Ausgabe 
11.12.1896 Zweites Blatt
 
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Freitag den 11. December

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Hchratisöeitage: Kießmer Aamilienökätter.

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GteKeoer Auzeiger erscheint täglich, wit Ausnahme des Montags.

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Deutsches Reich.

Darmstadt. 9. December. Ihre Königlichen Hoheiten die Großherzogin und die Prinzessin Ferdinand von Rn- «Knien reisten heute vormittag 8 Uhr in Begleitung der Schlüffeldame Frettn v. Brauch, der Ehrendame Madame A- Grecieno und deS Kammerherrn v. Frankenberg von hier «ach Straßburg ab, von wo nach kurzem Aufenthalt die Weiterreise nach Sigmaringen erfolgen soll. Seine König. Uche Hoheit der Großherzog werden Freitag, den 11. d., aus Kiel wieder hier etntreffen.

Schwurgericht.

W. Gießen, 9. December.

Fortsetzung der Verhandlung gegen den Landwirth Heinrich Eckstein II. von Kirtorf wegen Meineid. Der Thatbestand der Anklage ist folgender: Am 21. October 1894 auf der Kirchweihe zu Ober. Gleen sagte der Metzger Siegfried zu dem Briefträger Wahl aus Kirtorf:Du hast mir 22 Mark gestohlen.- Siegfried wurde hierauf von Wahl wegen Beleidigung verklagt und vom Amtsgericht Homberg zu 80 Mk. Geldstrafe verurtheilt. Am Tage der Urteilsverkündung beleidigte Siegfried den Wohl von Neuem nnd es kam zu einer weiteren Beleidigungsklage, welche aber em Kläger zurückgenommen wurde, nachdem der Beleidiger eine öffentliche Ehrenerklärung erlassen hatte. In der Er. ßttterung über die Üblen Nachreden des Siegfried beleidigte darauf der Briefträger Wahl den Siegfried, der hinging und jenen nun verklagte, so daß Wahl vom Schöffengericht Hom» 6er8 zu 5 Mark Geldstrafe verurtheilt wurde. Der Der. urtheilte vermuthete, daß hinter diesem Proceß der Land« wirth Gg. Pauli II. von Kirdorf stecke, von dem er wußte, er sei Siegfrieds bester Freund (Wahl hatte nämlich in seiner Eigenschaft als Landbrtefträger sein Pferd nicht wie der Amtsvorgänger von Pauli II. entliehen, sondern hielt sich ein eigenes Pferd). Nun hörte er von einem gewissen Conrad Meß, der Landwirth Eckstein habe ihm mitgethetlt, er Habe an Pauli II. dafür, daß ihm die Bullenhaltung zu Kirtorf übertragen, eine Vergütung von 200 Mark bezahlen müssen. Er, Wahl, ging darauf hin und nannte den Pauli II. in offener Winhschaft einen Stadtbetrüger und einen schlechten Gemeinderath, weil er annahm, Pauli II. habe seine Stellung al» Gemeinderath mißbraucht, um dem Eckstein die Bullen- Haltung der Gemeinde zu dem hohen Preise, den dieser dafür ibezog, zu verschaffen. Von Pauli II. verklagt, will der Briefträger Wahl den Beweis der Wahrheit des Gesagten «führen und ladet den Eckstein II. als Zeugen. Hier sei «erwähnt, daß Eckstein II. und Pauli II in den Jahren

1885 bis 1894 bet der Vergebung der Bullenhaltung die einzigen Restectanten in Kirtorf waren. Bis zum Juli 1885 hatte Pauli II. den Gemetndebulleu gegen ein Eutgeld bon jährlich 800 Mark zu unterhalten übernommen, bet der Vergebung im Jahre 1895 boten sich dte beiden concurrtren. den Parteien bi» auf 595 Mark für dte wettere Haltung bon drei Gemetndebulleu herunter. Eckstein II., der heutige Angeklagte, erhielt für diese Summe den Zuschlag. Im Februar 1888 brannte dem Pauli II. eine Scheuer nebst Futtervorrath sowie der Thetl eine» Stalles ab und wurde er dadurch borübergehend wenigstens außer Stand gesetzt, die Bullen Wetter halten zu können, es fehlte ihm an Platz «nd Futter für die Thtere. Pauli II war deshalb ge­zwungen, wegen der Bullenhaltung mit der außer ihm allein tn Betracht kommenden Perfon, nämlich Eckstein II. zu unter« handeln. Da trat Herz Löwenstein tu Action, dieser mußte bet fetneu guten Bekannten anfragen, ob er Eck- stein dte Bullen nicht übernehmen wolle. Dter erklärte sich hierzu unter der Bedingung bereit, daß Pauli II. ihn bet der demnächst im Juli 1888 stattfindenden neuen Ver­steigerung nicht herunterbiete. Löwenstein soll nun den Pauli von dem Resultat seiner Vermittlung Kenntniß gegeben haben, jedoch sei auf deren Basis keine Einigung erzielt worden. Dte Parteien sollen sich btelmehr ohne den Vermittler direct dahin geeinigt haben, daß Eckstein die Bulleohaltung unter den gleichen Bedingungen wie Pauli mit Wirkung bom 17. Februar 1888 übernehme, das Entgeld für dte Zeit bom 25. Januar bis 25. Juli 1888, also bis zum Schluß der VertragSzett des Pauli, vereinnahme und als Entschädi­gung dem Letzteren 2 Bullen zum Preise von 600 Mark abkaufen solle. Eckstein soll noch eine weitere Entschädigung für den Fall versprochen haben, daß er bei der demnächsttgen Versteigerung ein gutes Geschäft mache, wenn er nämlich für daS Bullenhalten von der Gemeinde mehr erziele, als Pautl bekommen habe. ES soll hierbei schon von der Zurück­gabe eines rothen Bullen gesprochen worden sein, die als weitere Entschädigung anzuseheu sein würde. Bestimmtes ist aber nicht vereinbart worden. Pauli hat hingegen dem Eckstein versprochen, weder bei der nächsten noch bet einer späteren Versteigerung der Bullenhaltung concurriren zu wollen. Am 6. Juli fand' die Versteigerung statt. Pauli hielt sein Der« sprechen und bot nicht mit. Eckstein erhielt von der Ge> meinde dte Bullenhaltung für 1200 Mark pro Jahr und war somit in dessen Verpflichtung gegen Pauli eingetreten. Auf Wunsch deS Pauli verfertigte nun Löwenstein, der darüber als Zeuge gehört werden soll, ein Schriftstück, wonach sich Eckstein verpflichten sollte, den rothen Bullen, sobald derselbe dienstuntauglich sei, au Pauli unentgeltlich

zurückzugeben. Dieser Schein ist von Eckstein tu Pauli- Wohnung unterschrieben, doch ist derselbe nicht mehr vorhanden. Im Herbst 1888 wurden dte drei Bullen de- Eckstein untauglich, dieser kaufte dafür drei neue Threre im Werthe von 1000 bis 1200 Mk. an, ver- kaufte zwei von den alten für ca. 500 Mk. und gab den dritten (rothen) Bullen laut dem unterschriebenen Schein unentgeltlich an Pauli. Der Angeklagte Eckstein hat dte- auSdrücklich mehreren Personen gegenüber erklärt, worüber der al- Zeuge geladene Landwirth Fett gehört werden soll. Pauli verkaufte den rothen Bullen weiter für 223 Mk., er ging bon da nach Frankfurt a. M. zu einem Metzger, der den Bullen schlachtete und daun die Nachricht nach Kirtorf gab, daS Thier sei französisch (tuberculöS). Da äußerte Pauli, wegen der Vergütung hierfür angegangen, den Schaden muß Eckstein tragen. Pauli ist dann nach Frankfurt ge­fahren, um die Sache zu ordnen und hat 60 Mk. am Kauf­preis nachgelassen. Um diese Angelegenheit zu begleichen, soll der Angeklagte Eckstein an Pauli eine Parthie Bauholz in Zahlung gegeben haben. Bet berschiedeneu Personen hat Eckstein im Jahre 1889 erzählt, er müsse an seinen ehe­maligen Concurrentrn Pauli, weil dieser bei der Bullen» bergebung nicht mitgeboten habe, 200 Mk. pro Jahr zahlen. 1891 wurde wiederum eine neue Bullenbergebung in Kirtorf abgehalten, woran sich Pauli trotz seines Der sprechens betheiligte und mitbot, sein Gebot lautete auf 800 Mk, während Eckstein 1000 Mk. verlangte, doch wurde der Zuschlag Keinem erthetlt. Es wurde ein neuer Termin anberaumt. Eckstein, der Furcht hatte, Pauli würde ihn unterbieten und er trotz seiner erst neu angrschafften Thiere das Geschäft verlieren, wendet sich zur Vermittelung an Löwenstein und dieser forderte 300 Mk. mit dem Hinzu- fügen, wenn er diese nicht geben wolle, so werde Pauli ihn auf 600 Mk. herunterbteten. Eckstein soll einverstanden mit dem Verschlage gewesen sein und sich auch bereit erklärt haben, diese 300 Mk. an Löwenstein zu zahlen. Bet dieser zweiten Versteigerung bot Pauli nicht mit und so erhielt Eckstein als einziger Reflektant für 1000 Mk. auf weitere drei Jahre den Zuschlag.

Vor dem Schöffengericht in Homberg am 4. Februar 1896 sagte der Angeklagte Eckstein unter Eid auö: Nach der Genehmigung der Versteigerung vom Juli 1888 habe Pauli ihm eine- TogrS ein Schreiben vorgelegt, wodurch er ihm angesonnen habe, ihm entweder einen dienstunfähigen Bullen zurückzugeben oder 200 Mk. zu bezahlen. Diesem Anfinnen habe er entsprochen und habe den rothen Bullen auch zurückgegeben und zwar nicht als irgend eine Vergütung oder Belohnung, sondern er habe ihm da- Thier einfach ge-

Feuilleton.

Der Aerzte-Feind.

Sine Humoreske von Paul Bliß.

(Nachdruck verboten.)

Am Moritzplatze wohnt Herr Waldemar Rebus. Er tzefitzt dort ein stattliches Haus, in dem er dte erste Etage S«ne hatte. Er tst ein Mann von fünfzig Jahren, Wittwer, «her noch ganz lebensfroh und im Allgemeinen glücklich und zufrieden. Nur eins gibt e», was dem alten Herrn manche z-se Stunde oder doch manch verärgerten Augenblick bereitet: Nebenan bei ihm wohnt ein junger Arzt und Papa RebuS -aßt die Aerzte.

Wie da» kommt? Ja, da- ist nahezu tragi-komifch. Dieser Haß auf alle Medtciuer ist in der Familie RebuS gewissermaßen traditionell. Der Urgroßpapa deS Hauses hatte seine Frau durch dte Schuld einer unwissenden Arzte» verloren, wenigstens hatte der alte Herr da» immer be- hauptet, darob natürlich haßte er den unglücklichen Arzt und nach und nach erstreckte dieser Haß sich auf den ganzen Lrztlichen Stand. DaS hatte sich denn auch wirklich der­maßen in der Familie eingewurzelt, daß diese Verbitterung ßich von einer Generation auf dte andere vererbte, so daß «an, wenn er irgend thunltch war, sich stet- ohne Arzt zu Sehelfen wußte - glücklicherweise waren fast alle Nachkommen Her Familie gesund und kräftig, mußte aber doch mal einer Vorzeitig in» GraS beißen, dann traf dte Schuld daran aatürltch immer nur den unglücklichen Arzt - und so fand Nieser alte Haß neue Nahrung, al- die Gattin deS Herrn Waldemar RebuS ganz plötzlich am Herzschlag starb, denn natürlich hatte der htnzugezogeue Arzt iie Patientin falsch Gehandelt so wenigstens behauptete Herr Waldemar.

Und so kam es denn, daß der alt eingewurzelte Haß | «ich t« diesem letzten männlichen Mitgliede der Familie all­

täglich neue Nahrung fand, denn der Doctor Meinhold, nebenan bei Herrn Waldemar, hatte eine sehr große Praxis, dte alltäglich ganze Schaareu leidender Menschen in sein Sprechzimmer führte, und Herr Waldemar, der als Rentier natürlich gern zum Fenster htuaussah, mußte stets zu seinem tiefen Bedauern sehen, wie all diese Heilung suchenden Kranken vielemKurpfuscher* zulteseu.

Darüber ärgerte er sich täglich von Neuem- da er aber daran gar nichts ändern konnte, so haßte er dte Mediciner im Allgemeinen und seinen Nachbar im Besonderen nur noch wüthender und sann nur auf eine paffende Gelegenheit, wie er an ihnen einmal seine ganze Wuth auslassev könne.

Nun hatte Herr Waldemar RebuS auch eine Tochter, die Lisa hieß und ein hübsches, fesches und lustiges Mädrl war- dieser neunzehnjährige Kobold war daS erste Familien­mitglied, da» aus der Art schlug, insofern nämlich, al- eS den alt eingewurzelten Haß nicht rnilmachte, sondern im Gegentheil gerade für den ärztlichen Stand im Allgemeinen und für Herrn Dr. Meinhold im Besonderen ein reckt rege- Interesse zeigte.

Und daS kam so: Natürlich hatte ihr Papa sie oft und eindringlich gewarnt, sich vor diesen AeSculapjüngern zu hüten, und ebenso natürlich war gerade diese» Verbot» wegen da» Interesse nur um so größer geworden, wovon der gute Papa selbstverständlich nicht die leiseste Ahnung hatte.

Als Lisa achtzehn Jahre alt war, hatte gerate Herr Dr. Meinhold sich im Hause nebenan niedergelassen- da war eS denn auch gar nicht wunderbar, daß fie den neuen Nach­bar öfter» zu Gesicht bekam. Und da der junge Arzt eine elegante, männlich schöne Erscheinung war, mit schwarzem Haar und flottem Schnurrbart, so war eS eigentlich noch wecigrr wunderbar, daß Lisa sich schon in den ersten acht Tagen sterblich tn ihn verliebte, denn gerade so hatte fie sich ihren Zukünftigen vorgestellt.

Und Dr. Meinhold war kein Unmensch- auch er liebte

| hübsche lustige Mädchen, und so kam eS denn, wie eS ja nur kommen konnte, schon nach vier Wochen waren beide einig, daß fie zueinander gehörten und daß fie Mann und Frau werden mußten.

Aber Papa Rebu»? ,

Das war die unüberbrückbare Kluft. Da standen nun dte verliebten jungen Leute und wußten keinen Rath. Denn darüber waren beide klar, tn Güte war der Papa nie zu gewinnen, man mußte also ganz ernsthaft darüber Nach­denken, wie man den alten Herrn durch eine List zu über­rumpeln suchte.--

Papa RebuS hatte eine alte Köchin, die seit dem Tode der Hausfrau dte Wirih'chast führte. Amalie hieß dieie gute Matrone, die in dem Ruf stand, eine ganz vorzügliche Köchin zu fein. Und Papa RebuS, der ein kleiner Gour­mand war, wußte diese vortreffliche Eigenschaft der guten Amalie auch gebührend zu schätzen. So kam e», daß die brave Person im Hause ganz nach ihrem Belieben schalten konnte.

Hier warf die verliebte kleine Lisa ihren Hoffnungs­anker aus. Sie erzählte der würdigen Alten all ihren ge­heimen Liebeskummer und erbat ihren Beistand. Das schmeichelte der alten Köchin ungemein und weil sie das Fräulein gern hatte und aus ihrer eigenen Jugendzeit auch noch wußte, wie weh unglückliche Liebe thnt, versprach fie den jungen Leuten ihren ganzen Beistand.

Acht Tage später begann Amalie über Kopsweh und Uebelkeit zu klagen. Jetzt war ihr Plan fertig. Sie wollte dte Liebenden retten.

Herr Waldemar bekam einen nicht geringen Schreck. Er kramte seine ganze Hausapotheke durch nach einem geeigneten Mittel, aber umsonst, nicht» half.

(Schluß folgt.)