Ausgabe 
12.4.1896 Zweites Blatt
 
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Nr. 86

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4Usenet Jhqrifltr erscheint täglich, eiit Ausnahme deS Montag«.

Die Gießener MamikieaStLIIer werden dem Anzeiger »Schemlich dreimal dcigelegt.

Zweites Blatt. Sonntag den 12. April_________________________

Gießener Anzeiger

Kenerat-Wnzeiger.

1890

vierteljähriger ASemnt«tnK,retB i 2 Mark 90 Pfg. mit Lringerlohn.

Durch die Post bezog«« 2 Mark 50 Pfg.

Redaktion, Expeditts« und Druckerei:

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Fernsprecher 51.

Amts« und Anzeigeblatt für den Kreis Gieren.

Kr-tisSnt°,e- Hi.ß-n«

Juristen - Menu. Etwa 70 Professoren der RechtS- z elehrfamkett an deutschen Universitäten waren kürzlich zu Eisenach versammelt. Sie krönten ihre ernste Thätigkeit lurch ein Festesten nach folgender famoser Speisekarte: , Eisenach, am 23. März 1896. In Röhrig Haus, benannt , Großherzog von Sachsen", Erstes Festmahl auf Grund des lammenden Bürgerlichen Gesetzbuches, eingenommen von be» ,Ahmten Gelehrten und Lehrern deutscher Hochschulen:

Wahlspruch: DaS Recht muß seinen .Gang' D as Festmahl seine .Gänge' haben.

Vorbehalt:

DieZuständigkett der vorgesetzten Gerichte ist nicht anfechtbar.

Einleitung deS Verfahrens: Prüfung der Weinkarte. 1) Beginn des Genußrechtes: Deutsche Kraftsuppe. 23 Zum Recht m r beweglichen Sachen: Forellen blau, mit C-ebirgsbutter und Kartoffeln. 3) Ein Fall rechtmäßiger Theilung: Bestes Stück von einem Rind mit edler Pilzen- tunke und gewürzten Früchten. 4) Unmöglichkeit der straftloS'Erklärung: Straßburger Gänseleber und Trüffeln. -- 5) Aus dem beflügelten Familienrecht: Ein Braten von vsredelten Hahnen mit jungem Grün und gedämpfter Frucht. - 6) Nicht übertragbarer Nießbrauch: Rieseuspargel mit holländischer Eiertunke. 7) § 730 des Bürgerlichen Gesetzbuches: Roseneis mit Backwerk. 8) Schluß des Verfahrens: Neueste Käsebrödchen mit Radieschen. Zur KuSführungS>Ordnung: Die zeitweise Aussetzung des Ver- -führens durch Trivksprüche ist zulässig."

* Der Herr Kataster.Das ist ja eine kaum glaubliche Geschichte, die hier in den Acten steht; danach müssen Sie ja einer der geriebensten Hochstapler sein, die mir vorgekommen sind" so äußerte sich der Vorsitzende des Schöffengerichts zu einem etwa 40 jährigen Angeklagten, der den Eindruck eines arg herabgekommenen Mannes machte.Det Papier is jiüduldig, Herr Jerichtshof", entgegnete er,natierlich, wenn |i Eener wie ick von Eenen jemißbraucht wurde un der an- di're macht sich dünne, denn krijen se mir beit Schlafittchen umb ick soll denn de Jerechtigkeit fiehlen, objleich ick unschuldig bi n wie Abrahams Schoß. Die Sache liegt for mir so klar wiie Hiob." Bors.: Aus Ihrer confusen Entgegnung kann ii'i nur so viel entnehmen, daß Sie sich an dem Betrug nicht bl'theiligt haben, sondern selbst getäuscht wollen sein. Das werben Sie nach ber Zeugenvernehmung boch wohl kaum aufrecht erhalten können. Aber Sie können uns meinetwegen mal die Geschichte so erzählen, wie sie biese zurechtgelegt haben. Ich sehe schon, bas Gericht wirb um ihren Vortrag buch wohl kaum herum kommen. Aber bitte, so kurz wie möglich! Angekl.: Allemal! Denken Se, Herr Jerichts- h->f, am 15. Februar bin ick in be Wärmehallen. Wie ick da so sitze un dabrieber nachdenke, wer be Arbeet woll er*

funben hat, fällt mir een Mann uff, ber mir bekannt vorkam. Er war feiner anjezogen, benn uff'n Jberzieher hatte er 'n Kragen mit Krimmer un in be Hosen hatte er 'n Kniff jeplät't un denn waren se ooch so uffjekrämpelt wie bet so'n Gigerl. Er kiekt mir ooch an un richtig et kommt raus, daß wir uns kennen. Er sagte, et wäre ein Jlück, bet wir uns jc- troffen haben, denn er suchte jrade een Jehilfen un ick wäre sehr dazu geschaffen, benn er estemirte mir als ehrlich unb arbeitsam.Nüchtern bifte boch?" fragte er weiter.Wie ne Wasserpulle!" sage ick.Un kannste ooch een Amts- jeheimnis bewahren?"Ick bin verschwiejen wie en Droschken- Pferb!" retournire ick. Wir jehen denn also in be Destille un lassen uns en kleenen Hammerstein mit Friebmann jeden un denn nochn jroßen Lippentriller, un dabei erzählt er mir benn, bet er bei's Katasteramt anjestellt is un draußen in be Triftstraße en Stück Lanb vermessen müste un da derzu da brauche er eenen Jehilfen. Ob ick mir mit 2 Mk. 50 Pf. pro Dag un freie Kost zufrieden stellen würde? Na, for den Anfang, sagte ick, is bet ja genug. Et war also alles 'ns Loth un von diesen Oogenblick an mußte ick ihn Sie'zen unHerr Kataster" zu ihm sagen, während er zu mir blos nur Schulze zu mir sagte. Denn holt er sich aus een Haus ne Meßstange raus un eenen langen uffjerollten Bindfaden un een Stück Kreide. Det muß ick ihm allens nachtragen. Un denn holt er aus ber Tasche 'ne Kokarde 'raus, macht se an meine Mütze fest un meent:So, nu biste Beamter un wenn Du Dir jut führst, verschaffe ick Dir mal 'ne kleene Pension. Präs.: Angeklagter, Sie denken wohl, Sie sind hier in einer Kinderstube, wo Sie Märchen erzählen können? Lassen Sie diese endlosen Ausschmückungen und kommen Sie nun endlich nach der Triftstraße. Ang ekl.: Jawoll! Wie wir da ankommen, zeigt der Herr Kataster uffn Stück Kartoffelland so von Morjener zwee un sagt: Det is et, det müssen wir mal auskatastern." Un denn dreht er sich um, un wie er in de Nähe ne Kneipe entdeckt, sagt er:Wir wollen man erst 'n Bißken wat zu Mittag präpeln, benn ohne solide Unterlage arbeet sich bet schlecht." Also wir rin in bie Budike. Ick setze mir mit meine Range janz dusemang in bie Ecke, der Herr Kataster setzt sich aber janz vorne hin, schlägt jroßartig bie Beene über enanber un fragt, ob er for sich unb seinen Jehilfen wat zu Mittag triefen könnte. Wir essen ooch sehr jut, der Herr Kataster bringt ooch nochne Tasse Kaffeebrühe, läßt sich en halbet Dutzenb Ziehjarren jeden un wird mit dem Wirth sehr familjär. Er flüstert immer mit ihm un der Budiker hört immer mit n recht freindliches Lächeln zu. Un ick höre man, wie er dem Wirth erzählt, bet uff bet Nachbarjrundstück en jroßet Jebäube sollt uffjeführt werben ick jloobe et war en Finbel- haus un benn würde der Wirth ein reicher Knopp werden, denn erstens Haden die Maurer bei den Neubau doch jroßen

Feuilleton.

Bndrl Hasenbusch.

Erzählung von Eethegus.

(Schluß.)

Wie es dann weiter kam, wie die kleine Martha von ihrem wundervollen Buche auch anderen Kindern berichtete, iiü der Herr Verleger, der daS prächtige Vorderhaus be- vwhnte, durch sein Töchterchen von dem Schatze vernahm, itz« als einen wirklichen, goldführenden Schatz erkannte und jlvcklich hob, das ist leicht erzählen, und der Herr Ver­leger hat es selber oft genug mit Behagen erzählt. Nur la8 mag er wohl aus Bescheidenheit übergehen, wie freund­lich der Zufall, der dem guten Onkel Hasendasch so oft Ile! mitgespielt, diesmal mir ihm verfuhr, indem er sein ftnch einem ehrlichen Manne in die Hände spielte. Denn i£l der Verleger ihm zuerst anbot, daS Buch zu veröffent- Wen, da erwies sich der kleine Mann wieder ganz als der Ilde Nikola. Zornig wurde er, zornig, wie man es ihm icrr nicht hätte zutrauen sollen.Er habe Gott sei Dank Itiin Geld mehr, um eS zum zweiten Male für Schimpf und Schande herzugeben."

Der Verleger war sehr verwundert über diese Rede imb bat um Erläuterung. Da bekam er denn so stückweise iia Geschichte von Nikola HaseubuschS Erstlingswerk heraus. 6n selber hatte davon nicht das Geringste gewußt die llwfsätze jenes krittschen Witzlings waren ja längst vergeffeu, »ührend der arme Onkel Hasenbusch noch immer meinte, sie wie gedruckte Fußangeln überall am Wege auf ihn luderten, scharf und blank wie am ersten Tage. Daß mau Üdh nun noch gar Geld herauSgeben wollte, wenn er sie , imcken ließe, davon hatte er ja keine Ahnung und der Ber-

leger hätte da mit einer Schlechtigkeit viel Geld verdienen können. Weil er aber ein ehrlicher Manu war, so trat er sich schon selber so zu sagen als Vormund seines weit« unkundigen Autors gegenüber unb daS Ergebuiß war eine Summe, über deren Unbegreiflichkeit der gute Onkel Hasen- busch bis an sein seliges Ende nicht zur Ruhe gekommen ist. Sie hat hingereicht, seiner kleinen Erbin Martha und ihrer Mutter ein sorgenfreies Dasein zu begründen für sich selber brauchte er ja so wenig.

ES hat aber überhaupt lange gedauert, bis er der Ge­schichte so recht traute. Noch kurz vor dem nächsten Weih- nachtsfest, als schon die Krttik ihr ganzes Füllhorn Über daS Buch auSgegoffen hatte und die Bestellungen sich ordent­lich überpurzelten, schien eS ihm zuweilen noch vorzukommeu wie eine unergründlich tief angelegte Täuschung. Er war ja auch damals schon recht krank.

Sie ungläubiger ThomaS," sagte ihm der Verleger eine- Abends,nun kommen Sie mal mit!" packte ihn trotz aller eigenen drängenden Arbeiten in feinen Wagen und fuhr «tt ihm zu dem größten Buchlaben der Stadt.

Der Besitzer und feine Leute machten große Augen, als ihnen der Verleger daS kleine, schüchterne Männlein vorstellte.

Ach, Sie sind der Berfaffer der Märchen vom Onkel Hasenbusch?" fragte der Ladenbefitzer so höflich wie es fein Erstaunen zuließ.

Ach ja," antwortete das Männlein,aber bitte, sagen Sie es Niemand ohne Noth!" Und dann bat es, ob es ein Weilchen verweilen dürfe eS möchte nur wissen, ob denn wirklich ....

Weiter wußte eS nicht zu reden. Die Herren lächelten und eomplimentirten eS überaus höflich auf einen Stuhl im Hintergrund. Und da kamen sie alle: fröhliche Familienväter

Durscht un benn würbe sein Jrunbstück boch ooch mehr werth un er solle es man ja nich verkoofen. Er als Kataster solle bet nu vermessen un ben Ausschlag jeden, ob sich bet Jrund- stück ooch bazu eignen bhäte. Un ber Wirth schmunzelt un ruft feine Olle 'ran un ber Herr Kataster legt ihnen über Allens, wat er jefagt, en Staatsjeheimniß uff. Un wie benn bie Wirthsleute versichert hatten, bet fe in alle Sprachen verschwiegen fein könnten, ruft er:Schulz! Komm' mit be Apparate raus!" Ick packe öen janzen Krempel zusammen un renne draußen hinter ihm her immer bet Kartoffelfelb lang. Manchmal muß ick bc Stange in ben Boden stecken un den Bindfaden den Boden lang ziehen. Denn kiekt der Herr Kataster de Strippe mit bet eene Ooge lang, schreibt sich wat int Buch un be Bubikerschen stehen ins Fenster unb liefen fröhlich zu. V 0rf.: Nun schwindeln Sie nicht noch weiter, Sie verbessern damit keineswegs Ihre Lage. Thatsächlich haben Sie einen ganz dreisten Schwindel aufgesührt. Ihrem HerrnKataster" und Ihnen ist es nur darum zu thun ge­wesen, Abends bei dem Wirth noch eine tüchtige Zeche zu machen, was Ihnen auch gelungen ist. Ihr Compliee hat ihn dann noch um 10 Mk. angepumpt, indem er erzählte, er müsse am nächsten Tage die Arbeiten fortsetzen und wolle seine Meßaparate bis dahin dort lassen. Natürlich hat sich keiner von Ihnen wieder blicken lassen und der Wirth ist um 20 Mk. geschädigt worden, denn die sogenannte Meßstange hat nicht viel mehr Werth, wie das Stück Bindfaden. An gekl.: Aber die Kreide kann der Wirth jut jebrauchen. Bors.: Na warten Sie nur! Angeblich wollen Sie den Herrn Kataster" nicht einmal dem Namen nach, sondern nur nach dem Ansehen kennen. Angekl.: Nich 'ne Ahnung? Aber wenn et so is, wie Sie da sagen, denn muß et ja en janz geriebener gewesen sind und dabei sah er doch so jebilbet aus! Die Beweisaufnahme ließ keinen Zweifel daran, daß hier ein gemeinsam verübter ganz raffinierter Schwindel vorlag, den der Angeklagte für feine Person mit zwei Monaten Gefängniß büßen soll.

Dreierlei.Mein Fräulein! Ich traue Ihnen - trauen Sie mir wieder, unb bald traut unS ein Dritter!"

CHeratur uwb Kauft.

Ein eigenartiges bramaturgisches Experiment hat ber be­kannte Intendant ber Meininger Hofbühne. Dr. Paul Lindau, vor Kurzem unternommen. Er hat seine Neubearbeitungen von JmmermannSTrauerspiel in Tirol" und GrabbesDon Juan und Fausts' ausführen lassen und damit euerseits dem deutsche« Theater ein prächtiges VolkSstück gerettet, anderfeits die Bühnen­wirksamkeit eineS Stückes erwiesen, dessen Aufführbarkeit immer angezweiielt wurde. Beide Srücke in der Lindau'schen Bearbettuna sind in der bekannten billigen SammlungMeyer- Bosiksbücheie" (Nr. 1106/1107,1108) zum Preise von 20, rrsp. 10 Pfennig erschienen.

in Bürgerrock unb Uniform, feine Damen, gallonirte Be biente, und alle verlangten sie fein Buch. Unb der Onkel Hasenbusch hörte und saß ganz starr.

Da kam wieder einer, ein fröhlicher, alter Herr im prächtigen Pelz, der zog lachend ein Briefchen hervor:

Da sehen Sie mal hier, das hab ich heute vorm Fenster gefunden, von meinem jüngsten Eukeltöchterchen, können Sie den Auftrag vielleicht erledigen?"

Die Herren lasen und lächelten, bann reichte der Ver­leger das Briefchen an Nikola weiter. Da staub in un­gefügiger, eckiger Kinderschrift:

An das liebe Chriftkiudchen im Himmel. Bitte, liebes Ehristkindchen, schenke mir doch zu Weihnachten auch noch daS schöne Buch von dem Onkel Hasenbusch, bet bie Kinder so lieb hat. Unb ich will auch immer ganz extrabrav fein.

ES grüßt Dich Deine liebe Ella."

Nlkola Hasenbusch laS eS dreimal und viermal mit thräueuden Augen.

Also ist doch wahr!" Er stand langsam auf, bie Blicke immer auf daS Briefchen gerichtet.Der die Linder so lieb hat?" wiederholte er.O ja ... ich sehe, ist alles wahr . . Ich danke Ihnen, meine hochverehrten Herren, danke Ihnen vielmals"

Unb er schritt hinaus, wie ein Verklärter lächelnd.

Also das ist Nikola Hasenbusch?" fragte der alte Herr im Pelz.

Ja," meinte der Buchhändler,jammerschade, daß ber Wann fein Talent so spät entdeckt hat."

Hm, ja," versetzte der Verleger.Wissen Sie, ich glaube, fein Talent entdeckt so einer niemals selber."