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Nr. 267
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Hieße»,«< «ÄMjdttr erscheint täglich, Mit Au-nahme des
Montags.
Dir Gießener Msmlkienvkälter werben dem Anzeiger wschrr /ich dreimal » igelegt.
Zweites Blatt. Donnerstag de« 12, Novmker
1S96
Gießener Anzeiger
Kenerat-Anzeiger.
vierteljähriger ^vonnemenlsprcis r 2 Marl 20 Psg. mit Bringcrlohn. Durch bie Poft bezog«« 2 Mark 50 Psg.
Redaction, Srpeditiow und Druckerei:
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Aints- und ^lnzeigeblutt für den Tirols Gieren.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den tagenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr.
Hratisöeitage: Gießener Kamilienötätter.
Alle Aunoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen, irwin—11« iimimj il iiiiii nnii- n imiiiiiiiiii i_l _
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vekamttmachung, betreffend: die Erbauung einer Kreisstraße Leihgestern — Großen Linden- hier die Enteignung von den Erben der Jacob Schaum Wittwe zu Leihgestern gehörenden Grundstücken zu diesem Zweck.
Zum Zweck deS Ausbaues der rubr. Kreisstraßen hat die Großh. Bürgermeisterei Leihgestern Namens der Gemeinde Antrag gestellt auf Enteignung des erforderlichen Geländes von 50 Quadrat-Meter aus Flur I Nr. 213 a Hofraithe «ud Garten in der Gemarkung Leihgestern.
TS wird dies mit dem Anfügen bekannt gemacht, daß
1. der Antrag Großh. Bürgermeisterei Leihgestern vom 19. September d. I.,
2. der Meßbrief nebst geometrischem Plan und Grund- buchSauSzug,
3. der Plan nebst Längen- und Querprofil
tu der Zeit vom 18. November bis 1. Deeember ». I (-inschli-HIich) auf dem Bureau der Großh. Bürgermeisterei Leihgestern zu Jedermanns Einficht offen liegen.
Zur Verhandlung über den Plan und die zu leistende Entschädigung wird Tagfahrt vor der Localeommtsfion auf:
Freitag den 4. Deeember d. I., Vormittags 9 Uhr, auf dem Bureau der Großh. Bürgermeisterei Leihgestern anberaumt.
Die Eigenthümer deS oben bezeichneten Grundstücks, sowie solche Personen, welche hinsichtlich deffelben irgend welche Rechte (z. B. Gigenthumsvorbrhalt, Pfandrechte oder sonstige dingliche Rechte, Rechte als Pächter oder Mtether) zustehen, werden hierdurch aufgefordert:
a. Einwendungen gegen den Plan bei Meldung des AuS- schlufleS und Annahme der Einwilligung tu die beanspruchte Abtretung,
b. Erklärung auf die angebotene Entschädigungssumme bei Meldung der Unterstellung der Annahme deS Angebot-, «. Anträge auf Ausdehnung der^Enteignung bei Metduug deS Ausschlusses mit solchen,
d. Anträge auf Aufrechterhaltung bestehender Lasten bei Meidung des AuSschlusieS mit solchen (Art. 19 deS Ges. v. 26. Juli 1884),
e. Anträge auf Einrichtung und Unterhaltung von Anlagen, welche für die benachbarten Grundstücke oder im öffentlichen Jntereffe zur Sicherung gegen Gefahren und Nachtheile nothwendig find (Art. 14 des ®cL),
f. etwaige noch unbekannte Ansprüche und Rechte an die zu enteignenden Grundstücke
itt dem oben genannten Termine vorzubringen.
Wenn dritte Personen als dinglich Berechtigte oder wegen sonstiger Rechtsverhältnisse bei der Enteignung be- theiligt find, so muß fie der Eigenthümer sofort nach Zustellung der Bekanntmachung der unterzeichneten Behörde bezeichnen, andernfalls bleibt er für diese Ansprüche verantwortlich.
Räumt der Eigenthümer einem Andern von dem Zeit- punkte der Zustellung an ein dingliches Recht an dem zu enteignenden Grundstücke oder ein persönliches Recht auf dessen Benutzung ohne Genehmigung des Unternehmer- ein, so steht jenem Andern an den Unternehmer ein Anspruch auf eine besondere Entschädigung nicht zu.
Gießen, den 6. November 1896. Großherzogliches Krei-amt Gießen, v. Gagern.
Deutscher Reichstag.
120. Plenarsitzung. Dienstag, den 10. November 1896.
Präsident v. Buol begrüßt die Mitglieder deS Hauses mit dem Wunsche, daß fie mit frischen Kräften zurückgekehrt sein möchten.
Etngegangen: Novelle zum Postdampsergesetz, sowie Bundes- raths-Vorschrtften betr. Aenderungen der Sonntagsruhe.
Am BundeSrathsttschr: StaatSsecretär v. Bötticher, Minister Schönstedt.
Auf der Tagesordnung steht die Justiznooelle (Abänderungen der Gerichtsverfassung und der Strafproceßordnung).
Abg. Stadthagen (Soc.) beantragt, $ 8 des Gerichts- verfafiungsgefrtzeS dahin zu fassen, daß Richter wider ihren Willen nur kraft richterlicher Entscheidung und nur aus den Gründen daurrnd oder zeitweise ihres Amte« enthoben oder in den Ruhestand versetzt werden können, aus welchen ein Mitglied des Reichsgerichts enthoben resp. in den Ruhkstand versetzt werde* darf Ohne eine solche Bestimmung sei ein wirklicher Schutz der Unabhängigkeit der Richter und somit einer unparteiischen Rechtspflege undenkbar. Außerdem beantragt Redner einen neuen 88a, inhaltlich d-ssen nicht zum Richter ernannt werden dürfe, wer länger als drei Jahre in Reich oder Staat ein Verwaltungs- oder ein Staatsanwalttzamt b.- kletdct habe. Auch solle den Richtern die Annahme von Orden und Titulaturen verbot-n sein. Niemand werde bezweifeln, daß sowohl Verwaltungsbeamte wie Staatsanwälte aus dieser ihrer abhängigen Stillung auch in das Richteramt, wenn auch unbewußt, den Ab- hängigkeitssinn hineinbrächten. Nur ein steifes Rückgrat der Richter vermöge diesen drs Vertrauen des Volkes zu erhalten bezw. zurück- zugewinnen.
Justizminister Schönstedt: Die Anträge Stadthagen sind schon in der Commisston gestellt und abgelehnt worden. Schon jetzt sind die Richter gegen eine unbegründete Versetzung wider ihren Willen geschützt, eS ist auch nicht wahr, daß dir Richter einer staats- anwaltltchen Ueberwachung unterliegen, sie unterstehen vielmehr überall lediglich einem ordentlichen Richter. Auch ich würde es nicht lieben, Richter ohne Rückgrat zu sehen; aber wenn die Sache so läge, wie Herr Stadthagen sie schildert, so würden wir doch auch nie
einen Kirchmann als Richter gesehen baden. Kirchmann hatte doch oewiß Rückgrat! Ich bestreite auch, daß die aus der Staatsanwaltschaft heroorgegangenen Richter weniger vorurteilslos und gewissenhaft urtheilen, als die, die nicht Staatsanwälte gewesen sind.
Die Anträge Stadthagen werden gegen die Stimmen der Socialdemokra en abgelehnt.
S 63a, welcher von dem Einspruchsrecht drsOberlandes- gerichlSiPräsidenten gegen die GeschästSvertheilung rc. handelt, ist von der Commission gestrichen worden.
Abg. v Buchka (c.) beantragt, nicht nur daS Einspruchsrecht deS Oberlandesge ichtS-P»Ssidenten wieder herzustellen, sondern dem Präsidium eventuell auch ein selbstständiges Anordnungsrecht zu geben.
Geh. Over-Reg.-Rath VterhauS bittet dringend um Annahme des Antrages Buchka. Mit dem Einspruchsrechte deS Oberlandes- gerichtS-Präsidenten, die Unabhängigkeit der Strafkammer anzutasten, liege der Justizverwaltung ganz fern.
Abg. Günther (nl.) empfiehlt gleichfalls den Antrag Buchka, der ja dem Oberlandesgerichts-Prästdenten keineswegs eine Einwirkung in Personalfragen gebe, sondern ihm nur die VertheUung der Geschäfte auf die Kammern zugestehe.
Der Antrag Buchka wird gegen die Stimmen der Conser- oativen, Reichsparteiler, Nationalliberalen und den Freisinnige« Schröder abgelehnt, ebenso $ 363 a.
S 77 handelt von der Besetzung der Kammer, nach der Vorlage 3 Richter, nach dem Vorschläge der Commission in der Berufungsinstanz 5 Richter.
Abg. Rembold (Ctr.) beantragt, die Strafkammern au8 3 Richtern und 2 Schöffen zusammenzusetzen. Er begreife nicht, waS die Regierung dagegen einwenden könne, denn schon seither sei doch das Laienelrmeni immermehr nicht nur in die Verwaltung, sondern auch in die Pfl ge detz Rechts eingedrungen. Sein Antrag entspreche also durchaus der Zeitströmung.
Hierauf vertagt sich das HauS. Morgen 1 Uhr Fortsetzung.
(Schluß 5«/, Uhr.)
Literatur und Kauft
— -e-dSrffers Monatshefte für Blumen- und Gartenfreunde betitelt ftd) ein neues Unternehmen, welches im Verlage von Robert Oppenheim (Gustav Schmidt), Berlin SW. 46, zu dem billige« Preise von 1.50 Mk. vierteljährlich erscheint. Der durch seine gärtnerischen Schriften bestens bekannte Herausgeber hat es verstanden, einen Kreis von hervorragenden Fachmännern um sich zu vereinen, und bietet in dem ersten Hefte dem Gartenfreunde eine Reihe vo« vortrefflichen Aussätzen, die mit vielen naturgetreuen Abbildungen geschmückt find. Eine Chromolithographie von buntblättrigen Aracee« bildet einen hervorragenden Schmuck des Heftes DaS Unternehmen verspricht eine hervorragende Stellung in der Gartenbau-Literatur einzunehmen. Probehefte liefert der Verlag.
— Am 8. October ist George d« Maurier, der rasch berühmt gewordene Verfasser von „XtilbU* in London gestorben. Kein Roman der Neuzeit hat in fo kurzer Zeit eine so enorme Verbreitung (ca. 400,000 Exemplare in 2 Jahren) gefunden als „Trilby^. G. du Maurier stand mit diesem Roman, dem nur ein einziger auS seiner Feder vor einigen Jahren vorangegangen war, erst am Anfang seiner litterarischen Laufbahn (er war bis dahin vorzugsweise alS Zeichner für den „Punch" thätig) aus der er nun so unerwartet herausgerissen wmde. Der Tod ereilte ihn, als er grabe einen neuen Roman beendet hatte. Eine deutsche Ausgabe von „Trilby" erscheint in den nächsten Tagen in dem Verlag von Robert Lutz in Stuttgart. Das Werk wird zweifellos auch in Deutschland eine starke Verbreitung finden.
Feuilleton.
Spiritus indocilis.
Aus dem Italienischen deS E. Castelnuovo.
Von M. v. Locella.
(2. Fortsetzung.)
„Die Wirkung dieses Briefes auf mich war die einer jeden anonymen Zuschrift von weiblicher Hand auf einen jungen Menschen von zwanzig Jahren. Die verhängnißvolle Theaterkatastrophe trat sofort in den Hintergrund. Mein nächster Gedanke war, die Unbekannte zu entdecken, die so viel Interesse für den armen verkannten Dichter bewies. Aber wie es anfangen? Ich lief nach dem Theater in der Hoffnung, daß der Portier mir auf die Spur verhelfen könne. Aber ich hörte, daß der Brief durch einen völlig fremden Diener überbracht worden sei. Durch die Correspondenz werde ich mehr erfahren, dachte ich bei mir. So nahm auch ich einen hübschen Briefbogen und schrieb ein paar Zeilen."
„In Versen?"
„Nein, in Prosa."
„Erinnern Sie sich ihrer gar nicht mehr?"
„Nein, nicht im Mindesten."
„Aber doch annähernd?"
„Ich weiß nur noch, daß ich der liebenswürdigen Unbekannten süc ihre Hcrzenögüte dankte und ihr weinen festen Borsatz mittheilte, mich durch den erlittenen Schlag nicht abschrecken zu lassen, dem ich außerdem den' Trost ihres Briefe- verdanke. Und ich bat fie, fich nicht zu verbergen, fit möchte mir ihren Namen nennen, so wie ich hiermit mein unglückseliges Anagramm aufgäbe und wich ihr unter meinem wahren Namen vorstelle. Auch möchte ich fie von Angeficht zm Angeficht sehen- hätte ich doch ein Anrecht, fügte ich hinzu,
Jemand kennen zu lernen, dessen Worte dazu beigetragen, mir den Glauben an mich zurückzugeben. Auf jeden Fall beschwor ich sie, die begonnene Correspondenz fortzusetzen."
„Eigentlich erwartete ich etwas Besseres," schaltete die Gräfin lächelnd ein, „für eine zukünftige Berühmtheit ist der Brief gerade kein Meisterstück. Hundert Ladendtener hätten ihn nicht schlechter gemacht."
„Das ist möglich," entgegnete der Professor mit Gleich- muth, wennschon der Vergleich mit den Ladendienern ihm nicht sonderlich zu schmeicheln schien.
„Und die Unbekannte blieb unbekannt?"
„Woher wissen Sie daS?"
„Ich weiß nichts, ich frage nur."
„Am Tage, als ich mein Btllet aufgab, ging ich vier Stunden lang im Vorzimmer der Post auf und ab, wobei ich mich möglichst in der Nähe deS Schalters für poste restante Briefe hielt und mein Gehör anstrenate, ob Jemand ' die geheimnißvollen Worte Spiritus indocilis aussprechen würde. Mein Blllet lag da unter den Buchstaben S. oder I. und erwartete den Empfänger, um bann glücklicher als ich unverweilt die Bekanntschaft der schönen Unbekannten zu machen."
„War fie denn schön?"
„Warten Sie einen Augenblick. Mein eigenthümlicheS Benehmen entging nicht den Postbeamten, und da fich schließlich mißtrauische Blicke auf mich richteten, so schien eS mir gerathen, wich zu entfernen."
„Ohne etwas entdeckt zu haben?"
„Leider. Den nächsten Morgen ging ich wie gewöhnlich nach dem Theater."
„Es ist ein Brief für Sie da," sagte mir Nunzio, der Theaterdiener.
„Her damit," herrschte ich den armen Burschen mit einer Heftigkeit an, daß er zusammenfuhr, denn seitdem ich auS-
gepfiffen worden war, bildete er fich ein, ich müsse noch de« Verstand verlieren. O weh,! der Brief war nicht von Spiritus indocilis, sondern von meiner Mutter. Ich kann es noch heute nicht der räthselhasten Unbekannten verzeihen, daß ich ihretwegen einmal mit Unmuth einen Brief meiner theuren Mutter in Empfang genommen habe. Aber wenn man etwa- Bestimmte- erwartet, wird alles Uebrige, auch daS sonst Willkommenste, zur unliebsamen Uebrrraschung. Stellen Sie fich den Eindruck vor, den meiner Mutter dringende Bitte, heimzukehren, auf mich machen mußte. Sie schrieb, daß sie meine venezianische Reise nicht fiänger vor dem Vater geheim halten könne und heftigen Tadel befürchte, wenn er hinter die Wahrheit käme. Mein Vater verstand keinen Spaß, daS wußte ich genau, aber obwohl ich mit Recht feinen Zorn fürchtete und auf einen ziemlich zusamwe»- geschmolzenen Geldbeutel blickte, konnte ich mich nicht ent° schließen, Venedig zu verlassen, ohne auf die Spur von Spiritus indocilis gekommen zu sein. Sie hatte mir zwar nicht geantwortet, aber bet erneuter Anfrage auf der Post erlangte ich die Gewißheit, daß der Brief abgeholt worde« war. Wäre eS möglich, daß die Schreiberin trotz meiner Bitten ihr Jncognito nicht aufgeben wollte? Sie verharrte in ihrem Schweigen, und ich, um alle Mittel zu versuche«, benachrichtigte fie, daß ich olle Mittage zwischen drei und vier mich auf der Piazza aufhalten würde und fie anflehe, fich mir durch ein Zeichen kenntlich zu machen. Ich schlug ihr zweierlei vor: entweder fie möge eine rothe Nelke vorn am Kleide tragen oder beim Glockenschlag halb vier Uhr fich zwischen den Säulen von St. Markus einfinden und et» Tafchentuch zu Boden fallen lassen. Sollten diese Vorschläge ihr nicht zusagen, so würde ich auch auf jeden anderen eiugeheu."
(Fortsetzung folgt.)


