Ausgabe 
10.11.1896 Zweites Blatt
 
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Nr. 265

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Hietz-ner Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme bei Montags.

Die Gießener Kamtlienö kälter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

Zweites Blatt. Dienstag de«10. November

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Meßmer Anzeiger

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Vierteljähriger Nbouucmcntspreis: 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerloha. Durch die Post bezöge« 2 Mark 50 Pfg.

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Alle Anuoncen-Bureaux bei In- und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" -entgegen.

Umtlicbcr Theil.

Bekanutmachmm.

Der Riegelpfad von der Ebelstraße bis zum Eisen» bahnübergang an der Heyligenstaedt'schen Gießerei, sowie die Hammstratze von der Lahnstraße (Viehrnarkt) auS in südlicher Richtung bis zur Wieftck, werden wegen des Ausbaues dieser Straßen von Montag den 9. l. M. an bis auf Weiteres für Fuhrwerke, Retter und BiehtrauSport poltzetlich gesperrt.

Gießen, den 7. November 1896.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

v. Bechtold.

Deutscher Reich.

Berlin. 7. November. Wie au» Halle gemeldet wird, beabsichtigt der Kaiser am 19. d. MtS. in PteSdorf bet feinem Hausmeister Herrn v. Wedell etvzutrrffen, um am folgenden Monat im dortigen Revier zu jagen. Am 20. Mittags reist der Kaiser wieder nach Berlin zurück.

Berlin. 7. November. Der Kaiser hat bei seinem Besuch auf dem Schießplatz Meppen die Einstellung der 24 Ctm.», 21 Ctm.- und 15 Ctrn.-Schnelllade-Kanonen L/4O in die Marine-Artillerie befohlen.

Berlin, 7. November. Kaiser Wilhelm hat anläßlich des Ablebens de» Herzogs Wilhelm von Württem­berg an den König von Württemberg ein Beileidstelegramm gerichtet, in welchem er versichert, da» Andenken an den tapferen Soldaten hoch in Ehren zu halten, welcher mit feinem Vater in treuer Waffenbrüderschaft bei Oeoersee im feind- lichen Feuer gestanden habe. Auch der Kaiser von Oesterreich sandte ein Beileidstelegramm.

Berlin, 7. November. Die gestrige Sitzung des StaatSminifterium», an welcher außer sämmtlichen Ministern auch der Staatssekretär des Reichsschatzamts Graf Pofadowsky theilnahm, dauerte fünf Stunden. Heute Nach­mittag trat das StaatSminifterium abermals unter dem Vorsitz deS Reichskanzlers Fürsten Hohenlohe zu einer Sitzung zusammen.

Au»!a«d.

Wien, 7. November. Bei den gestrigen Stichwahlen für den ntederösterreichischen Landtag siegten im Innern der Stadt die socialisttschen und die deutsch-fortschrittlichen Can- dtdaten mit einer Mehrheit von etwa lausend Stimmen, r» der Leopoldstadt wurden die Anti-Liberalen Dr. Lueger

und Müller gewählt. Nach den Wahlen kam es zu argen Exceffen, sodaß die Polizei mehrere Verhaftungen vornehmen mußke.

Budapest, 7. November. Heute Vormittag fand daö Säbelduell zwischen Kossuth und Ugton statt. Ersterer wurde leicht verwundet.

Rom, 7. November. Der Ministerrath beschäftigte sich gestern in einer langen Sitzung mit der Lage in Afrika. Da» Gerücht, daß König Meneltk demnächst die Feind­seligkeiten wi.eder eröffnen werde, behauptet sich hartnäckig.

Brüffel, 7. November. Am 17. November wurden zahl­reiche Anhänger deS Herzogs von Orleans hier er­wartet. Dieselben werden am 18. den Herzog und seine Gemahlin feierlich empfangen, der Empfang in der Königs. Familie findet am 19. d. Mt». statt.

Brüffel, 7. November. Entgegen den bisherigen Mel­dungen verlautet, daß die Verstaatlichung des Eisen­bahnnetzes wegen unvorhergesehener Schwierigkeiten in absehbarer Zeit noch nicht erfolgen wird.

Pari», 7. November. Die Blätter drücken den Wunsch aus, daß bet den ersten Interpellationen in der Kammer sich die Stimmen genau vertheilen mögen, damit man wiffe, ob die Regierung überhaupt eine Mehrheit in der Kammer habe. Man glaubt, daß die Interpellation Mirw ann über den Katholtkeu-Congreß in Reims in dieser Beziehung Klar­heit schaffen werde.

Parts, 7. November. DerFigaro" schreibt zu der Hochzeit des Herzog» von Orleans: Wenn der Herzog von Orleans sich irgend welchen Illusionen htngeben sollte, so wäre er mit einem alten Manne zu vergleichen, der Betrachtungen über seine Jugend anstelle, die sich doch nicht mehr verwirklichen ließen.

London, 7. November. DerWestminster Gazette" zufolge erhielt die Herzogin von Orleans eine Mit­gift von 6 Millionen Franc». Der Herzog von Orlean» hat eine jährliche Rente von 325000 FrcS. zu verzehren.

Loudon, 7. November. Gestern Abend hielt John Morley eine große Rede zu Gunsten der Räumung Egyptens und der Erzielung eines Einvernehmens mit Frankreich.

Konstantinopel, 7. November. Nach Consularberichten au» Klein-Asien herrscht in den dortigen Provinzen Hungersnoth. Man befürchtet den AuSbruch epidemischer Krankheiten. Die Consule verlanaen dringend Hilfe.

Ltßherg, 7. November. Während des größten ThetleS des MonatS Juli befand sich hier eine Frankfurter

Knaben-Colonie, auS 23 Köpfen im Alter von 10 bis 14 Jahren bestehend, unter Führung des Herrn Lehrer Zürbach in der Wtrthfchaft von Reinhard NieS hier. Die Erfolge des frischen BergauseuthalteS waren die besten.

-1- Bellmytz, 7. November. Ein mit Abräumen auf dem Hill'schen Steinbruch dahier beschäftigter junger Mann von Ranstadt hat heute einen wirklich wunderbaren Fall gemacht. Er stürzte oben von dem Bruch au» einer Höhe von 36 Meter über vorspringende Felsen in die Tiefe. Glücklicher Weise fiel er auf etwas Erde und rutschte in eine 3 Meter tiefe Wassermulde, nicht die geringste äußerliche Verletzung hat er davon getragen. Ec klagt nur über etwas Stechen in der Brust.

Darmstadt, 7. November. Zum Lustmord bei Eberstadt. Die von der Großh. Staatsanwaltschaft eifrigst fortgesetzten Ermittelungen find, wie verlautet, bis heute soweit gediehen, daß man jetzt mit Bestimmtheit die Persön­lichkeit des Mörders festgestellt zu haben scheint. Wie be­richtet wird, sollte ein Soldat in Begleitung des Mädchens gewesen sein, als sich dasselbe am Freitag, den 23. October von zu Hause entfernt hatte. Diese Spur führte zurück nach Offenbach, wo sich ein daselbst am 14, Oktober ein­gestellter Rekrut bereits am 23. v. MtS. von seinem Truppen- theil entfernte, bis nach Eberstadt gelangte und in deffen Nähe allem Anschein nach den Mord verübte. Am folgenden Tage wurde derselbe in Hahn aufgegriffen und seinem Truppen- theil zugeführt, wo er aber nach Verbüßung seiner Strafe bereit» am 1. November wieder flüchtig wurde, noch ehe das Verbrechen entdeckt war. Der Verbrecher soll in der Nähe von Worms zu Hause sein, ist von kleiner, schmächtiger Statur, blaffem Gesicht, dunklem Schnurrbart und war bekleidet mit Tuchhose, Waffenrock de» 118. Infanterie - Regiments und Mütze, er hat eine sehr schlappe Haltung.

Spitlpln I» imWra jriaifirta Lwtthritn.

cperrrharrü.

Dienstag den 10. November: Fidelio. Mittwoch den 11.No­vember: Martha. Donnerstag den 12. November: Götter­dämmerung. Freitag den 13. November geschlossen. Samstag den 14. November: Carmen. Sonntag den 15. November, Nach­mittags 3*/a Uhr: Der Obersteiger. Abmds 7 Uhr: Der Maskenball. Montag den 16. November geschloffen. Dienstag den 17. November: Don Juan.

Schauspiel-««».

Dienstag den 10.November: Wallensteins Tod. Mittwoch den 11. November: Bocksprünge. Donnerstag den 12.November: Iphigenie auf Tauris. Freitag den 13. November: Die Höllenbrücke. Mein Papa. Samstag den 14. November: Bocksprünge. Sonntag den Ib.November, Nachmittags 3V, Uhr: Die offtcielle Frau. Abends 7 Uhr: Morituri. Montag den 16. November: Bocksprünge.

Feuilleton.

Spiritus indocilis.

Aus dem Italienischen des E. Castelnuooo.

Don M. v. Locella.

(Nachdruck verboten.)

Also Sie sagten eben?" Mit dieser Frage wandte sich die Gräfin Alba di Ranzt an den gelehrten Profeffor und Senator Ludwig Mareonelli, dessen Bekanntschaft sie au demselben Tage in dem Badeorte Rccoaro gemacht hatte.

Die Gräfi» und der Professor hatten beide die Jahre überschritten, in denen intime Zwiegespräche gefährlich find, um aber jegliche» Bedenken zu zerstreuen, sei hinzugefügt, daß in dem Kursaal noch etwa acht bi» zehn Fremde zugegen waren, die sich theil» durch Lesen der Journale, theil» durch Plaudern unterhielten.

Ich sagte,- wiederholte jetzt der Senator,daß ich in Venedig mein erste- literarisches FtaSco und mein erstes Liebesabenteuer erlebte."

Wirklich?"

Gewiß. Seitdem kann ich keinem Venezianer und keiner Venezianerin begegnen, ohne mich des einen oder andern zu erinnern."

O, erzählen Sie doch," rief die lebhafte Gräfin,ich bin begierig, davon zu hören."

Bei diesen Worten stützte sie die Arme auf den Tisch und faltete ihre vornehmen weißen Hände, während ein freundlich fragender Ausdruck auf ihrem klugen Gesicht er- fschien, aus dem ein Paar schalkhafter Augen blickten und über Neffen Stirn sich einige schneeweiße Löckchen ringelten, die sich «mter der Haube hervordrängten.

Der Profeffor, der eine behäbige Körperfülle besaß, rückte sich in seinem Lehnstuhl zurecht, dann zog er einen

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Handschuh nach dem andern auS und die wenigen Haare, die ihm geblieben waren, zurückstreichend, sagte er:ES ist wohl kaum des Erzählens werth."

Nicht doch. Spielen Sie nicht den Spröden. Ihre Mittheilungen können ja jetzt Niemand mehr"

Niemand mehr compromittireu, nein, da» weiß ich, um so mehr, als das ganze Erlebniß elwaS Räthselhafte» hat, nicht nur für andere, sondern für mich selbst."

Wollen Sie sich nicht ein wenig deutlicher erklären?"

ES wird jetzt" und der Profeffor betrachtete die Zimmerdecke, als ob er dort die Zahl suche, die er brauchte eS wird jetzt vierundvierzig Jahre her sein, damals schrieben wir daS Jahr 1851 und jetzt haben wir 1895."

Das Exempel stimmt. Nun weiter.-

Jch war Student und wie viele meines Gleichen hatte ich wenig Lust zum Studiren, statt dessen kam mir der Ein­fall, mich als dramatischer Schriftsteller zu versuchen.

Wenn ich jetzt daran zurückdevke, scheint eS mir kaum möglich. In Pisa, wo ich die Universität besuchte, befreundete ich mich mit einem Theaterregiffeur, dem ich eines Tage- mein Erstlingswerk feierlich anvertraute. E» war eine Tragödie in fünf Acten mit weniger fängt man selten an und fie hieß:Graf Ugoltno." Der Regiffeur las sie und meinte:

Eine Arbeit, in der Talent steckt, aber ich kann fie erst im Herbst in Venedig zur Aufführung bringen. Im Herbst haben Sie ohnehin Ferien, da können Sie einen Aus­flug nach Venedig machen, nm den Proben und der Vor­stellung stelbst beizuwohnen."

Ich war außer mir vor Vergnügen. Zwei Gründe hielten mich aber ab, meinen Namen preiSzugeben. Erstens eine bei einem Anfänger natürliche Scheu, zweitens die Furcht vor meinem Vater, der ziemlich streng war und von Dichtern im Allgemeinen nicht viel hielt. E» wurde demnach

verabredet, daß da» Drama unter einem angenommenen Namen gegeben werden solle. Meine Mutter zog ich jedoch ins Geheimniß und diese gab mir im Stillen und nicht ohne ein persönliches Opfer einen Theil deS Reise­geldes, daS übrige verschaffte ich mir, indem ich meine Uhr versetzte.

Im September traf ich in Venedig ein, während mich mein Vater in Pisa bei einem Freunde glaubte. Die Proben wurden in meiner Gegenwart vorgenommen und e» schien mir wirklich, als ob ich ein Meisterwerk geschaffen hätte. Einige der Künstler murrten, aber der Regisseur war voll Zuversicht für unseren Erfolg. Dies und dazu mein stolze» Selbstvertrauen genügte mir. Endlich kam der Tag der Aufführung heran. Da» Publikum war durch große An­schlagezettel eingeladen zurersten Aufführung desGraf Ugolino", neue Originaltragödie in Versen von Marcello di Lieoonove (die» war mein Anagramm) in fünf Acten und fieben Bildern mit Schlachten und dem Innern des Hungerthurmes, extra angefertigt von dem berühmten Deeo- rationSmaler Gnidiccioli."

Jedem der sieben Bilder war außerdem ein besonders packender Titel beigelegt worden. Diese Art von Reklame war natürlich nicht nach meinem Geschmack, aber mein Wider­stand wäre erfolglos gewesen, zumal ich eS nicht mit dem Direktor und den Künstlern ^verderben wollte.

Am Abend der Premiere war ich auf der Bühne, noch ehe die Lampen angezündet wurden. Ich wußte, daß daS HanS ausoerkauft war, man denke sich meine Spannung l Hinter dem Vorhang, da» Auge an der kleinen Orffnung, durch welche man den Zuschauerraum übersehen kann, beob­achtete ich, wie daS Parterre und die Logen sich füllten, wie daS Orchester die Instrumente stimmte.

^Fortsetzung folgt.)