1896
Sonutag den 12. Juli
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Amts- und Anzeigeblatt für den IC reis Gießen
chratisöeikage: Hießener Aamilienölätter
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»«nähme von Anzeige« zu der Nachmittag« für de« fetflenbtn Tag erscheinenden Nummer bi« Sonn. 10 Uhr.
Alle »nnoncen-Burcaux de« In- und Äu«(anbc« nehm«, Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Retbegleituti^, reine.
in der Lage, ßr können, krod« jfrei tu Diensten.
Handgepäcks, waS fie mit halb mürrischem Danke entgegeo- nahm. Eine schwarze Ledertasche, welche sie bisher in der Hand gehalten, brachte fie schließlich auf dem Hängenetz unter, indem fie meine Köfferchen etwa- rückfichtSloS bet Sette schob. Darauf plactrte fie fich tu der entgegengesetzten Ecke. Ich hatte es mir auch wieder bequem gemacht, aber beim Schein der Deckenlampe sah ich durch meine halb« geschloffenen Augenlider, daß die Fremde mich scharf beob- achtete. Es wurde keine Conversation zwischen un- geführt und wie ich nach einer Weile bemerkte, schien wein Gegen, über tu Schlummer gesunken zu sein. Ich selbst fühlte mich zwar merklich abgespannt, aber nicht schläsrig. Der fahle TageSschetn zog bereits über den Himmel und ließ die Gebirgskette, welche die anmuthige Gegend am Horizont be- grenzte, scharf hervortreteu.
Da ich daS Bedürfntß nach einer Erfrischung verspürte, erhob ich mich, um die von meiner Jungfer vorsorglich ein. gepackte Flasche mit Sherry auS dem Köfferchen herab, zunehmeu. Dabet hob ich die schwarze Ledertasche meiner Reisegefährtin behutsam empor und legte fie zur Seite. Denselben Moment sah ich, wie diese die Augen öffnete und mein Gebühren scharf fixirte. Nachdem ich no$ ttncn kleinen Imbiß eingenommen, lehnte ich mich wieder in die Ecke zurück und versuchte zu schlafen.
Ich befiuoe mich nicht mehr darauf, wie lauge Morpheus mich in Banden gehalten- als ich mich wieder aufrichtete, war es Heller Tag. t ri .
Mein Gegenüber saß aufrecht mit der schwarzen Ledertasche im Schooß und schien in ängstlicher Hast darin herum, zukrameu. r . . .
Ich fragte, ob fie etwas dagegen habe, wenn wir das zweite Fenster öffneten, da eS erstickend heiß sei- fie nickte zerstreut mit dem Kopfe und stieß einige halblaute Seufzer aus. Währenddem hatte fie die Tasche bis auf den Boden geleert und alle die in ihr enthaltenen Gegenstände um fich herum auf dem Sttzpolster ausgebreitet.
„Sie suchen etwas?" fragte ich in höflicher Theilnahme.
Wtn^egiment« unter Musikdirektor, Krautze, ll im freien. Personen migiftE ' "»entgeltlich für iflung aller Art.
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Skrteljäbriger A-o««ementsprei»i 2 Mark 20 Pjg. mh Brmgerlohn. Durch die Post bezo^» 2 Mark 50 W
Äcbaction, Lxpeditw« und Druckerei:
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Was ist Schapirograph?'
Schapiroaraph ist ein neuer, unübertroffener Vervielfältigungs- Apparat zur selbstflündigen, kostenlosen Herstellung von Drucksachen aller Art, sowie zur Vervielfältigung von Briefen, Acten- stücken, Zeichnungen, Noten, Plänen, Programmen rc. rc. in Schwaez- dr««. Die Handhabung dieses Apparates ist für leben Laten eine eettaunlid) einfache, der Erfolg nnanSbletblich und garanttrt. Von einer mit Tinte aus Papier hergestellten Schrift oder Zeichnung erzielt man ohne Presse und ohne jede Chemikalien auf die einfachste Weise ca. 150 Abzüge innerhalb 15 Minuten. Ein Schapiro- graph für Quart und Folio kostet mit allem Zubehör nur «k. 11- Lum Beweise, daß der Schaptrograph der beste Verotelfälttgungs- Apparat ist, sind wir bereit, denselben auf unsere Gefahr und ohne Gablung zum probewetsen Gebrauche für 5 Tage franco zu verenden und beanspruchen wir im Falle der Rücksendung keinerlei Entschädigung. *) Prospect und Druckproben frei.
Hermann Hnrwitz & Co., Berlin C., Klostentraeee 49.
Special-Geschäft für Patent-Artikel. 63t?5
Nr. 162 Drittes Blatt
liffementS nicht weiter ausdehnen- wahrscheinlich wird aber die ganze Fabrik ein Raub deS Feuers. D. Z.
△ Mainz, 10. Juli. Am 17. und 18. October findet hier der südweftdeutsche Parteitag der frei- sinnigen Partei statt. In einer am 18. October in der „Stadthalle" hier im Anschluß an den Parteitag stattfindenden Volksversammlung wird Eugen Richter sprechen. — Ein Maurerstrtke steht hier unmittelbar bevor. Die zwischen einer Lohncommission und dem Ausschuß der Bau- Unternehmer seit einiger Zett schwebenden Verhandlungen haben fich zerschlagen, infolgedeffen fich gestern eine Arbeiter- Versammlung mit den Bauarbeitern solidarisch und bereit erklärte, deren Forderungen voll und ganz zu unterftüzen. Als letzter Versuch zur gütlichen Lösung der Angelegenheit soll das EinigungSamt des Gewerbegerichts augerufeu werden. — Aus Anlaß einer größerer Zahl von Erkrankungen, von welchen Soldaten deS 87. und 88. Jnfanterie-RegimentS in den letzten Tagen befallen wurden, hat das htefige Gouvernement angeordnet, daß während der Dauer der gegenwärtigen heißen Temperatur bis 10 Uhr Vormittag« sämmtliche Märsche, Truppenübungen u. s. w. beendet fein müffen. — AlS Nachfolger unsere« im October in den Ruhestand tretenden StadtbaumetsterS, Baurath Kreyssig hat der Seniorenconvent der Stadtverordnetenversammlung einstimmig beschloffen, den seitherigen Stadtbauinspector Kuhn vorzu° schlagen. Die Stelle ist in Zukunft eine andere alß fie seither war, indem der zukünftige Stadtbaumeifter zweiter be- soldeter Beigeordneter und Bausachverständiger der Bürger, meisteret wird._______
ein Arzt geholt, welcher Gegenmittel gegen die bereits be. gonnene Blutvergiftung anwandte, wodurch das Kind vom ficheren Tod gerettet wurde. Bei der Untersuchung fand der Arzt neben der Blase eine kleine Schnittwunde und brachte durch Fragen aus dem Kinde heraus, daß es sich an einem Wagen, auf welchem Jauche ins Feld gefahren wurde, gehalten habe. Die Jauche stammte aus einem Stalle, in welchem kurz vorher eine Kuh gefallen war.
n. Friedberg, 9. Juli. Die schon lange geplanten durchgreifenden Reparaturarbeiten an unserer schönen, im gothischen Stil erbauten S t a d t k i r ch e haben nun begonnen. Der letzte Gottesdienst wurde am vergangenen Sonntag darin gehalten. Der ganze Ktrchenplatz ist mit einer Plankenwand abgesperrt und ist man mit Errichtung der Bauhütten und deS Lager- Platzes eben beschäftigt. DaS ganze Chor wird niedergelegt und stilgerecht wieder aufgebaut. Die Arbeiten werden fich darum auf mehrere Jahre erstrecken und wird der GotteS- dienst so lange in der Burgktrche abgehalten.
n. Von der Nidda, 9. Juli. Nachdem vor einiger Zeit in Nieder-Florstadt die Wintergerste bereits geerntet wurde, hat gestern der Roggenschnitt begonnen. Die Sichlinge find von gutem Gewicht. ES zeigt fich jetzt aber, daß an einzelnen Plätzen daS Korn dünner stand, als man annahw.
□ Darmstadt, 10. Juli. Die Erste Kammer der Stände tritt am 13. d. M. zu einer mehrtägigen Tagung wieder zusammen. Der neue Kunstftraßengesetzentwurf, der in der Berathung der Zweiten Kammer einige Aenderungen erfahren, steht u. A. zur Tagesordnung. — Der neu ernannte Oberforstrath Dr. Philipp Walther, seither Oberförster in Dornberg, ist ein geborener Gießener und ca. 40 Jahre alt. Seine großen Fähigkeiten haben ihn schon frühe zu aufbefferlicher Stellung gebracht.
* Zwingenberg, 9. Juli. Bei einem der letzten Gewitter, die an der Bergstraße ntedergingen, schlug der Blitz in den AuSsichtsthurm auf dem Meltbokus ein. ES geschah dies mit solcher Gewalt, daß der am Thurm angebrachte Blitzableiter vollständig demolirt wurde, ja selbst die Be- festtgungSanker der Drahtleitung wurden aus dem Bau herauSgeriffen. Heute hat man mit der AuSbefferung der Leitung wieder begonnen. D. Z.
* Mainflingen, 9. Juli. Die weithin bekannte Pech- fabrik zu Dertinger steht seit heute Mittag 12 Uhr in Flammen. Man ist eifrig an der Dämpfung des Brande« beschäftigt. Der Brand, dessen Entstehungsursache bislang unbekannt ist, kann fich wegen der tsolirten Lage deS Etab-
Dte Angeredete blätterte gerade in ungeduldiger Hast in einem Portefeuille- dabei funkelten ihre Augen seltsam unruhig und da« volle Gesicht hatte eine fast blaurothe Färbung angenommen.
h$q — ja — ich suche einen Fünfzig-Guldeu-Schein, den ich bei meiner Abreise hier herein gelegt habe," stieß fie ächzend heraus.
„O, der wird fich schon finden. Sicherlich haben Sie daS Geld irgend wo anders gut verwahrt, was Ihnen nicht mehr erinnerlich ist," entgegnete ich beschwichtigend.
Sie sah mich zornig an und rief:
Wo anders hin — pah — wenn ich eS doch ganz genau weiß- der Schein lag hier in diesem Portefeuille und dies in der schwarzen Tasche. Ich weiß, was ich thue!
Mau kann fich aber irren," gab ich achselzuckend zurück und schaute, weil das ganze Wesen der Fremden mich an- widerte, tu die thaufrische, noch halb dämmerige Pracht de« Sommermorgens hinaus.
Erneutes Seufzen und Stöhnen meiner Reisegefährtin ließen mich die Blicke wenden. Sie hatte die herumliegeuden Gegenstände nun wieder in die Tasche gesteckt und starrte mit gerungenen Händen und einem Ausdruck trostloser Verzweiflung vor sich hin. i
DaS Geld ist fort — spurlos verschwunden! O, ich bin eine arme Frau! Fünfzig Gulden find ein Object für mich! Wa« soll ich thun! ?" jammerte fie unter Schluchzen, wobei sie fich ab und zu mit dem Taschentuch über die Augen fuhr.
Da ich die Nothwendigkeit, auch etwas zu sagen, sühtte, äußerte ich in freundlichem Tone:
„ES thut mir sehr leid, daß Sie solch einen Verlust erlitten- mit Bestimmtheit nehme ich jedoch an, jene fünfzig Gulden werden fich noch wiederfiuden. Sie find jetzt furcht- bar alterirt und in der Aufregung nach einer Sache zu suche« bleibt meistens fruchtlos."
(Fortsetzung folgt.)
Feuilleton.
Um fünf?ig Gulden.
Novelle von Doris Fretin von Spättgen.
(1. Fortsetzung.)
Allein trotzdem fühlte ich mich unbefriedigt. Da kam «eine Ernennung zur Hofdame der Herzogin von L. .. und adt einem Schlage änderte fich die Situation. Die sonst so scharfe Kritik der Tanten und Onkel wurde nachsichtiger.
„Ja, dafür eignet fich die Marianne wie keine Zweite. Mit ihrer Entschloffenheit und Characterstärke wird fie solch eine Stellung schon auszufüllen verstehen! Um die ist uns nicht bange!" klang es einstimmig. Ich lächelte stillvergnügt unb schwieg.
Und nun find drei Jahre inS Land gezogen und ich fühle mich glücklich.
Alle diese Gedanken zogen jetzt durch mein Hirn, als ich mit halbgeschloffenen Augen, die Glieder behaglich auS- gestreckt, in der Wagenecke lag. Am schwarzblauen Nacht- Himmel funkelten die Sterne und ab und zu rauschte vom Schornstein der Locomotive eine Funkengarbe glühenden Rauche» am Coupsfenster vorbei.
DaS Ziel meiner diesjährigen Urlaubsretse war ein kleiner österreichischer Gebirgsort, wo fich Mama mit Eveliue, unserer Aeltesten, aufhtett, und wohin Clarh, eine der ver- heiratheteu Schwestern, mit ihren zwei süßen Kindern zu kommen versprochen hatten. Wir gedachten dort vierzehn Tage zu bleiben, um die erfrischende Bergluft zu genießen.
ES mochte zwei Uhr NachtS sein und ich war nach Re- Vision des Gepäcks an der Grenzstation ins Coups zurück- gekehrt, als eine ältere Dame einstteg, was mir, Baronin Steiners Warnung gedenkend, höchst willkommen erschien, tzz war eine kleine, corpulente Frau mit schwarzen Sttrn- löckchen, grellen dunklen Augen und etwas betroffenen Ge- sichtSzügen.
Ich half ihr beim Unterbringeu ihres nicht geringen
Der Gießener Anzeiger erscheint täglich, «it Ausnahme de« Montag«.
Die Gießener WamikienßlSIter »erden dem Anzeiger wöchentlich dreimal deigrlegt.
-n. GroßeuLiudeu, 10. Juli. Der hiesige Spar- und Forsch ußveretn, Actien-Gesellschaft, Überwies von seinem Reingewinn pro 1895 dem Reservefond über 4000 Mk., zab hiesigen Armen eine Unterstützung von 65 Mk. und der hiesigen Kleinktnderschule eine solche von 300 Mk.
n. Baueruheim i. d. W., 9. Juli. Herr Staubach hier entdeckte in der vorigen Woche hinter seiner Hofraithe ein bedeutendes BohluSlager, daS er selbst auSzubeuten gedenkt. Die Farbe liegt nur s/4 Meter unter der Ober- Mche und bildet ein Lager von 2*/, bis 3 Meter Mächtigkeit. Die Schicht liefert weißen, gelben und grauen BohluS. Die damit gemachten Proben lieferten den Beweis, daß der BohluS von vorzüglicher Güte ist. — Vorige Woche ereignete fich hier ein Vorfall, welcher aufs Neue zur größten Vorsicht bei der Behandlung von Wunden mahnt. Ein fünfjähriger Knabe klagte über Schläfrigkeit und litt an Appetitlosigkeit. Als ihn seine Mutter zur Ruhe bringen wollte, bemerkte sie am Zeigefinger der linken Hand eine bräunliche, bohnengroße Blase. Da auch der Arm bald anschwoll, so wurde rasch
Löwengasse. 15,4 linand Schott 4 üben.__
Gießener Anzeiger
Kenerat-Anzeiger.
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Amtliche* Tbeil.
Hausen, den 11. Juli 1896. vetr.: DaS JahreSfest deS Gießener Zweigvereins der Gustav-Adolph-Stiftung.
Der Vorstand des Eichener Zweig-Vereins der Gustav-Adolph-Stiftung
an die Gemeinden des Bereinsbezirks.
Nächsten Mittwoch den !$♦ Jnli soll in Annerod da« rubriztrte Jahresfest gefeiert werden, zu welchem die Gemeinden, die zum Gießener Zweigveretn gehören, hiermit freundlichst etngeladen werden. Der VormittagSgotteSdienst beginnt um 10 Uhr. Festprediger find die Herren Pfarrer Weimar aus Münzenberg, der Vormittags, und Pfarrer Loos auS Butzbach, der Nachmittags predigen wird. Der Rechenschaftsbericht wird von unserem Secretär, Herrn Prof. Stamm in Gießen, erstattet werden.
Die Herren Geistlichen werden ergebenst ersucht, am Feste theilzunehmen und ihre Gemeinden am voraufgehenden Sonntage noch besonder» zur Theilnahme anzuregen.
Wahl.
stzwv. A elweine.
Wmr. H »ga, Madeira,


