Ausgabe 
18.3.1896 Zweites Blatt
 
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Zeug lieft Du und streichst noch roth an . . na, laß Dich einsalzen! N'en Morgen!"

Damit trorteie er inß Nebenzimmer, während ihr eine entrüstete Antwort in der Kehle stecken blieb.

Der Mensch war noch ihr Tod! Mit dem Werther war wohl dteßmal doch nichtß .... Eigentlich hatte fie daß schon neulich eingesehen, wo er fie einelange Latte" genannt hatte.

Man höre . . . Schade war es aber doch, daß er nicht der ..Richtige" war. Wenn sie doch nur ein einziges Mal vermöchte, ihm so etwas wie Respect eiuzufiößen.

Ein Blick in den Spiegel ließ sie den Gedanken er. wägen, ein Spitzenkragen mit sehr hoher Krause dürste ihr vielleicht das gewünschte respectable, würdevolle Aussehen der» leihen und dem Fehler allzu vieler Jugendlichkeit abhelfeo. Ob daß Spargeld zum Ankauf eineß solchen Kragenß noch langte?

Hastig kramte sie die Sparbüchse hervor, schüttete sich ihren Inhalt in den Schooß und begann zu zählen.

Ganz vertieft io ihre Beschäftigung, gewahrte fie nicht, wie Detter Walter auf der THÜrschwelle stand und sie lächelnd betrachtete.

Na, Rleineß, schon viel Sparpfennige einkasfirt? Langtß denn zu einem Pfefferkuchenhaus?"

Geärgert blickte sie auf und zuckte mit den Achseln.

Du scheinst gewöhnt zu sein, mit sehr kleinen Beträgen zu rechnen, lieber Walter!"

Er seufzte sehr, sehr schwer und alß Ella daß Geld wieder in die Büchse zählte, seuszte er noch schwerer.

Da sah fie ihn erstaunt prüfend an und gewahrte mit heimlichem Entzücken, wie sich der Leidenßzug in seinem Ge­sicht vertieft hatte, wie schwere Sorgenfalteu um seinen Mund lagerten.Er ist!" hätte fie beinahe laut vor Freude gerufen, aber fie besann fich noch rechtzeitig und hielt nun für sehr gerathen, ein möglichst theilnahmvolleß Gesicht zu machen.

Am nächsten Tage geschah etwaß Unerhtzrteß und da« mit entschied fich die Frage, ob er wäre, ein für allemal für Ella.

Auf ihre« Platze am Frühstückßtisch lag nämlich, in der Serviette versteckt, ein Deilchensträußchen.

Nun begann also, . . .", daß qualvolle, selige Werthersche Liebeßleid.

Armer Walter! dachte fie und barg erröthend die BeilchtN an ihrer Brust. Am Mittag geschah noch »ehr.

Walter rückte seinen Stuhl dicht an Ella heran und mit steinerweichend wehmüthiger Miene raunte er ihr zu:

Ach, Ella, wie glücklich Du bist!"

Warum?" hauchte sic herzklopfend.

Weil Du keine Sorgen und Qualen kennst."

Kennst Du denn welche?"

Ja eine!" Abermalß machte ein schwerer Seufzer seinerseits das Ganze stimmungsvoll.

Ein leiser, bebender Seufzer ihrerseits dagegen drückte die volle, athemberaubende Herzensangst vor dem nahen Be- kenntniß ans, die fie im Augenblick empfand, und die ihr schließlich auch die Worte auf die Lippen drängte:

Jetzt nicht, Walter . . . aber nachher . . . dann sag mir, waß Dich quält ich bin auf alles gefaßt . ."

Er wollte fie unterbrechen, doch sie ließ ihn nicht dazu kommen.

Laß schon," flüsterte fie,still, die Eltern werden gleich hier sein . . . aber heute Nachmittag fünf Uhr im Pavillon erwarte ich Dich!"

Alle Wetter!"

In aufrichttgster Verdutztheit fand er weiter keine Entgegnung.

Nachmittags, zehn Minuten vor fünf Uhr bereits wan« derte sie unruhig vor dem genannten Pavillon im Garten auf und ab.

Walter ließ auf fich warten, schließlich aber kam er recht bedrückt, recht verlegen, wie es schien.

Wortlos reichten sie fich die Hände, dann nahmen fie beide in schweigender Feierlichkeit im Pavillon Platz.

Du wolltest mir etwas anvertranen, Walter?" er­munterte fie ihn.

Ja, Ella, aber" er ging birect ausß Ziel loß vorerst muß ich wiffen, ob Du überhaupt bereit wärest, mir zu helfen . . ."

Wenn in meiner Macht läge, Dir zu helfen, ja!"

Etwaß verwundert über ihre heilig-ernsthafte Miene, entgegnete er beschwichtigend:

Na, natürlich kannst »n . . sonst fragte ich Dich doch nicht. Und Dn hast doch gewiß schon gemerkt, daß mich etwas quält daß ich nicht froh werden kann und so weiter."

(Fortsetzung folgt.)

bietet dieser Beschluß keinerlei Ersatz für eine organische Regelung der finanziellen Beziehungen der Einzelstaaten zum Reiche dar, sollte der Bundeßrath dennoch den Vorschlag der Budgetcommisfion genehmigen, so würde dies wohl nur unter dem augenblicklichen Drucke der Verhältniffe geschehen.

Die Zeitungsnachricht von einer kriegerischen Expe­dition, welche der Landeshauptmann von Deutsch-Süd- westafrika, Major Leutwein, gegen die HereroS nächstens zu unternehmen gedenke, wird von halbamtlicher Sette als unrichtig erklärt. ES schweben allerdings Grenz- differenzen mit diesem Nomadenvolke, aber es soll alle Aussicht auf gütliche Regelung derselben vorhanden sein. Freilich wird in der nämlichen Meldung die Möglichkeit angedeutet, daß sich bei den wachsenden Neigungen der HereroS, ihre Nomadenzüge über das ihnen zustehende Gebiet hinaus weiter auSzudehnen, doch einmal eine energische Züchtigung der HereroS von deutscher Seite nöthig machen könnte.

Vermischte»

Sera, 15. März. Die diesjährige Reifeprüfung an der Amthor'schen höheren Handelsschule wurde am 9. und 10. d. Mts. beendet. 27 Abiturienten erhielten daS Reifezeugniß, welches zum einjährig freiwilligen Militär­dienst berechtigt,- davon 2 mit der Censur 1, 9 mit der Censur 2.

* Die Macht der Gewohnheit. Man schreibt derF. Z." auS London: Der Kanonikus Gore erzählte in seiner letzten Sonntagspredigt in der Westminster-Abtei folgende Anecdote, die in den letzten Tagen fich ereignet hat und zu seiner Kenntniß gebracht wurde. Ein Taschendieb von Beruf er­krankte ernstlich und sah den Tod vor Augen. Während seiner langen Krankheit wurde er von geistlichen Einflüssen umgeben und bekehrt. Er hatte daS Sakrament empfangen und befand sich int Todeskampf, als der Priester, der an seinem Sterbelager die Sterbegebete herlaß, plötzlich ein heißeres Geflüster an seinem Ohre hörte:Gebt auf Eure

Uhr Acht!" Wie der Priester den Kopf umdrehte, sah er den Taschendieb tobt auf dem Bett auSgestreckt, die Uhr in den Händen.Der Wille", sagte Kanonikus Gore,war nicht stark genug, dem Gewohnheit- -Jnstinct deS Körper- Widerstand zu leisten, aber doch stark genug mit der Stimme gegen die verbrecherische Handlung zu protestiren"-

8«» «esnn-hettspßlege. Mit der öffentlichen, von Staat und Gemeinde bewirkten Gesundheitspflege müßte, um einen bestmöglichen allgemeinen Gesundheitszustand zu erzielen, die Prioat- Hygiene Hand in Hand gehen, letztere läßt aber leider noch viel zu wünschen übrig. Das Lüsten und die Reinhaltung der Wohnungen, zwei wesentliche Bedingungen zur Erhaltung der Gesundheit, werden beispielsweise theilS ungenügend und theilS ganz falsch ausgeführt- jeder Arzt wird dies bestätigen. Das Lüften einer Wohnung hängt nur vomWollen" ab; wenn man die Fenster lange genug offen hält, wirb der Zweck mühelos erreicht; das Reinigen dagegen be­dingt Zeit und Arbeitskräfte, eS liegt also im Interesse der Haus­frauen, die rationellste Art der Zimmer-Reinigung mit der hygienisch richtigsten zu verbinden. Salons, Speisezimmer u. f. w. mag man nach beliebigem System behandeln, aber in Schlafzimmern, Corri- doren und Wirthschaftsräumen lasse man dm Fußboden täglich naß aufwischen, denn es wird hierdurch die Zimmerluft erheblich gebessert und bai Wohlbefinden gefördert. Die Hausfraum wiffen dies auch ganz gut und wenn fie trotzdem diese hygienische Dorschrift außer Acht lassen, so geschieht es aus Sparsamkeitsrücksichten, weil fie befürchten, daß die Fußböden durch die Rässe leiden und neu gestrichen werden müssen, was viel Geld kostet, auch für bewohnte Räume schwer ausführbar ist. Das stimmte nur so lange, als man die Fußböden noch mit Oelfarbe und Oellackstrich, bereu unangenehmer Geruch und langsames klebriges Trocknen es allerdings fast unmöglich machte, bewohnte Räume renovirm zu lassen; seit längerer Zeit hat man aber ein weit praktischeres Präparat für Fußboden-Anstrich, dm so- genanntm Glanzlack I Von verschiedmen Fabrikaten dieser Art be­währt sich am besten der Autzhoden Glanzlack von Fra«» Christoph in Berlin (Mittelstratze 11), er ist ganz streichfertig, kann daher ohne Vorkenntnisse vom Dienstpersonal verarbeitet werden, trocknet, bei absoluter Geruchlosigkeit, währmd deS Streichms, und ist somit bet jeder Witterung, auch bei geschlossenen Fenstern ver­wendbar. In den meisten Orten Deutschlands bestehm Niederlagen der Firma; wo solche nicht vorhanden sind, roenbe man sich bind an das Berliner Stammhaus, Mittelstraße 11, welches Farben- Musterkarten gratis liefert unb Poststücke für 9,50 Mk. versendet, deren Inhalt zum Erneuerungs-Anstrich zweier Zimmer genügt. 2584

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Zweites Blatt

Mittwoch bat 18. März

1896

Gießener Anzeig er

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Kenerat-Mnzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gießen

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] Hratisöeikage: Gießener Kamilienökätter

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Feuilleton

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Umnäh me von Anzeigen zu der Nachmittag- für den lelgenben Tag erscheinenden Nummer bi- Sorm. 10 Uhr.

an Stelle Winnerod. Erstattung

1896. Stlbrrr»" liack

VkstGießnM stamtkiem-tcklier Berten dem Anzeiger »Schattlich dreimal beigeleg».

Ersatzwahl eines Mitglieds der Körcommisfion des verzogenen Administrators Hermann in Vorlage der Kretskafferechnung 1894/95 und des Rechenschaftsberichts dazu.

Genehmigung der Creditüberschreitungen

Rubriken 23, 23 a, 25, 26, 26b, 28, 30 und

giessen »W

Alle Annoncen-vureaux des In- unb Au-lande- nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Mm,

Der

Oietzemer Anzeiger erscheint täglich, »it Ausnahme des Montags.

Prüfung der ErgänznngSwahleu zum Kreistage.

Wahl der Mitglieder und Ersatzmänner der Einschätzung-« Tommisfion für die erste Abtheilung der Einkommensteuer m den SteuercommiffariatS«Bezirken Gießen (Land« gemeinden dieses Bezirks), Grünberg und Hungen, auf 3 Jahre.

unter 31.

M»9 * t«i. Obi-

Festsetzung des Kreiskaffe-VoranschlagS für 1896/97.

Gießen, den 17. März 1896.

GroßherzoglicheS Kreisamt Gießen, v. Gagern.

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1887 $

B 1631

Rovellette von H. Erlin.

(Nachdruck verbotm.)

Er saß ihr gegenüber und las in einem sentimentalen Romane, den sie ihm geliehen hatte. Sie aber zermarterte stch den Blondkopf mit der inhaltsschweren Frage, ob dieser lesende, pfeifenrauchende Musensohn nun wirklichEr" wäre, len ihr daS Schicksal bestimmt und den fie mit dem ganzen Ungestüm ihrer siebzehn Jahre erwartet hatte.

Mehr noch als erwartet hatte fie ihn sie hatte ihn geahnt. Und die heimlichen Thränen, die fie letzthin bei der ttcttt« vonWertherS Leiden" geweint hatte, waren bereits um daS zukünftige Leid ihres zukünftigen WertherS geflossen. Daß er endlich einmal kommen mußte, war so gewiß, wie He Thatsache, daß zehn Meilen in der Runde kein Mann in Frage kam, einen Werther für die romantisch beanlagte kleine Ella abzugeben.

Ganz gleich . . . kommen mußte er einmal! Je zu« fälliger, je unverhoffter daß geschah, je beffec!

Da war eineß Tage- ganz zufällig, ganz unverhofft Vetter Walter inß Hauß geschneit.

Er studirte in der benachbarten Universitätsstadt Medicin und wollte die Ferien zur Abwechslung einmal nicht daheim, imdern bei den Verwandten zubringen.

Ella befand fich feit der Ankunft des jungen Mannes, Leu fie vor fünf Jahren etwa zuletzt gesehen hatte, in be« zreiflicher Aufregung, da fie fich trotz reiflichster Beobachtung nicht klar darüber werden konnte, ob er derRichttge" wäre ibtr nicht.

Sobald es dir Gelegenheit gestattete, wie eben jetzt, friifte fie seinen äußeren Menschen auf daß Gewtffenhafteste leider stetß mit dem gleichen Mißerfolg: Wertherhafteß fartte er nicht an fich. Dazu war er viel zu gesund . . . del zu dick . . viel zu blond ... um die Augen allerdings falte er einen Leidenßzug . . . ganz entschieden ... der ko nnte fich ja mit der Zeit noch entwickeln ... und die Mundlinien . . .

In demselben Augenblick, wo Ella mit ihrer Beobachtung it.i den Mundlinien ihres Vetters angekommen war, klappte Mnfcr mit Vehemenz sein Buch zu und brummte gähnend:

Du bist 'mal ein wunderbarer Backfisch, Mädel. So n

Bekanntmachung.

Donnerstag, den 26. März d. I., Vormittags 10 Uhr,

fnbet in dem Regierungsgebäude dahier eine ordentliche Titznng deS Kreistages des Kreises Gießen mit folgender Tagesordnung statt:

Deutsche- Reich.

Berlin, 16. März. Die Frage der nun schon zweimal aer-aglückten Reichßfinanzreform taucht wieder auf. Leirigstenß wird dieses Problem jetzt wieder einmal durch ben von der Budgetcommission des Reichstages einstimmig zenehmigten Antrag des CentrumS-Abgeordneten Dr. Lieber angeregt, die Hälfte deß Ueberschuffeß der den Einzelstaaten piflrhenden Ueberweisungen über die Matrtcularbeiträge zur kchuldentilgung im Reiche zu verwenden. Selbstverständlich

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