Issue 
19/03/1896 Zweites Blatt
 
Turn right 90°Turn left 90°
  
  
  
  
  
 
Download single image

5

t® 30 Mk

se!

lk- bi- 60 Mk.

fection.

ixxxxx*

2660

aus statt.

ch *5

gnii Jtlte. X nds 8 Uhr.

»rsteüuA

Pantomime, M

Rr. 67 Zweites Blatt. Donnerstag den 19. März

Der Oie-exer Axzelger erscheint täglich, Bit Lu-nahme bei MontogS.

Dir VirHenrr »«»ittenvrätter merdrn dem Anzeiger Wöchentlich dreimal beigrlegt.

Gießener Anzeig er

Kenerak-Mnzeiger.

vierteljähriger jLlowamtubpirU t 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezöge» 2 Mark 50 Pfg.

Iiedaction, Lrpeditio» und Druckerei: Kchnlstra^eAr.,.

Fernsprecher 51. t

Aints- und Anzeigeblutt für den Ureis Gietzen.

Kratisöeikage: Gießener Aamitienökätter

Annahme vox Anzeigen zu der Nachmittag- für de» folgenden Dag erscheinenden Nummer bi« Corrn. 10 Uhr.

Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehme» Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Aintlichr* Theil.

Gießen, den 16. März 1896.

Betr.: Die Wahl der ElnfchätzungS Commission für die Veranlagung der Einkommensteuer und der Capital, rentenfteuer.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Grosth. Bürgermeistereien der Land­gemeinden des Kreises.

Diejenigen von Ihnen, weiche noch mit Erledigung unserer Verfügung vom 4. d. Mts. Gießener Anzeiger Nr. 59 im Rückstände sind, werden hieran mit Frist von drei Tagen erinnert.

v. Gagern.

toctttai uud pVSutzmSeÄeO.

§§ Som höheren Vogelsberg, 10. März. Zu dem Artikel ,0. Au« Oberhrssen" in Nr. 56 deSGieß. Anz." wird ux« geschrieben: Auch hier ist, trotz aller Mühe, der Hexen- gia ube noch nicht den Leuten auS dem Kopf zu bringen. GtwaS nachgelassen hat der Aberglaube wohl bet der jüngeren Generation- dieselbe lacht die Großeltern auS, wenn sie er­zählen, wie sie in ihrer Jugend Morgen« bei Tagesanbruch mit ihrem Geschirr an den Acker gefahren und in dickem Gebüsch, besonderen Waldköppchen u. s. w. denlebendigen Teufel" gesehen, eine Person in Försterkleidung und Pferde- Hufe hätte gejagt, wobei viele kleine Hunde um die Leute herumgesprungen, ihnen aber nichts gethan hätten u. s. w. viele ältere Leute behaupten solches und prägen eS ihren Eukelo ein, dasselbe komme in den 1900er Jahren wieder zum Vorschein! Mancher ist jetzt schon neugierig darauf, ob eS wahr wird. So spielt seit mehreren Jahren die Sage von einer weißen Jungfer, welche auf dem Fußpfad vom Kirchbracht nach Lichenroth wanderte und öfters Passanten begegnet sein soll, da fie erlöst werden wollte. Vor etwa 6 Jahren wollte sie eine gewisse Frau gesehen haben und häute auch die weiße Jungfer zu derselben gesagt, in 14 Tagen würde sie wieder an derselben Stelle erscheinen; fie habe dabei Bibelsprüche genannt usw. Au dem betreffenden Tage hatte sich denn auch eine große Menschenmenge au« der

ganzen Umgegend an der betreffenden Stelle eingefunden, um die weiße Jungfer zu sehen. Aber trotz langem Warten erschien fie nicht und mußten die Leute wieder nach HauS gehen. Die Frau wurde später angeklagt, einen Auflauf von Menschen verursacht zu haben, sie wurde zu 8 Wochen Gesäogniß verurtheilt. Seither hat man nie wieder etwas von der weißen Jungfer gehört. In hiesiger Gegend be­findet fich ein sogen. Hexen-Doctor (oder Hexen-Männchen, wie man hier zu sagen pflegt). Die Leute kommen auf 10 Stunden weit auS der Umgegend zu demselben, um sich langj ährtge und sozusagen unheilbare Krankheiten wegzaubern zu lassen. Die Leidenden müssen dreimal zu dem Hrxcnmann kommen, er rührt ihnen die kranken Glieder an und macht seinen Hokus-BokuS. Hauptbedingung bei dem Hexen - Doctor ist: die Leute müssen daran glauben, sonst wirkt eS nicht. ES ist vorgekommen, daß dem Hexen-Doctor von besser fituirten Leuten für das Wegblasen von Warzen und dergleichen 30 bis 40 Mk. gezahlt wurden. Hoffentlich tragen die Zeilen dazu bet, daß die Leute endlich einmal ihre Dummheit einsehen und nicht noch ferner ihr gutes Geld zum Fenster hinauSwerfen, sondern in Krankheitsfällen zu einem gesch ckren Arzt gehen.

p erfrischtes

* Kein Commißbrodzwang. Denjenigen Mannschaften deS preußischen Gardecorp«, welche nach Befund deS Arztes zu schwache VerdauungSorgane haben, um das schwere Commißbrod ohne Schädigung ihrer Gesundheit genießen zu können, wird seit neuerer Zeit an Stelle deö Brodes Geld verabreicht, um fich leichteres, ihrem Magen mehr zusageodeS Brod kaufen zu können.

* Straßburg, 15. März. Heute Nachmittag machten fich zwei Ulanen auf der überaus belebten Rheinstraße zwischen Straßburg und Kehl das eigenthllmliche Vergnügen, die Schnelligkeit ihrer Pferde in einem Privatwettrennen zu erproben. In der Nähe des Defaix Denkmals überritten sie eine ältere Frau und ein Kind. Die Frau wurde lebens­gefährlich verletzt und starb alsbald. Ohne sich um die Ver­letzten zu kümmern, ritten die Ulanen in gestrecktem Galopp weiter. Die Entrüstung des Publikums über das Reiter­stück läßt fich denken. Die beiden Ulanen waren OfficierS« burschen.

* Die Kinder essen es gern. In kaum 15 Minuten läßt sich ein liebliches Gericht durch einfaches Kochen der Milch mit Brown & PolsonS Mondamin Herstellen. Die« ergibt eine nahrhafte und leicht verdauliche Speise und reizt durch seinen eigenen Wohlgeschmack Kinder und Kranke zu weiterem Genuß. Zusatz von Vanille, Citrone, Fruchtsaft­sauce 2C. gibt auf dem Familtentisch ein köstliches Dessert. Ausführliches enthalten die Recepte auf den Mondamin- Packeten, zu haben ä 60, 30 u. 15 Pfg. in besseren Colonial-, Delicateß- und Drogeu-Geschäften. Für die guie Qualität bürgt am besten das 52jährtge Bestehen dieser welt­bekannten schottischen Firma. EugroS bei Türk u. Papst, Frankfurt a. M. 1707

Literatur und Aunst.

.Belo-Sport" in Lahr. Jllustrirte Sportszeitschrist pro Quartal 1.50 Mk. Inhalt der Str. 3: Ist eine sachverständige Renn- lettung nöthtg? Satzungsentwurf für einen Allgemeinen Deutschen Nsdfahrer-Berband. Wie sie's gelernt. Marsch-, Deich- und Jnsel- sahrten. Deutschland. Ausland. Pariser Briefe. A. Baugä. Chronik. Industrie und Handel. VereinSnachrichten. Der Radsport in Elsaß Lothringen. Technische Rundschau. Illustrationen: A. Baug«. (Vollbild.) Liebe und Rache.

DaS 18 Heft derIllastrirlen tölli* (Stuttgart, Deutsche Verlags-Anstalt) zeigt einen besonderen Retchtdum von Bildern und Artikeln, die im Brennpunkte deS TagestnteresseS stehe». In einer ganzen Serie von Holzschnitten entrollt sich uns das Leben und Treiben der italienischen Colontalarmee von fesselnder Eigenart an sich, aber noch fesselnder durch daS tragische Schicksal des Baratiertschen Corps. Den hochbedeutsamen Ereignissen auf dem Balkan wird daS Journal durch eine besonders glückliche bildliche Wiedergabe der bulgarischen Fürstensamilie, vor Allem deS Erb­prinzen Boris, gerecht. Den Triumph deutscher Arbeit und deutschen Capitols in den amerikanischen Aequatortalgebieten veranschaulicht Die deutsche Eisenbahn in Venezuela" durch sechs vortreffliche Illu­strationen die gleichzeitig einen Blick in die unvergleichlich reiche tropische Natur jenes Landes gestatten. Den reißend schnellen Fort­schritt moderner Technik zeigt die zierliche, ganz aus Aluminium erbaute DampfjachtAlumtnia" deS Fürsten zu Wied. Vollauf leistet auch der Text, was die reiche Bildersammlung verspricht. Der lausende Roman:Der Geist von Hatlsberg" voll starker Spannung die reizende Dorsnovelle:Der Grandmonarch' humorvolle Erinnerungen aus dem Rekrutenleben eine allgemein-verständliche Abhandlung über die neuesten Errungenschaften der Farbenpboto- graphte wahren auch diesem Hefte dm Vorzug moderner Welt- unb Lebensanschauung auf dem Boden des Familienbuchs.

rrsooils

ab FlktheitspMtt

t MtiortMlAe'-. Raufen ans W6

Gießen.

n

Lung *****

inuai «*****

d» 8 l'hr

Vorstellung

ysis»**1, fasste

Feuilleton.

« ltsS Werthrr.

Rovellette von H. Erlin.

(Fortsetzung.)

Ja, Walter, auf Deinem Anlitz laS ich die Qualen durchwachter Nächte!"

Ach nee!"

Dieser AuSruf naivster Verwunderung, den er jetzt hören ließ, verfehlte ai'ch nicht, auf Ella eine verblüffende Wirkung auSzuüben, die fich insofern äußerte, daß sie ihren Vetter verwirrt anblickte und schüchtern meinte:

Aber Du sagtest doch, Dich quälte etwa«."

Na, ja doch," beruhigte er fie und rückte etwas naher jn ihr heran.Ich will DirS ja auch sagen, Kind . . aber tfl wird mir halt schwer. Und dann frage ich mich, ob ich Dir den nöthtgen Ernst, die nöthtge Reife für die Situation Zutrauen darf."

Ach, Walter" hier folgte ein gefühlvoller Blick zur sZavillonsdeckewenn man, wie ich, WertherS Leiden ge­lesen und wahr mttempfunden hat*

Ja, ja!" stimmte er gutmüthig bei und begann um­ständlich seinen Kneifer zu putzen,ja, ja, daS macht ernst und so weiter. Also soll ich, Coustnchen?"

Sprich!" flüsterte fie, blutroth werdend.

Liebste, beste Ella," begann er als Einleitung,Du bist ja die Einzige, die mir helfen kann . . und Du bist so gut, so lieb, ich habe eS immer gewußt, wenn ich'S Dich auch nicht merken ließ . . . Jetzt aber könntest Du wich zum glück­lichen, erlösten Menschen machen."

Sie athmete gepreßt auf und sank fast in sich zusammen ber Angst und Erwartung.

Ach, wie ihr da« Herz bis zum Halse hinauf klopfte! 9hii, so schwer hatte fie fich daS alles nicht gedacht. Wäre tfl doch erst vorbei!

Machs doch kurz," bat sie ihn nun leise mit sanfter Sitimme.

Ja, hast auch recht, Mädel, immer heran- mit der Söprache!"

Er rückte noch ein Stückchen näher au Ella heran und entschloß fich dann mit innerer Selbstüberwindung zur Beichte.

WaS mich also bedrückt, Ella . . . Schulden find-, ganz niederträchtige Schulden! Na, schau nur nicht gleich so entsetzt drein so viele sindö ja nicht. Für jetzt wär mir sogar schon mit sünfuudsiebzig Mark geholfen. Deinem Vater wollt ich mich nicht anvertrauen, Ella . . da, neulich Deine Sparbüchse . . sofort kam mir ein rettender Gedanke . . . Du thust eS, nicht wahr? Kriegst daS Geld ja auch mal wieder. Und jetzt brauchst Du doch nicht"

Ach, was er alles noch redete! Fiel es ihm denn nur gar nicht auf, daß sie nicht« antwortete? Sah er nicht, wie blaß sie war, wie erstarrt?

Nein, er bemerkte nichts von alledem, nicht einmal die eigen klanglose, zitternde Art, mit der sie ihm am Schluffe ihre Hilfe zusagte, ließ ihn erstaunen. Im genügte ihr Der- sprechen; voller Dankbarkeit preßte er ihre Hände und nannte fie sein liebes, gutes, kleines Mäuschen.

Sie ließ es schweigend geschehen und dann suchte fie einen Vorwand, um ihn wegzuschicken.

Als sie endlich allein war, athmete sie tief auf, entnahm mit bebenden Fingern ihrer Tasche ein kleines, braunes Buch, beugte fich langsam darüber und betrachtete sinnend das Titel­blatt :WertherS Leiden". Urplötzlich aber schleuderte fie daS Buch weit von fich, barg den Kopf in beide Hände und weinte bitterlich. Mit diesen Thränen begrub fie ihre Ideale, ihren Weither und Vetter Walter. Vetter Walter vor allen Dingen wurde nachdrücklichst begraben.

Selbst in der Stunde, wo fie ihr Versprechen hielt und ihm mit gefaßter, aber verächtlicher Miene das Geld über­reichte, um ihn aus seiner kläglichen Verlegenheit zu befreien, galt er ihr als ein tobtet Mann, er war überhaupt Luft für fie. Nur in dem Moment, wo er ihr glückstrahlend:Schön Dank, Coustnchen!" zurief,und nicht wahr, wenn« noch mal so kommt, darf ich wieder anfragen kriegst auch alles mit Zinsen wieder," hatte sie ihn unbeschreiblich erhaben ange- blickt, wobei ihr aufgefallen war, wie spurlos die Leidens­miene aus seinem Antlitz entwichen war. Erst als nach mehreren Tagen die Abreise Vetter Walters glatt und ohne | Thränen von Statten gegangen war, begann fich Ella von

ihrem plötzlichen Sturz au« ihrem hohen Wölkenkuckucksheim zu erholen, zuweilen sogar war eS, als lebte ein gewisser stuck, med. in ihren Erinnerungen wieder auf.

Aber zwei Jahre vergingen, ohne daß sie ihren Vetter wieder sah, ohne daß fie eine Zeile von ihm empfing, und die wehmüthige, erwartungsvolle Empfindung, die fich ihrer in letzter Zeit bemächtigte, so oft fie an ihn dachte, schob fie natürlich auf Conto deS Verlustes von baaren fünfundsiebzig Mark, der sich mit de« Vetters geheimnißvollem Gebühren verband. Schließlich machte sie fich auch mit dem Gedanken vertraut, besagte fünfundfiebzig Mark gefaßt zu verschmerzen und Vetter Walter niemals reuevoll zurückkehren zu sehen.

Doch der Mensch denkt Gott lenkt.

Eines Tages es war zur Sommerzeit während der großen Schulferien kehrte Ella von einem Spaziergange heim, als ihr der Vater im Garten freudig erregt, mit einem Briefe in der Hand, entgegentrat. Ihr auf die Schulter klopfend, sagte er geheimnißvoll lauernd:

Denk mal, Mädel, der Walter kommt morgen, wa« sagst Du dazu?"

Eine Secuode nur färbten fich ihre Wangen höher, dann entgegnete fie kurz:DaS ist mir höchst gleichgiltig."

Und eS war ihr Ernst mit diesemDa« ist mir gleich­giltig."

völlig gleichgiltig war es ihr, wie Vetter Walter am nächsten Tage bei seiner Ankunft stutzte, als er sein hübsches Coustnchen erblickte, daß nun keinen Spitzenkragen mehr brauchte, um fich ein damenhaftes Aussehen zu geben. Die war gut geworden! Dieser Gedanke stand ihm fast auf der Stirn geschrieben.

Daß aber auch er gut geworden war, bemerkte Ella sehr wohl mit Gleichgiltigkeit natürlich. WaS ging fie jetzt noch sein AeußereS an, waS gingen fie seine Bemühungen an, fich ihr gegenüber so aufmerksam und liebenswürdig wie nur denkbar zu zeigen. Wie er fich jetzt ihr der Dame gegenüber benahm, so hätte er fich nur damals, dem Back­fisch gegenüber benehmen sollen, überhaupt, er könnte mehr von damals sprechen, von dem geliehenen Gelbe zum Beispiel.

(Schluß folgt.)