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15.9.1896 Erstes Blatt
 
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Rr 217 Erstes Blatt. Dienstag den 15. September

1806

Der Hießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des Montags.

-Die Gießener S-amirieuVtäller werden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal beigelegt.

nchener Anzeiger

Kenerat-Mnzeiger.

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vierteljähriger Avonncmentspretr: 2 Marl 20 Psg. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezogen 2 Marl 50 Psg.

Amts- ttiid Zlnzeigeblatt für ds» Kreis Giefzen.

] Hratisöeil'age: chießener KamikienKlätter.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr.

durch Chinesen nach dem Festlande geschafft. Die Chinesen haben bei diesem Werk ihr Möglichstes gethan, sie haben die Mannschaften, die 36 Stunden nicht- zu essen und zu trinken hatten, erfrischt, so gut es den Derhältniffen nach ging. Sodann begaben sich sämmtliche Gerettete nach der Leucht- feuerstatiou, während ein Bote nach Tschifu zur Kreuzer- divtsion gesandt wurde, der in 48 Stunden den Weg

Alle Annoncen-Bureaux dcS In- und Auslandes nehme» i Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgeg«. '

zurücklegte.

Görlitz, 12. September. Kaiser Wilhelm hat heute früh 6V2 Uhr Görlitz verlassen, nachdem er vorher im Stände- Hause dem Landeshauptmann v. Setdewitz seinen Dank für die dem Zaren im Ständehause gewährte Unterkunft ausgesprochen und ihn gebeten hatte, feinen Dank den Com- munalständen der Oberlaufitz zu übermitteln.

Siegersdorf, 12. September. Der Kaiser ist heute Nachmittag 21/* Uhr hier eingetroffen. Zu seinem Empfange war Graf zu SolmS-Klitschdorf anwesend. Der Kaiser begab sich sofort zur Jagd. Die Kriegervereine, die Schulen und Arbeiter der SiegerSdorfer Werke bildeten Spalter.

Kiel, 12. September. In der heutigen Sitzung des Deutschen Vereins für öffentliche Gesundheit-, pflege sprachen der Geheime Regierungsxath Profeffor Dr. BuSley Kiel und der Hasenarzt Dr. Nocht-Hamburg über die gesundheitlichen Verhältniffe in der Handelsmarine und auf den modernen Dampfschiffen. Profeffor Dr. BuSley wieS nach, daß die sanitären Einrichtungen aus den deutschen Kriegsschiffen und den deutschen Paffagierdampfern diejenigen aller anderen Nationen überträfen, so daß man mit Stolz sagen könne, daS deutsche Schiff ist das gesundeste. Dr. Nocht führte au-, daß die sanitären Einrichtungen für Mannschaften auf den deutschen Handelsschiffen, wenn auch brffer al- die anderrr Nationen, gleichwohl noch vieles vermissen laffrn und dringend einer baldigen und durchgreifenden Reform be­dürften. Hierauf wurde die Versammlung geschloffen.

Ausland.

Prag, 12. September. Der mit dem Zweirad auf der Weltreise begriffene englische Doctor der Theologie Wilton, welcher gestern von Dresden nach Prag fuhr, stürzte in der Nähe von Prag mit seiner Maschine und trug an der Stirn eine schwere Verletzung davon. Da- Rad ist zertrümmert.

Brüx, 12. September. Das Wasser in dem AnnahilsS- Schachte tst im Steigen begriffen- da- Verbruchsterrain ist stellenweise in Bewegung. Die Senkung der Unterfahrt.

berg kämen, abgenommen werden. Er bat daher Oßwald brieflich um fingirte Quittungen,so könnte ich doch sagen, daß das Geld fort ist". Meine Nichte und viele Jungfern bestehn darauf, daß sie flüchten wollen, aber wohin?"

In Gießen war kein Fuhrwerk für den Transport nach Grünberg zu haben- Hoffmann schickte daher einen mit zwei Pferden bespannten Wagen und einen anderen mit zwei Paar Ochsen von Grünberg aus nach Gießen.

Wirklich ging die Sendung am Morgen des 8. Juni unter Bedeckung von zwei Jägern und mit Begleitung durch den Fruchtmesser Weller von Gießen nach Grünberg ab.

Aber auch da war an die Möglichkeit einer weiter nöthigen Flucht zu denken. Der unermüdliche Oßwald wandte sich daher schon am 7. Juni nach Alsfeld an den Universitäts-Oekonomen Vollhard und setzte ihn von der Annäherung der Franzosen in Kenntniß und von der großen Beunruhigung, welche dadurch über die ganze Gegend gekom­men sei. Vor drei Tagen habe das Flüchten seinen Anfang genommen und dauere noch ununterbrochen fort. Nicht nur Vornehme und Reiche, sondern auch Bauernfamilien suchen einen sicheren Ort. Eine Menge junger Bauersmädchen, die alle um ihre Sicherheit besorgt seien, wären in Gießen an­gelangt. Obgleich seit gestern etwas beruhigendere Nachrichten eingelangt seien, so wäre doch der wichtigste Theil des Uni­versitäts-Archivs nach Grünberg an den Oekonomen Hoff­mann abgegangen, mit der Anweisung , die SHften bei An­näherung der Gefahr nach Alsfeld weiterzusenden. Er gebe vorläufig davon Nachricht mit der Bitte, die Sendung ihrer Wichtigkeit und ihres großen Werthes wegen in sorgfältige Verwahrung zu nehmen. Sollte aber das Unglück so weit über uns verhängt werden, daß auch Alsfeld mit einem feindlichen Besuch bedacht würde, so möge er die Sendung ins neutrale Cassel'sche nach Ziegenhain oder Hersfeld befördern.

Für Hoffmann in Grünberg war die Verwahrung der Werthkisten doppelt verantwortlich. Hatte er doch selbst.

treu bleiben.

Berlin, 12. September. DieNordd. Allg. Ztg." be- zeichnet die Mittheilungen der Blätter über den Ein- berufungötermin des Landtage- und über einzelne Regierungsvorlagen als verfrüht, da in beiden Beziehungen Näheres noch nicht bestimmt sei.

Berlin, 12. September. DerLocalanzeiger" veröffent­licht nach einem Privatbrtef eine Schilderung de- Unter­ganges des KanonenbootesIltis". Dieser Schilder­ung nach befand fich derIltis" am 23. Juli Abends um 6 Uhr bei dem Kap Schautung Promontory. Da man gegen heftigen Sturm zu kämpfen hatte, wurde beschloffen, über Steuerbordbug beizudrehen. Der Sturm nahm an Heftigkeit zu und hatte um 10 Uhr Windstärke 10 bei Regen, Schnee und Hagel. Kurz nach 10 Uhr erfolgten zwei heftige Stöße, das Schiff lag auf einem Felsen. Nun brach daS Schiff zwischen dem Maschinen- und MannschaftSraum völlig durch und die zerplitterten Flächen rieben heftig aneinander. Gleich darauf, als Offiziere wie Mannschaften den Untergang vor Augen sahen, brachte der Commandant ein dreifache- Kaiser« hoch auS. Dann wurde von dem OberfeuerwerkS-Maat Rehm da- Lied:Stolz weht die Flagge schwarz-weiß-roth" an­gestimmt und von sämmtlichen an Deck befindlichen Personen gesungen. Gleichzeitig mit dem Zerbrechen deSIltis" fiel der Großmast und zertrümmerte die Commandobrücke, wobei der Commandant von derselben heruntergeschleudert wurde und wieder stehend auf Deck kam. Die See brach mit voller Gewalt über daS Schiff hinweg und riß alles mit fich, was auf Oberdeck war. Die beiden Schiffstheile wurden durch die hereinbrechenden Wellen mit colossaler Heftigkeit von ein­ander geriffen und zum Theil ganz vernichtet. Bon den Mannschaften, die sich auf dem Hinterschiff aufgehalten haben, sind in Folge dessen fast alle dem Meere zum Opfer gefallen, bis auf zwei, die glücklich da- Ufer erreichten. Von denen, die im Vorderschiff Schutz gesucht hatten, find alle gerettet.

Dieser Brief ist ein Beleg für den panischen Schrecken, den die ganze Bevölkerung beim Herannahen der Franzosen erfaßt hatte. Waren doch auch die vorausgeeilten Schreckens­berichte dazu angethan, nicht die Besitzenden allein das Schlimmste von den Franzosen befürchten zu lasten.

Nach Abel's Hausbuch kamen die ersten Kaiserlichen erst am 5. Juli auf der Retirade von der Sieg nach Krof­dorf. Das Fußvolk blieb eine Nacht daselbst, die Reiteret aber blieb als Vorposten bis zum 7. Juli hier stehn- da kamen von Rodheim her die Franzosen, vor denen bte Kaiser­lichen nach Gießen abzogen. Doch wurde diese Festung erst am 11. Juni von den Kaiserlichen besetzt.

Wie die Franzosen nach Krofdorf kamen, fingen sie gleich damit an, die Leute zu plündern und zu mißhandeln. Sie drangen in die Häuser ein und erpreßten mit Drohungen und Gewalt von den Leuten Geld und plünderten bis in die Nacht. Viele Weibsleute wurden vergewaltigt. Gleich den folgenden Morgen wurde die Plünderung und der Raub an Kleidern, Eßwaaren, Geld und Schuhwerk fortgesetzt, alles mit Gewalt genommen und auch Hühner und Gänse fort5 geschleppt. Alles dieses ging noch bei etlichen Leuten leidlich, bis gegen 4 Uhr. Da kamen etliche tausend Mann von der Hardt, welchen Gleiberg und Krofdorf zu plündern prets- gegeben worden.

Aber schon lange vorher war der Senat der Hochschule nicht unthätig. Es wurde sofort beschlossen, die Archivalten und Werthpapiere in eine Kiste zu packen und nach Grund erg zu schicken. Der Oberstlieutenant v. Schäffer stellte zwet Jäger zur Verfügung, welche die Kiste begleiten und bet derselben als Wache in Grünberg bleiben sollten. Der Universitäts-Oekonomus Hoffmann daselbst war schon an demselben Tage brieflich davon benachrichtigt und aufgefordert worden, für sichere Verwahrung der Werthsendung zu sorgen.

Aber dieser war in derselben Verlegenheit wie Oßwald- er hatte etwa 1200 fl. Geldvorrath und fürchtete, diese könnten ihm von den Franzosen, wenn sie auch nach Grün«

Feuilleton.

Wor hundert Jahren.

Die Flucht des Gießener Universitäts-Archivs vor den Franzosen 1796.

Von Dr. O. Buchner.

(1. Fortsetzung.)

Als am 5. Juni 1796 die ersten Nachrichten von dem Anrücken der Franzosen nach Gießen kamen, wandte sich sofort der vorsichtige Univ.-Secretär Oßwald mit einem unterthänigsten Bericht" an den Rector Müller der Hoch­schule, in welchem es heißt:

Nach einer hier umgehenden und von Wetzlar hierher gekommen sein sollenden Nachricht sollen diesseits des Rheins die Kaiserlichen das Unglück haben, sich retiriren zu muffen, und beiderseitige Armeen nur noch 11 Stunden von hier ent­fernt sein. Wieweit die Sage gegründet ist, ist mir unbe- Tannt. Aber da der Fall, bei fernerem Glück der Franzosen einen Zuspruch von ihnen zu bekommen um so mehr jetzt möglich ist, als Gießen jetzt außer der Demarkationslinie Liegt, so räth die Vorsicht an, untertänig anzufragen,

1) ob, um den Geldvorrath zu vermindern, ich irgend die Besoldung des dritten Quartals schon jetzt zum voraus bezahlen soll, und

2) zum Einpacken und Transport der Documente, der Obligationen, des Geldes rc. einstweilen Anstalten getroffen werden sollen.

Und um bei widrigen Ereignissen auch allem künftigen Zweifel und entstehen könnenden Fragen zuvor zu kommen, erkläre ich mich mit zu meiner Sicherheit bereit, den Geld­vorrath vorzulegen und den Fruchtvorrath in Gegenwart eines der Herren Professoren (denn der Kontrolleur ist gegen­wärtig nach Cassel verreist) stürzen zu lassen, und dies letztere Möchte auch nvthwendig bei der Universitäts-Vogtei sein .

Dentsche» Leich.

Berlin, 12. September. DerNordd. Allgem. Ztg." zufolge ist die Blätterweldung über den Zeitpunkt der Ein­berufung des Landtages und über einzelne Regierungs­vorlagen für denselben als verfrüht zu betrachten, da Näheres in beiden Beziehungen noch nicht bestimmt ist.

verliu, 12. September. In feiner heutigen Schluß­sitzung berieth der deutsche Anwaltstag u. A. über die Anträge der Rechtsanwälte Dr. Staub und Dr. Simon zur Revision des Handelsgesetzbuches. Die von dem Referenten Dr. Staub aufgestellten Thesen wurden theils als Anträge angenommen, theils als beachtenSwerthe Anregungen für daS neue Handelsgesetzbuch bezeichnet. Zum Schluß wurde nach längerem Bortrage und nach längerer Debatte ein Antrag angenommen, worin erklärt wird, daß die Erweiterung der amtsgerichtlichen Lompetenz in Civilprozeßfachen weder im Interesse der Rechtspflege, noch de» rechtsuchenden Publi­kums liegt. "

Berlin, 12. September. DerKöln. Bolksztg." gegen­über stellt derReichsanzeiger" fest, daß ein Flotten- vermehrungSPlan von dem Contreadmtral Tirpitz weder an Allerhöchster, noch bei der verantwortlichen Stelle, welche einen solchen Plan allein den gesetzgebenden Körperschaften zugehen lassen könnte, zur Vorlage gebracht worden ist. Der Contreadmiral Tirpitz ist zu einer derartigen Vorlage nie berufen gewesen und hat fich auch nie in einer Stellung Lefunden, in welcher ihm ein Auftrag zur Ausarbeitung einer Mariveoorlage hätte zugehen können. Die Hereinziehung seines Namens in die Zeitungspolemik dürfte ebensowenig seinen persönlichen Interessen dienen, wie es der Gepflogen- hett militärischer Traditionen in unserem Lande entspricht, einen Offizier in unverantwortlicher Stellung in Gegensatz zu den leitenden Stellen zu bringen. Weiter erklärt der Reichsanzeiger", daß es nicht in der Abficht der Marine­vorlage liege, von dem bisherigen Gebrauch, durch den Etat Dasjenige zu fordern, was die Marine zur Erfüllung ihrer Aufgaben gebraucht, abzugehen, die durch die unübersehbare wettere Entwickelung der Dinge in kürzester Frist werthloS werden könnte. Drn Verstcherungen des Staat«secretarS des Reichsmarineamts im Reichstage und der Rudgetcommission, daß exorbitante Forderungen nicht werden gestellt werden, die­selben fich vielmehr in denjenigen Grenzen halten sollen, die entsprechend der wachsenden Bedeutung der Flotte für die Aufrechterhaltung deS Ansehens deS Reiches und zum Schutz desselben und seiner Jntereffen im Krieg und Frieden gezogen werden müssen, sollte von dem deutschen Volke und der

patriotisch gefinnten Presie ein höherer Werth beigemesieu i Diese blieben drei Stunden im Wrack und wurden dann werden als den grundlosen Andeutungen über u,erlöse Pläne, ----- k ««-> K6ln«,m

von denen fich die maßgebenden Stellen fern wissen.

Berlin, 12. September. Wie aus Brüssel gemeldet wird, enthält das Handschreiben König Leopolds, welches Kronprinz Albert dem Kaiser in BreSlau überreichte, eine lange Rechtfertigung des CongostaateS gegenüber den Angriffen der officiösen deutschen Presse. Indem der König auf die traditionelle Freundschaft Belgiens und Deutsch­lands htnwieS, betonte er die Schwierigkeiten, mit denen der Congostaat seit seiner Gründung kämpfe. Er versichert zum Schluß, der Congostaat werde seiner ctvilisatorischen Mission