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Nr. 286
Der
Hießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS
Montags.
Die Gießener Aamikienvtälter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
Zweites Blatt.
Freitag den 4. December
1896
Gießener Anzeiger
Keneral'-Anzeiger.
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Sieße«. den 3. December.
•* Sine Warnung vor der Auswanderung nach Transvaal erläßt der deutsche Consul tu Pretoria an alle Dte- jenigen, welche nicht im Voraus eine feste Stellung sich gesichert haben und in der englischen und holländischen Sprache nicht gute Kenntnisse besitzen. Denn auch in solchen Geschäftszweigen, welche noch Arbeitskräfte brauchen können, ist nicht stets sofort eine Stelle zu erlangen, vielmehr muß auf das Freiwerden einer solchen oft lange gewartet werden; das Warten ist aber in Südafrika sehr kostspielig, weil der Lebensunterhalt dort viel theurer tst, als bei uns. Das gilt auch von der Capcolonte, überhaupt von gauz Südafrika, das man ganz zu Unrecht als ein Eldorado für Alle anfieht.
-n- Gettenau, 1. December. Die Römer find doch ausgezeichnete Baumeister gewesen, das merkte man wieder deutlich an der durch die Nebenbahuarbeiten aufgedeckten Straße, die wir schon eintgemale tu diesem Blatte erwähnt haben. ES wurde nämlich kürzlich ein Straßenstück bloßgelegt, das vor zweitausend Jahren einen Morast durch- schnetdeu mußte. Da trieben die Römer eichene Pfähle in den Morait und legten andere eichene Pfähle quer darüber, sodaß eine Art Knüppeldamm oder Pfahlrost entstand, der heute noch von bedeutender Festigkeit ist. Die ausgehobenen Achenpfähle zeigen nämlich nur eine mäßige Moderschicht, wShrend sie inwendig noch hart und fest find wie Eisen und eine kohlschwarze Farbe angenommen haben. Interessant ist eS, zu untersuchen, wie sich seit jener Zett die Erdoberfläche verändert und nach und nach eine hohe Schicht von Erd« mvffeu aufgelagert hat. Weiter hat sich folgende merk würdige Thatsache ergeben: Ueber die Römerstraßen in Deutschland hat man Karten avgefertigt, auch über solche, die noch nicht aufgedeckt wurden, sondern nur vermuthet werden. Diese Karten find, trotz, oder richtiger obgleich eß stch hier nur um Bermuthungen handelt, so genau, daß die vtrmuthete Straße mit der wirklich gefundenen so zu sagen auf ein Haar stimmt. Die rtestgen Pflastersteine von der kömerstraße werden zerkleinert und auf dem Schienenwege Verwendet. Was würden die alten Römer für Gesichter machen, wenn sie urplötzlich auferstehen und einen daher brausenden Eisenbahnzug anstaunen könnten! DaS ist doch noch etwas Anderes, olS Straßen und Castelle erbauen!
-e. Reu - Ulrichstein, 1. December. Monatsbericht 4er Arbeiter-Colonie pro November 1896. Ende
November 1896 sind in der Colonte stellen-, resp. arbeitslos 68 Mann. Dieselben Vertheilen sich auf das Groß- herzogthum Hessen 17; Königreich Preußen: Regierungsbezirk Kassel 9, Regierungsbezirk Wiesbaden 10; Provinz Rheinlande 5, Provinz Sachsen 7, Provinz Schlesien 2, Pro« vtnz Brandenburg 1, Provinz Westfalen 2, Provinz Hannover 1, Posen Provinz 2; Königreich Bayern 3, Königreich Württemberg 1, Königreich Sachsen 1; Großherzogthum Baden 4; thüringische Staaten 2; Ausland: Schweiz 1. Hiervon waren: Arbeiter 42, Anstreicher 3, Bäcker 3, Former 1, Büchsenmacher 1, Gärtner 3, Installateure 1, Kaufleute 4, Lehrer 1, Lacktrer 1, Oeconomen 1, Schuh« macher 3, Schneider 3, Schlosser 1. Gearbeitet wurde an 1472 Tagen. Verpflegt wurde an 1700 Tagen Im Monat November wurden entlassen 10 Mann, und zwar auf eigenen Wunsch 8, weil die Arbeit zu schwer 2. Seit Bestehen der Colonie sind ausgenommen worden im Ganzen 3147, dagegen abgegangen im Ganzen 3079 Mann, bleibt Bestand am 30. November 1896: 68 Mann.
Wippenbach, 26.November. Die neugefaßte Mineralquelle in hiesiger Gemarkung, dicht an der Domäne Kloster KonradSdorf gelegen, wurde vor einiger Zeit von Professor Dr. Günther-Gießen auf ihren Gehalt untersucht, und ergaben sich folgende Resultate:
1) Schwefelsäure- Strontium 0,00390 per Mtr. (unbedeut.)
2) „ saurer Kalk .
3) Phosphor „ „ .
4) Kohlens. „ .
5) Chlormagnesium . .
6) Brom-Magnesium . .
7) J°d- , « -
8) Schwefels. Magnesium
9) Eblorkalium . . .
10) Chlorkalithium . . .
11) Chlorammonium . .
12) Chlornatrium . . .
13) Chlorsaures Natron .
14) Kohlens. Eisenoxydul .
16) „ Mangonoxydul
16) Phosphors. Thonerde.
17- Kieselsäure ....
18) Halbgebundene Kohlens.
19) Freie
0 53034 , „ 0,09022
0,00077 „ „ 0,00039
1,03098 „ „ 0,41848
0,29824 „ , 0,20341
0,00169 „ „ 0,00355
(Spuren unbedeutend)
. 0,29445 „ . 0,68532 M . 0,01042 „ . 0,00362 „ . 8,43035 „ . 0,00140 „ . 0 02096 , . 0,00447 „ . 0,00100 „ . 0 01345 „ . 0,46325 „ . 1,11350 „
„ 0,14500
„ 0,00018 „ 0,01672 „ 6,83565
ff
„ 0,00565
„ 0,00059
* 0,05992
* —
fr —
Die Hinteren Zahlen geben den Gehalt des Kochbrunnens
zu Wiesbaden an.
Darmft. Tgl. Anz.
X. Darmstadt, 2. December. In Wochenfrist wird in der Kun st Halle des Kunstvereins die Weihnacht-. Ausstellung arrangirt sein, in der auch die neuesten Bilder von Hermine von Preulchen (der berühmten Malerin de» »Mors Imperator*) erscheinen werden. Zu der am 12. De- cember in der Kunsthalle stattfindenden WeihnachtSVer- loosung find 15 Oelgemälde, darunter prächtige Stücke der Münchener Maler Paul Weber (bekanntlich ein geborener Lauterbacher), Bär (ebenfalls ein hessischer Landsmann), Pitzner, Heinisch, Schoyerer u. A., des Düsseldorfer- Schweich rc., sowie ein Pastell von Kröh, hier, angekouft. — Ein große- Gemälde von Hch. Breling in Fischerbude stellt mit ergreifender Wirkung die heldenmüthige Verthei- dtgung des Kirchhofs von Beaure la Rolande am 28. November 1870 dar. Von großartiger Technik und trefflicher CharacterisirungSkunst zeugen die zwei Coloffalbtlder au» dem Hochgebirge „Heimkehr von der Alm" und „Abgestürzt" von Richard Scholz in Dresden. Zwei Porträt», Anton v. Werner und DuboiS-Reymoud darstellend, zeigen wieder deS Berliner MalerS Alex Koner virtuoses Können. Ein flott gemaltes Straodbild aus dem klippen« und felsenreichen Schweden von HanS Schleich in Berlin und zwei anschau- liche Marinen von Petersen in Düsseldorf find besonderer Hervorhebung werth. Flott in der Compofition, aber in unnatürlich grellen Farbentönen tst eine Herbftlandschaft von Karl Rath gen in Ottensen gehalten.
XX Darmstadt, 2. December. In der mittleren Rheinstraße wird in Kürze ein großes Wiener 6af6 eröffnet, womit sicher einem seit länger empfundenen Bedürfniß entsprochen wird.
DtrtÄtfdfrteSo
Berlin, 30. November. Eine nicht unbedeutende Pulverexplosion hat heute Nachmittag bald nach 2 Uhr im Keller des Eckhauses Alexanderplatz und KöntgSgraben stattgefunden. Sämmtliche Kellerfenster wurden zertrümmert und die GlaSsplitter flogen weit über den Straßeudamm. Mehrere Personen sind durch die Explosion schwer beschädigt, ein Lagerist ist, wenn auch schwer verletzt, mit großer Mühe durch die Feuerwehr gerettet worden. Verursacht ist die Explosion durch Fahrlässigkeit des Lageristen, der im Keller etwas zu holen hatte, und da die SicherhettSlampe vergessen war, ein Streichholz angezündet und diese- noch glimmend jedenfalls in ein offenes Pulverfaß geworfen hat. — Der angerichtete Schaden ist sehr erheblich.
• Unter der Spitzmarke „Stephan als Wecker" erzählt
M
Feuilleton.
Frauenliebe.
Erzählung von E. Escherich.
(Schluß.)
Frau Corona übersah die Sachlage mit klarem Blick; sie wußte, daß Hubert nie eine Unterstützung von ihr an- «hmen würde, ohne daß fie sein Weib sei; aber fie wußte auch, daß mit einer erneuten Eheschließung ihrerseits ihr erster Gatte jeder Alimentationspflicht gegen fie enthoben sei. Dennoch fiel ihr die Wahl nicht schwer und fie ergriff mnhig die erste Gelegenheit, auch Hubert ihren Entschluß cktzutheilen.
Ueber ihnen kreisten die Sommerschwalben, fich zur Susretse nach dem wärmeren Süden zu sammeln, zu ihnen sah Hubert sehnsüchtig empor.
„Wer auch mit ihnen fliegen könnte einem lieben, trau- lchen Wtnterheim zu!"
Ste lächelte aufmunternd: „Warum fortfliegen? Auch let uns läßt fich ein behagliches Nest bauen."
Eine tiefe Trauer malte fich auf seinem regelmäßigen Erficht.
„Ich hab auch einmal davon geträumt, aber seit mein Kuß matt und meine Hand unficher worden ist, hab ich da» Soarmerglück vergessen."
Da blieb Corona stehen.
„Meine Hand aber ist stark und mein Muth frisch; N'tn Sie so wenig Zutrauen in meine Leistungsfähigkeit?"
Erschrocken sah Hubert nach der geliebten Frau. Kein ckzztgmal hatten fie beide all die Zett jene Frage wieder tnLhrt, die er einst au fie gerichtet; wohl hatte eß ihm sasLglich wohl gethan, daß fie zu ihm gekommen war in der öftreren Zeit de» Leiden», und tiefe Dankbarkeit für fie füllte lila; Herz, aber nie mehr hätte er, der fieche Mann, eß ge- eaggt, fie daran zu erinnern.
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„Wie könnten Sie fich binden an Einen, der Ihnen zur Last werden muß?" entgegnete er zwischen Hoffen und Zweifeln.
Corona aber sah ihm tief in die Augen.
„Ich aber mag nimmer leben ohne Dich, Du lieber, geliebter Mann!"--
So war für Frau Corona nun auch die Liebe erblüht und Hubert trug sein Weib auf den Händen. Aber von Liebe und Sonnenschein allein läßt fich der Hunger nicht stillen. Daß wußte Frau Corona recht wohl und wuthloß ward fie auch daun nicht, alß ihre kleine Baarschaft ins Schwinden kam. Sie hatte arbeiten gelernt, es fiel ihr nicht schwer, daß Gelernte jetzt zu bethattgeu. Schwer aber ward ihr, die Arbeit zu verwerthen. Kaum eine Beschäftigung wollte so viel Erträguiß abwerfen, um zwei Personen behaglich zu ernähren.
Da kam ihr ein retiender Gedanke. Ste hatte einst gut vorgelesen und ein richtig Urtheil über schauspielerische Leistungen gehabt. Daß mochte ihr gute Dienste thun bei einem Versuch auf der Bühne. Freilich war eß für fie ein kaum uachdeukbareS Wagniß, für fie, die einst nicht gewogt hatte, Schlittschuhe zu laufen, weil man fie sah. Vor wie vielen Augen mußte sie fich sehen lassen, wenn fie die Laufbahn einer Schauspielerin ergriff; ihr ganzes Innere regte fich in alter Zaghaftigkeit gegen den Schritt, — aber ste sah auf Hubert, der ihrer Hilfe so nothweudig bedurfte, und ihre Aengstltchkeit wich wie Schatten vor dem Sonnenschein. Mochte die ganze Welt sie betrachten nach Herzenslust, ihr sollte eö einerlei sein; ihr Spiel galt nur dem Einen, dem ihr Herz zu eigen war.
So trat fie zum ersten Male vor daö Publikum und so gefiel fie. Dadurch war fie bald aller materiellen Sorgen enthoben und nun auch war fie vollkommen glücklich. Bald ward fie einer der gefeiertsten Sterne der Bühne; Fürsten huldigten ihr und Männer der Kunst und Wissenschaft suchten ihre Gunst — aber CoronaS Herz gehörte Hubert.--
----— — Einmal wieder geschah eS durch Zufall, daß die beiden einstigen Freundinnen stch trafen, und Anna konnte nicht umhin, der jüngeren Gespielin ihre Bewunderung auszudrücken.
„Oft hab ich Dich auf den Brettern gesehen und niemals wollte es mir zu Sinn, woher Du, gerade Du den Muth genommen, so kühn in die Welt zu treten."
Da lächelte Corona.
„Ich will DirS sagen, die Liebe ist es gewesen, die große, ächte, tiefe HcrzenSminne, die mich umgewandelt, wie sie Dich geändert, die mir die Kraft verliehen, mir selber eine Laufbahn zu öffnen, wie fie Dir den Muth gegeben, der Deinen zu entsagen. Und die Liebe auch ist es, durch die einzig die Frau Werth gewinnt. Tausende von Weibern, die untergegangen, find verdorben aus Mangel an Liebe, tausend andere, die ein muthloseS Dasein sühren, schwinden freudlos dahin, weil ste die alles verklärende, sanfte Himmelstochter nicht kennen gelernt haben."
Sinnend neigte Anna daS Haupt.
„Du magst Recht haben; was aber sollen jene beginnen, die den Rechten nicht finden, oder denen Mutter Natur daS günstige Aeußere versagt, das begehrenSwerth erscheinen läßt?"
Da ging ein milde- Lächeln um CoronaS Lippen.
„Die sollen ihr Herz der ganzen Menschheit weihen, denn dem weiblichen Wesen ist die Liebe eigen, wie keine andere Tugend, und liebebedürftig find wir Menschen alle, und am liebsten nehmen wir aus der Fülle eine» anderen Menschenherzens gutwillig Gebotenes; mehr aber als den Nehmenden erfreut die Gabe den Geber, denn glücklich macht die Liebe, die alles leidet, alles opfert und alles wagt, und mit Recht sagt die Schrift von ihr: „DaS Größte aber ist die Liebe!""


