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18.2.1896 Zweites Blatt
 
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Der chießever Anzeiger erscheint täglich, »ü Ausnahme de» Montags.

Die Gießener P.mtttenSlätter werde» dem Anzeiger Wöchentlich dreimal fceigdtgt.

Zweites Blatt. Dienstag den 18. Februar

1S96

Meßmer Anzeiger

Keneral-Mzeiger.

viert eljährlger Agoiuementspreß»» 2 Mark 20 Psg. mir Bringerloh».

Durch die Post bezöge» 2 Mark 50 Psg.

flcbaction, Expedit»» und Druckerei:

Zchntstraße Zlr.7« Fernsprecher 51.

Amts- und Anzeigeblntt für den Kreis Gieren.

Hratisöeitage: chießener Kamirienökätter

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag» für de» folgenden Tag erscheinenden Nummer bi» Sonn. 10 Uhr.

All: Annoncen-Bnreaux de» In» und Auslandes nehme» Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegne.

Anntliehev Theil.

Nr. 3 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 12. d. M., ruchült.

(Nr. 2289.) Bekanntmachung, betreffend Aenderungen -er Anlage B zur Verkehrs - Ordnung für die Eisenbahnen Tentschlands. Vom 9. Februar 1896.

Gießen, den 14. Februar 1896.

Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.

Gießen, 14. Februar 1896. Betreffend: Den Verkehr mit Wem.

Das Grotzherzogliche Kreisamt Gießen

an die Grotzh. Bürgermeistereien des Kreises^

ES ist in neuerer Zeit wiederholt beobachtet worden, baß gefälschte oder nachgemachte Weine unter dem Namen Medirinalweine" oder ähnlichen Bezerchuungen vertrieben werde«. Gegen solche Vergehen gegen daS Nahrungsmittel« g^etz vom 14. Mai 1879 eiuzuschreiten, erscheint um so mehr geboten, als derartige Erzeugnisse meisten» zum Genüsse unb zur Stärkung für Kranke und Genesende Der- weuduug finden und hauptsächlich von den weniger de- «ittelten Kreise« der Bevölkerung verwendet zu werden pflege«. Wir empfehlen deshalb, Ihre Gemeindeangehörigen in geeigneter Weise auf diese Fälschungen und Nachahmungen aufmerksam zu machen, nach Umständen Proben der frag­liche« Setränke durch Sachverständige untersuchen zu lassen, soweit fich dieselben als nachgemacht oder verfälscht erweisen auf Gründ der §§ 10, 11 und 15 des NahruogSmittel- zefetzeS da« strafrechtliche Berfahren zu veranlassen. Bon jeder Einleitung einer solchen Untersuchung ist unS Anzeige zv erstatten.

v. Gagern

Bekanntmachung.

Dienstag den 10. März d. I., Nachmittags 3 Uhr, wird auf LonhS Feisenkeller zu Gießen eine

General Versammlung

des landwirthschaftl. Bezirksvereins zu Gießen

abgehalten werden.

Zu dieser Versammlung werden alle Mitglieder des Vereins und der laudwirthschaftlicheu Localvereine, sowie alle Freunde der Landwirthschaft hierdurch freundlichst eiugeladen.

Die Herren Bürgermeister werden ergebeust ersucht, den in ihren Gemeinden wohnenden Mitgliedern des Vereins von dieser Einladung Kenntniß zu geben und auf recht zahl­reichen Besuch der Versammlung hivzuwtrken.

Tagesordnung:

1) Die Einführung von Heerdbüchern.

Referent: Herr Gutsbesitzer Sch lenke auf der Hardt.

Correferent: Herr Generalsekretär Dr. Rod ewald in Offenbach.

2) Die Giündung einer SchlachtviehverficherungSgesellschaft zu Gießen.

Referent: Herr Thierarzt Liebe zu Gießen.

3) Ankauf von Saatfrucht und Saatkartoffeln durch Ver­mittlung des landw. Bezirksvereins in diesem Frühjahr.

4) Mittheilung der Resultate der auf den Versuchsstationen im Jahre 1895 angebauten neuen Kartoffelsorten.

5) Beschlußfassung über die Stiftung von Ehrenpreisen für die GeflügelauSftellungen zu Mainz, Offenbach und Friedberg.

Gießen, den 10. Februar 1896.

Der Direktor des landwirthschaftlichen BezirksvereinS Gießen. Carl Jost.

n. Grünberg. 15. Februar. Gestern fand die Betriebs- Übergabe der Wasserleitung 'statt. Herr Bürgermeister

Zimmer begrüßte dre erschienenen Herren und gab Herr« Regierungsbaumeister Schmick aus Frankfurt, dem leitende« Baumeister, daS Wort zur Uebergabe. Derselbe berichtete kurz über die Entstehung und Einrichtung deS nun vollendete« großen Werkes 'und übergab es dem Vertreter der Stadt, der hierauf mit warmen Worten dem schon genannten Letter, ferner dem Unternehmer und den Arbeitern für die aufge­wendete Sorgfalt und die Mühen dankte. Herr Provinzial- director Freiherr von Gagern gab seiner Freude darüber Ausdruck, daß er hier ein in seiner Ausführung wohlgelungenes Werk vor sich sehe, desieo Herstellung eine Lebensfrage für unsere auf hohem Berg erbaute Stadt gewesen sei. Nun­mehr wurde der vortrefflich functionirende Benzinmotor hi Betrieb gesetzt und dann die Besichtigung der ganzen Anlage vorgenommen. Außer diesem Motor, der nicht immer t« Thätigkeit sein wird, arbeitet noch ein selbstthätigeS, früher schon eingerichtetes Pumpwerk, welches pro Tag 72 Eubik- meter Wasser auf den 69 Meter darüber gelegenen Hoch­behälter zu pumpen im Staude ist. Um 4 Uhr fand bau« unter der Aussicht des Herrn ProvinzialdirectorS die erste Feuerwehrübung, statt. Hierauf wurde daS auf de» fo- genannten DiebSthurm befindliche Reservoir befichtigt. Den Schluß bildete ein gemeinschaftliches Essen im Gasth«uS zum Hirsch".

Goddelau, 14. Februar. Eine fette Brühe scheint daS Gespül deS Landeshospttals Hofheim zu sein. Herr Ph. Schaffner ersteigerte dasselbe heute zum Preise von 2856 Mk.

Klein-Auheim, 13. Februar. Ein Bierbra«er aus Seligenstadt, der auf dieKundensuche" ausgegangen war, gab dieser Tage in einer hiesigen Wirthschaft den anwesenden Gästen einige Schoppen Freibier. Damit wollte er den Wirth, der bisher seinen Bierbedarf aus einer Hanauer Brauerei deckte, für fich gewinnen. Der Hanauer Lieferant, dem die« mitgetheilt wurde, erschien bald darauf mit einer aus 6 Hectolitern bestehenden Bterladung, die unentgeltlich a«S- geschenkt wurden! Darmft. Ztg.

Feuilleton.

Die Dde des Hora;.

Eine Faschingsgeschichte von OScar Li»ke.

(Nachdruck verboten.)

Nnnc est bibendum, nunc pede liberum Pnlsanda tellus . . .

Horaz: Aus den Tod der Cleopatra.

Eine behagliche Wärme, eine wundersame Dämmerung erfüllte den kleinen Salon. Vor dem Polhsaudertischchen ittf de» niedrigen Sessel saß Frau Oberlehrer Dr. Wagner Mit einer Handarbeit beschäftigt. DaS durch einen dunkel- rothfarbenen Schleier gedämpfte Lampenlicht verlieh der jungen Frau etwas madonnenähnlich Sanftes, während die «eeresgrauen Augen bisweilen zu dem Schwager fragens bivüberschamen.

Dieser, augenblicklich in Berlin weilend, um fich für den schwere« Affefforengang nach der Wtlhelwstraße vorzubereiteo, l«6 es war nach dem Abendbrod und ein schöner, kalter Faunarabend zur Stunde gerade nicht über seinemDern- bvrg", sondern hatte fich in die Lectüre derFliegenden Btättcr" verliest.

Die Mundwinkel der jungen Frau spitzten fich und es klang schelmisch lockend:

,Fraih?"

Der ZukunftSaffeffor blickte lächelnd auf.

Es bleibt habet?'*

ES bleibt dabei!"

Du nimmst es mir nicht übel?"

.Wie sollte ich, liebe Schwägerin! Ich begreife einfach neinen Bruder nickt. Was ist dabei? O, diese Schul - neister? In der Frauenfrage scheinen fie ganz noch aus Hütte» Standpunkte verharren zu wollen: Die Fra« in« stanS »ud der Wann i« die Kneipe!"

»Spötter, still, still*

Der Oberlehrer trat ein; trotzdem er eine» laugen, dunkelblauen, wie mit Flocken besäten Winterüberzieher trug, ^le er fich doch et« dnakelrotheS seidenes Tuch um den Hal« geschlungen; in der Linken hielt er einen Filzhut, so sablgrau schon, daß er jedem Museum für deutsche Alter- chLmer Ehre gemacht hätte.

Also," Hub er etwas schwerfällig an und stellte fich bau seine Frau, ihre Hände umfassend mit den seinen, die in bärenhaft unförmlichen Handschuhen steckten,also verzeihe

mir, es muß sein. Wir modernen Philologen stehen schon nicht mehr im besten Rufe, unsere freie Zeit so solide aus­zunutzen wie ein Dindorfius, DübnertuS und ähnliche ewige Leutchen unserer erhabensten aller Wissenschaften. Kind, Freund Oberweier"

Oberfaul" schaltete Bruder Franz spottend ein.

Ein zürnender Blick traf ihn, begleitet von einer be­schwichtigend ängstlichen Handbeweguug.

Freund Oberweier" daömeier" wurde genügend scharf betontwill mit mir jeden SamStag das seit unserer Studentenzeit arg vernachlässigte Horazstudium wieder aufnehmen. Seit wir die Mutter im Hause haben und der Fritz auS dem Gröbsten heraus ist, wirft Du mich ja wohl für ein paar Abendstunden in der Woche entbehren können. Ja, der große römische Poet HoratiuS! Seit dem großen Holländer Philologen PerlcamptuS ist sein Studium arg vernachläsfigt worden. Goldquellen liegen noch sprudelnd in ihm"

Du, Brüderchen, kommt in diesem Poeten nicht das bekannte Wort vor: Nunc est bibendum, nunc pede liberum Jetzt laßt uns trinken und tanzen, denn wir find frei."

Frau Martha lachte laut auf und blickte ihren Schwager beifällig nickend an.

Der Doctor aber sagte voll schulmeisterlich abweisender Würde:

Du meinst wohl wieder . . . nein" und er wandte fich wieder seinem heiteren Hauskobold zu und küßte seine Frau zum Abschied herzhaft auf den Mundnein, und wenn eS auch btS drei Uhr nach Mitternacht währen sollte, bedenke, theure Thusnelda, Dein Hermann wird die Fahne der Wissenschaft hochhalten . . Gute Nacht auch Du!"

Auf W ederseheu!"

Ja, Morgen"

Der Doctor, selber über seinen Witz lachend, verließ daS Gemach in dem doppelt erhebenden Bewußtsein, daß feine Frau ihn so leichten Kaufes fretgegeben hatte und nicht- von feinem wahren Horazstudium ahnte.

Und Frau Martha? Sie war aufgesprungen vom Sessel, hatte ihren Schwager umfaßt und tanzte mit ihm in dem kleinen Salon ein paar Mal auf und nieder.

Köstlich, köstlich, welch ein Göttervergnügen! Er hat mich immer ausgelacht, ja, gescholten wie ein thörichteS Sind, aber nun werde ich doch einmal weinen W-llen durchsetzen. Ich will Euer D« verstehst wohl Euer.Berlin einmal gründlich kennen lernen."

Du hast recht, liebe Martha, gra« ist der Zeitnug

farbigster Bericht und grün allein u. s. w. . . So waS kaun man doch nicht gleich extemporireu; aber Du weißt ja, was ich meine . . Na, denn hinein in den Strom der Groß­stadt ! Wirf Dich schnell in Dein Fideliocostüw jetzt geht es zum Ball in der Philharmonie."

Und als was willst Du gehen?"

DaS wirft Du sehr bald sehen."

Beide entfernten sich; er begab fich nach dem sogenannte« Fremdenzimmer, daS er für seinen Aufenthalt in Berlin i« Beschlag genommen hatte, und fie ging in die Schlafstube.

Hier lag der kleine Fritz in seiner Wiege. Die Groß­mutter saß neben dem rosigen Schläfer und las, eine Brille auf der Rase, die Abendzeitung. Eingeweiht in den tolle« Plan ihrer Schwiegertochter, schüttelte fie wohl uuwerUich den grauen Kopf; aber fie sagte kein Wort deS Tadels. Sie begnügte fich damit, . bie heutigen jungen Frauen nicht »ehr zu verstehen, obwohl fie das Verhalten ihres Sohnes auch nicht ganz ordnungsmäßig sand. Da war ihr seliger Pro­fessor ein anderer Mann gewesen. Welches EarnevalSlebe« gerade in dieser Zett in der lauschigen Universitätsstadt, wo man sich gegenseitig in die Fenster sehen konnte und e» SamStag schon wußte, was der Nachbar Sonntags im Topfe haben werde. Hier kannte man nicht einmal die Mitbewohner des Hauses.

Indessen, die gute alte Frau erhob fich bereitwillig, um dem übermüthigen Weibchen bei seiner Umwandlung in einen phantastischen Fidelio hilfreich zu sein der bloße Gedanke, gerade diese ihr wohlvertraute Heldin der klasfischen Opernbüh« von der Tochter gewählt zu sehen, versöhnte die muflkalische Professorswittwe einigermaßen mit der Absicht Frau Manha».

Bald war die Eostümirung beendet. Frau Martha neigte fich noch einmal über die kleine Wiege und küßte die rofig erglühenden Wangen ihres holden Lieblings. Darm ging fie in den kleinen Salon hinüber, wo Schwager Franz als Gralsritter ihrer schon wartete.

Sie mußte vor ihm einige Male auf- und abmarschire»; es fehlte nicht an heiteren Scherzen. Wäre Frau Martha nicht eben Frau Oberlehrer Dr. Wagner, die Gattin seines Bruders gewesen, er hätte sicherlich diesem liebreizenden Fidelio einen Kuß gegeben und ihm Wangen und Rücken gestreichelt, indessen so begnügte er fich mit der Bemerkung:

Wie schade, liebe Schwägerin, daß ich nicht in diese« Augenblicke Dein klassischer Ehebrummbär bin!"

^Fortsetzung folgt.)