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Wiener
Nr. 284 Zweites Blatt
Mittwoch den 2, December
1896
Gießener Anzeig er
Kenerat-Anzeiger.
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Feuilleton.
Frsuenliebe.
Erzählung von E. Esch er ich.
(I. Fortsetzung.)
Daun war einer gekommen — kühner und waglicher als die anderen. Der hatte sich mit seiner Werbung au die Mutter gewandt und der gewann Corona als Braut.
So war sie Frau geworden, sie wußte selber nicht wie, und nun waltete fie ihrer Pflichten als Gattin und Haus- flau, still, sanst, ohne nur einen Gedanken an die Welt draußen zu hegen, leidenschaftslos zufrieden, — aber glücklich war auch fie nicht. —------------
©o schwanden Jahre. Anna und Corona waren über die erste Blüthezeit hinaus. Aber sie hatten nicht gealtert, weil sie eigentlich nie jung gewesen waren. Da geschah eS eines Tages, daß die Anstalt, an der Anna wirkte, von einem Regierungsbeamten vifitirt wurde.
Dem schwer zu befriedigenden Herrn gefiel Annas gerades, gründliches Wesen, ihr tiefes Wiffen, ihr scharfer Verstand, ihr unnachfichtigeS Urtheil. Bor ihren weitgehenden Kenntnissen mußte selbst er die Waffen strecken, — das reizte ihn. Länger, viel länger, als nöthig gewesen, hatte er mit Anna gesprochen. Als er aus der Schule schied, sann er bereit-, in welcher Weise er fich der jungen Lehrerin vähern könne.
Und daS Mittel fand sich. Am andern Tag, da Anna von der Klaffe heimgehen wollte, traf sie Herrn Konrad auf dtr Straße. Nach wenig einleitenden Worten war das Gespräch im Gange und Anna bemerkte eS kaum, daß Herr Konrad dabei umwandte und sie wie selbstverständlich nach Hause begleitete.
DaS geschah nun öfter. Und immer unterhielten sich I
beide vortrefflich, wiewohl fie selten einer Meinung waren und keines nachgeben wollte. Und als eines Tages Herr Konrad Anna frug, ob er ihr in ihrer Wohnung seine Aufwartung machen dürfe, sand fie keinen Grund, ihn zurück- zuwetfen. Warum sollte ein Mädchen keinen Mann bei fich empfangen? War fie fich nicht selbst Schutz genug?
Aber als dann Herr Konrad kam und ihr im Gespräch erzählte, daß er mit einer stillen, sanften Frau verheirathet sei, da war eS Anna doch, als sei etwas in ihr gesallen, was bisher unangetastet hoch gestanden. Und nach seinem Weggange war fie zum ersten Male unzufrieden mit fich.
Aber allmälich gewöhnte sie sich an den Gedanken und auch daran, daß Herr Konrad nicht glücklich sei/ nicht, daß er eS in dürren Worten gesagt hätte, aber fie laS eS zwischen den Zeilen und fie schenkte ihm warme, ehrliche Theilnahme. Damals geschah eS, daß ihre Behauptungen minder schroff, ihre Auseinandersetzungen minder eingehend wurden als früher. Und wenn Herr Konrad eine Meinung aussprach, gab fie ihm Recht, zuweilen ohne genau darüber nachzudenken. Dabei wurde ihr der Verkehr mit dem geistvollen, redegewandten Manne mehr und mehr zum Bedürfniß. Lange noch wollte fie fich nicht gestehen, daß fie ihn liebe. Aber endlich kam das Gefühl bei ihr doch zum Durchbruch. In Lust und Leid ging eS ihr auf und wie alles stark und gewaltig bei ihr zum Ausdruck kam, so legte fie auch jetzt, da in stiller Stunde ihr Herr Konrad seine Liebe gestand, ihre Arme fest um seinen Nacken. „Ja, ich will Dein sein, aber ganz, und auch vor der Welt, und auch Dein Weib soll mich nicht von Dtr trennen."
Und da er erschrocken nach ihr sah, fuhr fie bestimmt fort: „Du mußt wählen zwischen mir und ihr."
Da verständigten fie fich dahin, daß er sein Weib, mit dem er bis heute still und streitlos gelebt, bitten wolle, ihn freizugeben.
Aber am nächsten Tage kam Herr Konrad mit nieder
geschlagener Miene und tief verletztem Stolz. Schier der« zweifelt warf er fich auf einen Stuhl.
„Sie will nicht etngehen auf unsere Wünsche, ich muß also elend sein auf Lebenszeit."
Entsetzt rang Anna die Hände. So konnte fie ihn nicht leiden sehen. Den letzten Blutstropfen wollte fie geben für ihn. Zerbrochen war ihr Trotz, vergeffen die herbe Sprödigkeit ihrer Gedanken. Sie war nunmehr das Weib, daS liebte und den geliebten Mann glücklich sehen wollte, gleichviel um welchen Preis.
„Und gibt es kein Mittel?" frug fie klagend, zu seinen Füßen niederfinkend.
Da rang eS fich stoßweise von seinen Lippen: „Geh Du zu ihr, sie anzuflehen. Vielleicht gewährt fie dem Weibe, waS fie dem Manne verweigert."
Da biß Arna die Lippen aufeinander und ging.
An der Schwelle noch einmal zuckte ihr Fuß zurück. Ein letzter Rest von Stolz bäumte fich auf in ihr — wider die unwürdige Rolle, die fie spielen sollte, fie, die fich allezeit so stark, so groß gedünkt — betteln um einen Mann!! — Aber fie dachte an ihn, der bangenden Herzens auf den Ausgang ihrer Unterredung harrte, und fie rang die Empfindung gewaltsam nieder — und ging vorwärts.
Wie die beiden Frauen fich Aug um Aug gegenüberstanden, war ihr Staunen wohl gegenseitig, in der Gegnerin die einstige Jugendgenosfin zu finden. Zumal Corona konnte fich lange nicht darein denken, die kalte, herbe Gespielin nun so umgewandelt wiederzusehen. Denn Annas ganzes Wesen war tief erschüttert, flehend streckte sie die Hand nach Corona auS und mit beredten Worten, wie nur die Liebe fie eingibt, schilderte fie ihr und Herrn Konrads Empfinden und daS Herzeleid, das fie beide zeitlebens tragen müßten, wenn ihnen versagt bliebe, wonach ihr ganzes Trachten stehe.
(Fortsetzung folgt.)
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