Ausgabe 
4.11.1896 Zweites Blatt
 
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Daß feine Frau Bier mit ihm trinkt?" -sprach dumpf die arme Mutter.

Auch daS, Mama! Jawohl, das gehört auch dazu! Uad das schmeckt auch sehr gut! Aber daS ist es nicht allein. Ich bin noch ein ganz unerfahrenes und dummes Ding, aber so viel weiß ich doch, daß die trüben Stunden im Leben nicht auSbleiben und daß die sich viel leichter tragen, wenn man miteinander dann auch auf freudig verlebte zurückblicken kann. Habe ich recht, Curt?"

Der also Angeredete schloß sein holdeS Weibchen in seine Arme, ohne ein Wort zu sprechen.

Die Schwtegermama maß die rührende Gruppe ohne einen Schimmer von Rührung:ES scheint, daß wir hier durchaus überflüssig find."

Durchaus nicht, Mama! Trink mit uns 'S ist noch 'ne Menge da.

,Jch danke. Komm, Philibert! Dergleichen tgnorirt man am besten,"

Frau Consul Kohlbrück rauschte zur Thür hinaus, wie eine der bösen Feen, die ungebeten zur Taufe der Märchen* prtnzesfin gekommen waren.

Ihr Gatte schaute ihr schmunzelnd nach und griff in die Westentasche.

Erna, da find hundert Mark für daS Vergnügen, da« Du mir bereitet hast- die könnt Ihr verknetpen."

Philibert!" tönte es dumpf von draußen.

Adieu, Kinder, Ihr habt- gut!"

Als fich die Thür hinter dem Papa geschloffen hatte Curt hatte die Schwiegereltern nicht pflichtmäßig hinaus* begleitet, denn Erna hielt ihn fest, theilS aus Besorgniß, theils auS Zärtlichkeit, am meisten wohl aber, weil fie nach­gerade einen sehr festen Stützpunkt brauchte, sagte et:

Erna, Du hast die Mama ernstlich böse gemacht."

Schadet nichts. Die Hauptperson bist Du, mein lieber, guter Curt! Bist Du nun mit Deiner Erna zufrieden?"

Curt antwortete nur mit einem so langen Kuß, daß weine Leser ungeduldig würden, wenn ich danach meine Er­zählung wieder ausnähme.

Die kleine Kneiperei ist der jungen Frau sehr gut be- kommen, denn am nächsten Abend sah ich fie imWethen- stkphan", woselbst fie ernsthafte Quellen-Studien machte. Profit!

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Mr. 260 Aweitcs Blatt. Mittwoch den 4. November

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Amtlichem Thsil.

Bekanntmachung.

DienStag den 17. November 1896, Nachmittags 2 Uhr,

»irb auf SontzS Felsenkeller zu Gießen eine

Gkneralveisammlung

des landwirthschaftl. Bezirksvereius z« Gießen

abgehalten werden.

Zu dieser Versammlung werden alle Mitglieder deS Vereins und der lanbwirth chaftlichen Localvereine, sowie alle Freunde der Landwirrhschast hierdurch freundlichst eingeladen.

Die Herren Bürgermeister werden ergebenst ersucht, den in ihren Gemeinden wohnenden Mitgliedern des Verein- von dieser Einladung Kenntniß zu geben und auf recht zahlreichen Besuch der Versammlung h'nzuwilken.

Tagesordnung:

1. D'e Nothwendigkcit der Abänderung der hessischen Jsstruction für die chemischen Untersuchungsämter zur Untersuchung der Milch. Referent: Rechts­anwalt Jo ft in Gießen.

2. Aufzucht der Schweine und Fütterung derselben. Referent: Herr Oberamimanu C. Hofs mann zu Hofgüll und Herr Pachter v. Oven in Hungen.

3. Beschlußfassung über gemeinschaftlichen Bezug von künstlichem Dünger.

Gießen, den 26. October 1896.

Der Director des landwirthschaftlichen BeztrksvereinS.

C. Jost.

Die Inbetriebnahme des neuen Gasbehälters.

Am 31. October, Nachmittags 5 Uhr, fand unter Theil- »abme geschätzten Besuchs, der Beamten und Arbeiter des GuL- und Wafferwerks, sowie der Monteure der Gasbehälter- bauanstalt unter dem Klange der Glockm in dem festlich geschmückten ApparatenhauS des Gaswerks die

Feuilleton.

Nur ei« Viertel-Liter.

Humoreske von Fritz Wold eck.

(Schluß.)

Bei diesen Worten ließ der Consul Erna loS, die aus mhr als einem Grunde den schützenden Hafen eines SeffelS missachte, und rief athemloS:Bier?! FamoS! Kinder, gebt mirn Schluck!"

Philibert 1"

Die entartete Tochter ihrer Mutter aber war schon ivfgesprungen, hatte von dem in dieser Hinsicht unerschöpf- lichrn Bort einen Krug genommen, denselben auSgewischt, jkiüllt und dem Papa mit den geradezu kecken Worten ge- nicht:Papa, trink Du nur Bier ganz vorzüglicher Sioff! Sehr zu empfehlen! Profit, Papa! Profit, Mama!" 04bet trank die kleine Sünderin der Frau Consul zu, die fy empört den Rücken und fich zu ihrem Schwiegersöhne fcanbte :

Schwiegersohn, wie kommt es--*

Aber weiter kam fie selbst nicht- Erna stellte fich zwischen st und ihren bedrohten Gatten, wobei ihr der Tisch den ntgerade sehr nöthigen Stützpunkt bot.

Mama, ich bitte, hier kein Verhör! In meinem Hause tzird so viel Bier getrunken, als es mir gefällt und als dir vertragen können, und das istne ganze Menge.

UngeratheneS Kind!"

Jawohl, Mama! Ich war ein ungeratheneS Kindl 3d) habe nicht anders geglaubt, als daß eS in jedem Hause s, langweilig, so stets zugehen müffe wie bei Euch nicht »chr, Papa?"

Du sprichst mit mir, Deiner Mutter- da hat Dein Papa nichts dretnzureden, daS solltest Du wohl wiffen."

Erna blickte den Papa humoristisch lächelnd, aber doch Meidig an:Armer Papa, Du darfst nicht."

Der Herr Papa genirte fich aber doch ein wenig vor seinem Schwiegersöhne und rief in renommistischem Tone: ,Oho, daS möchte ich dock sehen!"

Armer Papa!" wiederholte Erna mitleidig und reichte ihm seinen Krug.Da, trink Dir erst Courage! Profit, ?ap>a!"

Inbetriebnahme des neuen Gasbehälters statt. Director Bergen erinnerte zunächst daran, daß dies die dritte feierliche Inbetriebnahme einer neuen Gasbehälteranlage fei, welche die nahezu 40jährige Geschichte des Gaswerks zu verzeichnen habe, daß die stattgehabten Versuche eine ge­lungene Ausführung und vorzügliche Dichtheit deS Behälters ergeben, was auch durch die amtliche Prüfung bestätigt worben sei. Redner dankt dem Stadrvorstand für die Be­willigung diese- stattlichen leistungsfähigen, für die Gegen­wart wie für die weitere Entwickelung des Gaswerks dringend benöthigten Behälters, ist dankbar für die ohne den geringsten Unfall verlaufene glückliche Fertigstellung deS Baues und verleiht der Hoffnung Ausdruck, daß derselbe noch in fernen Zetten seinen Inhalt in die Adern unserer zusehends wachsenden Stadt ergießen möge, ihrer Einwohner­schaft immer reichlicherLicht, Kraft und Wärme" spendend. Alsdann bat er den Herrn Oberbürgermeister Gnaurh, als den thatkräftigsten Förderer dieses Baues, den bedeutungsvollen Moment zu kennzeichnen, dem Gasbehälter die Weihe zn geben und durch O-ffnen des BrntilS erstmals GaS aus demselben in das Stadtrohrnetz zu leiten.

Herr Oberbürgermeister Gnauth sprach etwa Folgende«: Dieser Aufforderung wolle er gerne entsprechen und den neuen Gasbehälter feierlich und förmlich dem Betrieb übergeben - gerne, soweit er dabei zu handeln habe als Bürgermeister und Vertreter der Stadtverordneten-Versammlung, die in diesem Gasbehälter für eine Anzahl von Jahren den Ab­schluß wesentlicher umfangreicher Erweiterungen und Um­änderungen erblicke, welche daS Werk in den letzten Jahren erfahren mußte, gerne aber auch deshalb, weil er persönlich mit besonderem Interesse der erfreulichen Entwickelung des­selben gefolgt sei, seit seiner vor einem Jahrzehnt statt­gehabten Mitwirkung bet dem Uebergange des Gaswerks in den Besitz der Stadt. Seine Anerkennung wolle er dabei aussprecheu zunächst der ausführenden Firma, ihren Meistern und Monteuren, welche in verhältnißmäßig kurzer Zeit den großen Bau fertiggestellt haben, ferner der Gaswerks-Ver­waltung und ihrem Personal, sowie allen anderen Bethei­ligten. So gebe er nunmehr das erste GaS aus dem neuen Behälter in die Stadt in der zuversichtlichen Erwar­

tung, daß er dienen möge zum Nutzen der Gasabnehmer, wie der ganzen Stadt als solcher, die ja dar schöne Wei-k auf die heutige Stufe seiner Entwickelung gebracht hab-.

Rach stattgehabter Einführung deS Gases in daS Stadt­rohrnetz erfolgte eine Besichtigung des Gasbehälter-, der in seiner einfach gefälligen Umrißzeichnung ein charakteristische Wahrzeichen der Entwickelung der ganzen Stadt bietet. Seiner ersprießlichen Dienstverrichtung wünschen wir auch an dieser Stelle ein herzlichesGlück aus!"

Da es auch einen weiteren Leserkreis interessiren dürfte, über die Construction dieses modernen, ganz in Eisen auS- geführten GasbehälterbaueS, dessen Ausführung von zahl- reichen Interessenten besichtigt wurde, etwa« zu erfahren, so machen wir darüber folgende Mittheilungen:

Der Gasbehälter ruht auf einem festen, eingeschlemmten KieSbette von 25,30 Meter Durchmesser und 1,15 Meter Höhe und auf einem mit I Schienen abgedeckten, in Cement- mauerwerk ausgesührten Rohrschachte, welcher die vom Hahnen- Haus kommende Ein- und AnSgangSleitung mit 250 bezw. 300 Millimeter lichten Durchmesser aufnimmt und weiter in den Gasbehälter einführt. Um die Erdfeuchtigkeit von dem Behälter abzuhalten uub demselben eine dicht anschließende Auslage zu geben, ist auf dem Kiesfundament eine 20 Milli- meter starke Asphaltdecke aufgetragen. Das aus Schmiede­eisen nicht aus Mauerwerk, wie bei den drei älteren Be­hältern hrrgeftrllte Bassin (Wasserbehälter) hat einen Durch­messer von 23,30 Meter und eine Höhe von 6,80 Meter, die schmiedeeiserne Wandung desselben beträgt 12 Millimeter unten, nach oben auf 6 Millimeter fich verringernd. Diese« Bassin wurde vollständig mit Wasser gefüllt, wozu 2825 (£ublL meter Wasser erforderlich waren (der Hochdruckbehälter bei Annerod hält z B. 3000 Cubikmeter). Auf dem Wasser schwimmt eine aus dünnerem Blech, aber auf starkem Schienen- geftell befestigte, 38000 Kilogramm ---- 760 Zentner schwere Glocke, welche daS ununterbrochen Tag und Nacht erzeugt werdende GaS aufnimmt und zur Bedarfszeit abgibt. Der Durchmesser dieser Glocke beträgt 22 Meter und die Höhe, einschließlich der Pfeilhöhe des gewölbten Daches, 8,45 Meter, sie vermag in ihrem für die Abgabe in Betracht kommenden cy'indrischen Theil 2500 Cubikmeter GaS aufzunehmrn. Für später eintretenden Bedarf an weiterem Fassungsraum

Nun, Erna, ich erwarte noch immer Deine Entschuldig­ung," nahm die Frau Mama daS Gespräch wieder auf.

Mama, ich habe gir nichts zu entschuldigen, aber ich will Dir etwas erzählen."

Du mir? Da bin ich neugierig.

Ich habe bereits vorhin gesagt," docirte Erna,daß ich geglaubt habe, es müffe in jedem Hanse so zugehen wie bei Euch

Gewiß, daS muß es auch!" rief die Frau Consul mit dem Brustton der Ueberzcugung.

Nein, Mama, das muß eS nicht! Damit treibt man die Männer au« dem Hause und bann machen fie allerlei Allotria- nicht wahr, Papa?"

Papa war erschreckt zusammengesahren, eS gelang ihm aber doch, fich aufzuraffen und mit einer gewissen Würde und dem Ausdruck gekränkter Unschuld zu stammeln:Ich ich treibe nie Allotria!"

Stavenberg schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als seine kleine unerbittliche Frau fortfuhr:

Na, na, Papa! Aber ich will gar nicht von Dir reden, Du kannst meinetwegen treiben, waS Du willst."

Na, ich muß sehr bitten"

Philibert, Du hast ein schlechtes Gewissen l" rief nun Frau Kohlbrück, die ja nicht anders glauben konnte, al« daß ihre Tochter fo auf Grund bestimmter Facta spräche.

Franziska, Du thuft mir Unrecht!" rief Philibert mit der Miene eine« gekränkten Heiligen.Das Kind spricht ja gar nicht von mir persönlich- wahrscheinlich hat der Herr etwas auf dem Kerbholz."

Mein armes Kind!" ries die Mama pathetisch und wollte daS arme Kind zärtlich umarmen. Da« aber trat so weit vom Tische zurück, als es in seinem schwankenden Zustande nur vermochte, um der mütterlichen Umarmung zu entgehen.

Bitte, Mama! Noch bin ich nicht zu bedauern aber eS hätte dahin kommen können, wenn ich meinem Manne unser HauS auch so langweilig gemacht hätte, wie ich eS vor Augen gesehen. Nicht wahr, Papa?"

O, ganz im Gegentheil! Mama ist sehr interessant!" rief Papa ängstlich.

Ra ja!" lachte Erna in ihrem vergnügten Rausch. Dann macht Curt eben mehr Ansprüche."