mehr anwesend," versetzte er in vorwurfsvollem Tone.
Doch fie wurde fertig. Eilenden Schrittes ging eS die Treppen herunter unb fort durch die Straßen dem Ziele zu.
Dem werdenden Jünger Merkurs pochte das Herz, als er von Weitem unter den Fenstern des ersten Stockes die goldenen Buchstaben sah:
ROEDERS & CO.
„Du!" sagte er zu seiner Mama, „wie doch die Firma groß dasteht und hoch angeschrieben ist, bei der muß man ja etwas lernen. Meinst Du nicht?"
Inzwischen waren fie an dem Hanse angelangt mb schritten, einer primitiv gemalten Hand folgend, dem SomP- toir zu. --
„Herein!" vernahmen fie von innen.
Sie traten ein.
„Mein Name ist Fimpel. Gestatten Sie eine kleine Störung, Herr RöderS? Würden Sie mir einen Augenblick Gehör schenken?"
„Gewiß, Madame!"
„Mein Junge hat »ich nämlich — August, die Hände


