Nr. 15
Der
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Zweites Blatt. Samstag den 18. Januar
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Der Krieg von 1870|71,
Geschildert durch Ausschnitte aus ZettungS-Nummern jener Zeit (Nachdruck verboten.)
18. Januar.
? Verfall eß, 18. Januar. Bourbaki hat nach drei« tägiger Schlacht sich vor dem Werder'schen heldenmüthigen Widerstände zurückgezogen. Werder gebührt die höchste Anerkennung und seinen tapfern Truppen. Wilhelm. V* »In dem Schlöffe Ludwigs XIV., in dem alten Sitze einer feindlichen Macht, die Jahrhunderte hindurch Erniedrigung und Zersplitterung Deutschlands auf ihre Fahnen geschrieben hatte, fand am 18. Januar, dem einhundertund- fiebeozigjährigen Gedenktage des preußischen KvnigthumS, die feierliche Verkündigung des deutschen Kaiserreichs statt. Die unabweiSlichen Pflichten des Kriegsdienstes verhinderten, daß alle Thetle deS um Paris lagernden deutschen HeereS sich in gleichmäßiger Stärke an der Kaiserfeier bethetligten. Bon den entfernter liegenden Truppen hatten nur einzelne Abordnungen entsandt werden können. Die obersten Führer aber, und mit ihnen Abgesandte der OffiziercorpS waren zur Stelle erschienen. Den beiden bayerischen Corps war frei- gestellt worden, ob sie an der Festlichkeit theilnehmeu wollten. Sie entsprachen dieser Aufforderung, indem sie den größten Thett ihrer Fahnen nach Versailles abschickten und außerdem sich durch die sämmtltchcn Prinzen deS bayerischen Königs Hauses, die im Felde vor Paris stehen, sowie durch zahlreiche Deputationen der Offiziere und mehrere Detachements Soldaten vertreten ließen. Seine Majestät verließ das Haupt, quartier Schlag zwölf Uhr. Dor dem Schlöffe angekommen Hefe er es auch heute sich nicht nehmen, die Truppen der Ehrenwache zu inspizieren. . . . Während Se. Majestät, umgeben von den Prinzen, den Fürsten, Generalen und Ministern noch einige Augenblicke in den Vorzimmern der Festräume verweilten, hatte sich in dem Saale, wo die Feierlichkeit stattfinden sollte, tum Spiegelsaal, die Versammlung geordnet. An der Südseite, die nach dem Park geht, rechts und links von dem mit einer rothen Decke bekleideten Altar, welcher als Symbol das Zeichen deS eisernen Kreuzes trug, standen die Truppen, welche die Fahnen nach Versailles begleitet
Feuilleton.
Frankfurter Brief.
(Originalberichi für ben „Gtetzener Anzeiger".)
(Nachdruck verboten.) Liebelei, Drama von Arthur Schnitzler. Frau- Stuck im Schueider'fchen Kunstsalon. Vornehme Gäste.
Dr. M. Unsere Voraussetzungen hinsichtlich des Schnitzler- scheu Schauspiels find Samstag Abend in Erfüllung gegangen. .Liebelei" errang einen unbestrittenen Erfolg und der noch jugendliche Autor, welcher in der Jntendantenloge saß, wurde mehrere Male gerufen und durfte sich dankend verneigen.
Arthur Schnitzler hat einen Romankopf wie er im Buch steht und seine iutereffanten GefichtSzüge, sein dunkles, tief i* die Stirn fallendes Haargelock dürfte sogar Manche mit der bösen modernen Schule auSsöhnen. Denn* daß er zu dieser gehört, ganz und gar vom dramatischen Freilichtstil beherrscht ist und die kleinen theatralischen Kniffe verachtet, ist wohl Allen klar geworden, welche der Premiöre im Frankfurter Schausplelhause beigewohnt haben. An Schnitzler ist kein romantischer oder auch nur sentimentaler Zug, und da», was er in „Liebelei" bringt, wird von Vielen kaum als „Poesie" angesehen werden.
ES ist eine sehr alltägliche Geschichte, die sich da in den drei Acten, eigentlich mehr novellistisch al» dramatisch abwickelt. Die Fabel kommt auch erst in zweiter, dritter Linie bei dem Wiener Poeten. Die Hauptsache ist ihm der Coutact, der sich zwischen den Personen erzeugt, und das überrascht Diejenigen keineswegs, welche bereits die Bekanntschaft de» Novellisten Schnitzler gemacht haben.
Als der Vorhang aufgeht, sehen wir zwei Freunde, die sich trotz ober vielleicht gerade wegen ihres entgegengesetzten Temperaments prächtig vertragen, in eifrigem Gespräch über da- alte und stets neue Thema — die Frauen. „Man muß sie nicht zu iutereffanten und bämo» eschen Wesen ausbauschen, die nur Unruhe und Aufregung in unser Leben tragen, die Frauen sollen unS erfreuen und beruhigend auf unser Gemüth wirken!" Da» ist ungefähr die Meinung des einen der jungen Männer, des Theodor Kaiser (Herr Volz), welcher eifrig in feinen Freund Fritz Lobheimer (Herr Bauer) dringt, doch das gefährliche und nervenschädliche Berhältnife zn einer verheiraiheien Fran auf
hatten. Die Fahnen selbst, von den Fahnenträgern gehalten, hatten ihren Platz auf einer Estrade an der Ostseite des Feftraumes. Die Zahl der anwesenden Offiziere betrug zwischen fünf, und sechshundert. Bald nach 12x/< Uhr traten Se. Majestät in den Festsaal ein, während ein Sängerchor, zusammengesetzt aus Mannschaften deS siebenten, sicbenund- vierzigsten und achtundfünfzigsten Regimentes, das „Jauchzet drm Henn alle Welt" anstimmte. Der König nahm in der Mitte vor dem Altar Aufstellung, im Halbkreise um Seine Majestät die Prinzen und Fürsten. „Nach dem Chorgesang sang die Gemeinde einen VerS des Chorals: „Set Lob und Ehr". Dann folgte die Liturgie und darauf die Festrede. Nachdem der Gesang „Nun danket alle Gott" und der Segen die kirchliche Feierltchkeit beendet hatten, schritten Se. Maj. durch die Reihen der Versammlung auf die Estrade zu, verlasen vor den Fahnen die Urkunde der Verkündigung deS Kaiserreiches und gaben dann dem Bundeskanzler den Befehl zur Verlesung bet „Proklamation an das deutsche Volk". Mir lauter Stimme rief darauf der Großherzog von Baden: „Se. Majestät der Kaiser Wilhelm lebe hoch!" Unter den Klängen der Volkshymne („Heil Dir im Siegerkranz") stimmte die Versammlung dreimal begeistert ein. „Se. Kaiserliche Majestät umarmten daun den Kronprinzen, den Prinzen Karl und die ihm persönlich verwandten Fürsten. Dann ließ der Kaiser die Deputationen der Offiziere an sich vorÜberpasfieren und ging an den Reihen der im Saale aufgestellten Truppen entlang. Die Mustkco PS hatten sich inzwischen in dem an die Galerie östlich anstoßenden „FriedenSsaal" aufgestellt. Sie begrüßten Seine Majestät, als er, von den Prinzen, Fürsten und Generalen begleitet, den Festraum verliefe, mit dem Hohenfriedberger Marsch. Die Offiziere folgten Sr. Majestät,- die Fahnen wurden von den begleitenden Mannschaften in Empfang genommen." , (StaatSanz.)
-m.- Lollar, 16. Januar. Am vorigen SamStag, den 11. Januar, wurde auf Main - Weser - Hütte bei Lollar ein seltenes Jubiläum gefeiert. Formermeister Konrad Wolf beging baß Fest seines 25 jährigen Jubiläums als Former- meister und das 40 jährige seiner Dienstzeit bei der Firma
zugeben, baß seine Zeit und Seelenruhe bereit» Über Gebühr in Anspruch nehme. AIS Ablenkung hat er ihm eine kleine Freundin besorgt. Die Kameradin Derjenigen, mit welcher er selber „geht". Die MädelS, echter Wiener Schlag, erscheinen. ES find keine franzöfischen Grisetten, eß find sanfte, gutmüthige Dinger, die sich und ihren Liebhabern ein paar frohe Stunden bereiten möchten. ES wird gelacht, gescherzt und musicirt, aber kein zweideutiges Wort fällt, trotzdem diese Berhältniffe ja sehr eindeutig sind. Christine, die zu Fritz hält, nimmt die Sache übrigens ernst, ihrem ganzen Character nach, wogegen die flotte Mizi sich und der Gefährttn mit großer GemllthSruhe sagt, daß derartige Liebeleien über kurz ober lang ihr Ende zu finden Pflegen. Christine ist eifersüchtig, sie möchte ganz allein FritzenS Herz besitzen; aus jedem ihrer Worte hört man'ß heraus, daß er in der That ihre erste und einzige Liebe fein wird. Doch da steht auch schon das Verhängmß vor der Thür, in Gestalt des Ehemanns, der Fritz zur Rechenschaft zu ziehen kommt. Da» Duell ist unvermeidlich. Den Mädels wird die Sache natürlich verschwiegen und scheinbar lustig geht da» kleine Souper zu Ende.
Im nächsten Act findet Fritz, während bereits alle Vorbereitungen zum Zweikampf getroffen sind, auch einmal den Weg in Christinens befcheidenes, friedliches Heim, baß sie mit ihrem alten Vater, einem Orchestermitgliede, theilt. Hier dämmert dem jungen Manne so etwas wie eine Ahnung darüber auf, daß doch Christine das Glück für ihn bedeuten könne. Aber eß ist zu spät, er muß fort, er hat sich fein Schicksal selbst geschmiedet und er kann ihm nicht entgehen. Friß fällt in dem Duell, und ohne Vorbereitung erfährt Christine von dem traurigen Ausgang. Wie betäubt steht sie ba; sie kann eß Anfangs gar nicht faf^n, besonders baß Eine nicht: daß er, der ihr Alles war, "um einer anderen Frau willen, gefallen und daß er, ohne ein Abfchiedswort zu hinterlaffen, von ihr gegangen fei. Sie will ihn wenigstens im Tode noch einmal sehen, — S ist zu spät, die Beerdigung hat bereits ftattgefunden. Der Freund Theodor bringt, als er die gräßliche Verzweiflung des Mädchens sieht, Ent- schuldigungsgründe vor, daß er erst jetzt die Botschaft dringe: er hätte soviel zu thun gehabt, man hätte ja auch nur die Nächften benachrichtigt usw. Da fängt Christine an, zu begreifen, waS sie dem Tobten gewesen: eine flüchtige Liebelei, nichts mehr! Und mit dieser Erkenntniß bricht für sie Alle»
BuderuS. Der Jubilar trat irn Jahre 1855 bei genannter Firma ein, war unausgesetzt in deren Diensten und wurde nach 15 jähriger Thätigkeit zum Formermeister besördert. Während seiner ganzen Dienstzeit zeichnete sich der Jubilar durch seltene Pflichttreue, Eifer und Energie auS und ist er bei seinen Untergebenen wegen feiner strengen Rechtlichkeit sehr beliebt. Hochgeschätzt von der Firma BuderuS, wurde demselben von dem jetzigen Chef der Main - Weser - Hütte, Herrn Carl BuderuS, in Anerkennung feiner Verdienste eine goldene Uhr Überreicht. Abends fand in dem Gasthaus zur Germania eine kleine Feier statt, bei welcher der Jubilar durch Reden und GesangSvorträge gefeiert wurde. Seine Sollegen überreichten ihm bei dieser Gelegenheit ein Gedenk- blatt. Möge eS dem Jubilar vergönnt sein, noch eine lange Reihe von Jahren in voller Rüstigkeit seinen Berus zu erfüllen.
Nidda, 14. Januar. Zur Feier deS 25jährigen Jubiläums der Errichtung deS Deutschen Kaiserreiches findet am SamStag Abend dahier unter Betheiligung der Vereine, ein Fackelzug statt und wird alsdann am Schillergarten der Platz für ein zu errichtendes Kriegerdenkmal ein- geweiht werden, worauf ein großer Commers im Hotel „Zur Traube" stattfinden soll. Für Sonntag, den 19. Januar, ist seitens des Beteranenverbandes Nidda im „Gambrinus" ein Covcert und Festcomrnerß alß Nachfeier projectirt.
An» dem Vogelsberg, 14. Januar. Da die auß der Gegend von Frischborn und dem Spessart nach Frankfurt geleiteten Wassermassen dem dortigen Verbrauche nicht vollständig genügen, geht man jetzt mit dem Gedanken um, ein Seitenthälchen beß Brachtthales durch einen 30 Mtr. breiten Damm zu sperren und dadurch ein gewaltige» Wasserreservoir herzustellen, das den Mehrbedarf an Wasser jederzeit reichlich liefern kann. Durch die in letzterer Zeit von Frankfurter Ingenieuren angestellten Bohrversuche haben in der arbeitslosen Winterszeit viele Leute auß unserer Gegend lohnenden Verdienst gefunden. Auch wird jetzt der Plan erwogen, eine Nebenbahn von Wächtersbach durch daß Brachtthal nach Birstein zu führen, um diese Gegend dem Verkehr zu erschließen. Gegen den weiteren Wafferbezug aus dem Quellen- gebiet des Vogelsberg» von Seiten der Stadt Frankfurt hat die Stadt Hanau Einspruch erhoben.
zusammen- in wilder Hast stürzt sie fort, nach seinem Grabe — nicht um dort zu beten. Ihr alter Vater aber stammelt unter Schluchzen die Worte hervor: fie kommt nicht wieder! Und diese Ueberzeugung drängt sich auch dem Hörer mit unabweislicher Nothwendigkeit auf.
In der modernen Dramenliteratur gibt eS drei Stücke, die verwandtes Gesühlskltma haben, das find „Tristi amore“ beß Italieners Giacosa, Max Halbes „Jugend" und endlich Schnitzlers „Liebelei", daß in der Frankfurter Besetzung neulich eine vorzügliche Darstellung gewann. Die lustig oberflächliche Mizi konnte man sich nicht besser und lebenswahrer denken alß Frl. A. Bock sie gab, und ebenso richtig fand Frl. Landori den Ton für die sentimental angehauchte Christine. Bei ben Herren Bauer und Bolz waren die im Temperament so verschieden georteten jungen Männer gleichfallß gut untergebracht.
Am Sonntag wurde daß Drama am Abend wiederholt, während in den Nachmittagßftunden zum ersten Male „Daß Glück im Winkel" zu kleinen Preisen gegeben wurde und zwar bei nahezu ausverkauftem Hause.
WaS ich Ihren Lesern vor einigen Wochen prophezeite, ist ja nun auch eingetroffen: Der „Gießener Theaterverein" will sich den neuesten Sudermann, von dem er sich mit Recht die größte Zugkraft verspricht, zumal in dem Frankfurter Ensemble, nicht entgehen taffen.
Im Schn eider'schen Kunstsalon befindet sich gegenwärtig eine Collection von Bildern und Studien Franz Stucks, den wir noch immer auf der äußersten Linken der modernen Malerei zu suchen haben. Der Münchener Maler ist eine originelle, aber keineswegs sympathische Grüße. Seine Actstudien werden Übrigens dem Kenner sagen, daß er eß hier mit einer schöpferischen Straft ersten Rangeß zu thun hat.
In vergangener Woche haben zwei Menschen die schöne Mainstadt im Borübergehen gestreift, deren geistige Bedeutung wohl ntemalß eine populäre Wirkung erzielen wird, deren Namen aber in (Sittefreifen zu den oft genannten gehören: die interessante Essayistin Laura Marholm und deren Gatte Ola Homsfon auß Schliersee, Beide hervorragend in der psychologischen Studie, in der geistigen Bivisection. Ihr Besuch galt in erster Linie dem Atelier Hanß Thomas, für ben fie die richtige Werthschätzung empfinden.


