Ausgabe 
5.6.1896 Zweites Blatt
 
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1896

Freitag de« 5. Juni

130 Zweites Blatt.

Amts- und Anzeigeblutt für den Tlveis Gietzen.

Hratisbeikage: Gießener IamMenbkätter.

I zu gestehen. Zeuge vor

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t Doi Anzeigen zu kr Nachmittag» für den fefgtiär Tag erscheinenden Nummer bi» Sonn. 10 Uhr.

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Schwurgericht.

W. Gießen, den 3. Juni 1896.

Tin -Vorsitzende, Herr LandgerlchtSrath Rullmann, rröffrsuor um 9 Uhr die Sitzung und wird nach AuSloosung öer (Sfittnotenen in die Verhandlung gegen den 36 Jahre ren .-MUknecht Johanne» Jritzge» von Rainrod wegen Me nintl >eingetreten. Die Staatsbehörde wird von Herrn

^taauttknitüalt Roch vertreten, die Vertheidigung sührt Herr cd}t*lkfltualt Ratz. 66 sind neun Zeugen zu vernehmen. Der : in Unklage zu Grunde liegende Thatbeftand ist der

virrlelfährigrr X»#«eaBnil»FtrU l 2 Mark 20 Pfg. nrU vringrrlohn.

Durch die Post bezöge« 2 Mark 50 Pfg.

Nedaclion. epffbitiea und Druckerei:

-ch>r«r.tzeAr.7.

Fcraiprccher 51.

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Dem Angeklagten wird nun der Vorwurf gemacht, datz er verschwiegen habe, daß die Marie Kröll und er bet der Abfassung der Ratten mit htnetngesprochen. Ferner hat der Angeklagte beschworen, daß Jakob Schwab die Adresien ge- schrieben, wahrend dieser auch die Textsrite theilweise be­schrieben hat. Auch die Bekundung de» Zeugen, daß er nicht wisse, an wen die Raiten adresfirt gewesen, soll falsch gewesen fein. Besonders trifft aber den Angeklagten der Borwurf, daß er bei seiner Zeugenvernehmung kein Wort über daS Anheften der Karten am Gemeindebackhaus gesagt. Der Angeklagte erklärt, daß er erstens vom Amtsrichter nicht danach gefragt worden sei und zweitens habe er geglaubt, er brauche die Wahrheit gegen sich selbst nicht zu sagen, wenn er sich damit selbst belaste. Er habe die Absicht gehabt, die volle Wahrheit zu sagen, mit Ausnahme natürlich soweit es seine Person betraf. ~ v ... .

Die Vernehmung deS Jakob Friedrich Schwab von Rainrod als Zeuge ergibt, daß er unter dem Beirath der Marie Kröll, ihres Bruders und des Angeklagten die Karten geschrieben habe. DaS Anheften der Karten habe er und der Angeklagte besorgt, Marie Kröll hat die Nagel dazu gereicht. Der Zeuge deponirt weiter, daß der Angeklagte nach seiner Vernehmung in Schotten ihm gesagt habe, er hätte die Wahrheit gesagt und die Sache, so wie sie war, eingestanden. , , .

War«- Kröll van SRotetob, 28 Jahr- all, wird 6om B°rsib-od-n, wir auch der Borzeuge, vorerst unv-r->d-t der- nommen, gibt zu, beim Adresseuschreibeu Ihren Rath erthellt zu haben. Sie gibt auch zu, daß st- die Nägel gereicht, um die Karten anzuhesten. Auch bestätigt diele Zeugin, daß nur vor der Vernehmung vor dem Amtsanwalt die Dereinbarunz unter ihnen getroffen war, zu streiten. Eine Verabredung, vor dem Termin vor dem Amtsrichter zu Schotten beim Leugnen zu beharren, hat nicht stattgefunden.

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Alle Innotuen-Buteouf de» In- und AuSlande» nehme» Anzeigen für denGießener Anzeiger" ««gegen

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Gießener Anzeiger

Keneral-Wnzeiger.

Jakob Kröll VII. von Rainrod war auch bet der Kartenschreiberei zugegen, hat sich aber dabet nicht betheiligt und schildert den Vorfall wie die Borzeugen- auch dieser Zeuge hat irn Vorverfahren gegen Schwab, wo er Mit­angeklagter war, geleugnet, etwas zu wiffen und sich erst päter zum Geständniß bequemt.

Gustav Seipel von Rainrod, einer Derjenigen, an den die schmutzigen Karten gerichtet waren, bemerkt, der An­geklagte habe ihm am 2. Januar auf sein Befragen ofort mitgetheilt, wer die Karten geschrieben und wer dabet ge- wesen. Jacob Kröll VI., der Dienstherr de» Ange agten, bekundet, daß ihm dieser, ehe er die Vorladung erhielt, mit- qetheilt habe, wer die Karten geschrieben, er hat auch zu- gegeben, daß er zwei der Karten angeheftet. Der Zeuge hat ihn ermahnt, vor dem Amtsgericht die Wahrheit zu sagen. Nachher hat ihn der Zeuge gefragt, wie es gegangen und da hat Fritzgen geantwortet, er habe Alles gesagt. Herr Amtsrichter Dr. Ackermann-Schotten hatte den An geklagten zeugeneidlich vernommen- derselbe habe zuerst nicht» gestehen wollen, auf eindringlichen Vorhalt habe er ein Ge- ständniß wegen deS Schreibens der Karten gemacht. Eine Frage, wer die Karten angeheftet, hat der Amtsrichter nicht an Fritzgen gerichtet. Ebenso wenig ist dem Angeklagten bei seiner Vernehmung der Hinweis gegeben, daß er seine Aussage verweigern könne, wenn er sich durch seine Aussage etwa selbst belasten könne. ES sei dem Fritzgen aber gesagt, er mllffe Alle« sagen, waS er von der Sache wisse, «er Angeklagte ist vor einem Meineid eindringlich verwarnt worden. Herr Bürgermeister Diehl von Rainrod schildert den An- geklagten als einen ordentlichen, fleißigen Dienftknecht, der allerdings ab und zu sich betrinkt, aber nur nach F-ierabend. Der Bürgermeister hält den Angeklagten für einen beschrankten Menschen. Herr Accessist I o st, der als Gerichtsschreiber bet der Vernehmung deS Angeklagten vor dem Amtsgericht Schotten fungirte, erinnert sich, daß dieser wegen deö AnhangenS der Karten überhaupt nicht gefragt worden sei. Auf ihn hat der Zeuge nicht den Eindruck gemacht, al» ob er etwas ver- heimlichen wollte. Die weitere Beweisaufnahme bringt nichts Wesentliches mehr zu Tage.

Der Vorsitzende, Herr LandgerichtSrath Rullmann , theilt mit, daß der Gerichtshof beschloffen habe, den Ge- schworenen 3 Fragen vorzulegen sei,

1. Ob wissentlicher falscher Eid au» §. 154 deS R. St.-G.

2. Im Fall der Bejahung dieser Frage, ob dem An- geklagten der MilderuugSgrund deS § 157 Pont. 1 oe» R.-St.-G. zuzubilligen,

Das Donauweibchen.

Von Ernst Lenbach.

(1. Fortsetzung.)

Ul wir aber vor ihrer Wohnung, in einer winkeligen, rnge-mSa'sse der Altstadt, angelangt waren und ich ihr Herz-

' -JOM Nacht" wünschte, sagte sie seufzend:

M danke Ihnen sehr, - aber daraus wird wohl mchvt W werden, ich bin so voll Sorge für meinen Sohn jKaufoior acht Tagen schrieb er mir, daß er unwohl sei und -eitbii« tat er mir nicht mehr geschrieben.

kl währeno sie die» sagte, sah ich im flackernden /ate«v!«t die Hellen Thränen über ihre gefurchten Wangen 'Un,WDEi lieber Gott, welch ein Handwerk!" dachte ich, als ich mit mit einigen gut gemeinten Trostworten von der °--°b,ch,°d-. M-. Mi, dieser Sarge Im zerM-amm-it- sie da tagaus, tagein ihr-Tanze herunter, 'M Broschen für den Sohn zusammenzusparen, den sie in Ufa mütterlichen Angst vielleicht schon auf dem Sterbe-

lizufähr^eine Woche darauf kehrte ich noch früh Ta««-« einem Spaziergänge heim. ES war schöner FrLGiz»morgen, wolkenlos und heiß weit ^er die Jahres­zeit-;nt» Hund ließ die Zunge lang hangen und mtrfelbn war« IXLHanffee zwischen der Vorstadt und meiner Wohnung vocks.:i! so schattenlos und öde vorgekommen. Da sah ich >a»6 t:muutt)etbd)en abseits der Straße auf dem steinerne« Gitr^Kell eines Landhauses fitzen. Ein Rtrschbaum streckte von« ton an« dem Borgarten seine Zweige IberJu au« unba liünente ihr schwarzes Häubchen mit weißen Bllthen. Eiei! k; ganz still, den Ropf gesenkt und die Hande tm IchLmte eine Bauersfrau, die auf der Wallfahrt unter-

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wegS rastet und halb tm Traume noch mechanisch ihre Ge- bete weiterspricht, und überfuhr mich eiskalt bet dem Gedanken, ob daS Donauweibchen vielleicht wirklich bete, Todtengebete für ihr Kind.

Meine Befürchtung erwies fich glücklicherweise als grundlos. Ihrem Sohne ging es wieder ganz gut, wie sie mir mit einem seligen Leuchten Ihrer Mutteraugen berichtete. Sie selbst aber hatte allerdings Grund genug, ein wenig zu rasten. Denn wie sie mir nun im langsamen Weiter schreiten erzählte, hatte fie die vorige und die vorvorige Nacht bei Gesellschaften in der Gartenvorstadt draußen aufgespielt, daS eine Mal von acht bis zehn und dann wieder von zwölf bis vier Uhr, daS andere Mal gar bis fünf.

Ach ja," meinte fie,e« ist freilich nicht leicht. Aber man muß doch Gott danken, wenn man ordentlich zu thun hat. Jetzt, wo der Frühling kommt, da hört es doch bald mit dem Verdienst auf. Sehen Sie, es ist ja te^r fd)dn, wenn die Bäume blühen, man fühlt ordentlich etwas tn sich selber mitblühen, wenn ich nur nicht immer dabei denken müßt, daß eS nun auch bald mit den Gesellschaften und Tanzkränzchen zu Ende geht. WaS ich mir dann im Sommer mit Handarbeiten verdiene, daS ist doch lange nicht so viel. Und mein Sohn, der muß doch auch im Sommer sein

Wie viel bekommen Sie denn wohl für» Spielen?" fragte ich.

Da« «st j- nachdem/' erwiderte sie, .die Einen geben eine Mar! und sünszl, für die Stunde, Ich hab auch schon mal zwei Mark ieiommen; aber In der Regel gibt e, dach nur eine Mark. Und wenn e« nicht für meinen Sahn Max wäre, dann wären mir manchmal die Einmarksfamtlien noch am liebsten. Denn wißen Sie, tn d-n ganz °°-n°h-,«n Häusern, da wird man doch auch manchmal danach behandelt. Da muß man dann mit den Dienstboten essen und tn der Küche warten, bis die Herrschaften mit dem Souper fertig

* ' . Nachdem der Angeklagte nun die Ladung al« I vW. dem Amtsgericht erhalten, sprach er mit der Marie | Kröll und deren Bruder und nun nahm man sich vor, so lange zu leugnen, bi« an« Schwören gehe. Marie Kröll bestärkte ihn noch, indem fie sagte, er solle nur fest bleiben, wenn er Strafe bekäme, wolle fie diese bezahlen. Der An­geklagte schildert nun seine zeugeneidliche Vernehmung vor dem Amtsrichter. Dieser habe ihn gefragt und er habe geantwortet- danach, wer die Karten angeheftet, sei er nicht gefragt worben, er sei auch nicht darauf hingewiesen, daß er Aussagen, die ihn selbst belasten könnten, nicht abzugeben brauche. Der Angeklagte ist damals nach seiner Vernehmung

sind. Obzwar," setzte fie hinzu, auch wieder genierlich ist, wenn man so bei den Herrschaften selber unten °m Tische fitzt, wo man doch nur ein Bezahltes ist und nichts Ein- geladenes. Am liebsten hab -s, wie bei Ihrem Herrn Vetter, da läßt mir die Frau Justizrath allein in einem Himmerchen decken und gibt mir auch allemal ein gutes Buch zu lesen, daß mir die Zeit nicht lang wird wahrend der Tafel. Und auch daS muß ich loben, wie in der Villa hier draußen, wo ich gestern war, da gönnt mir die H°uSfr°u für den Rest der Nacht ein Schlafsopha, so brauch ich doch nicht mitten in der Nacht heim. Aber so gut hat man« nl$t itrtoenn @ie fclB Schlafsopha bekommen, da laufen Sie wahrhaftig nach all der Mühe noch den Weg bis tn bie Stadt?der Weg ist freilich etwas lang,

aber dann denk ich an meinen Sohn Max, und da merk ich oft kaum, wie spat ich nach Hause komme.'

Mit dieser Unterhaltung war meine Achtung für Frau Metzle wieder um ein Bedeutendes gewachsen und alfl> tdj einige Zeit darauf mich anschickte, die Stadt zu verlassen, erinnerte ich mich, daß meine Reise mich auch durch den Ort führte, wo der Sohn Max derzeit seiner künstlerischen Vollendung entgegenreifte. Somit beschloß ich, dem Donau- Weibchen einen Besuch abzuftatten und zu fragen, ob sie nicht« an den Sohn zu bestellen habe.

Frau Metzle bewohnte tn einem alten, düsteren Haufe zwei Zimmerchen im Erdgeschoß. DaS himmlische^Sonnen­licht mußte fich jedenfalls ganz verzwickter Kunststücke- be- dienen, um einige seiner Strahlen in diese Räume hinein, zupracticiren, und doch lag über dem ganzen ärmlichen HcmS- rath etwas wie unvergänglicher Sonnenschein, \o sauber und freundlich war alle« geordnet und gehalten, so freundlich und klar vor allem baß Wesen ber Bewohnerin selbst.

(Fortsetzung folgt.)

;elßet)Dk: t ,

Der Sylvesternacht dieseß Jahre» war in ber Wohnung de« Kröll IV. zu Rainrob eine Gesellschaft junger tute:: msc-mmen, man amüstrte fich mit Gesang, Tanz und -ihn > wünschte fich um 12 Uhr alles Gute unb trennte ch «ich zt-mlich spät. Nur einige der jungen Leute blieben noch i jifammen und eS kam da« Gespräch aus Neujahrskarten. Die Hiatt ial« Zeuge zu vernehmende Marte Kröll, Tochter .83M Kröll, erzählte, fie habe auch schon Witzkarten 'otnmtn nmd holte diese herbei. Nun machte sich die auS- gclaftw Gesellschaft daran, bie Abreffen zu änbem unb bie larti :a nwd) mit unsittlichen Btlbern unb Texten zu ver- st Lite Bezug hatten auf einzelne Personen im Ort. Dian, idtae batauf mit Nägeln die Karten an baß Gemetnbe- z3adl:«til wo dieselben am andern Morgen gefunden und byeiBMiDtt.n wurden. erfolgte Anzeige und nun wurde -Smmfahren gegen Jakob Friedrich Schwab und ^euvitz» «egen Vergehen« gegen die Sittlichkeit eingeleitet nb ilta Ziageflagte, sowie bie Marie Kröll vom Amtsanwalt 1« j gtügesi vernommen. Beibe erklärten btefem gegenüber, oa Üit gnnzen Sache nichts zu wiffen. Hierauf würbe der vor dem Amtsgericht Schotten am 14. Februar

I. M^euetdUch vernommen. Bei diesem Vernehmen hat rr i Bqttiagte nur theilweise Angaben gemacht, aber zur 5a*»Miürtge8 verschwiegen unb darin sieht die Anklage ^ iWldtbichen des Meineides.

In lÄngeklagte erklärt, wegen Diebstahl mit 6 Monat orb*f< zu fein. Die Karten werden vom Dorfitzenben erlcW irnb haben sämmtlich einen recht schlüpfrigen Jndalt. Dir^laßte schildert nun, wie fich bie Kartenschreiberei lugtiRltiL. Nicht er habe dieselben geschrieben, sonbern iakoi» Fc-kdrich Schwab, er sowohl wie bie anderen An- «6* Haden aber dabei mitgewirkt, indem sie drein prac tza Er habe zwei der Karten an daS GemeindebackhauS -ingeiäM, die andere habe Schwab angeheftet. AIS die Sachqumchbar wurde, nahmen sich die Genossen vor, nichts

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