Ausgabe 
16.12.1896 Zweites Blatt
 
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Nr. 296

Zweites Blatt. MWvoch den 16. December

1806

Gießener Anzeiger

Kenerak-Mnzeiger.

Die Gießener A«mlrienvrälter wrrden dem Anzeiger wdchrntlich dreimal heigelegt.

Der

Hietzeuer Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme dcS Montags.

Lierleljähriger AvonnemeatspreiLk 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerloha.

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Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für de« folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr.

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Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehme» t Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgeg««.

. CoctU» und prot>ht$UUr#,

Sietze», den 15. December 1896.

* «etrachtnugeu über die Wahl non paffenden Weihnacht«, gescheuten! Die schöne deutsche Sitte, unsere Lieben zum WethnachtSfest mit einer Gabe zu bedenken, wird uns häufig durch die Wahl dessen, was wir schenken sollen, erschwert. Apart und originell muß eS sein, wenn es nachhaltige Freude bereiten soll. Ein Geschenk, welches diese Aufgabe erfüllt, find unzweifelhaft die Diaphanie-GlaSbtlder der Kunstanstalt Grimme LHempel A.-G. tnLeipzig. Gute Musik ist allzeit für ein vergrämtes Gemüth eine Trösterin gewesen. Aber nicht minder geeignet, um sorgen« volle Gedanken zu verscheuchen, erweist sich daS Beschauen künstlerisch ausgesührter Bilder. Man betrete ein mit dieser originellen Fensterdecoratton von Grimme & Hempel'schen Diaphanien geschmücktes Zimmer und eine beruhigende, heitere, erhebende und weihevolle Stimmung wird sich unserer be­mächtigen. Die Firma, deren DeviseSchmücke Dein Heim" zu den verbreitetsten geflügelten Worten gehört, bietet in einer umfafienden Reichhaltigkeit Bildersujets jeden Genres, welche durch fortwährende Neuerwerbungen hervorragender Schöpf« ungen der berühmtesten modernen Maler vermehrt werden. Bet Einkäufen achte man genau darauf, daß auch eine Menge mtuderwerthiger Erzeugnisse im Handel find, welche in mangelhafter technischer Ausführung nach veralteten Oel- farbendruckeu usw. reproducirt worden find. Jeder Late tft im Stande, diese werthlosen Nachahmungen von den Diaphanien der Kuustaustalt Grimme & Hempel A.-G. in Leipzig durch Vergleich zu unterscheiden. In Girßen befindet sich die Filiale tu den Räumen der Firma Otto Hochstätt er, wo man die Diaphanien zu den Ortgtnalpretsen erwerben kann.

** Nach der Berufszählung vom 14. Juni 1895 im Großherzogthum Hessen zählte man in den Berufsabtheiluugen: 1) Landwirthlchaft, Gärtnerei und Thierzucht, Forstwirth« schäft uud Fischerei 371,919, 2) Bergbau und Hüttenwesen, Industrie und Bauwesen 394,291, 3) Handel und Verkehr 123,412, 4) Häusliche Dienste (einschließlich persönliche Be« dtenung, auch Lohnarbeit wechselnder Art) 16,396, 5) Militär«, Hof-, bürgerlicher und kirchlicher Dienst, auch sog. freie Be- -rufsarten 66,972, 6) ohne Beruf und Berufsangabe 59,184, zusammen 1,032,144 Personen.

Mucke, 14. December. In der htefigen Schmidt- scheu Dampfschnetderei ereignete fich ein schwerer Un­fall. Ein junger Mann, ein Verwandter de» Besitzers der Dampfschnetderei, war noch mit einer Arbeit der Säge- einrichtung beschäftigt, al» der denselben nicht sehende Hetzer die Maschine in Bewegung setzte. Obwohl Letzterer die Maschine sofort stehen ließ, war doch der junge Mann vom Treibriemen erfaßt und einigemal herumgeschleudert worden. Innerlich schwer verletzt, hob man deu Verunglückten auf und brachte ihn in die Schmidt'sche Behausung.

§ AuS dem Ohmthal, 14. December. Das electrische Licht, in unseren Thaldörfern seither zwar nicht unbekannt aber unetngesührt, wird nun in Bälde auch hierin seinen Einzug halten. In Nteder-Ohmen läßt der dortige Mühlen- befltzer Neeb eine electrische Beleuchtungsanlage für sein umfassendes Gewerk anlegen. Obwohl in erster Linie Wasser­kraft zur Verwendung kommt, soll doch daneben noch ein Motor aufgestellt werden. Der Mühlenbefitzer eines anderen Ortes an der Ohm beabsichtigt gleichfalls, im kommenden Jahre eine electr,sche Beleuchtungsanlage zu errichten. Auch Schlosser- und Maschinenwerkstätten planen die Benutzung electrischer Kraft zum Betriebe und zur Beleuchtung. Hoff-nt ltch rücken wir damit dem Ziele näher, daß das electrische Licht in den Ortschaften, deren Loge eine günstige ist, zum Gemeingut wird und daß namentlich die Dunkelheit der OrtSstraßen verschwindet.

Mainz, 14. December. In Budenheim wurden kürzlich zu leicht befundene Brode bei einem Bäckermeister confiscirt. Ueber die Verwendung dieses Brodrs gestattete fich ein Taglöhner verleumderische Aeußerungen gegen den Bürgermeister von Budenheim, Herrn Georg Heinrich Unkel- Häuser. Erbost hierüber ließ der Bürgermeister den Be­leidiger in sein Bureau bestellen und prügelte ihn dort eigenhändig durch. Wegen Körperverletzung deshalb ange- klagt, stand Unkelhäuser heute vor der Strafkammer deS Landgerichts. DaS Gericht nahm an, daß kein Vergehen im Amte vorliege und verurtheilte ihn zu einer Geldttrafe von 25 Mark.

* Pofe», 12. December. Heute früh wurde der wegen Raubmordes zum Tode verurtheilte Knecht Johann Stawnh hingerichtet.

* Weimar, 10. December. Eine 19jährige Amerikanerin, Fraulein Bertha Kluckhohn, die sich hier dem Studium

der Musik widmete, suchte in tiefer Schwermuth den Tod i» der Ilm, aus der gestern ihre Leiche geborgen wurde.

* München. 13. December. Wie sehr da» Vereins- wesen fich in München entwickelt hat, ersteht man aus de« neuen Adreßbuch, daS 2541 Vereine aufzählt. Da München 407 037 Einwohner nach der letzten Zählung auSgewtesen Hal, trifft auf je 160 Köpfe ein Verein. Künstler und Künstlerinnen (Architecten, Bildhauer, ßdnftemUr, Kupfer­stecher und Xylographen) leben hier nicht ronUg«« als 1502.

Ei» Ennosum in Bezug auf die A«»ei»de»«tzl dürste der Oct HalS bei Passau sein. Dort fi»d 34 »ichlberech- tigte Bürger vorhanden, unter welchen stch 6 Magistrat»- räthe, 18 Gemeinde-Bevollmächtigte, 6 Ersatzmänner uud ei» Bürgermeister befinden- mithin bleibe» geueze drei Mann übrig, welche kein Gemeindeamt bekleiden.

Citcrotu» unb Kauft

Ein lttterarischeS Selbstbekenntntß von höchstem Jntereffe wird in der allernächsten Zeit in der bekannten illustririen Zeit­schriftSom Ael» zum Meer" (Stuttgart, Union Deutsche Ver- lagsgesrllschast) zur Veröffentlichung gelangen. Es handelt sich um den ltlterartschen Nachlaß Anton Rubinsteins, den der Verlag der Zeitschrift zum Abdruck erworben hat. Mit bekanntem Freimuth hat in ihm der große Meister seine von den landläufigen Ideen ost rodi abweichenden Anschauungen über Kunst und Leben in evigram- malischer Schärfe niedergelegt. Die jetzige Pu-likatton der Auf­zeichnungen erfolgt nach dem letzten Willen Rubinsteins, welcher die Berwerthung der Arbeit zu Gunsten seiner Enkelkinder anordnete. Allen Verehrern des Dabtngegangenen wird diese Publikation, die das Characterbtld Rubinsteins um viele neue und intime Züge be­reichert, willkommen sein.

Schiff-nachrichte«.

Norddeutscher Lloyd, in Gießen vertreten durch die Agenten Carl LooS und I. M. Schulhof.

Bremen, 11.December. (Per transatlantischen Telegraph.) Der Schnelldampfer Spree, Capitän A. Meier, vom Norddeutschen Lloyd in Bremen, ist gestern 12 Uhr Mittags wohlbehalten in Newyok angekommen.

Bremen, 11. December. (Per transatlantischen Telegraph.) Der Postdampfer Halle, Eapitän E. Rätz, vom Norddeutschen Lloyd in Bremen, ist gestern 6 Uhr Abend» wohlbehalten in Galvcston angekommen.

Der PostdampferNederland" der »Red Star ßtatt* in Ant­werpen ist laut Telegramm am 11. December wohlbehalten in Philadelphia angekommen.

Fanilleton.

Da» erste Eonrert.

Don E. Eapley.

(Schluß.)

Unterdessen haben die beiden Damen völlig den Kopf verloren. Während die Mutter fassungslos auf und ab läuft und über die theure Saalmiethe jammert, die nun ver­geudet ist, liegt ihre Tochter halb ohnmächtig in einem Sessel imb kämpft mit den Thränen.

Da wird an der Thür geklopft. Der Kellner tritt ein wnb überreicht dem jungen Mädchen eine Karte mit der ihm befohlenen Meldung."

Margarethe be.achtete nicht den Namen auf der Karte - wie einem Ertrinkenden die rettende Hand, so erscheint ihr der Fremde. Sie springt auf und eilt ihm entgegen.

£), mein Herr, wie freundlich, wie gut von Ihnen! Aber/ fährt sie, fich besinnend, fort,werden Sie auch Meine Lieder vom Blatt lesen können, ohne sie vorher durch- Zusehen?

Der Fremde, ein blasser Mann mit dunklen, tiefliegenden Augen unb vornehmen Manieren, nickt amüfirt.

Ich will es versuchen/ antwortet er lächelnd,ich dabe das Programm gelesen. Sind Sie bereit, sogleich anst zjirtreten?" fügt er hinzu, dem erregten Kinde den Arm fcnetenb,ich fürchte, wir dürfen unser Publikum nicht länger auf die Folter spannen.-

Margarethe athmet tief auf und läßt fich zur Thür führen. Plötzlich jedoch erblaßt sie und steht ihren Begleiter eirschrockea an.

Gütiger Himmel," ruft fie,Rölig hat meine Noten! WaS fangen wir an?"

Seien Sie unbesorgt, mein Fräulein," beruhigt fie der Fremde zuversichtlich.Ich brauche keine Noten und bitte Gie nur, mir vor jeder Pi-ce anzugeben- in welcher Tonart Bie gewohnt find, dieselbe zu fingen."

Da öffnet er die Thür unb führt die zitternde Sängerin hinaus auf da» erhöhte Podium des SaaleS.

Margarethe erfaßt ein Schwindel. Die Hellen Lampen, die vielen ihr zugewendeten Gesichter verschwimmen wie im Nebel vor ihren Augen. Sie hört kaum das langgedehnte Ahahah" de» fast verblüfften Erstaunens, welches ihr Erscheinen begrüßt sie bemerkt nicht, wie der Theater- director, der fich bereits erhoben hat, um den Saal zu ver­lassen, mit dem leisen Ausruf:Donnerwetter!" wieder in feinen Stuhl zurückfickt und plötzlich ganz freudig und erwartungsvoll audsteht- fie sieht nicht da» vor Wuth verzerrte Gesicht ihres um feine Rache betrogenen Anbeters. Sie steht am Flügel mit der einzigen Empfindung, daß der ganze Saal im Begriff ist, tief, tief in die Erde hinein zu versinken.

Ihr Begleiter scheint fie zu verstehen.

Singen Sie noch nicht," flüstert er ihr zu,ich werde zuerst ein wenig spielen."

Und er spielt, hinreißend, stnnbethörend, wie nur Ec spielen kann. Die Zuhörer fitzen wie im Traume ent­rückt und wagen kaum zu athmen.

Und Margarethe?

Sie hat keine Ahnung, wer ist, der sie begleitet, fie fühlt nur, daß fie einen solchen Meister in ihrem Leben noch nie gehört hat. Alle ihre Anast ist von ihr gewichen - fie vergißt ihre Umgebung und ihr Publikum. Die wunder­baren Klänge tragen fie empor, hoch über die Misören deS LrdenS, über allen Kummer unb alle Sorge. Sie fühlt nur die Macht der Musik und lebt in einer Welt von Tönen. Als dann der Meister ohne Pause zu der ersten Nummer ihre» Programms übergeht und unter feinen Händen die ergreifenden Klänge der größten Oper de» größten Eom« ponisten der Welt durch deu Saal rauschen, da fühlt fich Margarethe so heimisch und geborgen in dieser herrlichen Tonwelt, daß eS ihr ganz selbstverständlich erscheint, mit den Worten LeonorenS ei»znfallen. Sie ist wie electrifirt- fir singt wie noch nie zuvor in ihrem Leben und weiß e» selber kaum.

Endlich schweigen Llavier und Stimme und ein nicht enden wollender Applan» bricht los. Margarethe blickt ihren Begleiter an, als erwache sie an» einem tiefen Traume. Jener nickt ihr lächelnd zu und geht zu der nächsten Nummer über.

Der letzte Ton ist verhallt, daS Publikum jubelt frenetischen Beifall- der Theaterdirector, der bi» zum Ende geblieben ist, klatscht am lautesten von allen..ig h^t längst in ohnmächtiger Wuth den Saal verlassen. Sein Racheplan ist gescheitert und seine Bosheit hat Margarethe zu einem ungeahnten Erfolge verhalfen.

Der Fremde führt die glückstrahlende Debütantin in» Nebenzimmer und überliefert fie ihrer zu Thränen gerührten Mutter.

Dann reicht er ihr die Hand und indem er das lieb­lich erröthende Geficht feine» Schützling» mit sichtlichem Wohl­gefallen betrachtet, sagt er:

Ich gratulire Ihnen, mein Fräulein- Sie haben heute den ersten Schritt aus einer Laufbahn gethan, die Sie z» Glück und Ehren führen wird, denn Sie besitzen eine außer­gewöhnlich schöne Stimme. Wir werden unfi sicherlich noch oft im Leben begegnen unb Sie können versichert sein, baß ich Ihr Schicksal stets mit Interesse verfolgen werde."

Er verabschiedete fich hastig, ohne den warmen Dank der Damen anzunehmen.

Sobald er gegangen ist, zieht Margarethe seine Karte au» ihrer Tasche uud liest neugierig den darauf gedruckten Namen.

Auf der Karte steht: Franz Liszt.--

Seit dieser Zeit find viele Jahre vergangen. Margarethe erhielt infolge ihre» ersten EoncertcS ein festes Engagement in W. unter sehr vortbetthafttn Bedingungen und gelangte bald zu einer großen Berühmtheit. Sie gehörte stets zu den wärmsten Verehrerinnen von LiSzt und fand später Ge­legenheit, ihm ihren Dank für seine s» rechtzeitige Hilfe auSzudrücken.