Ausgabe 
12.12.1896 Zweites Blatt
 
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Nr. 293

Der

Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.

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1§96

Zweites Blatt. Samstag dm 12. Deeember

Gießener Anzeiger

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chratisßeikage: Hießener Aamitienökätter.

Alle Annoncen-Bureaux de» In- und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Amtliche»« Theil.

Bekanntmachung,

betreffend: die Maul- und Klauenseuche.

Die Klauenseuche unter der Schafheerde zu Schwalbach, Kreis Wetzlar, ist erloschen und die angeordnete Weidesperre wieder aufgehoben worden.

Gießen, am 9. December 1896.

Großherzogltches KreiSamt Gießen.

v. Gagern.

Bekanntmachung,

- betreffend: Verpflichtung eines Jagdaufseher».

Der Karl Helm ecke aus Cunrau ist auf Anftehen des Pächters der Lang-Gönser Gemetndejagd auf den Jagd­schutz verpflichtet worden.

Gießen, den 9. December 1896.

Großherzogliches KreiSamt Gießen.

v. Gagern.

Bekauvtmachuug.

Um einer weiteren Verbreitung der in letzter Zeit in vermehrtem Umfange aufgetretenen Maul- und Klauenseuche vsrzubeugen, verbieten wir auf Grund des § 20 Abs. 2 des

RetchSgesetzrs vom-Abwehr und Unter- i. U/tat ioV4,

drückung von Viehseuchen betr., und deS § 1 der zur Aus­führung dieses Gesetzes erlassenen BundeSrathSinstruction vom 27. Juni 1895 für den Kreis Alsfeld bis auf Weiteres den Handel mit Klaueuvieh (Rindvieh, Schafen, Ziegen und Schweinen) im Umherziehen.

Zuwiderhandlungen gegen die getroffenen Anordnungen werden auf Grund des § 66 Ziff. 4 des Retchsviehseuchen- gesetzeS bezw. § 328 RetchSstrafgesetzbucheS bestraft.

Alsfeld, den 4. December 1896.

Großherzogliches KreiSamt Alsfeld.

I. V.: Ham manu.

Der Arrzte-Feind.

Eine Humoreske von Paul Blitz.

(Schluß.)

Wiederum zwei Tage spater verschlimmerte sich daS Leiden der guten Amalie derart, daß fie ihrem Berufe nicht »ehr nachgehen konnte. DaS zweite Mädchen mußte kochen.

Herr Waldemar war außer fich. Natürlich konnte daS zweite Mädchen nicht kochen, mau darbte.

Endlich entschloß fich der alte Herr, einen sogenannten Naturarzt zu consultiren.

Aber auch daS war zwecklos, denn nach weiteren zwei Lagen war Amalie nur noch mehr angegriffen.

Herr Waldemar schlich umher wie ein Gespenst. Bet Lage nicht» Gutes mehr zu essen und NachtS keine Ruhe vor Aerger und Angst, daS ertrug er nicht.

Plötzlich verlangte Amalie, daß der Doctor Meinhold geholt werde.

Papa RebuS war starr vor Entsetzen. Er versuchte alle» Mögliche, um ihr diese Idee zu vertreiben, er malte ihr den Doctor als einen Giftmischer, umsonst. Amalie wollte ihren Willen haben.

WaS nun? Der alte Herr ging rathloS umher. Er wußte nicht, wie er anders Hilfe schaffen konnte. Schließlich wurde der Arzt von nebenan geholt.

Dr. Meiahold kam, untersuchte lächelnd die arme Kranke, verschrieb dann etwas und ging wieder morgen würde er wiederkommen.

Papa Waldemar ließ sich nicht sehen.

Am nächsten Tage sühlte Amalie fich bereits besser, so daß der alte Herr fast gejubelt hätte- als aber eine Stunde später der Arzt wieder kam, sah er nur die Kranke allein, den« Papa Rebus ließ fich auch jetzt nicht blicken.

Schoa wollten die Liebenden verzweifeln, denn fie sahen ein, daß der Groll des alten Herrn zu tief eingewurzelt war, aber die gute Amalie tröstete fie von Neuem- fie würde schon Rath schaffen.

Am dritten Tage fing fie aufs Neue an zu klagen, so daß dem alten Herrn die Haare zu Berge standen. Und an diesem Tage erschien der Arzt nicht. Als man zu ihm herum- schickte, kam der Bescheid, daß der Herr Doctor nach aus­wärts gerufen fei. Der alte Herr war untröstlich, denn die

Kitzttng -er Stadtverordneten

am 10. December 1896.

Anwesend: Herr Oberbürgermeister Gnauth, die Herren Beigeordneten Georgi, Grüneberg und Wolff, von Seiten der Stadtverordneten die Herren Adami, Brück, Flett, Dr. Gaffkh, Grünewald, Dr. Gutfleisch, Habeuicht, Haubach, Htichelhetm, Helfrich, Hornberger, Jughardt, Keller, Kirch, Löber, Loo», Orbig, Dr. Ploch, Scheel, Schiele, Schmall, Thaer, Bogt und Wallenfels.

Herr Oberbürgermeister Gnauth theilte vor Eintritt in die Tagesordnung mit, daß auf das unter« 24. Juni d. Js. an daS preußische KrtegSmiuifterium gerichtete Gesuch um Verlegung eines der neu zu errichtenden Infanterie- Bataillone an Stelle des von hier verlegt werdenden 4. Batail­lons nach Gießen, eine Antwort etngegangen fei, der zufolge auS zwingenden militärischen Gründen dem Gesuche nicht ent­sprochen werden könne. Au dem Miethvertrag wegen des zur Zeit vom 4. Bataillon bewohnten KasernementS werde, wie der Herr Oberbürgermeister weiter mittheilte, nichts geändert.

Die Firma Heyligenstaedt u. Co. beabfichtigt, neben ihrer neuen Fabrikanlage am Riegelpfad einen Schuppen und ein Waaghäuschen zu errichten, wozu fich die Versammlung für ausnahmsweise Genehmigung auSspricht.

Das Gesuch deS Herrn Louis Huhn um Erlaubniß zur Ueberbrückung des Bruchgrabens hinter der Hofraithe deS Gesuchstellers in der Goethestraße wird nicht beanstandet- die widerrufliche Genehmigung wird auf 1 Jahr erstreckt und weiter die Entrichtung einer Abgabe von 3 Mk., fowie Leistung einer Sicherheit im B trage von 200 Mk. für etwa entstehenden Schadenersatzanspruch zur Bedingung gemacht.

Zu dem wiederholt gestellten Gesuche de» Herrn Wilh. Steinbach um Erlaubniß zur Aufstellung einer Bretter­halle in ferner Sandgrube am Nahrungsberg wird, da fich neue, für das Gesuch sprechende Thatsachen ergeben, wieder- ruslich aus die Dauer eines Jahres Genehmigung ertheilt.

Befürwortet wird die ausnahmsweise Gestattung der Errichtung eines Htnterbaues deS Herrn Wilh. Seipp H. für dessen an der verlängerten Liebigstraße gelegenes Grund­

arme Amalie stöhnte von Stunde zu Stunde mehr. Schon sollte ein anderer Arzt geholt werden, dagegen aber sträubte sich die Kranke, weil fie behauptete, daß fie nur zu Dr. Mein- hold Vertrauen habe.

Papa Rebus war jetzt nahe daran, selbst krank zu werden. Mit Schrecken dachte er an die Zukunft. Was sollte werden, wenn er diese vortreffliche Köchin verlor? Ganz gruselig wurde ihm. Er würde ein . für alle Mal Verzicht leisten müssen auf feine leckeren Gerichte. Ein Schauer Über­lies ihn. Er konnte diese ganze schreckliche Folge von quälenden Gedanken nicht ertragen.

Und Amalie stöhnte immer jämmerlicher und verlangte nach Doctor Meinhold ohne Unterlaß.

Endlich gegen Abend ertrug eS Papa RebuS wirklich nicht mehr länger. Er machte fich auf und ging zu dem Arzte herum.

Dr. Meinhold empfing den alten Herrn sehr höflich, aber mit großer Reserve und versprach dann, noch heute zu kommen.

Eine Stunde später saß der junge Arzt im Zimmer deS alten Herrn, der ihn nach der Consultaiion zu sich gebeten.

Machen Sie mir die gute Alte gesund, Herr Doctor/ bat er,ich werde eS Ihnen nie vergessen."

WaS ich thun kann, soll gewiß geschehen," damit em­pfahl fich der Doctor.

Von nun an kam er jeden Tag zu Amalie, deren Za» stand fich nach ihrer eigenen Aussage sehr schnell besserte, und allemal nahm ihn dann der alte Herr mit in sein Zimmer und plauderte noch ein wenig mit ihm.

So wurden die beiden Männer nach und nach bekannt und eine» TageS, als Papachen über den schnellen Genesungs- fortschritt Amalien» besonders erfreut war, meinte er zu Lisa:Dieser Doctor Meinhold ist wirklich ein ganz an­ständiger Mensch, mit dem man Verkehr haben kann."

Lisa war überglücklich, aber fie beherrschte fich und meinte leichthin:Gott ja, er ist ganz passabel."

Nun, Du brauchst daS gar nicht so von oben herab zu sagen," meinte der alte Herr etwas erregt.

Da that sie erstaunt:Aber Papa, er ist doch ein Arzt - hast Du mich nicht selbst gelehrt"

Schnell sprach er dazwischen:Nun ja, ich habe Dir mal so etwas gesagt, aber mein Gott, ich bin ein alter Mann, und irren kann doch schließlich Jeder mal.*

stück unter der Bedingung, daß Gesuchsteller sich unter Stel­lung einer Sicherheit von 2000 Mk. verpflichtet, nach Ablauf von 3 Jahren ein daS Hintergebäude deckendes Vorderhaus zu errichten.

Der in einer der letzten Sitzungen aus der Mitte der Versammlung gegebenen Anregung zur Bepflanzung der Liebigstraße zufolge, hat die Baudeputation bean­tragt, jene Straße von der Frankfurterstraße bis zur Ebel­straße mit Linden oder Ulmen zu bepflanzen. Die Kosten dieser Bepflanzung mit ca. 150 Bäumen find auf 2250 Mk. veranschlagt, die zu Lasten deS nächstjährigen Budgets be- willigt werden.

Der Plan und Voranschlag über den auf Grund des OrlsbaustatutS von der Stadt auszuführenden Ausbau der' westlich der Steinstraße belegencn 69 Meter langen Theil- strecke der Dammstraße wurde der Versammlung vor­gelegt und die auf 5000 Mk. veranschlagten Kosten genehmigt.

Infolge früheren Beschlüsse» der Stadtverordneten- Versammlung soll die Abfuhr deS Straßenkehricht» und der Hausabfälle getrennt erfolgen zu dem Zwecke, eine bessere Verwendung des werthvollkren Straßenkehnchts zu ermöglichen. Die infolge dessen nothwendig gewordene Vermehrung der Geräthe und Transportmittel erfordert einen Aufwand von 750 Mk., wofür drei Handkarren, ein vierräderiger Schlamm­wagen und ein vierräderiger gedeckter Kehrichtwagen ange* schafft werden sollen. Die Anschaffung wird zu Lasten des nächstjährigen Budgets genehmigt.

Dem Gesuch des Herrn I. Ferber um Ueberlaffung eines Platze» gegenüber den Markklauben zum Verkauf von Christbäumchen wird gegen Entrichtung einer Gebühr von 3 Mk. für die Zeit vom 7. bis 24. December, dem gleichen Gesuch des Herrn Fr. Hainer für den Platz vor seinem Hause in der Bahnhofstraße gegen eine Gebühr von 2 Mk. stattgegeben.

Herr I. Waldorf hat um Erlaubniß zur Aufstellung eines Weihnachtsverkaufsstandes auf dem Marktplatze nach­gesucht. Marktmeifter und Marktcommisfion haben fich mit Rückficht auf die große Zahl Händler, welche ebenfalls Stände auf dem Marktplatz errichten wollen, gegen Genehmigung des Gesuchs ausgesprochen. Eine Anzahl Händler haben fich

Lisa nickte nur, dann ging fie in ihr Zimmer und schrieb voll Freude an den Geliebten, wie gut sich alles gewendet.

Nach einer Woche ungefähr war Amalie wieder im Haushalt thätig. Zum ersten Male seit langer Zeit sollte Papa RebuS wieder sein Leibgericht haben. Zu diesem Er- eigmß war auch der Doctor geladen.

ES war eine vergnügte Stunde, die man zusammen ver­lebte, und der alte Herr, durch die köstlich zubereiteten Ge­richte ganz milde und weich geworden, meinte zu Lisa, al» fie wieder allein waren:Weißt Du, wein Kind, ich habe darüber reiflich nachgedacht, dieser Doctor Meinhold ist eigent­lich eine ganz gute Parthie für Dich."

Und wieder bezwang der Tollkopf fick:Aber Papachen, einen Arzt soll ich heirathen?"

Da wurde Papachen fast ungemüthlich:Nun ja, e» war eine Marotte von mir, zugegeben, ja! aber ich habe doch meinen Jrrthum eingesehen, nun ich weiß, waS für ein tüch­tiger Mann dieser Arzt ist und wie viel Geld er verdient."

Lisa schwieg und nahm eine nachdenkliche Miene an.

Nun, waS meinst Du zu meinem Vorschlag?"

Aber daS geht doch nicht so ohne Weitere», Papachen, ich muß doch erst warten, ob er mich überhaupt will."

Darauf nickte der alte Herr nur.

Am nächsten Sonntag war Dr. Meinhold wieder zu Tisch gebeten, am darauffolgenden auch, und schließlich war man so gut bekannt geworden, daß der junge Arzt auch un­geladen kommen durste.

Als nach einem Vierteljahr Dr. Meinhold bei dem alten Herrn um die Hand LisaS anhielt, fragte Papachen seine Tochter noch einmal ganz ernsthaft und eindringlich.

Und Ctfa sagte lächelnd und erröthend:Wenn Du. meinst, Papa, will ich ihn nehmen, trotzdem er ein Arzt ist."

Also werdet glücklich, Kinder, damit gab der alte Herr feinen Segen.

* *

Da» junge Paar ist denn auch recht glücklich geworden. Aber der alte Herr hat nie erfahren, daß man ihm »ine Komödie vorgespielt, und die gute Amalie, die fich opferwillig dazu hergegeben, waltet noch heute bet Herrn Waldemar Rebus ihre» verantwortungsreichen Amtes.