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Zweites Blatt
Samstag den 7. März
1896
Amts- und Anzeigeblntt für den Aveis Gieren
Hratisöeitage: Gießener Jamitienökätter.
Alle Annonem-Burraux deS In- und Auslandes nehme» Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
»«nähme von Anzeigen zu der Nachmittag« für de, folgenden Lag erscheinenden Nummer bi« «arm. 10 Uhr.
Die Gießener WamttteovkLller »erden dem Anzeiger »Achenttich dreimal beigrlegt.
Der
•Uttxtr Auzelger erscheint täglich, »it Ausnahme deS Montag».
Vierteljähriger \ AVonnemestrprelZr 2 Mark 20 Pfg. mit vringerlohn. Durch die Post bezog« 2 Mark 60 Pfg.
Nedaction, Expediti« und Druckerei:
^chnkfiratze Ar.?, Fernsprecher 61.
Gießener Anzeiger
Kenerat-Wnzeiger.
Amtlicher Lheil.
Bekanntmachung,
betreffend: die Maul« und Klauenseuche.
Zu Okarben, Bauernheim, Ossenheim und Rieder-Wöllstadt, Kreis Friedberg, ist die Maul- und Klauenseuche auSgebrochen und sind die verseuchten Gehöfte gesperrt.
Gießen, den 5. März 1896.
GroßherzogltcheS Kreisamt Gießen.
v. G a g e r n.
Bekanntmachung,
betreffend: Maul- und Klauenseuche.
Die Maul-und Klauenseuche in OckerShausen, Kreis Marburg, ist erloschen. Die Sperrmaßregeln sind aufgehoben.
Gießen, den 5. März 1896.
Großherzogliches Kreisamt Gießen. __v. Gagern.____________
Bekanntmachung,
betr. die Schafräude.
Die Räude unter den Schafen zu Wollmar, Kreis Marburg, ist erloschen,- die angeordneten Sperrmaßregeln stad aufgehoben.
Gießen, den 5. März 1896.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
__________________v. Gaqern._____________
Gießen, den 4. März 1896, Betr.: Die Wahl der Einschätzung- Commission für die Veranlagung der Einkommensteuer und der Capital« Rentensteuer.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen au die Großh. Bürgermeistereien der Landgemeinden des Kreises.
Rach Art. 36 des Einkommensteuergesetzes und Art. 17 des CapttalrentensteuergesetzeS, beide vom 8. Juli 1884, ist zur Einschätzung in die Steuerklaffen der Einkommensteuer zweiter Abtheilung und zur Veranlagung der Capitalrenten« steuer für jede Gemeinde eine örtliche Commission Won dem betr. OrtSvorstand auf drei Jahre zu wählen. Da die Dienst, i zeit der im Jahr 1893 gewählten CommissionSmitglieder demnächst abläuft, so beauftragen wir Sie, entsprechende Neu- i
Wahl vorzunehmen und daS erwachsende Protocoll biS zum 15. März L I. an uns etnzufenden.
Hierzu bemerken wir, daß für sämmtlich'e Gemeinden deS Kreises, m t Ausnahme von Gießen, drei Mitglieder und zwei Ersatzmänner zu wählen sind. Bon den zu wählenden Mitgliedern dürfen nicht mehr alS zwei Dritttheile dem Gemetndevorstand selbst angebären, wenigstens ein Mitglied muß aber demselben angehören. Bet dieser letzteren Bestimmung bleibt der Bürgermeister, welcher als solcher ständiges Mitglied der Einschätzungs-Commission und Stellvertreter deS Vorsitzenden ist, außer Betracht.
In den einzusendenden Wahlprotocollen wollen Sie an- geben, welche der Gewählten dem OrtSvorstand angehören.
v. Gagern.
Bekanntmachung,
betreffend: die Transatlantische Feuer-BersicherungS-Actien« Gesellschaft.
Großh. Ministerium deS Innern und der Justiz hat der Transatlantischen Feuer VersicherungS-Actien Gesellschaft zu Hamburg unterm 25. Februar d. I. die Erlaubniß ertheilt, ihren Geschäftsbetrieb auf die Versicherung gegen EtnbruchS- diebstahl zu erstrecken.
Gießen, den 4. März 1896.
Großherzogliches KreiSamt Gießen.
v. Gagern.
Gießen, den 4. März 1896. Betr.: Die Aufstellung von transportablen Siedkeffeln. DaS Großherzogliche Kreisamt Gießen m die »roßh. vürger*reiWereierr de» A«tk».
Wir beauftragen Sie, die Polizeiverordnung obigen Betreffs vom 21. November 1895 (Gießener Anzeiger Nr. 281) auf ortsübliche Weise zur öffentlichen Kenntniß zu bringen, soweit dieses nicht bereits geschehen ist.
__________________v. Gagern.________
Gießen, den 5. März 1896.
Betr.: Die Einsendung der für die LandeS-Watsenanstalt zu erhebenden Collecten und Büchsengelder.
DaS Gkoßherzogliche Kreisamt Gießen an die Großh. Bürgermeistereien der Landgemeinden des Kreises.
Wir empfehlen denjenigen von Ihnen, welche die Waisen- büchsengelder von 1895 noch nicht an unS eingesendet haben,
dieselben gelegentlich der am 10. März d. I. dahier stattfindenden landwtrthschastlichen Generalversammlung mitzubringen.
__________________v. Gagern.
OrtSpolizeireglemeut
die Ausführung der allgemeinen Bauordnung in der Stadt Gießen betreffend.
Auf Grund der Art. 2 und 31 der allgemeinen Bauordnung und deS § 51 der zugehörigen Ausführungsverordnung wird hierdurch nach Anhörung der Stadtverordneten- Versammlung und unter Zustimmung des KreisauSschuffeS mit Genehmigung Großh. Ministeriums deS Innern und der Justiz vom 25. Februar l. I. zu Nr. M. I. 5324 für den Bezirk der Provinzial-Hauptstadt Gießen verordnet wie folgt:
§ L
Die größte zulässige Höhe der Privatgebäude an Straßen von einer geringeren als der durch Art. 10 der allgemeinen Bauordnung bestimmten, normalmäßigen Breite beträgt:
A. in der von der Ost-, Süd-, West- und Nordanlage eingeschloffenen inneren Stadt
a. in Straßen bis zu 5 Meter Breite — 8 Meter, b. in Straßen von 5 bis 11% Meter Breite —
3 Meter mehr als die Straßeobreite-
B. in der außerhalb der vorgenannten Anlagen gelegenen äußeren Stadt
a. in beiderseits zu bebauenden Straßen — 2 Meter mehr als die Straßenbreite,
b. in einseitig zu bebauenden Straßen — 3 Meter mehr als die Straßenbreite.
§ 2.
Die Straßenbreite wird dabei — ohne Rücksicht auf etwaige Vorgärten — zwischen den Straßenfluchtlinien gemessen; im Uebrigen erfolgt die Meffung derselben bei Straßen von ansteigender Höhenlage oder ungleicher Breite und für Eckhäuser an letzteren ebenso wie die Bestimmung der Gebäudehöhe und die Anrechnung von Stockwerken in gebrochenen Dächern, Zwerchhäusern und Giebeln nach den Vorschriften der Eingangs erwähnten Bestimmungen der allgemeinen Bauordnung und der zugehörigen Ausführungs- Verordnung.
Gießen, den 2. März 1896.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
I. E.
v. Bechtold, Regierungs-Affeffor.
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Feuilleton.
Ein Rosenstrauß.
AuS dem Leben einer Künstlerin. Von Zos von Reuß. (Nachdruck verboten.)
Motto: „Kunst ist Natur, von Menschengeist geboren." I.
„Ich bitte einzusteigen, mein Fräulein?"
//Hier hinein?" frug ich den Eisenbahnschaffner, der die Thüre eines CoupsS mit dem Anstande eines CavalierS ge- rffnet hielt. Dann ließ ich mich, geduldig wie ein Lamm, ia den fast leeren Raum htnelnschiebeu, nachdem ich mich Überzeugt hatte, daß sämmtliche DamencoupsS überfüllt waren. Meine Kammerfrau und treue Reisebegleiterin folgte mir mit den Reiseeffecten.
Ich nahm einen Eckplatz und sank erschöpft in die Wagen- ktffen. ES waren herrliche, aber aufregende und anstrengende Tage gewesen, die letztvergangenen — allerdings kaum mehr als sie es immer waren während meiner begonnenen ersten Koncer t«Tourn«. Ich hatte in der Provinzialhauptstadt in zwei Concerten gesungen und durfte zufrieden sein mit dem Erfolge. Reicher Beifall hatte mich belohnt fast allenthalben. Blumen, zwei Lorbeerkränze und allerlei gereimte und un« zereimte Huldigungen waren mir zu Thetl geworden. WaS hatte daneben die einzige ungünstige Kritik zu bedeuten, velche mir mein Impresario heute Morgen durch die gestrige ilbendnummer der Zeitung zugchen ließ. Ich trug daS Blatt bei mir in der Tasche und zog eS hervor, als sich der 8°g in Bewegung gesetzt hatte, sehr neugierig und gespannt. Eie war sehr liebevoll abgefaßt, ich durfte mich kaum beklagen. Und doch! O, sie war schrecklich, entsetzlich, der- »ichtend! . . . Nachdem dem Impresario gedankt war, daß durch seine Veranlassung „der neue Stern deS Concert- himmelü" auch den Weg nach hier gesunden habe, ging der Bccmse'- onf meine Leistungen ein, die er mit auffallender
Absichtlichkeit von meiner Person zu trennen wußte. Die Kritik schloß: „Alles in Allem haben wir eS also mit einer beachteuSwerthen Erscheinung zu thun! Die junge, durch Schönheit und Anmmh ausgezeichnete Dame ist jedenfalls talentirt für die Gesangskunst, der ja daS Weib, wie überhaupt den freien Künsten — dem idealen Spiel — durchschnittlich größere Befähigung entgegenbringt als der Mann, besten Natur die ernste, gebundene, der Wiffenschast verschwisterte Kunst die verwandtere ist. Die Aeußerungen der künstlerischen Kraft pflegen aber um so vollkommener zu sein, je einfacher und natürlicher fie find und je mehr durch sie ein selbstständiges, in seinen Einzelheiten zusammenstimmendes (harmonisches) Werk — Kunstwerk — geschaffen wird, entgegen dem Kunststück, welche- den selbstsüchtigen Zweck verfolgt, eine auf Täuschung und Blendwerk der Sinne gegründete Wirkung hervorzubringen. Und solchem eitlen Bestreben scheint mir leider die junge Sängerin zu verfallen und ist c- darum Pflicht deS ernsten Kritikers, da- Publikum vor einem Enthusiasmus zu warnen, der nicht dem Schein, sondern allein dem Wesen in der Kunst gebührt."
Einerlei, ich wollte die Kritik vergeffen! Dazu brauchte ich nur an den Weihrauch zu denken, den mir die übrigen Blätter streuten. Indem ich die Augen schloß, genoß ich meine Triumphe noch einmal. DaS neue, farbenbunte Blatt meines Leben- stand vor meiner Seele wie ein lieblicheS Traumbild, dessen Wirklichkeit ich mir doch bewußt war.
Inzwischen waren wir schon viele Kilometer in- Land hinau-gerollt. Dle Landschaft war noch winterlich öde und menschenleer, trotz deS herrlichen MärztageS. Nur ein paar frühling-durstige Lerchen stiegen aus einem Ackerfelde in den blauen Aether hinauf, laut jubilirend, und eS trieb mich, mit ihnen zu trillern. Da reißt mich meine Begleiterin aus meinen Traumen, indem fie fragt: „Jetzt, gnädige- Fräulein?" :
Ich nickte stumm.
Elise öffnete nun einen weitbauchigen Korb, der bis
I zum Rande mit den reizendsten, aber halb verwelkten Sinder - Floros gefüllt war, die man mir während der letzten Tage gespendet hatte. Lustig fliegt der erste Blumenstrauß zum Fenster hinaus, die anderen folgen.
Jetzt faßte Elise einen Rosenstrauß —
//Auch dieser? Sollen auch die Rosen —"
„Natürlich!"
Ich erschrak, als ob ich ein Unrecht beging, und blickte nach der Ecke hinüber, woher die Worte kamen.
Der Sprecher war ein Herr Anfang- dreißig, dem ich bisher absolut keine Beachtung geschenkt hatte. Er besaß ein unregelmäßiges Gesicht, das aber von einem blonden Bollbart wunderbar harmonisch umrahmt wurde. Hinter der bläulichen Brille hervor waren zwei graue, haarscharfe Augen gleich unergründlichen Feuerschlünden auf mich gerichtet. Sie blickten Sarkasmus, Zorn, Vernichtung. Eine ganze Scala von Empfindungen war aus diesem blitzenden Augenpaare herauSzulesen.
„Möchten Sie diesen Rosenstrauß nicht zurückbehalten, Gnädigste?"
„Warum?"
„Nun — nun, weil ich zufällig der Spender dieser Rosen bin \“ gestand er lächelnd ein. „Sie begreifen —
Unwillkürlich griff ich nach dem Bouquet. ES bestand aus leicht zusammengebundenen Zentifolien, deren süßen, sterbenden Duft ich entzückt einzog.
„Und dann find es Rosen, wirkliche Rosen. Denn nur die rothe Centifolie ist da-Bild der Rose! ES dürfte keine anderen Rosen geben, wie es nur eine Jugend, eine Liebe gibt! Aber Sie haben ^vollkommen Recht, gnädiges Fräulein, vermutlich wird der Korb schon morgen wieder gefüllt fein! Sie können schwerlich auch nur ein einzige- Bouquet von dem Blumenopfer zurückbehalten, da- man der Schönheit spendet."
(Fortsetzung folgte)


