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9.8.1896 Zweites Blatt
 
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Der chleheuer Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme dc- Montag-.

Die Gießener

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Zweites Blatt. Sonntag den 9. August

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n. Au» Oberheffeu, 7. August. Für die Obstbaum­züchter OberhesseuS recht interessante Mittheilungen enthält der Bericht der Handelskammer zu Frankfurt a. M. bezüglich der französischen Aepfel, die bekanntlich im letzten Jahr den unseren scharfe Covcurrenz machten, und den Preis derselben sehr drückten. Der Bericht constatirt nämlich die Tatsache, daß der Aepfelwein auS französischen Aepfrln sich nicht für den hiesigen Geschmack eigne. Ferner wird er* wLhnt, daß von den 25,000 Kg. Aepfeln, welche auS Frank­reich bezogen wurden, viele in einem so schlechten Zustand fjtrr ankamen, daß sie zur Aepfelweinbereitung ganz un­geeignet waren. Im Uebrigen hebt der Bericht noch hervor, daß inSgesammt 160,000 bis 200,000 Doppelcentner Aepfel In Frankfurt verwandt wurden, welche 2,300,000 bis 2,$100,000 Hectoliter Aepfelwein lieferten, und daß dieses Getränk dem Bier gegenüber nicht mehr concurrenzfähig ist, w«lln sich der Doppelcentner Aepfel höher als 10 Mk. stellt. Voraussichtlich übersteigt er dieses Jahr aber wieder diese HS-he, da nur strichweise eine gute, im allgemeinen aber noch nicht eine Mittelernte in Aussicht steht.

n. Lauterbach, 7. August. Vom 9. bis 12. October finldet in unfern Mauern die ObstauSstellung deS Ober­hessischen Obstbauvereins statt. Zar Vertheilung für die besten Leistungen kommen Diplome L, 2. und 3. Klasie. 3irr Coucurrenz find zugelafsen schön cultivirte Früchte in eirzelnen Sorten, Obstsortimente, Producte der Obstverwer- tu»g, Geräthe, sowie Blumen und Decorationspflanzen. Als Preisrichter werden fungiren die Herren Rechner Forbach und Forstmeister Reuß in Butzbach, Fürstl. Forstmeister Miller in Büdingen und Schildkaecht, Letter der Sießmaher- schca Baumschule in Vilbel. Vorsitzender der Ausstellung ist harr Krei-amtmann Dr. Heinrichs.

§§ Grebenhain, 6. August. Der zu hiesiger Ober- förfteret gehörige Thetl deS OberwaldS wird durch Herrn Fo^stasseffor Zeh in Grebenhain neu vermessen. Die fiscalt- ichen F ächen sollen mehr zusammengelegt werden und wurden in letzter Zeit viele Kaus- und Tausch-Verträge mit den Lamdwtrthen abgeschlofien. Seither sind von Seiten der Fonstbehörde Oedungen und sonstige unbenutzbare Flächen zum Anlegen von Wald angekauft worden, der Morgen für

Wochrndrirfe ans der Residenz.

(Originalbericht des »Gießener Anzeigers").

Z. Darmstadt, 7. August.

Melfeter der Main-Neckarbahu. Strauß-Concert. Allerlei.

Ein bedeutungsvoller Festtag für die ganze hessische Resfidenz war der vergangene Samstag, der das fünfzig­jährige Jubiläum des Bestehens der Main- Neckar-Bahn brachte. Die Bahngebäude hatten festlichen Ftaggenschmuck angelegt und die hohen Beamten sowie die Arbeiterschaft der Bahn erhielten mancherlei Auszeichnungen. Unter den Beamten weilt jetzt noch als Leiter des gesammten Bahnbetriebs ein Mann, der schon bei dem Bau der Bahn ihLtig mitgeholfen hat und deffen Name unlöslich mit dem des ganzen Unternehmens verknüpft ist, Herr Geheimrath Licht Hamm er, der denn auch am Jubeltage gebührend ausgezeichnet und gefeiert wurde. Ueber die EntwickelangS- ^schichte der Bahn haben wir schon einmal vor Wochen iwichtet. Bekannt ist, daß man schon 1838 an eine Vrr- dindung der Main- und Neckarlinie durch das damals ganz °me Verkehrsmittel der Eisenbahnen dachte. Jedoch erst im Februar 1843 kam zwischen Hessen und Baden ein Vertrag Iber daS Project zu Stande. Der Sitz der Direction wurde ton Anfang an nach Darmstadt verlegt. Im Frühjahr 1846 ging die Bahn schon ihrer Vollendung entgegen und nach hnn glücklichen Ausfall mehrerer Probefahrten fand am 1. August die eigentliche Eröffnung statt. Wir haben schon ntultd) erwähnt, wie ungemein sich seit dieser Zeit die Main- Neakar-Bahn entwickelt hat. Anstatt der ursprünglichen sechs ter kehren jetzt etwa 50 Personenzüge auf der Strecke Heidel- dtr.z-Frankfurt an einem Tage, außerdem noch zahlreiche Süterzüge. An Betriebsmitteln standen 1846 12 Loco- moitDen und 90 Wagen zur Verfügung, heute sind es über 1000 Locomotiven und Wagen. Daß die Bahnstrecke eine der wichtigsten und verkehrsreichsten von ganz Deutschland , dürfte bekannt fein. Hieraus erklärt sich aber auch ihre wßieror deutliche Rentabilität und die vom Publikum besonders lwgimehm empfundene Billigkeit der Fahrpreise. In letzterer

50 bis 60 Mk. Gegenwärtig wird für gerade angrenzende oder mitten im Wald liegende Privat-Besitzungen pro Morgen 100 bis 150 Mk., mitunter 200 Mk. und noch mehr bezahlt.

Permifötes.

* Der Zagdfchein ober traurige Folgen der Galanterie. Drama in zwei Acten von Luc de Vos (Paris). I. Erster Act. (Auf dem Polizeicommissariat des Quartier deS BasfinS in Paris.) Der Beamte, ein galanter Mann, Feind von Unbequemlichkeiten. Vier Personen treten ins Zimmer: die Gräfin von Grisemine, der Graf und zwei Zeugen. Der Beamte:Sie wünschen, mein Herr?" Der Graf:Einen Jagdschein." Der Beamte:Für Sie selbst, mein Herr?" Der Graf:Nein, für meine Frau." Der Beamte:Sehr wohl. (Für fich): Eine heikle Aufgabe! . . . Da heißt es vorsichtig sein. (Zur Gräfin): Madame, Sie werden meine Jnditcretion gewiß entschuldigen. Ich bin ge­zwungen, Ihr Signalement aufzunehmen.* (Er schaut ihr tnS Gesicht):Haar?" Der Graf:Blond." Der Beamte für fich:Sie sind dunkelbraun, aber nur keine Umstände, schreiben wirblond". (Laut): Augen?" Der Graf: Blau." Der Beamte (für fich):Sie find stahlgrau. Aber was thutS? Galanterie vor Allem. Schreiben wirblau". (Laut): Nase?" Der "Graf:Gerade." Der Beamte (für fich):Sie ist schauderhaft aufgestülpt: aber daS kann mir egal sein. Also schreibe ichgerade". (Laut): Gesichts­farbe?" Der Graf:Rosig." Der Beamte (für fich):Sie ist dtroaengelb; aber was liegt daran? Schreib ichrofig". (Laut): Madame, das Gesetz zwingt mich, Sie nach Ihrem Alter zu fragen." Der Graf:Fünfundzwanzig Jahre." Der Beamte (für sich, sich auf die Lippen beißend):Sie hat gewiß ihre vierzig auf dem Buckel, aber es wird mich den Kopf nicht kosten- alsofünfundzwanzig". (Laut):Und nun, Madame, habe ich nur noch Ihre Statur festzustellen." Der Graf (unruhig):Ihre Statur?" Der Beamte: Pardon, ich wollte sagen, ihr Längenmaß. (Zur Gräfin): Madame, darf ich bitten, fich hier an die Mauer zu lehnen, wo die Centimeter verzeichnet find." Die Gräfin thut. Der Graf:Ein Meter siebzig." Der Beamte (für fich): Sie hat mindestens vier Centimeter weniger, aber seien

Hinsicht steht die Bahn auch ziemlich vereinzelt da. Interessant dürfte eS fein, zu erfahren, daß gleichzeitig mtt der Eröffnung der Main-Neckarbahn auch die Eröffnung eines regelmäßigen OmntbusoerkehrS aus der inneren Stadt nach dem Bahnhof stattfand. Das Unternehmen schlief freilich bald wieder ein, aber heute, wo die ganze Stadt auf daS dringend noth- wendige Verkehrsmittel einer Trambahn in der Innenstadt schon so lange wartet, erweckt diese Kunde wehmüthige Sehn­sucht nach der guten allen Zeit.

Bon einer eigentlichen offictellen Feier des Jubiläums hatte man aus Gründen verschiedener Art abgesehen. Ein Spaßvogel hatte fich den schlechten Scherz erlaubt, falsche Nachrichten über einen (Sommers im Rummelbräu und einen Fackelzug der Arbeiterschaft in die Preffe zu bringen. In der Thar fand nun am SamStag eine rein private Festfeier der Beamten und Arbeiter der Centralwerkftätte statt. Im Orpheum versammelten sich die technischen Beamten und die Arbeiter mit Familienangehörigen zu einer fröhlichen Feier. Herr Oberbaurath Becker begrüßte die Erschienenen und wieS auf die Bedeutung des Tages hin. Er betonte die ungeahnt großartige Entwickelung der Bahn und die Förde­rung, die sie allezeit durch die Regenten der betheiligten Staaten gefunden habe. Auf diese, die Landesherren von Heffen, Preußen und Baden brachte er ein jubelnd auf« genommenes Hoch auS. Im Verlaufe deS Abends wurden noch viele kürzere und längere Ansprachen gehalten. Wir erwähnen davon nur noch die Festrede deS Herrn Maschinen- Jnspector Stiel er, der die ganze EntwickelungSgeschichte der Bahn in kurzen Umrissen barlegte und betonte, welche Fülle von körperlicher und geistiger Arbeit im Lause der 50 Jahre deS Bestehens im Dienste beß großen Unter­nehmens geleistet worben sei. Sein Hoch galt den Angehö­rigen der Centralwerkftätte. Nachdem bann noch der leiten­den Beamten gedacht worden, trat die Fröhlichkeit in ihr Recht, und rasch verflogen die Stunden. GesangSvorträge des VereinsSängerluft", die Herr Hoftheater-Chordirector Knörzer dtrigirte, und turnerische Aufführungen unter­hielten die Festversammlung biß zum frühen Morgen. In würdiger und schöner Weise verlief diese einfache Privat­veranstaltung, die von Neuem Zeugniß dafür ablegte, in welch' herzlichem und freundlichen Verhältniß Vorgesetzte und

wir galant biß zu Ende und schreiben wirsiebzig". (Laut): Darf ich die Herren um ihre Unterschrift bitten." (Die beiden Zeugen unterschreiben.) Die Gräfin zu ihrem Gatten: Er ist ganz charmant, dieser junge Mann." II. Zweiter Act. (An der Grenze eines Tannenwaldes bei Toucques, unweit Trouville.) Die Gräfin Grisemine im Jagdcoftüm. Sie hat ihre Gefährten auß den Augen verloren und setzt fich, um fich einen Augenblick auszuruhen. Vater Michel, ein alter Wilddieb, der jetzt Waldhüter geworden, tritt hinzu. Er schäumt vor Math, alß er die Dame bemerkt, denn er ist außer fich, daß jetzt auch die Frauen anfangen, in Ge­meinschaft mit den Männern die ohnehin so spärlichen Hasen wegzuschießen. Er fragt die Gräfin barsch nach ihrem Jagd­schein. Sie hält ihm baß Papier mit den Fingerspitzen ent­gegen. Der Vater Michel (macht seine Reflexionen bald laut, bald für fich):Dieser Schwindel! . . Haar blond! . . Beim heiligen Sebastian, braun ist'ß und ich sehe sogar hie und da ein weißeß! (Er blickt der Gräfin frech ins Gesicht): Blaue Augen! Nicht möglich! Unsere Katz' hat ähnliche! . . . Gerade Nase! Nein, daß ist zu viel! Sie ist so krumm, wie mein Arm, wenn ich mich schneuz! Und die Statur? Ein Meter siebzig? Ich möchte fie wirklich nachmrssen! (Nach langer Ueberlegung): Sicher hat fie den Jagdschein gestohlen! . . ." Die Gräfin:Nun Alter? Was gibtß? Stimmt nicht?" Der Vater Michel:WaS gibt, Madame? ... mit Erlaubniß zu reden, meine Dame, ich werde Sie anzetgen." Die Gräfin:Anzeigen! . . Und mein Jagdschein?" Der Vater Michel (mit bösem Augen­zwinkern) :Bei mir, schöne Dame nützt der Schwindel nichts! Der Jagdschein gehört nicht Ihnen, Sie haben ihn von irgend einer jungen Person geliehen ober gestohlen...

Die Gräfin:......" Der Vater Michel:Marsch

auf die Polizei!" (Er bemächtigt fich der Flinte der Gräfin und tranSporiet seine sprachlos gewordene Gefangene inß Dorf.) (Frkf. Ztg.)

* Ein Unzufriedener. Bürgermeister (zu Bauern, die von einem größeren Brandunglück heimgesucht worden sind): Also morgen kommt der Herr Landrath behufs einer statistischen Aufnahme deS Brandschadens. Bauer Polter: Himmel Sacra! Nöt ömal ruhig abbrennen lassen fie einen!

Untergebene bei der Centralwerkftätte der Main - Neckarbahn stehen.

Ein merkwürdiger Zufall will es, daß die Jubelfeier der Bahn gerade in eine Zeit fällt, die eine große Umwälzung auf dem Gebiete deS Eisenbahnwesens Hessens eingebettet hat. Auch auf den Betrieb der Main Ncckarbahn wird diese Umwälzung Einfluß haben, daß fie erwünscht und nützlich sein wird, ist hier die Anficht der Mehrzahl aller Sach­verständigen.

Nicht so ungestört wie die oben geschilderte Veranstaltung verlies am SamStag daß im Saalbau angekündigle Strauß- concert. Obgleich die Witterung für den Aufenthalt im Freien ganz ungeeignet war, versuchte man es doch, baß Concert im Garten abzuhalten, wo viele hundert Menschen versammelt waren. Schon nach der ersten Programmnummer trieb aber ein strömender Gewitterregen die Besucher in den Saal, wo nun ein recht unerquicklicher Kampf um die Plätze stattfand. In drangvoll fürchterlicher Enge hörte das Publikum daß allerdings vortrefflich auSgeführte Programm an, jedoch bewies der Abend wieder einmal, daß der Residenz an einem wirklich großen Saale fehlt, und daß die Darmstädter verfehltes Arrangement von Veranstaltungen größerer Art mit Humor aufzunehmen verstehen, wenn man ihnen das Recht an einem energischen Protest auch nicht versagen könnte.

Daß Sommertheater, daß nun bald von Darmstadt Abschied nimmt, macht am Schluß noch besondere Anstren- gungtn. Noch in dieser Woche kam eine Novität zur Aus­führung, die Lecoqaß reizende OperetteGiroflä Girofla" brachte. Das Unternehmen hat beim Publikum leider immer noch nicht daß verdiente Entgegenkommen gefunden, was seinen guten Leistungen nach dringend zu wünschen gewesen wäre. ist ja richtig, daß die hiesigen Theaterbesucher durch das Hoftheater außerordentlich verwöhnt find, aber bei der Größe der Stadt müßte sich doch auch die hinreichende Besucherzahl für eine Sommerbühne finden.

Die Nachricht, daß Darmstadt demnächst Sitz eines Generalcommandos werden Zwürde, hehauptet fich dauernd, obgleich schon manches Dementi erfolgt ist. Die Zukunft wird lehren, ob etwas Wahres an der Sache ist.