Mittwoch den IS. Februar
Zweites Blatt.
1896
Gießener Anzeiger
Keneral-Wnzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gieren.
Hrattsöeitage: Gießener Kamikienökätter
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Januar V)1
leinem früheren ßocaki h für mein neuer Ue ür gute Speisen e lien-Vrauerei Oie
iS doch en . . . unsere
daS ging schon Auch für de« eine böse Bor-
ist so bänglich zu Muthe."
Franz begriff ihren Zustand; welch tapferes, gutes,
Nachdem sie sie die Wohnung, welche rasch die Martha hatte eS
Die Gießener
Ia»ttie«StLtter werd« dem Anzeiger vöchentiich dreimal deigelegt.
(Fortsetzung.)
fich beide wohl etugehüllt hatten, verließen Auf der Straße stand schon eine Droschke, beiden ihrem Ziele entgegenfuhr. Frau doch mit einer gewissen angstvollen Er-
Der chietzener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme de» MantagS.
Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehme« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
treues und herzenSretneS Weibchen und doch keine unerfahrene, sogenannte „dumme Pute" — solch eine möchte er fich als Amtsrichter auch einst zulegeu!
Aber fie drängte, drängte, als wenn sie baß Nahen der Nemesis empfände. Wie huschte fie in die Droschke Hinei«, leichk am Arme ihres wackeren Beschützers ewporschwebend, wie wohl that ihr die erfrischende, eisige Nacktluft? Die Sterne am Wtnterhimmel leuchteten wie lieblich klare Kinderaugen- fie hatte gar nicht zu ihnen emporgeschaut, und doch war ihr jetzt im engen Raume des dunklen GefährtS, als hätte dieser stille Himmelsglanz ihr Herz getroffen. — Hatte sie am Ende nur einen tollen Traum gerräumt? O, diese schwindsüchtig langsam über daS gefrorene Pflaster daht«- stöhuende Droschke — Flügel hätte Frau Martha habe« mögen wie der fabelhafte Riesenvogel Stmurg — oder zum Mindesten hinsausen blitzschnell in einem Harmonikazuge.
Und der Gralsritter?
Er suchte ein wenig zu schlummern- ohne daß eS seine holde Begleiterin merkte, hatte er dem antiken Gotte deS WeineS als alter Deutscher das gebührende Opfer, daS gehörige „Quantum" dargebracht und überließ sich nun social- polittschen Vorstellungen und Träumen.
(Schluß folgt.)
GralSritterS in den märchenhaft schimmernden Räumen umher- gewandelt. Der wirrende Glanz der MaSkencostümr, der seltsame, oft stark überwürzte Dufthauch, der über dem Ganzen lagerte, behagte ihr allmälig immer weniger. Die Herren — fie sprach etwas frei und unüberlegt voreilig — kamen ihr wie „Affen ohne Grazie" vor. Und für diese Damen hatte fie nur die kindlich leuchtenden Blicke grenzen« losen Erstaunens.
UebrtgenS hatte fie fich solche Bacchanalien und wie die schönen Worte poetisch angehauchter ZeituugSberichterstatter lauten, etwas poetischer vorgestellt. Eine innere Langeweile überkam fie- ja, je länger fie in diese öden Gesichter blickte, um so strenger wurde ihr Gewüth, ihr Urtheil gegen dieses CarnevalStreiben. Einmal hatte fie sogar den grausam neronischen Gedanken: wäre fie ein unumschränkter Herrscher wie ein alter, asiatischer Despot, den sämmtlichen Schönen ließe fie den Kopf kahl scheeren und steckte sie in ein Spinnhaus . . .!
Grausame, junge Frau Doctor, also das war daS Ziel Deines heißen Bemühens? Wie fahl grinst Dich nun der Baum des Wissens an!
Aber ihr Gralsritter schien nicht ganz zu empfinden wie fie- er fühlte fich wohl — am sicher schützenden Arme seiner jungen Frau Schwägerin.
Sie saßen sogar bald in traulicher Ecke bei leckerem Mahle und einer Flasche Champagner. Die wackere Hausfrau wollte schier ohnmächtig werden, daß solch eine Flasche hier 15 Mark kostete. Boll Empörung über den Leichtsinn der jungen Lebemännerwelt trank sie daS schäumende Spitzglas aus auf das Wohl des lieben Gatten, der nun mit dem theuren Freunde Obermeier bet dem alten Horaz säße.
Einmal tanzte sie sogar, doch eS gefiel ihr nicht, eS fehlte die Gemüthlichkeit. Wie eisiger Hauch überkam eS sie. Hinweg, hinweg von diesem Ort! Nie wieder mit den kleinen, blumenzart-kleinen Füßen ein solches Inferno betreten! Und fie dachte an den kleinen rosigen Schläfer daheim in ihrem Schlafzimmer- vielleicht rief er gerade jetzt, die Aermchen auSstreckend, mit leise wimmernder Stimme: Mama, Mama!
Und fie war fern, die böse Rabenmutter, fern auf einem öffentlichen Maskenballe, ohne daß ihr treuer, sie auf den Händen tragender Gatte darum wußte! Wie sündig kam sie fich vor — und fie, fie wollte jene da verdammen, die am Ende wie wirkliche Blumen ohne. Seele, Gewissen und Verstand schmetterlingumgaukelt blühten und welkten?
Franz ahnte, was ihre Seele bewegte, als fie mehr und mehr zu schweigen begann. Traute fie fich nicht, ihn zum Aufbruch zu gemahnen, wollte fie nicht bekennen, daß ihr dies Treiben fürchterlich, entsetzlich langweilig vorkime? Endlich hielt sie nicht länger aus, fast bittend, von Angstbeklemmung gefoltert, rief fie:
„Franz, wir müssen gehen? Was ist die Ahr?"
„Erst zwei Uhr Morgens."
„Du scherzest!"
„Sieh her, es fehlen noch einige Minute«."
„O mein Gott, o mein Gott, was wird mein Ma«« sagen —"
„Zu dem, meinst Du, was wir ihm Schöne- zu er
zählen haben?"
„Einmal und nicht wieder! Ich hatte anders vorgestellt."
„Kind — Pardon, Frau Schwägerin, ganz anderen großen Leuten mit der Welt so. alten Weiberfeind Schopenhauer war die Welt
>»nahm« von Anzeige« zu der Nachmittag- für de» folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Bonn. 10 Uhr.
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den Bock und sagte seufzend: „Ach Jott, wo mag sich nn
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Eine Zeitlang war Frau Martha an der
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wohl meine Marie rumdretben? Der Leben verdawmttgtes Räthsel . . . Hüh, Liefe, hopp Dage fin jezählt . . ."
rrgnug zu thun — wenn fie in diesem dunklen Kasten, in welchen von außen her die dunklen Häuser, die Gaslaternen, die schattenhaften Menschen so seltsam im Vorüberfluge hinein- iRauten, gar für immer von ihrem Manne, von ihrem Kinde 'hinweg entführt würde? Ach, manchmal erweckt nicht bloß eine schwarz au-geschlagene venetianische Gondel, sondern schon eine Berliner Droschke Erinnerungen an den Sarg, an di«e endlos graue Kehrseite vom blühenden Leben.
Doch der junge Schwager befand sich in der köstlichsten Stimmung. Sie waren kaum eine Weile lang gefahren, als er plötzlich wie verzweifelt au-ries:
„Ich habe meine Börse vergessen!"
Und Frau Martha? Sie lächelte und gab ihm die ivtge.
„Ist auch Gold darin, nicht bloß ein paar Stlbermünzen? Dm, baß bloße Entree für unß beide kostet allein zwölf Mark, kenn die Garderobe, dann der Champagner u. f. w."
„Daß ganze Wirthschaftßgeld ist drin! Laß nur," sagte fie-, übermüthig lachend, „dafür packen wir unserem Horaz- freunde einige Nachhilfestunden mehr auf. Ich glaube, der Ertrag auß letzteren ist für daß moderne Leben dienlicher alß die Quellenstudien in dem alten römischen Schmöker."
Franz lachte bedenklich, während er ihr die Börse zurück- rrichte mit der Bemerkung, er habe eben sein Portemonnaie tu der linken Hosentasche entdeckt.
Schon war der Anhalter Bahnhof, die Bernburgerstraße iv Sicht.
„Muth, mein junger Fidelio, und sei auf der Hut vor dem parfioalischeu Blumenmädchen!"
„O, Ritter vom heiligen Gral, so lange ich an Deinem ftr»e wandle, soll mir nicht einmal die lockere Gesellschaft dtß gesammteu Venußbergeß gefährlich werden."
„Brrr . . olle Liese, wi'ste jleich stille steh'n . . Det iS de Ftllemarie, Herr gnädigster Baron von . . . macht zwee Mark und enen Fusziger . . danke villemalß . . na und denn rin in t Verjnügen . . o Jotte doch, wie scheen iß et, jung und reich zu fin . ." rief den beiden der Droschkenkutscher nach, auf feine kupferrothe breite Kartoffelnase fiel ein blinkender Tropfen . . kam er vom Hute? Er wischte fich — die Thräne mit dem großen Handschuh weg, stieg auf
Vierteljähriger A1s»»rM««1s»re1» i 2 Mart 20 Pfy. mit Bringerlohn. Durch die Poft bezog« 2 Mark 50 Pfg.
Nedactton, Expedition und Druckerei:
-chutstr-ßeUr.7.
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stellung und ein verrückt gewordener Wille, und doch, ehrlich gesagt, mir gefällt eß hier ganz famoß."
„Franz, Franz, komm mit oder ich geh allein —"
„Um auf der Straße arretirt zu werden?"
„O, wenn unß auch das noch pasfirte! Doch komm,
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Feuilleton.
Die Ddr des Hora;.
Eine FaschingSgelchichte von OScar Linke.
Holzversteigerung.
Freitag den 21. Februar l. I., von Morgens 9y3 Uhr an,
soll im Garbenteicher Gemeinde-Mark- wald, District Höhlerkopf, Seewald, Markwald und Beckertßwald nachverzeichnetes Holz versteigert werden:
26 rm Bucheri-Scheitholz,
13 „ Buchen-u. Eichen-Knüppel- holz,
65 rm Buchen- u. Eichen-Stockholz, 2350 Wellen Buchen- u. Eichen-Reis- hoh,
195 rm Nadel-Knüppel,
62 „ „ -Stock,
2530 Wellen Nadel-Reisholz,
6 Nadel-Stämme von 1,13 fm, 39 „ -Derbstangen von 2,38 km, 48 „ 'Reisstangen von 1,12 km.
Anfang der Versteigerung zur bestimmten Stunde im District Höhler- köpf, etwa 12 Uhr im Seewald am Licherweg.
Garbenteich, am 14. Februar 1896. Gr. Bürgermeisterei Garbenteich.
1517 Schw arz.
Bernhardiner ‘SÄ8 Exemplar, 27a Jahre alt, billig zu ser- raufen. [778] »«»«hofAratze 4, m.
Jagdverpachtung.
Freitag den 21. Februar l. I., Nachmittags 3J/2 Uhr, soll die der Gemeinde Leihgestern zustehende Feld- und Waldjagd, enthaltend circa 1000 Hectar, auf weitere sechs Jahre nochmals verpachtet werden.
Der Jagdbezirk liegt an der Bahnstation Großen-Linden, Main- Weser-Bahn.
Leihgestern, den 13. Februar 1896. Großh. Bürgermeisterei Leihgestern. 1549 Heß.
Jagdverpachtung.
Die am 15. Februar d. Js. leihfällig gewordene Jagd der Gemeinde Erdhausen soll Freitag den 21. Februar, Nachmittags 1 Uhr, auf dem Bureau des Unterzeichneten auf weitere sechs Jahre verpachtet werden. 1451
Erdhaufen, 12. Februar 1896.
NunzHenner. Bürgermeister.
Zwei Hallen mit sehr vielem starken Bauholz, la. Falzziegeln rc., auf sofortigen Abbruch zu verkaufen. 1435
Näherer in der Gxped. b. Bl.
Mittwoch den 19. d. Mts.
versteigert der Unterzeichnete:
1. Nachmittags 2 Uhr im Bieker'schm Saale: 1 Commode, 1 Sopba, ei» Verticow, 1 ovalen Tisch, 1 Consol, x 2 Hobelbänke, 1 Partie Werkholz, 1 Cassaschrank, 1 Waarenschrank u. a.
2. Nachmittags 3 Uhr im Hotel Kaiserhof: ein fast neues Billard mit allem Zubehör.
Die Verstetaerung unter 8 findet vor, autzsichtlich bestimmt statt.
1567 Geißler, Gerichtsvollzieher.
Versteigerung.
Mittwoch den 19. d. Mts., Nachmittags 2 Uhr,
versteigere im Pfandlocal, SelterSweg 11, gegen Baarzahlung:
1 Stamm Eichenholz, 1 Theke, zwei Eisschränke, 1 Spiegelschrank, eine Dectmalwaage, 1 Standuhr, SophaS, Commode, Kleiderschränke, 1 «roßen, ovalen Spiegel und mehrere Aquarellbilder.
Gießen, den 11- Februar 1896.
1353 Mulch, Vollziehungsbeamter.
Waschbütten, a. Gr.,
Waschböcke, „ „
Waschseile, ,, „
Waschkörbe, „ „
Waschklammern.
L. Kohlermann, Küfern,
1351 Bleichstraste 12.
Mittwoch den 4. Msr?,
Nachmittags 2ye Uhr,
auf dem hiesigen OttSgericht die der Sittwe und Kinder des Wilhelm Elma«« in Gießen gehörige Hofraithe:
r 1 Nr. 1108 — 69 qm hei der Kirche Mich meistbietend versteigert werden.
Bietzen, den 11. Februar 1896.
Srotzh. OttSgericht Gießen-
I A-: »s-t. 140»
Jagdverpachtung.
Die Gemeindejagden von Krofdorf- Gleiberg sollen Mittwoch den 26. Februar er., Vormittags 10 Uhr, auf meiner Amtsstube meistbietend verpachtet werden.
Krofdorf, den 14. Februar 1896.
Der Bürgermeister: 1518 Kleine.
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101 pCt
20. Februar°»
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Der Fürftl. Obersörfter.
1561
Holzverfteigerungen.
1. Donnerstag, den 20. Februar, Vormittags von V211 Uhr <6, im Oberh im'scheu Gasthause „Zum Löwen" in Gedern, Oberheff. Nebenbahn, aus den an der Staatsstraße gelegenen Districten des Reviers Seemen:
Buchen: 1137 rm Scheit, 550 rm Stamm- und Astknüppel, 20 rm Erdstöcke. Ahorn, Eschen, Ulmen, 50 Stämme bis 8,4 m lang, bis 40 cm stark, 42 rm Rundscheit. Fichten: 30 Stämme bis 20 m lang, bis 33 cm stark, und 20 rm Rundscheit. Das Buchen- Brennholz kommt zuerst zum Ausgebot.
2. Freitag, den 21. Februar, aus Kronbach (bei Orteuberg, Oberheff. Nebenbahn), und Schönberg (bei Lißberg).
370 Eschen - Abschnitte und 'Stangen bis 19 m lang, bis 36 cm stark (Wagnerholz). Buchen: 714 rm Scheit, 221 rm Knüppel, 167 rm Erdstöcke.
Zusammenkunft Vormittags 10 Uhr auf der Ufenborner Kreis- straße bei Ortenberg. Ankunft des Zuges in Ortenberg 9,23, in Gedern 10,11 Vormittags. Abgang des Zuges von Ortenberg 5,28, von Gedern 4,50 Nachmittags.
Ortenberg, den 11. Februar 1896.


