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Nr. 10
Sonntag den 12. Januar
Erstes Blatt.
1S96
Gießener Anzeig er
Keneral'-Wnzeiger.
Aints« unb Anzeigeblatt für den Kreb Gieren.
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Die Gießener
AlOmikienvtätter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelcgt.
Der chießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme de» Montags.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für de« ßokgenden Tag erscheinenden Nummer' bis Borin. 10 Uhr.
Hratisöeikage: Hießener Aamitienölätter.
Allc Annoncen-Bureaux des In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
2lmtiid?er TKeil.
Bekanntmachung,
betr. Schießübungen.
ES wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß haß 2. Bataillon dcS Infanterie-Regiments Kaiser Wilhelm Rr. 116
Mittwoch den 15. l. Mts., Vormittags von 7^2 bis 12 Uhr Mittags, Donnerstag den 16. und Freitag den 17. l. Mts., von 10 bis 1 Uhr
Mittags, ein Schiesten mit scharfen Patronen in dem Gelände nordöstlich Orost-Rechtenbach in dem sogenannten Soorbachthal abhalten wird. Die Schuh- richtuug läuft von der Straße Groß-Rechtenbach— Lützellinden am Soorbach entlang in der fliidv tnug des Waldes füdlich Münchholzhausen, westhalb das Gelände Münchholzhausen—Lützellinden—Groß-Rechtenbach Büblingshäuser Hof— Münchholzhausen während der oben angegebenen Zeit für jeglichen Verkehr gesperrt ist. Dte Ehaufsee Wetzlar—Groß Rechtenbach ist oem Verkehr frei« gegeben.
Gießen, den 9. Januar 1896.
Großherzoglichcs KceiSamt Gießen.
v. Gagern.
Gießen, den 9. Januar 1896.
Betr.: Wie oben.
Daß Großherzogliche KreiSamt Gießen au die Großherzogl. Bürgermeistereien Alleu- dorf a. d. Lahn, Großeu-Linden unö Laug-Göns.
Die vorstehende Bckautumachnng wollen Sie alsbald in Ihren Gemeinden auf ortsübliche Weise veröffentlichen laffen.
v. Gagern.
Gießen, den 10. Januar 1896. Betreffend: Register über Zu- und Wegzüge.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Großh. Bürgermeistereien des Kreifes.
Wir sehen der Einsendung der Berzeichnisie über die Zu- und Wegzüge, oder Bescheinigungen, daß Einträge in diese Register im Jahre 1895 nicht zu machen waren, bis zu« 20. d. M. entgegen. Die Bescheinigungen find nach dem Muster, welches auf der letzten Sette des Formulars vorgedruckt ist, aufzunehwen.
Das Formular zu den Zu- und Weqzügen ist von der Großh. Ceutralstelle für die LandeSstatiftik in Darmstadt zu beziehen.
v. Gagern.
Gefunden: 1 Paar Militärhandschuhe, 1 Taschen« Messer, 1 Kinderschuh und 1 Sack mit Waschklammern.
Gießen, den 11. Januar 1895.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
I. E.
v. Bechtold, Regierungs-Affessor.
Deulfcvev Heid^tag.
12. Sitzung. Freitag, den 10 Januar 1896.
Die Berathung deS Börsenreform-Gesetzes und des Depotgesetzes wird fortgesetzt.
Abg. o Cuny (nl.): Wir sind nicht der Ansicht, daß die Vorlage die Börse in ihrer wtrthschaftlichen Bedeutung beeinträchtigen werde. Die vom Grafen Kanitz erhobenen Bedenken gegen die Zusammensetzung des Börsenautzfchusies halten wir nicht für grundlos. 68 ist durchaus berechtigt, daß auch Industrie und Landwtrlhschaft eine ausreichende Vertretung im Börsen - Ausschuß haben. Zum Ehrengericht stehen wir durchaus freundlich. Nach dem Verhalten her Berliner Börse gegen die Herren Frentzel und Mendelsohn meinen wir ober, daß die Organe der Börse, nicht die Masie der Börsenbesucher das Ehrengericht zu wählen haben. Di- Fragen der Emissionen und der Commtssionsgeschätte bedürfen sorgsamer Prüfung. Jedenfalls müssen, wie die Vorlage dies ja auch will, die vereideten Makler auch nöthigenfalls Geschäfte für eigene Rechnung machen dürfen. Der legitime Terminhandel darf nicht getroffen werden. Gin großer Theil meiner Freunde will, daß es dem Bundesrathe überlassen werde, zu prüfen, ob nickt der Terminhandel in Effecten Sanz zu verbieten sei. Zu erwägen ist, ob nicht die Benutzung von atchtlieferungsfähigen Waaren ganz auszuschlitßen sei. Die Rechtsprechung des Reichsgerichts, wonach Differenzgeschäste nicht gütig Snb, wird man im Allgemeinen al8 richtig anerkennen können, aber rö gitbt doch auck Fälle, wo ein Differenzgeschäft nickt den Character ckreS Wettgeschäfts Hai, sondern den einer Versickerung. Das vörsenregister billigen wir, denn wer sich eintragen laßt, bekundet Somit nicht, daß er ein Spieler sei, sondern daß sein Geschäftsbetrieb ^leferungsabschlüsse erfordert. Mit Strafbestimmungen gegen ge
werbsmäßige Verleitung zum Börsenspiel find wir einverstanden, denn e6 giebt Commtssäre, welche ihre Agenten im Lande herum- schicken zu dem Behuf, um Leute, die mit der Börse nichts zu thun haben, zum Börsenspiel zu verleiten. Auch dem Depotgesetz stimmt Redner Namens seiner Freunde zu.
Abg. Fritzen (Ctr).: Auch wir wünschen Annahme der Vorlage, möglichst mit noch einigen Verschärfungen. Die Zusammensetzung des Börsen - Ausschusses bedarf auch nach unserer Ansicht einer Modlficatton. Die Verantwortlichkeit für die Prospecle ist eine alle Forderung; es wird aber Alles darauf ankommen, wie die Beweislaft geregelt wird. Namentlich werden in den Prospecten die Emisfionshäuser auch ausdrücklich sagen müssen, nach welchem Maßstabe die Zuleitung staltfinden soll. Der wundeste Punkt ist das Terming-schäft, das vielfach zu künstlichen Preisbeeinflussungsn dient. Der Registerzwang ist ein großer Fortschritt; wir begreifen nicht, wie sich die soliden Geschäfte dadurch verletzt fühlen können. Dem Bundesrath muß die Befugniß gegeben werden, den Terminhandel für gewisse Waaren und Effecten ganz zu unterlagen, so für Zechen- und Hüttenpapicre, für Kaffee undKammzeup. Bei Getreide hat das Termingeschäft häufige künstliche Preisveränderungen zur Folge; dem Bundesrath muß deshalb überlassen bleiben, über die Lieferbarkeit von Getreide Bestimmungen zu erlassen. Ein Verbot des Termingeschäfts in Getreide muß in der Commission sorgfältig geprüft, werden, schon um die Londwirthe zu beruhigen. Ich halte das Getreidetermingesckäft au6 volkswirlhschaftlichen und socialen Rücksicht n für unentbehrlich, würde aber dem V-rbote zustimmen, falls sich das als möglich Herausstellen sollte. Dieses Gefitz wird zwar einen Rückgang des Ertrages der Börsensteuer mit sich bringen, aber das wird mehr als aufgewogen durch die Vortheile des Gesetzes. Bezüglich des Depotgesetzes verlangt Redner, datz der Depositar alljährlich den Deponenten ein Nummcrverzeichn'ß zufckicke.
Abg. Schönlank (Soc.): Wir stehen dieser Vorlage ganz kühl gegenüber. Sie kann nichts daran ändern, daß der Geldhandel, der in der Börse seine höchste Potenz hat, immer mehr Einfluß auf den sonstigen Handel und auf die Pr buct on gewinnt. Das ist nun einmal so tn der heutigen capitalistischen bürgerlick'n Gesellschaft. Der Staatscommiffar nützt nach der Erfahrung in Oesterreich gar nichts. In der Enquetecommrsfion fchlug Herr Schmoller entlassene Minister für die Stellung des StaatscommissarS vor. Wie wärs mit dem Polizeimin.ster o. Köller? (Heiterkeit). Wollen Sie etwa Juristen nehmen? Die glauben ja freilich Alles zu verstehen, wenn sie auch beifpielSweise von den Verhältnissen im Preßgewerbe gar nichts ohne einen Verständigen wissen. In Sachsen ist es passirt, daß ein G-richtsoorsitzender, als de' Vertheidiger die Vorlesung der stenographischen Protokolle des Reichstages beantragte, fragte: „wünschen Sie das wirkttck? ich und die anderen Herren Richter können nicht ffenograpbiren!* (Große Heiterkeit). Rationelle Maßnahmen gegen den Import schlechter ausländischer Papiere wären ja erwünscht, aber der Handel mit Papieren wie der CapiialismuS überhaupt, übt leider einen sehr schlimmen Ei- floß auch in geistiger Beziehung aus, einen panamist-schen Einfluß, nicht nur in Frankreich, sondern auch bei uns. In der Enquete- Commission machte Herr Russell über die Betheiligung von Redac- teuren bei Börsen-Transactionen interessante Mittheilungen. Danach wird um die Presse gehandelt wie um Petroleum, Weizen oder Lumpen. B bäuerlich ist, daß man über solches Preßunwefin keine Strafbestimmung in die Vorlage aufgenommen hat. Der Börsen- Reserent eines hiesigen Blattes, der zugleich Prioaldocent ist, wurde kürzlich von dem Besitzer des Blattes wegen seiner Betheiligung an Börsenunternehmungen entlassen Der Besitzer deS Blattes handelte schneller als das Comilä der „Kreuzztg." Wenn Herr Bosse gegen diesen Prioaidocenten einschreiten wollte, brauchte er keine Gutachten des Prof. Hinfchius. Gegen das Terminregister haben wir nichts einzuwenden. Bei den Berathungen des Staatsraths, der unter dem Vorsitz des deutschen Kaisers tagte, war Herr Beyme-Ottendorf be- theiligt, der ein gewerbsmäßiger, internationaler Differenzfpieler ist, der auch den Einwand des Differenzspiels erhebt, sobald er im Verlust ist, aber Gewinne bis zu 20,000 Mk. eingeheimst bd. Das ist jedenfalls nach den hier borgelegten Anschauungen der Regierung sehr unmoralisch. Wir halten die Börsenreform für ein Palliativ- mittel; wenn wir für dieselbe trotzdem ein treten, so thun wir es in der Hoffnung, daß dies Gesetz die Schärfung des öffentlichen Gewissens zur Folge haben wird und daß man dann die Krankheit des CapUalismus deutlicher erkennen wird. Wir müßten schlechte Aerzte sein, verschrieben wir nicht dem Kranken das colmirenbe Pulver ber Börsenreform.
Abg. Fischbeck (Frs. Vp.): Ich kann einer Reihe von Bestimmungen der Vorlage zustimmen. Bedenken habe ich namentlich gegen die ber Regierung zu gybenben discretionSren B sugnisse. Dem Depotgesetz kann ich ebenfalls zuftimmtn. Bei Selbstverwaltung ber Börse möchte ich bem Börfencommissar die weitgehei de Dts- cipltnarbefugniß nicht zuaestehen, bte der Entwurf in Aussicht nimmt unb für ihn verlangt. Für bie Zulassung von Emiffiomn genügt eine Sachoerstänbigencommilsion. Griechische unb portugiesische Werthe würben bet uns deshalb viel gekauft, weil Fürst Bismarck die Lombardirung ber russischen W rthe zu hindern suchte. Dieselben Leute, die fick heute als Schützer des deutschen CapitalS aufspielen, suchen unser Capital durch den Bimetalismus zu entwerthen. Mit der Eintragung in das Börsenregister wird in Zukunft allerdings ein Odium verknüpft fein, denn man wird sagen, daß für 150 Mk. sich Jeder das Recht erwerben kann, an der Börse zu spielen, ein Verfahren, das lebhaft an den Ablaßhandel erinnert. Die Hoffnung der Agrarier, welche ein Steigen ihrer Getreidepreife erwarten, sobald sie größeren Einfluß on der Börse erlangt haben werden, wird fich kaum erfüllen, denn das ausländische Getreide wird ein Steigen der Preise verhindern.
Abg. Liebermann v. Sonnenberg (Antis.): Die Kniffe und Pfiffe ber Börsen find allmählig in allen Volkskreifen bekannt geworben, man hat empfunben, daß alle Krisen des wttthschaftlichen Lebens hier ihre Ursachen haben. Der Saugschwamm ber Börse saugt bie kleinen und mittleren Vermögen auf. Man hat heute eingesehen, baß die kleinen Leute geschützt werden müssen vor den Raubzügen wirthschaftlich Storker. War die Aeußerung des Herrn Regierungsvertriters so zu verstehen, daß bei einer Verschärfung des Gesetzes dessen Scheitern in Aussicht stehe? Die Regierung hat an Popularität nicht viel zu »edieren; durch Zustanbebringen eines
strengen Börsengesetzes könnte sie viel an Popularität gewinnen. Die Befugnisse bes Börsencommissars müssen erweitert, bie des Börsenauvschusfes sollten mehr eingeengt werden. Man kapn den Ziegenbock nicht fragen, wie ein Gemüsegarten etngefrhbigt werden soll. Für schwere Vergehungen an der Börse genügt das Ehrengericht nicht, da ist ein Disciplinargericht nötbig. Auf bie Makler wird man besonders aufmerksam fein müssen, denn sie müßten nicht Geschäftsleute fein, wenn sie nicht doch für fick selbst Geschäfte machen würden. Die Bestechungsverfuche der Presse müssen streng bestraft werden. Redner nennt verschiedene Blätter, die Besteckungs- gelber angenommen haben sollen, barunter bie „Kölnische Volksztg." Netchsbankdirector Koch warnt nockmals davor, der noch un- erprobten Einrichtung des Börsencommissars zu weitgehende Befugnisse zu ettbeilen.
Handelsminister Frhr. v. Berlepsch weist die Angriffe auf den Minister Dr. Bosse zurück wegen ber Unterlassung eines bis- ctplinarischen Vergehens gegen einen als Börsenberichterstatter thälig gewesenen Privatdocenten.
Weiterberathung morgen.
Neueste NuchrLchten»
Wolffs telegraphisches Eorrespondenz-Bureau.
Marienwerder, 10. Januar. Der OberlandgerichtS- präfibent Korsch hierselbst ist in ber vergangenen Nacht gestorben.
München, 10. Januar. Eine Fälscherbande, bie sich gewerbsmäßig mit der Anfertigung und Verwerthung amtlicher Zeugnisse befaßt, wurde gestern in ben Personen eines Handlungsgehilfen aus Ostpreußen, eines Kaufmannes auS Preßburg, eines Kaufmannes aus Gaya in Mähren und eines Handlungsgehilfen aus der Gegend von Pertau in Steiermark ermittelt und verhaftet. Die Haussuchung ergab ein erkleckliches Resultat an falschen Papieren in- und ausländischer Behörden unb an anderen Papieren, sowie ausgeschnittenen Siegeln.
Trani, 10. Januar. Das Gutachten des General« procuratorö spricht fich für die Auslieferung Hämmerst ei ns aus. Die Anklagekammer gibt wahrscheinlich heute ihr Gutachten ab.
London, 10. Januar. Der Colonialminister Chamberlain ist heute Nachmittag nach Osborne zur Audienz bei der Königin abgereist.
London, 10. Januar. Das „Reutersche Bureau" meldet aus Prätoria vom vorgestrigen Tage, daß infolge der Erklärung deS Reform» Co mitoS, in der es verspricht, bie Entwaffnung seiner Leute auSzusühreu, sich der englische Agent De Wet wieder nach Johannesburg begeben hat. Zur Zeit tagt dort eine RegierungScommisfion, um sich von der Ausführung der Unterwerfungsbestimmungen zu versichern. De Wet wohnte den Sitzungen der Commission bei. Ungefähr 10000 Buren find unter den Waffen und werden nicht eher in die Heimath zurückkehren, als bis die Angelegenheit end- giltig geregelt ist. Der Bertreter der Zeitung „Prätoria Preß" ist amtlich benachrichtigt worden, daß die Regierung der Südafrikanischen Republik, alles Mögliche thun werde, um den Betrieb der Minen zu fördern, deren Besitzer daher nicht nöthig hätten, ihre Jntereffen zu Gunsten einer Schaar von Aufwieglern zu opfern.
Depeschen des Burens .Herold"
Berlin, 10. Januar. Die Budget-Commission des Reichstags trat heute Mittag 12 Uhr zusammen, um ben Arbeitsplan festzustellen. Danach beginnen die Be- rathungen morgen um 10 Uhr und zwar in folgender Reihenfolge: Etat des Reichskanzlers unb der Reichskanzlei, des Reichsamts deS Innern, der Post- und Telegraphen Verwaltung, des auswärtigen Amtes, deS Heeres und der Marine.
Berlin, 10. Januar. Seitens des Stellvertreters des Reichskanzlers, v. Bötticher, ergeht nunmehr an die Mitglieder des Reichstages zur Theilnahme on den Gedenk- Feierlichkeiten an öie vor 25 Jahren erfolgte Ncu- begründung deS Deutschen Reiches offizielle Einladung zum 18. Januar.
Berlin, 10. Januar. Nach einer Meldung des „Berl. Local Anzeigers" hat der Landgerichts Dtrector Brausern etter in der Nervenheil-Anstalt einen Selbstmordversuch gemacht.
Berlin, 10. Januar. Die beiden von den Anarchisten und freien Soctalisten Deutschlands geplanten Congresse finden am 19. Januar für Baden in Karlsruhe und am 26. Januar für Rheinland und Westfalen in Elberfeld statt. Auf der Tagesordnung steht al- hauptsächlichster Punkt die Beschickung des Londoner internationalen Socialisten Congreffes unb die Agitation.
Metz, 10. Januar. Die gestrige ReichstagSwahl tm 14. elsaß-lothringischen Wahlkreise (Metz Stadt und Land) ergab für die Stadt Metz folgendes Resultat


