Ausgabe 
9.5.1896 Zweites Blatt
 
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ischrVm traurige Pflicht, unser! Lereinscollegen annbergi n.

Itt Sonntag NachmiW' ceinskameraden, dein d zu erweisen.

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Der tiefer *»jdgtt tr ich eint täglich, t.E Ausnahme de» Montag«.

Die Gießener fimitte-sl-tter isotn dem Anzeiger «tqmttich dreimal heigelegt.

Zweites Blatt. Samstag den 9. Mai_____________________

Gießener Anzeiger

Kenerat-Wnzeiger.

1894

Vierteljähriger A-*mte»eitt« preis i 2 Mark 20 Pfg. mtt vringerlohn. Durch die Post bezöge» 2 Mark 50 Pfg.

Rebaction, LxpeditioK und Druckerei:

-chnlstraßr Ar.7.

Frrnsprecher 51.

Asnts- und Anzeigeblntt für den Ureis Gieren.

chratisöeitage: Gießener Kamilienblätter.

Iivahme von Anzeigen zu der Nachmittag« für de» senden Lag erscheinenden Nummer bi» Corin. 10 Uhr. 'S . .

Amtliche»' Theil.

vekauvNnachMlL

b wrchand die Ausführung deS Gesetze- vom 1. Juli 1893 8!l$n bi.e polizeiliche Beaufsichtigung der Miethwohnuogeu und

Schlafstellen.

Gelegentlich der von unS z. Zt. veranlaßten Neurevifiou bA aancr obige- Gesetz fallenden Räumlichkeiten bringen wir \ M allgemeinen Kenntniß, daß den Berrnietheru der nach- stichod bezeichneten Wohnungen und Schlafstellen unter Wjbnem die häufig außer Acht gelaffcne Berpsttchtung zur r ijjdgi von Verrniethnngen und von Aenderungen in den LMillhnrrhältnifsen obliegt.

Die hier in Betracht kommenden Vorschriften sind im sHytlne« folgende:

1. Derjenige, für besten Rechnung eine Wohnung erstmals - iimicilhet wird, oder besten Vertreter ist verpflichtet, hiervon m beit Einzug des MietherS der OrtSpolizeibehörde Anzeige M Ratzen, wenn entweder

i die Miethwohnung (einschließlich der Küche und aus­schließlich solcher Räume, die in Aftermiethe gegeben oder von anderen Personen regelmäßig mitbenutzt werden) aus drei ober weniger Räumen besteht oder

\ Kellergeschosse oder nicht unterkellerte Räume, deren Fußboden nicht mindestens 0,25 Meter über Erde gelegen ist oder

<.. unmittelbar unter Dach (ohne Zwischendecke) befind­liche Räume

-: v8tthnen vermiethet werden sollen.

Die Anzeige muß Auskunft geben über

8- den Etgenthümer, sowie die Lage deS Hauses nach Straße und Nummer,

die Lage der Wohnung (ob im Haupt- ober Neben­gebäude und in welchem Stockwerk),

<. die Anzahl und Bestimmung der Räume,

d. den Beruf des MietherS, sein Berhältniß zu den in seiner Hausgemeinschaft befindlichen Personen, sowie Namen und Alter derselben.

$)lie Bermiether sogenannter möbltrtrr Wohnungen find occu tiefer Anzetgepflicht befreit, wenn und so lange der Mitbpnet8 für daS Zimmer den Betrag von monatlich 8 Mark 1ib:«'!dn eitet.

2. Der OrtSpolizeibehörde ist ferner binnen einer Woche Ackijche zu machen, wenn in der Person deS VermietherS

ober MietherS einer Wohnung ber unter 1. vorstehend be­zeichneten Art eine Aenderung eintritt, oder wenn durch Ver­minderung der Zahl der Miethräume ober burch After- vermiethung die Wohnung nachträglich anzeigepflichtig wird.

Die Anzeigepflicht trifft bei Aenderungen in der Person deS VermietherS den neuen Bermiether.

Bei Aenderungen in der Person deS MietherS find zugleich die im vorigen Artikel unter d. vorgeschriebenen Angaben zu machen.

3. Wer dritten, nicht zu seiner Familie gehörigen Per­sonen Schlafstellen mit oder ohne Berechtigung zum Aufenthalt über Tag vermiethet, hat hiervon vor Beginn der Mieth- benutzung der OrtSpolizeibehörde Anzeige zu machen.

Die Anzeige muß Auskunft geben über

&. Lage deS Hauses nach Straße und Nummer, sowie über den Bermiether,

b. Lage, Lange, Breite und Höhe der zu Schlafstellen bestimmten Räume,

c. die Anzahl der in jedem einzelnen Raume vorhandenen Schlafstellen.

Bon jedem Wechsel in der Person deö VermietherS der Schlafstellen hat der neue Bermiether der Polizeibehörde binnen einer Woche Anzeige zu machen. Der Wechsel in der Person des MietherS ist im Unterschied gegen die unter 2. bezeichnete Vorschrift nicht anzuzeigen.

4. Der Bermiethung im Sinne dieses Gesetzes steht gleich jede Vergebung von Wohnräumen ober Schlafstellen gegen Entgelt.

5. Diejenigen Bermiether, welche am 1. Mai l. I. eine Wohnung der unter 1. bezeichneten Art ober eine Schlafstelle (vergl. zu 3. oben) vermiethet haben, find zur Anzeige dieses MiethverhältniffeS nur dann verpflichtet, wenn die betr. Wohnung ober Schlafstelle nicht zufolge der zur Zeit durch die Schutzmannschaft stattfindenden Erhebungen ausgenommen worden ist.

6. Sämmtliche Anzeigen find auf dem Polizei-Melde-Amt (Wetdengaffe 5, 2. Stock) einzuretchen.

7. Wer die Erstattung der vorgeschriebenen Anzeigen unterläßt ober in denselben wissentlich unrichtige Angaben macht, wird mit Geldstrafe bis zu 30 Mark bestraft.

Formulare zu BermiethungS-Anzeigen find auf dem Polizei-Melde-Amte erhältlich.

Gießen, den 28. April 1896.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

v. Bechtold.

All- Amioncm-Burkaux bei In- und AuSlandk» nehm« Anzeigen für denGießener Anzeiger- entgegen.

CoceU» nnfc provinzielles.

n. Staben. 7. Mai. Die hiesige Gemeinde beabsichtigt, zur Erinnerung an ihre vor 26 Jahren auf dem Felde der Ehre gefallenen Angehörigen eine Gedenktafel mit den Namen derselben in der Kirche anzubringen. Eine andere Tafel wird die Namen ber aus dem Kriege glücklich Zurück­gekommenen enthalten. Die entsprechende Einweihungsfeier- lichkeit soll am 18. August stattfinden. Die Kosten werden aus Gemeindemitteln bestritten. Bon der Errichtung eines größeren Denkmals mußte leider abgesehen werden, da die Aufbringungskosten für unsere kleine Gemeinde zu groß ge­worden wären.

n. Son der Nidda, 7. Mai. Die Jagdpächter haben gute Aussichten für den Nachsommer. Der erste Satz Hasen ist bet der günstigen Temperatur der letzten Wintermonate gut durchgekommen. Die größten Jungen find schon halb­wüchsig. Die Feldhühner können dieses Jahr im Klee kaum nisten, da derselbe noch nicht genug deckt. So sind sie denn auf die Aecker mtt ffiintergetreibe angewiesen. Dies ist von großem Dortheil für die Jagd, da in diesem Falle die Nester mit den angebrüteten Eiern nicht vermäht werden. Bi- zum Fruchtschnitt find die Jungen schon längst ausgelaufen. Minder ergiebig als in den Borjahren war Heuer die Enten- und Schnepfeojagd. Erwähnenswerth ist noch, daß wir in einem Wald seit zwei Jahren Hirsche haben. Drei davon haben ihr ständiges Quartier in dem Wald zwischen der Stadener Gemarkungsgrenze und dem Hof Engelthal.

§§ Hercheuhaiu, 5. Mai. Ein hiesiger Einwohner ge- wahrte kürzlich in feiner Scheune ein ihm unbekanntes Thier. Nachdem er andere Personen herbei geholt, wurde ihm erklärt, daß es ein Dachs fei. DaS Thier wurde ge- tödtet. Obwohl wegen unbefugter Ausübung ber Jagd An­zeige gegen den Hausbesitzer erhoben werben sollte, wird er doch straffrei auSgehen, da nach dem Jagdgesetz dasjenige WUd, welches in Hofratthen angetroffen wird, Eigenthum des betreffenden Hausbesitzers ist.

-o- Blofeld, 6. Mai. Heute fand hier die Wahl eines Beigeordneten statt. Soeben, zwei Uhr Nach­mittags, wirb das Ergebniß verkündigt. Der eine Candidat Nicolay erhielt 29 Stimmen, sein Gegencaudtdat Schäfer brachte es auf 27 Stimmen. Die unterlegene Partei will Berufung einlegen, weil Formfehler bet ber Wahl vor­gekommen fein sollen, wogegen die obsiegende Partei jetzt hinauSzieht in den Wald, um dem Sieger einen sog.Maien" zu holen und zu stecken.

Ferrilleton.

Verlorenes Glück.

Don Loni Scharff.

(Schluß.)

Sm Abend, als die Eltern längst zur Ruhe waren, faß MÜM Leim Schein einer kleinen Lampe In ihrem Stübchen. Bobnirr auf dem Tische standen in einem Glase die Mai- r tmitn, daneben lagen die verhängnißvollen, herauSgeriffenen 5taijg(iti<fi)bI5iter.

6k hatte den Kopf in die linke Hand gestützt und tjievluln ber Rechten eine Kielfeder. Jedenfalls wollte fie f^rmitr; aber bald legte sie die Feder aus der Hand und ha.ti:in daS nur angelehnte Fenster, daS nach dem kleinen GÄiinstn hinaus lag, fuhr aber mit einem halberstickten Scttnii zurück.

6ts hatte draußen ein gramverzerrtes, blasses Antlitz gdi*: eS war Friedemann.

6r hatte fie wohl schon länger beobachtet,- was sollte sie i jm? Wadi kurzem Besinnen schlüpfte fie leise durch d'e iilstktire HauSthüre in den Garten und rief mit gedämpfter StNMil feinen Namen.

gn nächsten Augenblick lag er vor ihr auf den Knieen imbt m Stöhnen wie der Schrei eines verwundeten Thiere- «ntnq sich seiner Brust.

,»äa, stoße mich von Dir, Du arme, süße Heilige, --trS hab ich Dir wieder gethan ich verdiene nicht mettniz Deiner Nähe leben zu dürfen."

Aa.ria beugte sich zu ihm herunter, streichelte feine und küßte ihn, verzeihend, wie eine Mutter, deren ^rnitiOm Reue zerknirscht zurückgekehrt.

Griebel, steh auf, komm!"

jjn der Laube saßen fie noch lange; fie hatte den Kopf an nitb Brust gelegt unb lauschte ben lauten, unruhigen DchKi-ijui seines Herzens.

Gesprochen würbe fast nicht-; eine tiefe, erquickende Ruhe war über beider Gemüth gekommen unb nur als Maria ihn bat, jetzt zu gehen, preßte er sie letbenfchaftlich an sich; die Lippen fanden sich noch einmal zum Kuß, dann huschte Maria ins HauS.

Er aber stand noch lange wie träumend im Garten, sah, wie Maria die Fenster und Gardinen schloß und nach einer Weile da- Licht löschte. Immer noch starrte er auf daS stille Haus, als könne er sich nicht von dem Anblick der Mauern trennen, hinter denen fein Lieb weilte.

Er hatte heute den heroischen Entschluß gefaßt, Maria so lange zu meiden, bis er fein unbändiges Naturell, daS ihr so oft Sorge und Kummer verursachte, bezähmt haben würde. Wie oft hatte er ihr schon versprochen, nicht mehr fo heftig zu werden, aber immer wieder hatte es ihn ge­packt tote Wahnsinn. Selbst ihre Verzeihung sollte ihn jetzt nicht mehr abhalten. Ehe er ging, winkte er noch einmal zurück zu ihren Fenstern und flüsterte fast unhörbar:Lebe wohl, Ria, Du wirst glücklich fein ohne mich, Du wirft, sollte ich nicht zurückkehren, den Frieden wieder finden, den ich Dir geraubt; o verzeih, verzeih mir."

Anderen Tage- war Friedemann Bach auS Dresden verschwunden. Die Stelle des Organisten war bald wieder besetzt. Nach wie vor begleitete die Orgel in der Sophien- kirche den Gesang der Gemeinde.

Hier war keine Lücke entstanden, wenn auch Diejenigen, welche hauptsächlich nm deS herrlichen Spieles willen oft aus entfernten Stadttheilen gekommen waren, fich wieder ver­liefen, fo wurde er doch hier von Niemand vermißt.

Anders war eS bei Maria; wußte fie doch, daß auch Friedemann noch mit derselben Liebe an fie dachte, wie fie an ihn.

Sie ahnte wohl den Grund, der ihn fortgetrieben harte. Erft freilich glaubte fie, es könne nicht möglich sein, daß er

von ihr gegangen; von Tag zu Tag hoffte fie auf seine Rückkehr. AIS aber Wochen unb Monde schwanden, schwand auch allmählich ihre Hoffnung, ihn wiederzusehen; still und stiller wurde eS in ihr.

Aber täglich sandte fie dem fernen Geliebten stille Grüße zu und stet- verfolgte fie fein Schicksal mit liebe­vollem Interesse.

Leider war eS nur traurige Kunde, die fie auS Zeitungen oder gelegentlich durch fremde Künstler über ihn erhielt. Seine einstmalige Prophezeiung, daß er ohne fie zu Grunde gehen werde, schien sich zu bewahrheiten.

Friedemann sank immer tiefer; anfangs hatte er fich zur Betäubung, später aus Gewohnheit dem Trünke ergeben.

Einmal noch hatte Maria von ihm selbst ein Zeichen erhalten, daß er ihrer noch in Liebe denke. Es war einige Tage vor ihrem Geburtstage, als ein kleines Packet auS Halle an fie kam es enthielt getrocknete Blumen und eine Corn- Position mit der Aufschrift:

Chanson damour. Seiner einzig geliebten Ria ge- widmet von Wilhelm Friedemann Bach.

Unter heißen Thiänen küßte Maria daS Papier und legte es, nachdem fie die liebliche Melodie ihrem Gedächtniß fest eingeprägt, zu den übrigen Erinnerungen an Friede­mann. ES blieb ihr erspart, daS traurige Ende des ge­liebten Mannes zu erleben. Sie starb im Mai, zehn Jahre nach ihrer Verlobung.

Und der hochbegabte Mann, dem die Götter unsterbliche Talente in die Wiege gelegt hatten, erreichte ein hohes Alter. Aber welch ein trauriges Alter! Alle Stellungen, die ihm geboten wurden, verscherzte er durch seine unheilbare Trunksucht in kürzester Zeit wieder. Als Bettelmufikant trieb er sich später im Lande umher, manchmal durch sein Spiel einen Kenner entzückend. Er starb im Jahre 1784 in Berlin, nachdem ihm der Wahnsinn schon vorher die Sinne umnachtet hatte.