Ausgabe 
10.10.1896 Zweites Blatt
 
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Ift. 239 Zweites Blatt. Samstag dea 10. Oktober

1896

K Gießener Anzeiger

Möm dem Anzeiger

Kenerat-Mnzeiger.

Amtlich dreimal fccigdtflt

vierteljähriger s A-s««ement»prerF> 2 Mark 20 Psg. mtt

Bringerlohn. | Durch die Post bezöge»

2 Mark 50 Psg.

vedaction, ExpeditlaU und Druckerei:

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Aints- und 21nzeigeblutt für den Ureis Gieren.

Vernrischtes-

* Paris, 2. October. Eta junger Mann aus Lille, der zu den Russenfesten nach Paris gekommen war, ist da« Opfer eines frechen Schwindels geworden, der aber einer gewissen Originalität nicht entbehrt. Als er auf den Boulevards spazieren ging und die Festvorbereitungen be­wunderte, stürzte ein elegant gekleideter Mann, mit einer Rosette im Knopfloch auf ihn zu und rief:Ich verhafte Sie im Namen des Gesetzes! Kein Aufsehen, kein Scandal, das würde doch nichts nützen!" Darauf rief er einen Fiaker herbei, lieh den ganz verblüfften jungen Mann eiusteigev, schwang sich darauf selbst in den Wagen und gab Befehl, nach der Polizeipräfecmr zu fahren. Unterwegs wandte er sich an den ganz zerschmetterten Provinzialen und sagte ihm: Sie werden es gewiß vorzieheu, daß ich nicht selbst eine Leibesuntersuchung an Ihnen vornehme. Vermeiden Sie diese unangenehme Formalität und geben Sie Alles heraus, was Sie bet sich haben!" Der junge Mann, der über eine gehörige Portion Naivetät verfügte, kam dieser Aufforderung wirklich nach und gab sein Portefeuille mit 300 Frcs., sein Portemonnaie mit 60 Frc-., seine goldene Uhr und Kette dem Individuum. In dem Präfecturhofe angekommen, for- bette der Pseudobeamte sein Opfer auf, einige Secunden zu warten, da er mit einem Beamten über ihn zu sprechen habe, schärfte dem Kutscher ein, über den Festgenommeneu zu wachen und verschwand dann uatürltch auf Nimmer­wiedersehen.

erzielt man blendend weiße Wüsche, v bet größter Schonung der Stosse mit LettermavnS r Wüsche-Longen.Sxtract oder j hacket

, Salmiar.Terpenttn.?y«ttlaug«nmehl 115 Pfg. Man achte genau auf die unter 9h?« 11778 patentamttich geschützte Marke: (Fabrikant L. Letlermann in Elderfeld). 3331

Iivahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für de» jchmdrn Tag erscheinenden Nummer bi- Corrn. 10 Uhr.

Hratisßeikage: Gießener Jamikienökätter.

-PH. . ..LL-^

Alle Annoncen-Bureaux de- In« und Au-lande- nehme» Anzeigen für denGießener Anzeiger" entge.ien.

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Amtliche* Theil.

Bekanntmachung,

lininftend: die Abhaltung von viehmärkten zu Homberg a. d. O.

Großh. Ministerium des Innern hat die Abhaltung des ml bin 21. October I. I. fälligen ViehmarkteS zu Homb erg . o, b. ü. unter folgenden Bedingungen gestattet:

1. Für Auf« und Abtrieb des Viehes ist den Anträgen des Kreisveterinäramtes gemäß je eine bestimmte Stelle zu schaffen, welche allein benutzt werden darf.

2. Auf den Markt dürfen nur Thiere aus unverseuchten Orten der Kreise Alsfeld, Schotten, Lauterbach, Gießen, Büdingen und Friedberg, Thiere von Händlern aber nur dann, wenn fie mindesten- 7 Tage in unverseuchten Orten der fraglichen Kreise in seuchenfreiem Zustande gestanden haben, aufgetriebcn werden.

B. AuS preußischen Orten, die nicht über 10 Kilometer von Homberg entfernt liegen, dürfen gleichfalls Thiere zugelaffen werden, wenn über dieselben glaub­hafte Ursprungszeugnisse vorgelegt werden, daß fie in jenen Orten dauernd gestanden haben. Thiere von Händlern find jedoch auch in diesem Falle nur unter der ad 2 erwähnten Bedingung zuzulaffen.

LlSfeld, den 3. October 1896.

GroßherzoglicheS KretSamt AlSseld.

I. B.: Ham manu.

Loeal'Polizei'Skeglemeut,

IM- Den öffentlichen Zettelanschlag in der Stadt Gießen.

Aach Anhörung der Stadtverordneten - Versammlung ttoirb mit Genehmigung Großherzoglichen Ministeriums vom ! Cewtember l. Js. zu Nr. M I. 25 073 für den Bezirk dim Eitadt Gießen verordnet wie folgt:

§ !

Nekanntmachungen, gewerbliche Anzeigen, öffentliche An- t Migmngen, insbesondere von Belustigungen, Versamm- l'imzen und Aufführungen, soweit dieselben nicht den öffent- l.i,hn VerkehrSintertfien dienen, dürfen innerhalb der Stadt (Siiße» und deren Gemarkung, vorbehaltlich der Ausnahme- kichimimngen in § 2 und § 3, nur an den von der Stadt (Wem errichteten Anschlagssäulen und angebrachten Tafeln e Mischlagen werden und zwar nur durch die seitens Groß- h Möglicher Bürgermeisterei Gießen dazu berechtigten Per- s m. Diese bedürfen hierzu der Erlaubniß Großherzog­

lichen Polizeiamts Gießen und haben einen auf Namen lautenden, von Großhcrzoglichem Polizeiamt Gießen aus- zustellenden Legitimationsschein bei sich zu führen.

§ 2.

Im Uebrigen ist die Anbringung der in § 1 erwähnten Bekanntmachungen rc. nur mit Zustimmung des EigenthümerS des betr. Gebäudes rc. und unter der Voraussetzung zulässig, daß die Plakate auf einer, von Großherzoglichem Polizeiamt Gießen hierzu für geeignet erklärten Anschlagstafel befestigt werden.

§ 3.

Die Bestimmungen der §§ 1 und 2 beziehen sich nicht auf Bekanntmachungen, welche von Grundstückseigenthümem oder Miethern ausschließlich in ihrem Privatintereffe an ihren eigenen Grundstücken, Häusern oder MiethSräumen aus­gehängt oder angeschlagen werden.

§ 4.

Zuwiderhandlungen gegen obige Bestimmungen sowie absichtliche Beschädigung, Beschmutzung und widerrechtliche Benutzung der Anschlagstafeln und Säulen, Abreißen von Anschlägen von denselben, werden unbeschadet höherer all­gemeiner Strafbestimmungen mit einer Geldstrafe bis zu 30 Mk. bestraft.

§ 5.

Vorstehendes Local Polizei-Reglement tritt am 15. Oc­tober l. Js. in Kraft.

Gießen, am 6. October 1896.

GroßherzoglicheS Polizeiamt Gießen.

v. Bechtold.

Deutsches Reich.

Breilau, 7. October. Unter der SpitzmarkeEin Capitel zum Reclamewesen in Großstädten" ver- öffentlicht derBreslauer Generalanzeiger" Folgende-: Heute Vormittag hatte fich ein htefiger Kaufmann, vertreten durch den Rechtsanwalt Schreiber, wegen groben Unfugs zu ver­antworten. Folgendes curiose Vorkommniß liegt zu Grunde. Im Mat d. I. ließ der Angeklagte Rrclamekarten auf der Schweidnitzer Straße vertheilen, die täuschend den Eisenbahn­fahrkarten ähnlich sahen. Auf der Vorderseite stand :Diese- Billet berechtigt den Inhaber zur Freifahrt nach Berlin und zurück unter den umseitigen Bedingungen. Bre-lau, 2. 96. Die Direktion." Recht- an der Seite staud die Ziffer 5044. Auf der Rückseite war zu lesen:Bezahlen Sie Ihr Billet oder gehen Sie zu Fuß und kaufe« Sie Knaben-Garderobe im Specialhause Gebrüder......." Die Polizei sah

hierin einen groben Unfug, da der Bahnbeamte durch ein solche- Billet getäuscht werden kön.'te. Sie sandte dem An­geklagten einen Strafbefehl von 30 Mark. Derselbe jedoch rief gerichtliche Entscheidung an. Der Staatsanwalt hielt die Strafe für berechtigt,- e- könnten durch diese BilletS leichtgläubige Leute getäuscht werden. Zwar erkläre daß Gesetz die Herstellung und Verbreitung von Reclamezetteln in Form von Papiergeld für strafbar- allein dem Geiste deS Gesetzes entspreche eS, daß auch die Vertheilung von Reclamen strafbar sei. DaS Gericht sprach den Angeklagten frei. Grober Unfug liege nicht vor, wohl aber tactlose Reclame. Zur Anzeige kam die Sache dadurch, daß ein Leichtgläubiger in Berlin thatsächlich eine derartige Fahrkarte einem Beamtrn zweck- Beförderung vorzeigte.

Feuilleton.

Weltuntergang.

Don F. Clemens.

(Schluß.)

Ebenfalls nicht sehr wohl ergeht un-, wenn es tmtir der Wirkung der Mondanziehung zuletzt dahin kommt, b laj büe Erde fich nicht mehr um ihre Achse dreht und jenem t W'k|iew ein und dieselbe Seite bleibend zuwenden muß, wie MüilHonb gegenüber bet Erbe. Unser Tag würbe fich dann ouii büe Dauer eines Monbumlauss verlängern unb wir einen Tag unb eine Nacht von je 354 Stunben hivii«. Jeber kann ba leicht ermeffen, welchen Grab bie am Tage unb bie Kälte in einer solchen Nacht erreichen n ihie» weder Menschen noch Thiere und Pflanzen würden awjvmr einen einzigen Tag zu überleben vermögen! Noch s'Grner aber, wenn bie Sonne selbst miS einmal ihre be- l. ihoben Strahlen entziehen würde. Und da- muß geschehen, d isu sjie befindet fich zur Zeit in einem Entwickelung-stadium n r* tinft unsere Erde. Allmählich wenn auch noch nicht H«|| und morgen wird fie erkalten unb fich mit einer SIMe: bebeden. Dann bricht natürlich eine Eiszeit über tÜHnbe herein, bie nie wieber ein Ende findet, ja, vielleicht s «lut: sich sogar der von der Kälte bis in« M^rk zernagte tzMril und zerfällt in Trümmer, vorher aber herrscht eine e Aizi Nacht, die kein Lichtstrahl durchdringt. Der Sternen- HMLil weist schon genug solche erkaltete Sonnen auf, die «nit nüid)t sehen, aber dadurch wahrnehmen können, daß andere EAiitt! durch fie verfinstert werden. Daffelbe Resultat auf aaiiie: Weise droht der Erde jedoch durch den Widerstand, b m üci bet ihrer beispiellos schnellen Umdrehung an den drnilüther erfüllenden meteorischen Stein- und Staubwolken f fulit.. So unbedeutend eS an fich auch ist, so summirt f lii amf Aeonen vertheilt, zweifellos zu einer beträchtlichen

Zahl. Bölsche gibt al- Beispiel bie burch einen Mücken- schwärm fliegende Kanonenkugel. So klein der Widerstand erscheint, dem fie begegnet, so wird er im Laufe von Millionen von Jahren die Kugel doch zum Stillstand bringen. Belm Planeten aber heißt Verlangsamung: Herabsetzung seiner Umlauf-geschwindigkeit. Mit jeder Herabsetzung dieser Geschwindigkeit wird aber sein Abstand von der Sonne ge­ringer. Die Anziehungskraft der Sonne wird stärker, je lahmer die Schwungkraft wird, fie reißt den Planeten näher an den Centralcoloß heran. Da- immer weiter ausgedehnt, verwandelt schließlich die elliptische Planetenbahn in eine Spirale unb eineß Tage- stößt bet Planet mit bet Sonne zusammen." Der erste Planet, ben biese- Schicksal ereilen muß, würbe Merkur sein, bann folgen tu ungeheuren Zwischenräumen bie übrigen, nachbem bereit- früher bet Monb au- dem gleichen Grunde auf die Erde herab­gestürzt ist.

Damit find jedoch unsere Chancen der Erdvernichtung noch nicht erschöpft. Wir haben noch diejenige der plötzlichen Katastrophe. Wer bürgt un- dafür, daß Madame Erde nicht einmal mit einem anderen Himmelskörper collidirt? Falb hat ja, wie schon oben berichtet, eine solche Möglichkeit hin­gestellt, und wenn schon in den Jahren 1454 und 1668 den Erscheinungen von Kometen eine große Schlägerei bet Schuh­macherzunft in Lüneburg unb ein große- Sterben ber Katzen in Westfalen folgte, so dürfen auch wir nn- über ben Aus­gang beß Abenteuers gebührend, beunruhigen In der That halten uns manche Forscher vor Augen, daß ein Kometenkern von auch nur einem Millionstel ber Erbmasse eine Masse von 120,000 Billionen Gentnern repräseotirt und baher bei einem freundschaftlichen Zusammenstoß der Erde außerordent­lichen Schaden zufügen kann. Man spricht von Benzin- unb Petroleumwolkenbrüchen, kolossalen Erdbeben, vulkanischen Au-brüchen In nie geahnter Furchtbarkeit unb ähnlichen hübschen Sachen. Ja, einzelne Forscher gehen noch weiter

unb verkünden auch der Welt eine Katastrophe. Der er­kaltete Sonnenball schmilzt nach unb nach mit den anderen Sonnen zu einem Riesenball tobtet Mafien zusammen. Daß Gleiche geschieht ben übrigen Sternenhaufen, so baß in Wahrheit die ganze Welt tobt unb steif wirb wie ein Ei-Haufen.

Zum Glück wirb auch hier nicht alle- so heiß verzehrt, wie gekocht wird. Zum Exempel: Die Kometen. Ja unserem Jahrhundert ist bie Erde bereit- zweimal durch Kometenschweife gezogen (1819 unb 1861), ohne baß bie Menschen von bem Vorgänge auch nur eine Ahnung gehabt hätten. Ferner näherte fich am 1. Juli 1770 bet Lexell'sche Komet ber Erbe biß auf ganz geringe Entfernung, ohne daß solche- die geringsten Folgen für diese nach fich gezogen hätte. So dürfen wir auch beß Resultat bet Falb'schen Voraussetzung mit Srelentuhe gewärtigen. Denn an fich ist, wie Newcomb betont, die Wahrscheinlichkeit einer der­artigen Carambolage so gering, daß ein Blinder, der auf- Getathewohl eine Flinte in bie Luft abschieht, viel eher einen Vogel treffen kann, als ein Zusammenstoß unseres Planeten mit einem Kometenkern zu erwarten wäre. Und auch mit den zuerst heraufbeschworenkn Zukunft-ereigniffen hat gute Weile. Um die Sonne auch nur um ein Zehntel ihrer gegenwärtigen Wärme abgukühlen, find nach einer astro­nomischen Berechnung etwa eine Million Jahre nöthig. Ferner gleicht fich nach ber Ansicht anderer Forscher der Verlust an Waffer, Sauerstoff und Kohlensäure durch Selbst- reguliruug wieder aus, da bisher gebundene gewaltige Mafien dieser Stoffe nach und nach frei werden- die Verlangsamung der Achsendrehung macht für ein ganzes Jahrhundert nur 10 Sekunden au«, und wenn die Sonne dereinst erkaltet, wer weiß, ob die nimmer ruhende Wissenschaft dann nicht bereits ganz andere Wärmehilfequellen eröffnet hat. Also ruhig Blut, mag kommen, was will, wir verlassen unß darauf, daß Stoff unb Kraft unerschöpflich find.