Ausgabe 
11.4.1896 Zweites Blatt
 
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1896

Samstag den 11» April

Amts- und Anzeigeblutt füv den TL^eis Greszen.

Hratisöeikage: Hießener Jamilienötätter

1 deshalb

sei

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für de» lofgtnben Tag erscheinenden Nummer bi» Bonn. 10 Uhr.

Allr Annoncen-Bureaux de» In- und Ausländer nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

gestellt worden. Der Chef der Eisenbahntruppcn, General v. Rössing, sowie Oberftlieutenant Schubert und Major Ger- ltng waren bei dem Brückenbau gegenwärtig.

» Lübeck. 9. April. Die soeben den Garantiefonds, zeichnern zugegangcne vorläufige Bilanz der Im vorigen Jahre abgehaltenen deutsch-nordischen Handels- und In- dustrie-Anöst e llung schließt mit einem Minus von 398 722 Mk. Der GarantiesondS ist gänzlich verbraucht.

* gin alter Korpsstudent erzählte jüngst in einer lustigen Gesellschaft, daß er am ersten jedes MonatS, sobald sein Wechsel eivgegangen sei, sofort eine Pfund Büchse Liebig S Fleischextract gekauft habe. Wenn dann nach den sieben fetten Tagen deS MonatS die dreiundzwanzig mageren kamen, wo die Baarmittel des wackeren Studenten bedenklich^ auf die Neige gingen, besaß er doch wenigstens, wie der Erzähler behauptet, stets die Möglichkeit, sich eine kräftige Suppe schnell, billig und ohne Mühe herzustellen. Thatsachlich ist auch für Junggesellen, für unverheirathete Studirende, Be- amte, Kaufleute, Künstler das braune Genußwittel nutzt unwichtig, da sie ohne Zuthun einer dienstbaren Person sich in kürzester Zeit eine schmackhafte Bouillon selbst herzustrllen vermögen.

* Einen neuen Beweis von der Vorzüglichkeit ihres Fabrikats hat die sich eines 40 jährigen Weltrufs erfreuende Firma BrownLPolfon erhalten, indem deren Mondamin auf der Berliner Kochkunft-AuSstellung mit dem ersten Preise Ehren'Diplom mit der goldenen Medaille" prämiirt ist. Mondamin eignet sich nicht nur mit Milch gekocht für Kinder und Kranke außerordentlich, indem es da» Gerinnen der Milch im Magen verhindert, somit die Verdaulichkeit der Milch bedeutend hebt, dieselbe daher von Kindern und Reconvaleßcenten mit Leichtigkeit vertragen werden kann, sondern daS Mondamin wird auch viel zur Verdickung von Suppen, Saucen, Cacao, zur Herstellung der beliebten FlammerieS, Puddings, Fruchtspeisen - Gerichte rc. verwandt, last not least, eine Mondamin-Sandtorte ist daö köstlichste, was die Hausfrau zum Familienfeste bereiten kann, und möchten wir ganz besonders auf das auf den Mondamin- Packeten befindliche Sand - Torten - Recept verweisen. Zur Genüge ist wohl bekannt, daß Brown & PolsonS Mondamin überall zu haben ist.

Nr. 85 Zweites Blatt.

so verwegenen Hoffnungen begeistert hatte, so genau, wie eben ein Kind einem Erwachsenen gleichen kann. Aber als er die Kleine mit zitternder Stimme nach deren Namen und dem ihrer Mutter fragte, merkte er bald, daß der Zufall ihn wieder einmal getäuscht hatte. Die Mutter deS Kindes war eben eingezogen, sie wohnte Wand an Wand mit N'kola, die Wittwe eine» verarmten Kaufmanns, die jetzt sich und ihr Kind durch Handarbeiten zu erhalten suchte, so gut es ihr kränklicher Zustand gestattete.

DaS alles erfuhr Nikola Hasenbusch noch selbigen AbeudS, denn die kleine Martha säumte nicht, nach Art leb­hafter Kinder den Verkebr zwischen der Mutter und dem vielversprechenden neuen Onkel alsbald zu vermitteln. Aber auch die Mutter und Nikola fanden bald Gefallen aneinander. ES war etwas in der Art der stillen Frau, was ihn seltsam traulich gemahnte wie eine leise, zunächst noch unbestimmte Erinnerung auS irgend einer fernen, glücklichen Zeit. Als er aber eiurS AbeudS sah, wie sie der zu ihren Füßen kauernden Kleinen eine Geschichte erzählte und der letzte Abglanz der rotheu Abendwolken ihr Haupt mit einem ver­klärenden Schimmer übergoß, da wußte er es auf einmal: so hatte er einst zu den Füßen seiner Mutter geseffen uud so hatte daS Abendroth auch ihre lieben Züge verklärt. Aber nicht wie hier über verschneite Dächer zwischen winkeligen Hofmauern, durch die sommergrünen Wipfel deS WaldeS war es gefloffen, die Vögel hatten dazu ihre Abendlieder gesungen und der wundersame Waldduft war durch die Märchen gezogen.

Und auf einmal wurden sie alle wieder in ihm lebendig, ganz so, wie die Mutter sie erzählt hatte, die alten Ge- schichten, in denen die Menschen so kindlich und die Thiere so altklug find, die Unschuldigen so thöricht und die Bösen so schlau, uud eine unfehlbare, gütige Macht zuletzt doch wieder jedem frommen Jüngling zu einer Königstochter und einem halben Reich verhilft uud jede verzauberte Prinzessin erlöst, während die böse neidische Stiefmutter in glühenden

vierteljähriger J^6»ne»ie*bpr«Ui 2 Mart 20 Pfg. mit vringerloha. Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Pfg.

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Feuilleton.

Bnlrrl Hssenbusch.

Erzählung von Cethegus.

(2. Fortsetzung.)

Noch selbigen TageS, gegen Abend, schlich er wie ein Verschwörer zu seinem Prinzipal und verlangte seine Ent- laffung, und der folgende Morgen fand ihn bereit- auf der Wanderschaft. Den ganzen Borrath seines Büchleins hatte er zuvor auf dem Küchenherd seiner Wirthin verbrannt.

Nach manchem Hin und Her fand er schließlich in einer Stadt ein verborgenes Plätzchen und ziemlich dauernde Arbeit, wenn er auch bei Weitem nicht so viel verdiente, wie damals in jener Fabrik. Er arbeitete auf seinem Stübchen, verließ das Hau- kaum ander-, al- zu den noch- wendigen Geschäftsgängen, und hatte wohl nur wenig Um­gang mit Erwachsenen! aber die Kinder deren es in de« weitläufigen, von vielen Parteien bewohnten Hinter» hause eine ganze Menge gab fanden allezeit au dem kleinen, buckeligen Männlein mit dem vorzeitig gealterten Gesicht und dem müden Gang einen guten Onkel, der ihnen die wunderbarsten Sachen zusammeuzupappen wußte und immer Zeit hatte, ein zerbrochenes Spielzeug oder eine kopstoS gewordene Puppe wieder heil zu machen, und bei­nahe ebenso beliebt waren unter dem kleinen Volk die Stubeugeuoffen des einsamen Manne-, Hans der Zeisig uud Schnups der Rattenfänger, ein Thier von vielen Tugenden, aber unbeschreiblich häßlichem Aussehen.

Da geschah eS eines Abends, etwa acht Wochen vor Weihnachten, daß Nikola Hasenbusch uuter den Kindern, die sich auf der bretten altfränkischen Treppe in irgend einem lebensgefährlichen Spiele herumtrieben, eine neue Erscheinung gewahrte, die ihn wundersam an die glücklichste, wirklich poetische Zeit seines Menschenlebens erinnerte. Denn dieses blaffe, blonde Mädchen glich jener Näherin, die ihn einst zu

Zur Aenderung der Gewerbeordnung.

Bon den schwebenden Vorlagen der gegenwärtigeu ReichS- ttagSsesfion ist bekanntlich bislang nur der Etat zur endgül­tigen Erledigung und Verabschiedung gelangt, die übrigen Vorlagen befinden sich noch alle in verschiedenen Stadien der parlamentarischen Behandlung. Bon ihnen ist die Novelle jzur Gewerbeordnung am meisten vorgeschritten, sie bedarf nur noch der dritten Lesung und wird demnach wohl bald mach Ablauf der Osterferien des Reichstages zur Verab­schiedung kommen. Bet der- Wichtigkeit der Novelle zur Ge­werbeordnung für zahlreiche gewerbliche Elemente unserer 'Bevölkerung dürfte e- darum angezeigt erscheinen, nochmals «einige der bedeutsamsten und am meisten interefsirenden Be­stimmungen dieser Vorlage, wie sie sich auf Grund der Be- 'schlösse zweiter Lesung darstellen, hervorzuheben.

Zu den bemerkenSwerthestcn Bestimmungen der Gewerbe­ordnungsnovelle gehören zweifellos diejenigen des vielberufeuen und in der parlamentarischen Erörterung heiß umstrittenen 'Artikels 8. Derselbe bestimmt, daß nach § 44 Abs. 3 der Gewerbeordnung nicht nur wie bisher daS Aufkäufen von Maaren lediglich bei Kaufleuten oder Producevtcn oder in offenen Verkaufsstellen erfolgen darf, sondern daß auch das Aufsuchen von Bestellungen auf Maaren nur bei Kaufleuten oder solchen Personen geschehen tarf, in deren Gewrrbe- Ibetriebe Maaren der angebotenen Art Verwendung finden. Dieser Artikel berührt sehr mannigfache Jntereffeu in mehr oder minder empfindlicher Meise, und hat deshalb im Reichs- rage lebhafte und ausgedehnte Debatten veranlaßt, besonders da hierzu zahlreiche AbänderuugSanträge vorlagen. Die Formultrung, welche der genannte Artikel schließlich erhalten hat, weist folgende Hauptpunkte auf: Ausgenommen von «einen Verfügungen find nur der Buchhandel, sowie die Leinen- und Wäschefabrikation- in diesen ErwerbSzweigeu darf also der Detailreisende, beziehendlich der Colporteur bet jedem beliebigen Menschen Bestellungen aufsuchen. Im Ueb- rigen ist daS im Artikel ausgesprochene Verbot des Detail- reisen- ein allgemeines, doch kann der BundeSrath weitere Ausnahme von dieser Verkrhrsbeschränkung, als sie in der Regierungsvorlage enthalten sind, gestatten. Jndeffen muß sich der Colportagebuchhandel durch die Bestimmung, wonach der Colporteur von Druckschriften und Bildwerkeu ein von seiner OrtSbehörde genehmigtes Berzeichniß mit sich zu führen hat, eine gewisse Einschränkung gefallen lasten.

Bon selbstverständlicher Bedeutung für weite Bevölke- rungSkreise sind auch die den Hausier- und Markthandel be» treffenden Vorschriften der GewerbeordvungSnovelle. Zunächst

®rr chlehexer »nzeiser erscheint täglich, Bit Ausnahme de» Montag».

Die Gießener Kätttt werden dem Anzeiger wöchmtlich dreimal beigelegt.

Pantoffeln tanzen muß oder in einem nägelgefütterten Faste e neu steilen Berg hinabgerollt wird. Da wurde ihm un­beschreiblich selig zu Muthe, obgleich es ihm von rechtSwegen gerade an diesem Abeud ganz besonder- übel zu Muthe sein mußte, denn er war eben wieder einmal ohne Arbeit, folg- lich auch sehr bald ohne Geld, uud mit seinem Vorsatz, der kleinen Martha zu Weihnachten die schönste Puppe uud da- unzerreißbarste Bilderbuch zu kaufen, sah eS sehr trübe auS. Nun aber wußte er etwas Besseres. Gleich am folgenden Morgen ging er hin und kaufte sich einige Hefte deS schönsten, reinsten Papiers, und da hinein schrieb er mit seiner ganz ungehemmten Leichtigkeit Seite auf Seite alle die alten Märchen, wie sie eines nach dem andern wieder austauchten aus dem Grunde seiner so lange getrübten Erinnerungen. Das Z'mmer, in dem er sie schrieb, war oft fehr kalt, uud die Lampe, die ihm leuchten sollte, gab nur einen ganz kleinen Schein, denn Oel und Kohleu kosten Geld, uud eS war ein harter Winter: und eS wird wohl so sein, daß diese ungewohnte, fieberische Thätigkeit in den kalten Nächten in seiner armen schwachen Brust den Keim der Krankheit entwickelt hat, der er ein Jahr und etliche Monate darauf erlegen tst. Aber damals merkte er nich'S davon. ES war ihm, als fäße er wieder am Sommerabeud tm Waldwärter- hauSchen, zu deu Füßen der Mutter- und vielleicht zuweilen hat auch noch ein anderes Traumbild seine Seele eingewiegt und seine Feder geführt: al- säße er selbst als ein glücklicher Hausvater am e.genen Herd, alS wäre die kleine Martha, der er die Märchen erzählte, doch daS Kind der Geliebten uud sein Kind ...

Unb alS der Weihuachtabend da war, da fand die kleine Manha unter ihrem winzigen, mit drei Aepfelu und acht vom Onkel Hasevbufch vergoldeten Rüsten behangenen Tannen- bäumchen daS schönste Märchenbuch.

(Schluß folgt.)

Gießener Anzeiger

Kenerat-Mzeiger.

ist hervorzubeben, daß die l- tztere in ihrer in zweiter Lesung I erhaltenen Fassung der Gemeinde das Bestimmungsrecht j wegen der CoucesfionSpflicht für den Hausierhandel innerhalb des Gemeindebezirks nimmt, und es der höhreren Verwal­tungsbehörde überträgt. Die Gemeinde soll künftig nur noch gehört" werden. Frei ist auch fernerhin der Hausier- und Markthandel innerhalb der Gemeinden, soweit er sich auf selbstgewonnene und selbstgefertigte Maaren land- und forst- wirthschaftlicher Art bezieht. Schulpflichtige Kinder dürfen aber solche Maaren nicht feil bieten, während das öffentliche Hausieren der Kinder unter 14 Jahren überhaupt untersagt wird. Von weiteren wesentlichen vorläufigen Bestimmungen der Novelle seien noch folgende erwähnt: Consumvereine und andere Vereine" find künftig den Anordnungen über den GefchäftSschluß an Sonn- und Feiertagen unterworfen. Die Comumvereine haben fich aber bezüglich deS AuSschankeS geistiger Getränke und deS Kleinhandels mit Branntwein der Oberaufsicht durch daS Reich zu unterwerfen, während die anderen Vereine" in dieser Beziehung den einzelnen Bundes­regierungen überlasten worden sind. Zu verbieten ist der Handel mit Drogen und chemischen Präparaten, wenn seine Handhabung Leben und Gesundheit der Menschen gefährdet, der Kleinhandel mit Bier kann untersagt werden, wenn der betreffende Gewerbetreibende wiederholt wegen unbefugten AuSschankeS Strafe erlitten hat, ebenso kann der Loosehandel bet nachgewiesener Unzuverlässigkeit deS Au-Übenden ver­boten werden.

Die genannten Bestimmungen dürften bei der dritten Berathung der Gewerbeordnungsnovelle im Allgemeinen defi­nitiv zur Annahme gelangen, nur wäre zu wünschen, daß hierbei die Verfügungen speziell über daS Detailreisen und den Hausierhandel nach verschiedenen Seiten noch eine Milde- rung erführen.

Brotterode, 5. April. Die vom Eisenbahn-Regiment zur leichten und schnellen Beschaffung deS Baumaterials in der Herstellung begriffene Feldeisenbahu erfreut sich seit einigen Tagen einer technischen Neuheit von großer Bedeu­tung- es ist dies die in der Nähe von Wernshausen errich­tete Eisenbahnbrücke über die Werra. In einer Länge von 75 und einer Spannweite von 40 Meter, besteht sie auS 2 Meter langen und ebenso hohen Feldern, die schwebend eingefügt wurden. Dieses interessante Bauwerk ist nach einer neuen, von Hauptmann Lübbecke erfundenen Construction und unter besten persönlicher Leitung in drei Tagen her-