Ausgabe 
10.9.1896 Zweites Blatt
 
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Ur. 213 Zweites Blatt.

Donnerstag den 10. September

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Keneral-Wnzeiger.

Amts» uni* Anzeigeblatt für den Kreis Gieren

Rebottion, tfliebfties unb Druckerei:

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vierteljähriger KvounementrpretA» 2 Mark 20 Pfg. mit vringerlohn.

Durch die Post bezog« 2 Mark 60 Pf,.

Die Gießener Motkiendtätler »erden btw Anzeiger Wöchentlich dreimal deigelegt.

Der fU|t*nr Jtajdfl« erscheint täglich, Bit Ausnahme bei Montag».

lnder Menfolge.

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iMabmnoi Anzeigen ju brr Nachmittag» für b« I ÄQe Annoncen-Bureaux beS In. unb Auslandes nehme»

f»lg«nben Lag erfcheinenben Nummer bis vorm. 10 Uhr. I I-lUlSPtlUiy t^UmiUniVlUUU. Anzeigen für benGießener Anzeiger- entgegen.

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2lmtlid?cr Theil.

Betr.: Die Maul- und Klauenseuche,- hier die Abhaltung von Vtehmärkten.

DaS Großh. Ministerium des Innern hat die Abhal­tung eine- Viehmarktes zu Dauernheim am 28. Sep­tember l. IS. unter den nachstehenden Bedingungen ge­nehmigt: 1. Für Auf- und Abtrieb ist je eine bestimmte Stelle zu schaffen. Der Marktort hat das nöthige Aufsichts- Personal zu stellen, damit den getroffenen Anordnungen genau vachgekommen wird. 2. Auf den Markt dürfen nur Thtere aus unverseuchten Orten des GroßherzogthumS Heffen, Lhiere von Händlern nur dann, wenn sie mindestens 7 Tage iu unverseuchten Orten in sruchenfretem Zustande zugebracht haben, aufgetrieben werden. Beim Auftrieb der Thiere ist durch eine streng zu handhabende Controle der betreffenden UrsprungSschetne zu verhüten, daß andere Thiere auf den Markt gebracht werden. Außer der Controle der Ursprungs- zeugntffe hat selbstverständlich auch die thierärztliche Besichti­gung der Thtere vor dem Auftrieb zu erfolgen.

Büdingen, den 1. September 1896.

GroßherzogltcheS Kreisamt Büdingen.

Kltetfch.

Hroßherzogliche Jachschute für Elfenbeinschnitzerei und verwandte Gewerbe zu Erbach im Odenwald.

Die Anstalt stellt sich die Aufgabe, tüchtige Elfenbein- unb Holzschnitzer heranzubtlden, denen eine vollständige theo­retische und practische Ausbildung geboten wird,- iu gleicher Weise dient sie seit Kurzem zur Ausbildung von Drehern, Lise- leuren, Stuckateuren und verwandten Berufsarten.

Das Wintersemester beginnt Montag, 8. Oetober.

Unterrichtet wird von drei Fachlehrern und zwei Hilfs­lehrern in folgenden Lehrfächern:

Freihand- und Linearzeichnen, kunstgewerbliches Zeichnen eab Entwerfen, Modellireu nach ornamentalen und figürlichen Motiven, Vorträge über plastische Anatomie, Stillehre, Matertalienkunde, Aufsatz, Buchführen, Rechnen, Geometrie, Veranschlagen und Wechsellehre; Schnitzen, Drehen und Fayontren in Elfenbein, Horn, Holz, Perlmutter, Schildplatt,- Kerb- und Flachschnitt, Holzbrand, Einlegearbeit (Intarsia, I

Boulle)- Eiseltren in Silber, Treiben in Kupfer, Montiren tu Edelmetall in Verbindung mit Elfenbein, Glas, Achat usw.

Der Unterricht wird durch eine reiche Modell- und Vorbtldersammlung, sowie gut auSgestattete Werkstätten unterstützt.?

DaS Schulgeld beträgt zehn Mark im Halbjahr.

Unbemittelten Schülern kann die Entrichtung des Schul­geldes nachgelassen, sowie Auswärtigen der Besuch der Schule durch einen Unterstützungsbeitrag erleichtert werden. Bet Gesuchen um Gewährung der einen oder anderen Art dieser Erleichterungen werden neben der Vermögenslage des Schü­lers auch die VermögenSverhältniffe der HeimathSgemeinde oder das Vorhandensein 'geeigneter StiftungSmittel in Be­tracht gezogen.

Anmeldungen und Gesuche find wegen der augenblick­lichen Beurlaubung des unterzeichneten Hauptlehrers an den Vorfitzenden des AufstchtSratheS zu richten, welcher zur wetteren AuSkunftSertheilung bereit ist.

Erbach, im September 1896.

Der Vorsitzende des AufstchtSratheS: Der Gr. Hauptlehrer: Limpert. Görig.

- 0- Steinfurth, 8. September. In der verflossenen Woche wurde unsere Gemarkung von einem starken Wirbel­sturme hetmgesucht, welcher an einzelnen Stellen beträcht­lichen Schaden aartchtete. Schon ziemlich kräftigstämmige Bäume wurden mit Wucht aus der Erde geriffen. Das Obst ist maffenweise abgeschüttelt, manche Bäume find ihrer Früchte vollständig beraubt worden.

- h- AuS bem Riddetthale, 8. September. Infolge der naßkalten Witterung scheint endlich auch die WeSpenplag'e sür dieses Jahr im Abnehmeu begriffen zu sein. DaS Auf­treten dieser Jusecten war tu dem nun zu Ende eilenden Sommer in unserer Gegend geradezu unheimlich. Fast überall, bei jedem Schritt und Tritt, war man von dem Gesumme der Wespen umgeben. Der Landwirth konnte bet der Be­arbeitung seiner Aecker stets gewärtig sein, mit einem Wespen­nest in Berührung zu kommen. Es könnten aus kleinem Umkreis mehrere Fälle angeführt werden, wie Menschen und Vieh vor jenen wilden Hautflüglern in die Flucht getrieben wurden.

- o- Berstadt, 8. September. Der hiesige, seit neun Jahren im Amt stehende Bürgermeister, Herr Wolf, wurde bet der am letzten Samstag stattgefundenen Neuwahl mtt 194 Stimmen wiedergewählt.

Mainz. 8. September. Wie die hier erscheinende Deutsche Weinzeitung" vernimmt, beabsichtigt die belgische Regierung eine Erhöhung des Wetnzolles herbei­zuführen, womit außer den französischen Weinen auch die Weineinfuhr aus Deutschland getroffen wird. DieWein- Ztg." hofft, daß unsere diplomatische Vertretung in Brüssel Alles aufbieten werde, um unseren nicht unerheblichen Wein­verkehr nach Belgien vor dem zu erwartenden Nachtheil zu bewahren. Msgr. Rtnaldini, der für Brüffel neu­ernannte päpstliche Nuntius, weilte heute auf der Durch­fahrt in hiesiger Stadt. Derselbe laS in dem Dom die Meffe. Der Nuntius reift in Begleitung des deutschen Prälaten Msgr. Pick. Zur Berathung einzelner Ab- schnitte des deutschen Handelsgesetzbuches findet im Laufe dieses Monats hier eine Versammlung von Mitgliedern verschiedener Handelskammern Deutschlands statt. Nach be­endigter Berathung werden die Beschlüsse dem deutschen HandelStage zur weiteren Beschlußfaffung unterbreitet werden.

Berlin, 8. September. In der Woche vom 29. August bis 4. September wurden nach Treptow befördert: 1. Durch die Eisenbahn hin 233,000, zurück 195,000 Personen- der stärkste Verkehr war am Sonntag mit 138,000 Personen hin und zurück. Dieser und der voraufgegangene Sonntag (23. August mtt 145,000 Personen hin und zurück) waren seit Beginn der Reisesaison die verkehrsreichsten Tage und wurden nur am 12. Juli durch einen Verkehr von 148,000 Personen hin und zurück übertroffen. 2. Die Straßenbahnen beförderten hin 128,352, zurück 128,783 Per­sonen. 3. Die Schiffe beförderten hin 10,191, zurück 5818 Personen. In Gasthöfen und öffentlichen Fremden- logt- wurden iu der Woche vom 29. August bis 4. Sep­tember 21,477 Fremde beherbergt.

* Wünschen Sie köstliches Deffert, Sanbtotten, tzestknchen? Dies läßt sich am besten durchBrown & PolsonS Mondamin herstellen. Dasselbe besitzt einen eigenen Wohlgeschmack und fördert durch seine Entölung bedeutend die Verdaulichkeit der Speisen. Recepte zur Zubereitung befinden fich auf den Mond amtn-Packeten, zu haben L 60, 30 u. 15 Pfg. in besseren Colonial-, Delicateß- u. Drog.-Grschäften. Für die gute Qualität bürgt am beste« daS 52jährige Bestehen dieser weltbekannten, schottischen Firma. EngroS bet Türk u. Pabst, Frankfurt a. M. 1707

^uilleton.

Ikarus.

Novellette von Carl Wilhelm Geißler.

(Nachdruck verboten.)

Er hatte schon auf dem Gymnasium unter seinem Namen zu leiden. Der Ordinarius der Unterprima hatte etueS schönen Tages auf dem Umschlag des lateinischen Aufsatzheftes seines Klassenletzten einen Witz entdeckt, eine unbeabsichtigte Komik, daß gerade CaruS so hieß unser Held den Vornamen Joseph trug und feine Hefte demzufolge mit 3. CaruS" fignirte. Der Aufsatz, bet dessen Besprechung der Professor den famosen Witz entdeckte, war mittotal ungenügend", zur Aufmunterung tndeß trotzdem noch mit4" cenfirt worden. I. CaruS blätterte tu dem Hefte, daS ihm der Gestrenge unter dem Zeichen unverhohlener Gering- schätzung zugeworfen hatte, mit hochgeröthetem Gesicht. AIS -er die Flutheu vou rother Tinte gewahrte, mußte er lächeln - das Bewußtsein jedoch, daß er auch seinerseits dem Lehrer tüchtig zu arbeiten gegeben hatte, stimmte ihn außerordentlich heiter und etwas wie Geuugthuung glänzte auf seinem gut- «üthigeu Gesicht. Er barg das Heft mit liebevoller Sorg­falt, als ob eS für ihn die Aussicht auf eine Prämie be- deute, iu seiner Mappe, der er bei dieser Gelegenheit ein zur Hälfte mit Prtmauerversen bedecktes Blatt entnahm. Er lächelte noch vergnügter, als er die mit Bleistift htugeworfeue Nedichtskizze überlas. Der Professor war mit dem Ab- Ichlachten eines neuen Opfers beschäftigt, und so konnte 3- CaruS iu aller GemüthSruhe daran gehen, daS Begonnene in vollenden. ES war ein deutsches Gedicht, daS er da drechselte, kein carmen latine, deßhalb wachte ihm die Arbeit Fieude,- sie beseligte ihn, weil eS eineSie", eine aogebetete, bl endbezopfteSie" war, der er das Gedicht noch am Nach- »'ittag in den Schooß zu legen hoffte. Er wußte, daß Marie

ihren Dichter nicht unbelohnt lassen würde und in diesem Bewußtsein vergaß er, daß er auf dem Gymnasium in Id auf einer Schulbank hockte, daß wenige Schritte vou ihm ein ungeheurer Gelehrter, oder seiner Ansicht nach eingelehrtes Ungeheuer" bald mit Gestöhn, bald mit Gebrüll einen lateinischen Aussatz recenfirte. Lauter wurde das Donnern des Gewaltigen. I. CaruS hörte e» nicht, er ahnte nicht, daß fich das profefforliche Gewitter über feinem zwar nicht kahlen, aber im Augenblicke doch schuldigen Schädel zu­sammenzog.

CaruS! Mensch! Hören Sie nicht? Stehen Sie auf, wenn ich mtt Ihnen rede."

Unser Held schnellte in die Höhe, einem Traum­wandler gleich, der plötzlich bet seinem Namen gerufen worden ist. Er weiß nicht, was mau vou ihm verlangt. Er ist im Märchenreiche gewesen und soll auf die Frage eines Pro­fessors Antwort geben! Er stottert unverständliche Worte, seine Wangen glühen, mit der Hand versucht er seinen Schatz, das nahezu vollendete Gedicht auf Marie, zu verdecken.

Ich will wissen, was Sie da zu schreiben haben." Ich habe nichts geschrieben, Herr Professor!" Also nicht bloS faul, sondern auch ein Feigling und Lüguer."

I. CaruS erbleichte. Der Tyrann hatte Recht.

Ja, ich habe geschrieben, Herr Professor, eS ist nicht der Rede werth."

Herzeigeu!"

Ich bitte Sie, Herr Professor"

Nun, wtrds bald? Herzeigen!"

Ich kann ich darf nicht!"

PrimuS, nehmen Sie dem CaruS daS Blatt ab, daS er da in der Hand hält."

Der also Aufgerufeue führt den Befehl aus. I. CaruS überlegt einen Augenblick, ob er dem schwächlichen Kerlchen einen Schlag versetzen soll.

Er thut ja nur seine Pflicht," dachte er und legte den zerknitterten Papterfetzen in die Hände deS Kameraden. Er wußte, daß er nun gerichtet war und setzte fich, den Kopf tief in die Schultern etngezogen, nieder.

Der Professor rückte seine Brille zurecht. Kaum daß er mit der Lectüre begonnen hatte, verwandelte fich sein Grimm in die heiterste Laune. Der Gestrenge lachte, daß eS dröhnte, er bekam sogar einen Hustenanfall. Die Er­wartung der Klaffeugenoflen stieg aufs Höchste. Es dauerte geraume Zett, bis fich der Kathedergott soweit beruhigt hatte, um wieder eine einigermaßen würdige Miene aufsetzeu zu können.

CaruS! Ikarus! Stehen Sie auf! Was zehn NummernFliegende Blätter" bet mir nicht können, haben Sie zu Stande gebracht: mich lachen zu machen! Auf den Erfolg können Sie stolz fein! Wissen Sie, was CaruS ist? Ein Dichter, ein Himmelsstürmer! Lachen Sie nicht, daS ist eine ernste Sache. Die Zeit wird kommen, wo Sie es als eine Ehre empfinden werden, mit dem berühmten I. CaruS in die Schule gegangen zu fein, ich selbst"

Wieder wurde der Professor von hellem Lachen ergriffen. Der Unglückliche stand unbeweglich, die Lippen fest aufeinander­gepreßt, die Hände krampfhaft geballt.

Unser CaruS," fuhr der Professor fort, indem er fich die Augen wischte,hat eine Flugmaschine erfunden. Er hat nicht gewartet, bis ihm sein Vater die Flügel nothdürstig mit Wachs zusammenleimte, er fliegt auf eigene. Faust! Hören wir, waS er schreibt."

Herr Professor!" rief jetzt I. CaruS mit einer Be­stimmtheit, die bet einem Delinquenten überraschen wußte.

WaS beliebt, mein Tasso redivivus ?"

Ich möchte Sie herzlich bitten, meine Verse hier nicht dem öffeutltchen Gespött pretSzugeben."

(Schluß folgt.)