Ausgabe 
15.12.1896 Zweites Blatt
 
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Wr. 295

Zweites Blatt. Dienstag de« 15 December

1806

Gießener Anzeiger

Keneral-Anzeiger.

Amts, und Anzeigeblatt für den «reis Gieren

chratisöeitage; Hießener Kamitienötätter.

Alle Lcmoacm-Vureaux deS In- und Auslandes nehme« i Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgege«.

Die Gießener Aamitieuvkälter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

Der

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Derstsche» Reich.

Berit«, 12. December. Die Lehrer.BesolduugS. Commission des Abgeordnetenhauses nahm gestern die zweite Lesung des Gesetzentwurfs betreffend das Dienft-Etn. kommen der Lehrer und Lehrerinnen an den öffentlichen Volksschulen vor. Der Gesetzentwurf wurde einstimmig an- genommeo. Gleichzeitig wurde von den Conservativen, dem Ceutrum und den Polen eine Resolution der Conservativen angenommen betreffend baldige Vorlage eines allgemeinen, auf christlicher und consesfioneller Grundlage beruhendem DolkSschulgesetzrs.

Berlin, 12. December. DieDeutsche Tageszeitung" bestreitet heute, daß StaatSsecretär Marschall oder das Aus­wärtige Amt die Verfaffer des Artikels in derBank, und Handelszeitung" üoer den unterbliebenen Zarenbesuch beim Fürsten Bismarck seien.

Berlin, 12. December. DemBörsen-Courier" zu Folge ist gegen dieDeutsche Tageszeitung" wegen Be« leidtguug des Auswärtigen Amtes Straf antrag gestellt worden.

Berlin, 12. December. Der feiner Zeit wegen zahl­reicher Betrugsfälle zu 8 Jahren Zuchthaus verurthetlte frühere Bank-Dtrector Haerting hat sich in der Nacht von gestern zu heute in seiner UatersuchungSzelle erhängt.

Berlin, 12. December. DemBerl. Tageblatt" wird auS Konstantinopel telegraphirt, daß der seit über zwanzig Jahren gefangen gehaltene Ex«Sultan Murat V., ein Bruder des regierenden Sultans, aus seiner Gefangen­schaft geflohen sein soll.

Berlin, 12. December. Dem Reichstage ist Henle der Gesetzentwurf über die ZwangSverwaltuug und Zwangs- Versteigerung zugegangen.

Berlin, 12. December. In der Budget» Commifstou deS Reichstages wurde heute die Berathung des Militär- etatS fortgesetzt. Bet dem Titel 5, Muodverpfleguug, be­fürwortet Abg. Schädler (Centr.) wieder einen Zuschuß für die Abeudkoft. Seine Parole laute: Ohne warme Abendkost für die Mannschaften keine Gehaltserhöhung für die Offiziere. KrtegSmtntster v. Goßler verspricht Berücksichtigung. Auch Graf Posadowsky betonte, die Absicht gehabt zu haben, den

erforderlichen Betrag in den diesjährigen Etat etnznstcllen- es sei dies aber wegen der Btlanztrung unmöglich gewesen. Hoffentlich könne es im nächsten Jahre geschehen.

Berit«, 12. Dccember. Der Vorstand deS Reichstages hat beschloffen, daS Prästdial-Gebäude gegenüber dem Reichstage zu erbauen. Mau hoffe, baß Gebäude mit einer Summe errichten zu können, deren Zinsen den MlerhspreiS der bisherigen Präsidial. Wohnung (20,000 Mark) nicht übersteigen.

Berlin, 12. December. Im preußischen Abgeord­netenhause wurd heute der Antrag Weyerbusch (freicoos.), betreffend Abänderung deS Communal-SteuergesetzeS und ein dazu eiugebrachter Centrumsantrag nach längerer Debatte an eine besondere Commiffton von 14 Mitgliedern verwiesen. Montag zweite und dritte Lesung der Hausir-Novelle und erste Lesung der Städte- und Landgemeinde-Ordnung für Hessen Nassau.

Köln, 12. December. DerKöln. Ztg." wird auS Bremerhaven gemeldet, daß die Leiche des Kapitäns deS untergegangeneu DampfersSalier" bereits gefunden und beerdigt worden ist.

Hamburg, 12. December. Elf Versammlungen der Strikendeu nahmen heute eine an den Senat gerichtete Resolution an, worin sie sich bereit erklären, die Friedens« Hand zu bieten, wenn die Rheder Entgegenkommen zeigen würden. Die Unterstützung ist wiederum um 1 Mark pro Kopf erhöht worden.

Stuttgart, 12. December. Bei der Landtags-Ersatz- wähl in Schwäbisch-Gmünd erhielten: Klauß (Ctr.) 2227, Schwarz (Ctr.) 1928 und Bloß (See.) 892 Stimmen. Es findet demnach Stichwahl zwischen Kiauß utih Schwarz statt.

Arsslair-.

Wie», 12. December. Der Präsident des Herrenhauses, Graf Trautmannsdorf, ist heute früh 4l/2 Uhr gestorben.

Brux, 12. December. Gestern Nachmittag fand in der Näi;e der wendischen Kirche sowie in der Nähe deS Bahn­hofes eine neue Erdsenkung statt. Die entstandenen Erdspalren wurden sofort zugeschüttet. Mit diese« Erd- senkungen ist die Gefahr für die Stadt wieder näher gerückt.

Rom, 12. Dccember. Auf den Vorschlag deS Abgeord­neten Jmbriani beschloß die Kammer, daS Andenken deS für die Unabhängigkeit seines Vaterlandes gefallenen Jnsur- gentevführerS Macco durch Erheben von den Sitzen zu ehren.

«utwerpeu, 12. Dccember. Der DampferVictoriafo", von New Orleans kommend, mit Holz beladen, ist in der Nähe von Flacq untergegangen. 6 Mann sind ertrunken.

Autwerpeo, 12. December. Der DampferKingston", dessen Untergang befürchtet wurde, hat gestern Vli,singen pafltrt und wird heute hier erwartet.

PartS, 12. December. Bet einer gestern bet einer Konken- Wärterin erfolgten Haussuchung fand man eine große Anzahl Juwelen, welche diese den Kranken entwendet hatte. Die vorgefundenen Gegenstände -aepräsentiren einen Werth von 100,000 Francs.

Paris, 12. December. Der HandelSmtnister hat eine Resolution gefaßt, welche großes Aufsehen erregt und zu zahlreichen Dlscusfionen Veranlassung geben wird. Zwecks Förderung der Handelsbeziehungen zwischen Frankreich und Deutschland beauftragte der Minister alle Vertreter Frank- reichS in Deutschland, einen eingehenden Bericht einzusenden und die Mittel anzuführen, welche eine solche Förderung herbeiführen könnten. Das Resultat dieser Nachricht wurde gestern im osfictellen Handelsblatt veröffentlicht. Der Handels- Minister sandte ein Rundschreiben an sämmtltche Vorsitzenden der französischen Handelskammern, in welchem der Minister dieselben etnladet, in die Berichte der französischen Vertreter in Deutschland Einsicht zu nehmen.

Paris, 12. December. Es verlautet, Bourgeois werde für den Monat Januar, um das Cabinet Meline zu stürzen, eine große Rede über das Budget halten und dabei die Nothwendigkeit der Einführung der Einkommensteuer betonen.

Petersburg, 12. December. Auf der Wolga ist in Folge des furchtbaren Sturmes ein Segelboot mit 16 deutsche« Ansiedlern umgeschlagen. 9 Personen, darunter auch Frauen, sind ertrunken, die andern, welche halb erstarrt sich an die Bretter angrklammert hatten, wurden noch ans Land gebracht. Bon den 7 Personen find zwei in Folge der er­littenen Strapazen gestorben.

Feuilleton.

Das erste Concert.

Von E. Capley.

(Fortsetzung.)

Schauen Sie, bester Herr Rölig," lenkte fie, freund­licher werdend, ein,Sie meine» gewiß gut mit mir und ich bin Ihnen für Ihr Zutrauen dankbar- allein wir find beide noch zu jung, um unß zu verloben, geschweige denn ans Heirathen zu denken."

Sie weisen mich also ab?" unterbricht er fie barsch.

Sie schweigt und ihr Schweigen bejaht seine Frage. Nach einer Pause sagt fie liebenswürdig:Nicht wahr, Sie find mir nicht böse und wir bleiben deßhalb doch Freunde?"

Er ergreift seinen Hut und nimmt die Noten vom Clavter, ohne die Hand zu beachten, die fie ihm entgegen- streckte.

Leben Sie wohl, mein Fräulein, murmelt er mit einer steifen Verbeugung und verläßt das Zimmer.'

Plötzlich erbebt Margarethe, von einem Gedanken er- laßt, und stürzt dem Manne nach, den fie auf der Treppe eiuholt.

Herr Rölig," ruft fie athemloS und verlegen,darf ich darf ich morgen auf Ihre Begleitung rechnen?"

Er steht fie an und lächelt auf eigenthümliche Weise.

Selbstverständlich," antwortet er, indem er höflich den Hut lüftet,aber da ich kurz vor dem Concert eine Clavier- Stunde zu geben habe, bitte ich gütigst zu entschuldigen, wenn tief) erst im letzten Augenblick erscheine. Ich werde sicher um siechS Uhr im Gasthof sein. Die Noten werde ich mitbringen ich muß noch Einiges üben. Adieu, wein Fräulein! Aa warte," mnrmelte er zwischen den Zähnen, indem er die Treppe hinabsteigt,Du sollst mir den Korb theuer bezahlen."

II.

Der Abend deS Concertes ist gekommen. Der Saal, welcher auSverkauft ist, füllt sich schnell mit geputzten Herren mnd Damen. Kein Stuhl bleibt unbesetzt, denn der allge­mein beliebte Profeffor hat für Reclame gesorgt, und man isst ungemein neugierig auf diese Debütantin, von deren

rai

Leistungen der alte Herr bei jeder Gelegenheit mit größter Anerkennung gesprochen hat.

Das Mädchen soll sehr schön fein," sagt etn Herr im Publikum.Hoffentlich haben die Augen des Professors seine Ohren nicht betrogen! Ich bin lediglich ihm zu Liebe ge­kommen, denn ein Debutantencoucert ist in den seltensten Fällen ein Genuß."

Der große Wiener Theaterdirector sitzt mit einem Freunde in der ersten Reihe, spielt mit seinem Augenglas und sieht äußerst gelangweilt aus. Auch er erwartet nicht viel von dieser letzten Entdeckung seines alten Freundes, der alle halbes Jahr ein neues Genie zu finden glaubt, für daß er mit immer frischem Enthufiaßwuß Propaganda macht.

Der Director hat sich vorgenommen, sobald wie möglich den Saal zu verlassen, um in die Oper zu fahren, wo die berühmte Jenny Lind eine Gastrolle gibt.

Daß erste Lied müssen wir anstandßhalber mit auhöreu", sagt er zu seinem Begleiter,aber dann empfehlen wir uns."

In einem kleinen Nebenzimmer fitzt Margarethe und zieht langsam die langen schwarzen Filethandfchuhe über ihre schlanken Hände und Arme. Ihre Wangen glühen, aber ihre Zähne klapper» vor innerlichen Frost und fie zittert am ganzen Körper.

»Liebeß Kind, bernhige Dich doch," ermahnt fie die besorgte Mutter wohl zum zwanzigsten Male, indem fie ihr ein Riechfläschchen vor die Nase hält.Wie kannst Du singen, wenn Du Dich so aufregft! Wenn nur der Rölig käme!"

Ach, Mutter," seufzt das Mädchen,ich fürchte, ich werde überhaupt nicht singen können, denn ich fühle einen Kloß im Halse, der mich zu ersticken droht. Es war doch eine grenzenlose Ueberhebung von mir, öffentlich auftreten zu wollen! Du wirft sehen, ich werde FiaSco wachen."

Rede doch nicht solchen Unsinn," schilt die Mutter- «Du weift, wie der Herr Professor Deine Stimme lobte. Du wirft muthig werden, wenn Rölig kommt. Ich flnbe unverantwortlich von ihm, unß so lange warten zu lassen. ist bereitß ein Viertel nach Sechs. Mein Himmel, Margarethe, höre doch nur, wie ungeduldig das Publikum wird!"

Ein immer deutlicher werdendes, fast drohendes Gemurmel

BSBi

dringt aus dem Saal zu ihnen herein- einzelne Rufe von: anfangen!" werden laut.

RathloS sehen sich die beiden Frauen an- Margarethe unterdrückt nur mühsam ihre ThrSneu.

Wettere zehn Minuten vergehen- im Saal wird es immer lauter und unruhiger- man trampelt ungeduldig mit den Füßen der Erwartete kommt nicht.

SS ist gut, daß die arme Margarethe nicht ahnt, daß er, der Heißersehnte, bereits seit einer halben Stunde in der ersten Reihe im Saale fitzt, gespannt der Dinge harrend, die da kommen sollen. Den Bortheil, der ihm als Künstler auß dem Concert erwachsen könnte, hintenanfetzend, um seine Rache zu befriedigen, wendet er nur dem Publikum seine Aufmerksamkeit zu. Jede ungeduldige Bewegung der ihn umgebenden Perssne«, jedeß unmuthige Wort überbiefeß rücksichtslose Benehmen einer Anfängerin" ist ein Tropfen Balsam für fein gekränktes Herz. Mit grausamer Genug- thuung bemerkte er, wie der Theaterdirector, in dessen Hand Margarethens Schicksal liegt, seine Uhr hervorzieht und mit empörter Stimme ruft:

ist unerhört! Fünf Minuten werde ich noch warten, aber dann gehe ich."

Rache ist süß!--

In diesem Augenblick tritt ein Herr in daß kleine, zur Garderobe eingerichtete Vorzimmer de- Saales.

Daß Concert hat wohl schon längst begonnen?" fragt er den Kellner, der ihm den Mantel abnimmt.

Leider nicht," antwortet der redselige Mann.Ich glaube, der Clavierspieler hat plötzlich abgesagt und ist zu befürchten, daß daß arme Fräulein nicht wird fingen können. Die thut mir leid, so ein HÜbscheß, junges Mädchen! Alle Plätze sind besetzt und die Herrschaften werden gewiß ihr Geld zurückoerlangen."

Im Saale bricht jetzt ein wahrer Sturm von Zische« und Stampfen los.

Der Fremde besinnt sich einen Augenblick, bann zieht er eine Visitenkarte auß der Tasche und gibt fie dem Kellner.

Ueberreichen Sie diese Karte der Coucertgeberin und sagen Sie ihr, ich stellte mich zu ihrer Verfügung, fallß fie geneigt wäre, mich alß Begleiter anzunehmen. Ich folge Ihnen auf dem Fuße."

(Schluß folgt.)