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8.3.1896 Zweites Blatt
 
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Mr. 58 Zweites Blatt. Sonntag den 8. März

Der #teje»er Anzeiger erscheint täglich, »Ü Ausnahme deS Montag».

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Gießener Anzeiger

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Die Gefahren der Doppelwährung.

Gegenüber den immer wieder angeregten Versuchen, durch eine auf Herstellung einer internationalen Doppelwährung ge­richtete Münzreform gewisse Schäden des Handels und des wirthschaftlichen Lebens zu beseitigen, muß, um die schwierige Frage nach allen Seiten richtig zu beurtheilen, in sachlicher Weise auch einmal daraus hingewiesen werden, welche Gefah­ren den Ländern der Goldwährung und zwar ganz besonders Deutschland durch die Einführung der Doppelwährung drohen würden. Die wachsende Kaufkraft der große Silbervorräthe besitzenden Länder durch die Einführung der Doppelwährung, welche, in erster Linie dem Silber einen wesentlichen höheren festen Werth geben soll, wollen wir unumwunden zugeben, damit muß aber auch anerkannt werden, daß die große Sil- bcrmassen besitzenden Staaten durch die durch die Doppel­währung erzielte künstliche Erhöhung des Silberwerthes ein enorm hohes Capital an Hunderten von Millionen zum Ge­schenk erhalten. Diejenigen Länder aber, welche die größten Silbermengen besitzen, sind nach statistischen Untersuchungen die Vereinigten Staaten von Nordamerika und Frankreich. Sowohl aus politischen wie zumal aud) aus wirthschaftlichen Gründen können die übrigen Staaten Europas aber unmöglich Frankreich und Nordamerika durch die Einführung der Doppel­währung zu maßgebenden finanziellen Großmächten machen, denn dann würde wohl Europa, und in erster Linie Deutsch­land bald den Uebermuth, die Anmaßung und die Habsucht Frankreichs und Nordamerikas zu spüren haben. Den riesigen Silbervorrath der Vereinigten Staaten schätzt man auf sechs Milliarden Mark. Jetzt ist durch die herrschende Goldwährung und den entsprechend niedrigen Stand des Silberpreises die fabelhaft große Silbermasse Nordamerikas nicht gefährlich, aber durch die Einführung einer internationalen Silber­währung würden die Amerikaner ganz Europa nicht nur mit ihrem Silber überschütten, sondern dafür auch einen hohen Preis bekommen. Ganz ähnliche Wirkungen wären von Frankreich durch die Einführung der Doppelwährung zu be­furchten, denn das an Geld so reiche Frankreich besitzt neben sehr hohen Dorräthen an Goldmünzen auch die enorm hohe Summe von 2V2 Milliarden Francs an Silbermünzen. Hiervon liegt in der Bank von.Frankreich eine Milliarde Mark (darunter 270 Millionen Mark fremde Fünsfrankstücke), in Circulalion befinden sich an ll/2 Milliarden Mark (darunter 150 Millionen Mark fremde Fünsfrankstücke). Zugleich sind

Feuilleton.

Ein Rosenstrauß.

AuS dem Leben einer Künstlerin. Von Zos von Reuß.

(1. Fortsetzung.)

Der Schönheit? Man opferte die Blumen doch wohl zuerst der Kunst, deren Jüngerin ich bin?" frug ich, halb geschmeichelt, halb verletzt.

Pardon, der Schönheit! Die Wahrheit entschlüpfte wir einmal und ich mag sie nicht ungrsprochen machen. Glauben Sie, daß das Publikum ebenso dankbar gewesen wäre, wenn, nun wenn Sie eben nicht Sie gewesen wären? Um die Wirkung Ihrer Kunst zu erproben, rathe ich Ihnen, bei Ihrem nächsten Auftreten den Saal verdunkeln zu lassen. Der Beifall, der alsdann an Ihr Ohr dringt, er erst ist ernsthaft zu nehmen, denn er ist daS Urtheil einer unbestochenen Kritik."

Ich lauschte athewlos. Die Worte und noch mehr die AuSdruckSweise meines Gegenüber mahnten mich sonderbar bekannt.

ES trieb mich, Ihnen diese Rosen zu spenden, bevor Sie einen Ton gesungen hatten. Ich war hingenowmen von der Augenweide, gleich den andern, und dann hatten Sie mein Lieblingslied auf Ihr Programm gesetzt, ein fast ver- gtsfeneS Bcethovenlied. Oder that es Ihr Impresario?"

Allerdings?"

Wie schade! Ich ahnte eS beinahe," fuhr er sar- kastisch fort.Genug, ich durste mein L'eblingSlied hören und fühlte mich Ihnen dafür zu Dank verpflichtet. Beethoven ist allerdings kein eigentlicher Lledercompoatst. Die Form deS LiedcS ist zu eng, zu beschränkt für seinen mächtigen Gedarckenguß. Aber der Meister verleugnet sich niemals. Man sieht daS strahlende Licht seines Genius auch durch die befcheidene Form hindurchschimmern, gleich einem Stern! . . Darf ich fragen, wo Sie Ihre Studien gemacht haben ?"

Ich nannte die verschiedenen Orte meiner Studienzeit

noch 200 Millionen Mark Scheidemünzen in Umlauf. Dieser hohe Besitz an um 50 Proc. entwertherem Silber müßte an sich Frankreich in die gleichen Gefahren von Münzwirren und Geldkrisen stürzen wie die Vereinigten Staaten. Jndeß be­sitzt das Silberland Frankreich einen größeren Goldvorrath als England oder Deutschland, nämlich 31/. Milliarden Mark, und cassirt als Gläubigerland jährlich für ca. 700 Millionen Mark Zinsen vom Ausland ein, so daß es im Stande ist, diesen Goldbesitz auch festzuhalten. Frankreich spürt deshalb auch den Nachtheil seiner Silbermassen nicht. Aber aus diesen Ausführungen sgeht hervor, daßx die^Doppelwährung au^die* größten Gefahren in sich schließt. KtL« Ü*.

VenmrschtLSo

* Unlauterer Wettbewerb. ImHirschserger Tagblatt" befindet sich folgendes köstliche Eingesandt: Geehrter Herr Redacteur l In Ihrer werthen Zeitung habe ich schon einige Male etwas von unlauterem Wettbewerb gelesen und daß deswegen ein neues Gesetz gemacht werden soll, von welchem sie noch nicht wisien, was sie alles darunter stellen sollen. Da möchte ich Sie hiermit bitten, dafür einzutreten, daß doch unter das neue Strafgesetz das Wegfischen des Bräuti­gams gestellt wird. Denn wenn daS kein unlauterer Wett­bewerb ist, wenn eS einer geht wie mir, welcher die Schmutz- concurrenz schon zwei Bräutigame abspenstig gemacht hat, so muß ich sagen, daß daS der höchste unlautere Wettbewerb ist. Da müssen Er und Sie eingesperrt werden, Sie am meisten. Bitte, drucken Sie das hinein, daß es Gesetz wird.

Hochachtungsvollst Amalie Z.

* Entmenschte Mutter. Man schreibt aus Zürich, 29. Februar: Vor den Schranken deS hiesigen Schwur- gerichtShofeS standen gestern und heute zwei Frauenspersonen, denen Beiden die gleiche Unthat zur Last lag, die Mörde­rinnen ihrer eigenen Kinder zu fein. Die Eine der ent­menschten Mütter, die unverehelichte 35jährige Köchin Elisa­beth Stoffel auS dem (Santon Graubünden, hatte zwei Kinder bei einer Koftfrau in Zürich in Pflege gegeben. Sie besuchte die Kinder auch öfter, aber jedesmal nach dem Be­suche der Mutter stellten sich bei den Kindern Krämpfe ein, in Folge deren daS jüngste Kind starb. Der Pflegefrau kam dieser Umstand auffällig vor, aber erst nachdem daS Kind begraben, machte sie bei d-r Polizei Anzeige von ihrem Verdachte, das Kind könnte keines natürlichen Todes ge-

und die Namen meiner Lehrer, die ihm theilwetse bekannt waren und über welche er sich in charactertstischer Weise äußerte. Damit änderte sich daS Gesprächsthema allmälich nicht daS Jntereffe. Durch meine Kunst war ich, trotz meiner einundzwanzig Jahre, bereits häufig in Verkehr mit hochbedeuteuden Menschen gekommen und hatte manchen in- tereffanten Mann reden hören, aber niemals erinnerte ich mich, solch durchdringenden Verstand wahrgenommen zu haben, solche Reife deS UrtheilS, gepaart mit gewinnender Liebens­würdigkeit. Alles an diesem Manne schien Kraft, gezügelt durch Einsicht, Erfahrung, Wohlwollen! Selbst daS unregel­mäßige Antlitz erschien wir plötzlich schön. Wie schade, daß mein Weg mit ihm nicht bis zur Hauptstadt ging, die sein Ziel war, ich würde seinen ernsten, wie humorvollen Worten gern noch stundenlang lauschen am liebsten lebenslang, denn ich hatte ein Empfinden, als ob ich plötzlich dem Manne begegnet sei, der die Ergänzung meines eigenen Seins aus- mache. Man warf mir Unempfindlichkeit, HerzenSkälte, Hoch­muth vor, nicht einmal ohne Grund. Ich hatte schon genug von der Welt gesehen, um zu wisien, daß die Huldigungen, welche die Männer einer Künstlerin darbringen, selten mehr find als ein Sonnen der eigenen Eitelkeit. Dazu hielt ich mich für ein Gut, daS feinen Preis verdiene. Darum war ich keineswegs immer liebenswürdig, wollte es nicht einmal sein. Jetzt aber wäre ich lebenSgern liebenSwerth erschienen, denn ich hatte daS sichere Gefühl, daß meine Schönheit bei diesem Manne zu einem bleibenden Eindruck nicht auSreichen werde, trotzdem er sie bewunderte. Und er sollte mich nicht vergessen! Schon weil ich sicher war, immer an ihn denken zu müssen. Da sagte er zu meiner unbeschreiblichen Freude:

Sie erwähnten, daß M. das Ziel Ihrer Reise sei ist eS so? Wir haben bald erreicht. Darf ich dann Übermorgen bei meiner Rückkehr bei Ihnen anklopfen, um mich von Ihrem Wohlergehen zu überzeugen. Werden Sie zu Hause sein für mich?"

Ja, ich werde zu Hause sein!" sagte ich mit ziemlich schlecht verhehlter Freude, indem ich auf ein Blättchen meines Notizbuches meine Adreffe schrieb und sie ihm gab. Ich nannte ein Verwandtenhaus, daS ich auf der Durchreise zu

storben sein. Man exhumirte daraufhin den Leichnam und fand in dem Magen deS verstorbenen KindeS auch wirklich die Ursache deS TodeS: 135 mit Strychnin vergiftete Weizen­körner, die die bestialische Mutter nach und nach dem Kinde beigebracht hatte. Die Angeklagte gab an, die vergifteten Weizenkörner als Mittel gegen Mäuse gekauft zu haben, und suchte im Uebrigen die Pflegerin deS KindeS zu ver- dächtigen, als habe diese die That begangen. Allein sie wurde überführt und unter Abweisung mildernder Umstände von den Geschworenen deS Mordes schuldig befunden und von dem Gerichtshöfe daraufhin zu lebenslänglichem Zucht- Haufe verurtheilt. Wie verroht und von jeder besseren Ge­fühlsregung verlassen diesemoralische Idiotin" wie sie der psychiatrische Sachverständige nannte ist, bewies nach Verkündigung deS UrtheilS ihre Antwort auf die Frage deS Vorsitzenden, ob sie denn keine Reue über die schreckliche That empfinde. Stumpf, gleichgültig und frech zugleich erwiderte sie:DeS goht mi nüd a, s'isch wer glich!" In dem zweiten Falle hatte sich die 38jährige Ehefrau Fleischmann-Stünzi wegen eines ähnlichen ReateS zu ver­antworten. Sie hatte ihr etwa vier Wochen altes Kind, daß sie Überhaupt verwahrlosen ließ, nachdem sie eS vier volle Tage ohne Nahrung und Pflege gelassen, gegen die Bettstatt geschlagen, so daß baß Aermste zwei Schädel- fracturen erlitt und starb. DaS Motiv für das Verbrechen, das die unmenschliche Mutter zu leugnen versuchte, war daS, daß daß Kind ihr von Anfang an lästig war. Wiederum lautet der Wahrsprnch der Geschworenen unter Ausschluß mildernder Umstände auf Schuldig deS Mordes. Vom Ge­richtshöfe wurde lebenslängliche Zuchthausstrafe über die Schuldige verhängt. Auch hier machte die Schwere des UrtheilS ersichtlich keinen Eindruck auf die davon Betroffene.

e Auch ein Kunstverständiger. A.:Herr Commerzien- rath waren auch in der Kunstausstellung?" B.:Gewiß hab' ich mir angesehen die Sachen im Werthe von über zwanzigtausend Mark."

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besuchen versprochen hatte. Plötzlich fiel mir ein, daß ich ja den Namen deS Mannes nicht einmal kannte, den meine Augen zu mir baten als Spiegel meines Herzens. Er hatte ihn nicht genannt, anscheinend in glücklicher Selbst- Vergessenheit. Ich mußte ihn doch fragen, zuvor . . . Sonderbar, ich empfand plötzlich Scheu. Meine Frage, so natürlich, erschien mir in meiner hochgespannten Seelen­stimmung plötzlich wie ein Mißtrauen, baß ihn verletzen könne. Aber war unumgänglich. Da fiel mein Blick auf den Rosenstrauß, zwischen dessen halbwelken Blüthen ettoaß Weißeß hervorleuchtet jedenfalls ein Brief oder wenigstens eine Karte. Sie werden mir ja Auskunft geben nein, ich frage nicht!

Wenige Stunden später stand ich allein in dem Gast­zimmer, das mir meine Verwandten sehr behaglich her- gerichtet hatten. Selbst ein Piano fehlte nicht. Nach einem herzlichen, aber sehr geräuschvollen Gedankenaustausch hatte ich wich längst nach Einsamkeit gesehnt. Der Tag war wenig unterschieden gewesen von den anderen meines begonnenen Nomadenlebens, dennoch schien er mir unendlich inhaltreicher! Durch die Reisebekanntschaft schien er ein Markstein meines Lebens werden zu sollen. Immer hatte ich gezweifelt, ge­spottet, gelacht über die Eindruckßfähigkeit meiner Eolleginnen. Nun? Sehnsüchtig, aber ohne eifriges Interesse ziehe ich die Visitenkarte zwischen den Rosen hervor und lese: Dr. Alexander Hertel, Redacteur." Aber wie ist mir denn? So hieß ja der Verfasser der einzigen ungünstigen, nein, abscheulichen Kritik, deren ätzendes, nur leicht über­zuckertes Gift meinen jungen Ruhm bedrohte und vielleicht meine Existenz vernichtete. Und ich war auf dem Wege, Ihn zu lieben, liebte ihn schon! War alles ein Traum? Ich starrte wie gebannt auf daß zierliche Blättchen. Verletzte Eitelkeit und Leidenschaftlichkeit halfen mir indessen zu raschem Entschluß: ich war fest entschlossen, Dr. Hertel niemals wiederzusehen und gab meiner zufällig eintretenden Kammer­frau sofort Bescheid, den Herrn ein- für allemal abzuweise«.

(Fortsetzung folgt.)