Berliner A»,stell»«gsl»riefe.
(Bon unserem tonefponbmtaD
(Nachdruck verboten.) Kairo.
„Halloh, aufgepaßt! Rameel!" brüllte mir ein Kerl mit heiserer Stimme in die Ohren. Ein recht liebenswürdiger Menschenschlag, diese ungehobelten Berliner, denke ich bei mir und will mich eben mit einem kurzen, aber kräftigen Worte revanchiren, als ich sanft bei Seite geschoben werde und neben mir „da- Schiff der öüffe" vorübersegelt. Aha, dieses Ramtel galt also gar nicht meiner werthen Persönlichkeit, sondern sollte mich nur vor einem Zusammenstöße bewahren. Eben will ich vergnügt ob dieser Aufklärung weiterzieheu, da erschallt es schon wiederum dicht neben mir: „Vorficht — Esel!" Entsetzt springe ich bet Seite, doch ein kräftiger Stoß in den Rücken, ein wilder weiblicher Aufschrei belehrt mich, daß ich natürlich nach der falschen Sette ausgewichen sein mußte. Eine dichte Staubwolke umgibt mich- als sie sich langsam zertheilt hat, find Dame, Esel und Eseltreiber selbstverständlich schon lange über alle Berge und mir ist nur mein Schmerz im Rücken geblieben. Einige Menschen haben sich angesammelt und — „wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen" — sofort macht sich der schnoddrige Berliner Witz geltend. „Na, so blau," sagt ein Berliner grüner Junge unter ironischem Hinweis auf meine schmerzende Rückseite. — „Machen Sie doch dem Esel gegen« über Schaden-ersatzansprüche geltend," meinte scheinbar wohl- wollend ein Anderer. „Darf ich Sie vielleicht zur Unfall« station geleiten?" fragte ein dicker Herr, „die können da Leute gebrauchen, die sich behandeln lassen wollen." Brausendes Gelächter der Umstehenden begleitete natürlich jeden dieser wohlfeilen Witze, denn für solche erheiternde Situationen ist der Berliner stets sehr dankbar, ich aber machte mich schleu« uigst „dünne", wie man hier zu Laude sagt, um nicht noch mehr Stoff zur allgemeinen Unterhaltung zu liefern.
Ja, wer den Boden Kairos betritt, muß auch manches Abenteuer mit in den Kauf nehmen, denn allabendlich spielt sich hier ein wildes Leben und Treiben ab. Ein bewegtes BolkSgetümmel umgibt uns- tu den engen Straßen, welche wir zunächst betreten, wimmelt es von fremdländischen Menschenraffen. Da sieht man Neger, Armenier, Perser, Abeffyuter, Malayen und viele andere Volksstamme wild durcheinander gewürfelt und alle schreien, lachen, fingen, jeder will fich bemerkbar machen, jeder gern seinen Kram dem Besucher verkaufen. Und -wischen diesen allen schreiten würde« voll die Kameele, hier zwar nicht Waarenlasten, sondern Menschen tragend, die gern einmal wiffen möchten, wie fich die Welt von dort oben ausutmmt, laufen die beweglichen kleinen Esel mit ihren noch beweglicheren Treibern, kurz — ein ächt orientalisches Bild! — ES ist ein überraschender Anblick, welcher fich dem Besucher darbtetet- wenn er durch
die enges Gäßchen Kairos wandert, glaubt men fich dort | wirklich tu den Orient versetzt, wenn man die theilweise vorzüglich nachgebildeten Gebäude betrachtet. Einen recht in« tereffauteu Einblick in bei bewegte Leben und Treiben Kairos gewinnt der Fremde, wenn er, vom Khedive«Platz kommend, eine der größten vazarstraßeu betritt. In dieser Straße haben die bedeutendsten Händler aus allen Thetlen bei Orient! ihr Lager aufgeschlagen unb hier erhalt man zu« gleich eine eingehende Ueberficht über die reiche, theilweise bewunderniwürdige Industrie bei Orients. Hier ficht mau wuuberbare orientalische Elfenbeinschnitzereien!, Nilschlamm« waarev, Seidenstickereien, die nach wie vor die allgemeinste Bewunderung unserer Frauenwelt Hervorrufen, Bronce« arbeiten aus Damaskus, Perlmutterarbeiteo und noch viele andere Industriezweige sind vertreten, vor Allem finden aber hier die orientalischen Teppichbazare die größte Beachtung, welche eine reiche Auswahl achter Gewebe bieten. Zu erwähnen ist hierbei die Firma Gebr. Hab iS aus Damaskus, welche auf der Ausstellung „Kairo" wohl den größten dieser Bazare inuehat. Hier kann man sein Kunst« oerständuiß entschieden bilden, wenn man die feinen Farbennuancen, die mannigfachen Muster und Gewebe gründlich durchstudirt. Hier wird der Laie fich auch einmal vollständig über die verschiedenen Unterschiede zwischen „alten Persern", „DjidjemS", „Ferahau" u. s. w. klar werden, welche Unterscheidungen sonst nur von Kennern selbst gemacht werden kann.
So bietet eine Wanderung durch die Straßen Kairo- thatsächlich viel Belehrende-, obschon die meisten Leute nur de- wilden Rummel- wegen hingehen, welcher fich allabendlich bei schönem Wetter dort abspielt. Auf diesen komme ich noch weiter unten zurück, vorläufig will ich aber noch zeigen, daß au- Kairo noch viele- Jntereffante und Wiffen-werthe auch auf anderen Gebieten vor Augen führt. Mit Geschick hat es der Baumeister verstanden, den ächten orientalischen Stil in der Bauart der Moscheen und einzelnen Gebäude wiederzugeben. Betreten wir die Ausstellung durch das gewaltige Eingangöthor „Bab el Futllh", einer getreuen Nachbildung dieses ältesten StadtthoreS Kairos, so befinden wir unS auf dem schon oben erwähnten großen Khedive-Platz. Bon hier aus schweift das Auge über die imposanten Mina« rets, über kleinere und größere Wohnhäuser, über Monumente, hinüber zu den von Palmen umrahmten Pyramiden. In Wahrheit ein malerisches Bild. Dem Besucher wird hier viel für sein Geld geboten, denn nicht allein, daß man hier eine Vorstellung von dem Getriebe einer arabischen Stadt erhält, man hat auch die glückliche Idee gehabt, die nächste Umgebung Kairo- in den Kreil del hier Dargestellten ein« zufügen. So sehen wir die vom alten Kairo in circa dreistündiger Wagenfahrt zu erreichende Wüste, dal Hochplateau von Memphis mit der Cheopspyramide und weiterhin die alteghptischeu Tempel, den am LethoSbrunuen und den von
Edfu mit dem Riesenmonument del Ramsel davor. Ei» Hauptanziehungspunkt für dal Publikum bietet auch ein Fellachendorf mit seinen primitiven Einrichtungen. Die Bewohner dieses Dorfei unterhalten fich gern durch allerhand Zeichen mit den zuströmenden Besuchern und ihre kindliche Naivität bringt häufig die ungezwungendste Heiterkeit bei Berliner Publikum! zu Staube. — Im Efu«Tempel befiudet fich eine Auistellung orientalischer Silber, welche manche! Schöne bietet, besonber! anziehend find einzelne gediegene Characterköpfe von Krämer. Der Fremde verfehle nicht, diese Gemäldeausstellung zu befichtigeu, denn auch in ihr spiegelt fich ein Stück ächt orientalischen Leben! wieder. — Auch einer interessanten Waffensammlung bei Khedive Abba! will ich Erwähnung thuu, die fich ebenfall! tm Edfu Tempel befindet. Diese Waffensammlung, sonst Eigenthum bei eghp« tischen Staatlschatze!, ist eigen! zur Schaustellung von Kairo hierhergesanbt worben. Unter anberen werthvollen Waffen enthält bie Sammlung auch ein Schwert Mohameb Ali-, bei Begründer! der jetzigen Dynastie in Egypten, welche- allein einen Werth von über einer halben Million Franc! reprä« sentirt. Diese! Schwert legt ein beredte! Zeugniß dafür ab, auf welch hoher Stufe fich orientalische Waffentechnik und Juwelterkunst befindet. Unser Kaiser, welcher diese Sammlung auch mit einem Besuche beehrte, sprach speciell über diese! Waffenftück seine aufrichtige Bewunderung au!.
Begeben wir un! nun zurück und in die Nähe der Cheopspyramide, wo fich auch ber Lagerplatz ber Kameele befinbet. Hier ist denn auch ba! Hauptquartier derjenigen Leute, die gern einmal etwa! „Radau" mitmachen wollen. El find meist noch jüngere Leute, die fich hier an dem allgemeinen Tumult beteiligen, dessen Hauptgrund in dem Auffteigeu der „Damen" auf die Kameele zu suchen ist. Meist find e! eben keine „Damen" welche fich hier dazu hergeben, ber Allgemeinheit Stoff zur Belustigung zu liefern, unb au! diesem Grunde wagt denn auch die feucht-fröhliche Jugend manche! freie Wort, dal sonst eben nicht fallen würde. Hat fich ein Kameel mit seiner zarten Bürde erhoben und tritt nun seine Reise durch die Straßen Kairo! an, dann bricht meisten! ein unbändigei Gejohle lo! und el gehört eben die ganze Geduld eine! Kameel! dazu, um all diesen Trubel über fich ergehen zu taffen.
Nicht viel ander! ist es mit ber Sfelreiterei bestellt, bie ebenfalls in ber Hauptsache von ben weiblichen Besuchern Kairo! aulgeübt wirb- auch hierbei spielen fich meistenturbulente ©eenen ab, bie viel zur allgemeinen Erheiterung beitragen. Man kann beim besten Willen nicht gerabe behaupten, baß ein derartige! Treiben sehr zur Verschönerung Kairo! beirrägt, aber el gibt viele Leute, bie daran Gefallen finden, und vielfach gerade find el die Fremden an! der Provinz, die fich hierbei ganz kostbar amüfiren, denn el ist eben einmal wa! andere!, unb da! Ungewöhnliche wirkt hier anziehend.
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