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Nr. 258 EEes Blatt Sonntag den 1 November
1898
Der Kktzener Aujeiger erscheint täglich, »it Ausnahme dcS MoutagS.
Die Gießener Aamirieuvkälter Werben dem Anzeiger Wöchentlich breimal beigelegt.
Gießener Anzeiger
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Gefunden: 1 Spazierstock, 1 Notenheft, 1 wollene Kappe, 1 W.ckbeutel, 2 Portemonnaies mit Inhalt, 1 Kette.
Zugeflogeu: 1 Kanarienvogel.
Gießen, öen 31. October 1896.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
I. V.: Roth.
Neueste AnchrichtE
WolffS telegraphisches Lorrespondenz-Bme«.
Berlin, 30. October. Der „RetchSanzeiger" veröffentlicht einen Erlaß des FinanzmintfterS, wonach auf Grund des Beschluss-- des Bundesrathes vom 14. d. MtS. die zu gewährende Brennsteuervergütung von 0,06 Mk. pro Liter reinen Alkohols für den zur Esstgbereitung verwendeten Branntwein zu gewähren ist, ohne Unterschied ob der Branntwein vorher mit E stg, Wasser oder Thteröl denaturtrt und ob der erzeugte Essig als Spetseessig verwendet oder bet der Fabrikation von Bletwetß, Bletzucker rc. wetterverarbettet wird.
Berlin. 30. October. DaS Gesuch des Arbeitsausschusses der Gew erbeauSstelluug, daß ihm die Verpflichtung erlassen werde, das Terrain der Ausstellung als Park wieder herzustellen, wurde durch den Magistrat abgelehnt.
Sydtkahnen, 30. October. Der Kaiser und die Kaiserin von Rußland haben heute Abend 6% Uhr Wohlbebalten den hiesigen Bahnhos palsirt.
Düsseldorf, 30. October. Um 4 Uhr Nachmittags fand in der Tonhalle aus Anlaß der Eröffnung der neuen Aula der Kunstakademie ein Festessen statt, bet dem EultuSminister Dr. Bosse das Hoch auf den Kaiser auSbrachte und Minister Brefeld die Schönheit der Siadt Düsseldorf feierte. — Professor Janssen hat den Kronenorden 2. Klaffe, Professor Schill denselben Orden 3. Klaffe und Commerzten- rath 2 ueg den Rothen Adlerorden 4. Klaffe erhalten.
Pest, 30. Ociober. Bis jetzt find die Ergebnisse von 892 Wahlen bekannt. Gewählt find 256 Liberale, 34 Angehörige der Nationalpartei, 9 Parteilose, 45 von der Koffuth- fraction, 6 von der Ugron-Fraction und 20 VolkSpartetler. In 8 Bezirken ist Stichwahl erforderlich. Die liberale Partei hat 74 Bezirke gewonnen und 17 verloren. Ihr Reingewinn beträgt bis jetzt 57 Mandate. Die Natioualparrei ist bedeutend verringert. Nur die Kossuth-Partei behauptet ihren alten Stand.
Paris, 30. October. H'ute fand in Gegenwart der Minister, einer Anzahl Mitglieder der Akademie. Senatoren und Deputirten das Leichenbegängniß Ehallemel Lacours auf dem Friedhöfe Päre Lachaise statt. Die Geistlichkeit war nicht anwesend. ES wurden keinerlei militärische Ehren erwiesen. Hanotaux, Loubet und MeziäreS hielten Gedächtnißreden.
Eapvadt, 29. October. Infolge des GrasfirenS der Rinderpest haben die Eingeborenen von Betschuanaland von der gewöhnlichen Mtlchnahrung zu getrocktietem Fletsch übergehen müssen. Sie sterben drshalb in großer Zahl an Skorbut. Der VolkSraad deS Ocanjr-FreistaateS hat daher den Präfidenten ermächtigt, den Zoll auf Brod und Fleisch aufzuheben, wenn dies als völhig erachtet werden sollte.
Newyork, 30. Oktober. Ein großer Aufzug zu Gunsten Mac KtnlehS und „gesunden Geldes" wird für SamStag geplant. Maa rechnet auf etwa 160000 Theilnehmer.
Depeschen des Bureau „Herold".
Berlin, 30. October. Der Kaiser wird nach der heutigen Jagd in Blankenburg bis Abends dort verweilen «nd um 11 Uhr die Rückreise nach der Wildparkstation antreten. Die Ankunft daselbst, bezw. im Neuen PalaiS erfolgt morgen früh 8 Uhr.
Berlin, 30. October. Der Kaiser hat, wie daS „®er(. Tagebl " erfährt, sammtlichen deutschen Fürsten ein Widmung« Exemplar der neuesten, nach seinen Angaben entstandenen Knackiuß'ichen Zeichnung überbringen lassen. Der Sendung dieser Zeichnung, die bekanntlich den Steg des deutschen Michel über die die Friedens Wohlfahrt bedrohenden Mächte der Finsteruiß darstellt, ist eine begleitende Auseinandersetzung de« malerischen Borganges beigesügt.
Berlin, 30. October. Der Kaiser wird, wie die „Zu- lunft" wissen w ll in Gemeinschaft mit einem jungen Dichter, ben Herr v. Hülsen, Theatertntrndant tn Wiesbaden, em- tzfohlen und dem Monarchen zugrsührt hat, jetzt ein Drama schreiben, ein Kaiserdravna, daS zum Theil iw Baseler Land ßpielt. Der Kaiser habe im Kasseler Hause deS Professors Laacksuß seinen Mtarbeitier empfangen und mit ihm den Plan lei Werkes berathen.
Berlin, 30. October. Dem „Berl. Tagebl." zufolge ist die Berufung des Obersten Liebert zum Reorganisator der chinesischen Armee, die provisorisch bereits im Januar dieses Jahres vereinbart war, nunmehr perfect geworden. In Kurzem wird Oberst Liebert tn Begleitung einer Anzahl Osfiztere Deutschland verlassen, um nut Genehmigung deS Kaisers die Reorganisation der chinesischen Armee in die Hand zu nehme«.
Berlin, 30. October. Ueber die Verhaftung und die Aussagen deS Raubmörders Bruno Werner wird gemeldet, daß Werner sich bis nach Zellerfeld, wo er bekanntlich verhaftet wurde, meist durch Betteln ernährte. Er habe aber auch in mehreren VerpflegungSstationen Nahrung erhalten. In der Nähe von Quedlinburg fei er nahe daran gewesen, erkannt zu werden. Ein Gendarm habe seinen Steckbrief aus der Tasche geholt und ihm direct gesagt, daß er Werner sei. Er habe aber energisch geleugnet, worauf ihn der Beamte ruhig gehen ließ. Dem Amtsrichter Kölle gegenüber gestand Werner seine Identität mit dem Thäter ein, blieb aber dabet, daß Große der Mörder deS Justizraths Levy sei. Auf die Frage des Amtsrichters, ob er, Werner, seit dem Morde nicht von großer Unruhe geplagt werde, ent' gegnete derselbe: Nein, daS sei nicht der Fall,- er müsse fich selbst über seine Ruhe wundern. DeS Wetteren erzählte Werner, daß er in Gemeinschaft mit Große die Dolche im Grünewald vergraben habe. Ueber die Mordthat sagte der jugendliche Verbrecher aus, ihm sei allerdings die Aufgabe zugefallen, den Justizrath zu tödten, während Große die Frau ermorden sollte. In der Dunkelheit hätten sie aber die Opfer verwechselt und so sei eS gekommen, daß Große den Justizrath niedergestochen habe, während er selbst die Frau verwundete. — Heute Mittag 1 Uhr 14 Minuten wurde Werner in Begleitung zweier Eriminal-Schutzleute von Zellerfeld nach Berlin überführt.
Berlin, 30. October. Einer Blättermeldung gegenüber, wonach bet der in Aussicht stehenden Convertirung der 4proccntigen Reichs-und Staatsanleihe in eine 3l/zprocentige gefetzlich seftgelegt werden soll, daß innerhalb der nächsten acht Jahre eine weitere Herabsetzung des Zinsfußes auf 3 Procent nicht erfolgen dürfe, erfährt die „Staatsbürger- Zeitung" von zuständiger Seite, daß diese Nachricht jeder B gründung entbehre. Eine derartige Verfügung für die Zukunft werde an maßgebender Stelle nicht nur für unthun- llch, sondern auch für überflüssig gehalten.
Biersen, 30. October. Hirrselbst stürzte das Gerüst eines Neubaues ein, als der HauSetgenthümer den Arbeitern eine Erfrischung bringen wollte. Sämmtltche Arbeiter wurden von den Trümmern bedeckt, drei Arbeiter wurden schwer verletzt hervorgezogen.
Dresden, 30. October. Im Ministerial-Gebäude ist heute Nachmittag unter dem Vorsitz des Königs Albert von Sachsen das Schiedsgericht, betreffend die Lippe'fche Thronfolge • Angelegenheit, zusammengetreten. Bis auf Weiteres werden die Verhandlungen nicht bekannt gegeben.
Ziltan, 30. October. Gestern hat hier ein furchtbarer Sturm schweren Schaden verursacht. Mehrere Fabrik'chornsteine in der Umgegend find eingestürzt.
München, 30. October. Vom Militärgericht wurde gestern der Gemeine del königlichen 1. Infanterie.Regiments, Anton Pschorr, welcher am 17. F.bruar l. Js. einen Kameraden mit dem Seitengewehr erstochen hatte, zu fünf Monaten Gefängniß verurtheilt.
LichtevfelS, 30. October. Die Strafkammer des königl. LandgertchtS Bamberg verurtheilte den Brauer Johann PuelS, welcher einen Sud Bier zum Ausschank gebracht hatte, von welchem er wußte, daß eine Ratte in denselben gefallen war, wegen Vergehens gegen daS Lebensmittel Gesetz zu 80 Mk. Geldstrafe.
Ulm, 30. October. Der Bankier Kuno Unrath hat gestern Abend in seiner Wohnung in Neu Ulm Selbstmord begangen. Ec sollte heute wegen mehrfacher Unterschlagung verhaftet werden.
Budapest, 30. October. Bon den bisher bekannten 400 Wahlen fielen den Liberalen 260 Mandate zu.
Rom, 30. October. Heute Morgen li/t Uhr ist an einem Schlaganfall Cardinal Hohenlohe im 74. Lebensjahre gestorben. Der Dahingeschiedene war der einzige Bruder des deutschen Reichskanzlers, nachdem der jüngste Bruder Constantin, Obersthofmarichall des Kaisers von Oesterreich, dem Cardinal im Frühjahr dieses JahreS im Tode voraukgegangen war.
Brüssel, 31. October. Gegen den Socialisten Anseele ! wurde eine neue Untersuchung eingeleitet, weil er Anarchisten । Geld zur Anfertigung von Bomben gegeben haben soll.
Brüssel, 81. October. Einer Bläctermeldung zufolge
reist König Leopold im Laufe des JahreS 1897 nach dem Congostaat.
Loudon, 31. October. In Galveston (Texas) brannte eine große Baumwollpresse mit 4000 Ballen Baumwolle nieder. Der entstandene Schaden ist bedeutend.
Konstantinopel, 31. October. Ueber tausend muselmanische Auswanderer auS Rußland trafen zur Ansiedelung in Kleinafien ein.
WB. Berlin, 31. October. Der Mörder Bruno Werner ist gestern Abend in Berlin eingebracht und nach dem Polizeipräsidium überführt worden, woselbst sofort ein Verhör stattfand.
CocaUs unb ^provinzielles,
Gießen, den 31. October.
** Ruhestandsversetzung. In den Ruhestand versetzt wurde am 23. October der LocomotivsÜhrer bet den Ober- hessischen Eisenbahnen Wilhelm K alberlah in Gießen auf sein Nachsuchen wegen geschwächter Gesundheit, mit Wirkung vom 1. November l. I. an.
•• Schuldienst-Nachrichten. Am 14. October wurde dem SchulamtSaSptranten Georg Blum aus Schwabsburg eine Lehrerftelle an der Gemeindeschule zu Uffhofen, KcetS Alzey, übertragen- — an demselben Tage wurde der Schulamts- aSpirant August Winter aus Momart zum Lehrer an der höheren Bürgerschule zu Groß Grrau, unter Belassung in der Kategorie der Volksschullehrer, ernannt.
•* Erledigte Lehrerstellen. Erledigt find: Eine mit einem evangelischen Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Worfelden, Kreis Groß-Gerau, mit einem jährlichen Gehalte von 900 Mk. Eine mit einem kaihol. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Ruhlkirchen, KreiS Alsfeld, mit einem jährlichen Gehalte von 900 Mk- Mit der Stelle ist Organistendtenst verbunden.
** Milde Stiftungen. Seitens des Groß Herzogs find in den Monaten Juli, August und September l. Js. Schenkungen und Vermächtniffe brstätigi worden, die ins- gesammt die Höhe von 107 439 Mk. erre'chen. Hiervon entfallen auf die katholische Kirche 55,615 Mk., auf die evangelische 11,010 Mk. An israelitische ReligionSgemeiuden kommen 2014 Mk., währund die Stadt- und Landgemeinden 10,800 Mk. erhalten. Hierzu kommt noch das Vermächtnis des L. Braun in Mainz, der seinen Nachlaß der Stadt Mainz vermacht hat. An wohlthätige Anstalten und an die Armen oelangen 18,000 Mk. und die Univerfität Gießen ist mit 10,000 Mk. bedacht.
**H. Stadttheater. Mit einer Novität, einem aus de« Franzöfischen übersetzten Schwank „Die Dragoner- hat die Direction dem unter den Nachwehen der Schliersee'» Abende schwach besetzten Hause gestern aufgewartet. Diese lustige Comödie, gewürzt mit französischem Esprit, P kanterie * unb etwas Frivolität, kann fich nur heimisch fühlen in prüderiesreien, lebenslustigen, den leichten französischen Ton verstehenden Kreisen. Die Handlung dreht fich um ein- quartirte Dragoner, auf dem Landgut der Wittwe Auberive in der Nähe von Paris. Der Capitän Fauchy liebt deren reizende Tochter Clemence, während die heirathslustige Wittwe ihre Augen schmachtend und sehnsüchtig zu LouiS, dem hübschen Burschen des CapitainS, erhebt. Der Bursche verlobt fich auch mit der sich ihm aufdrängenden W ttwe und daS Fräulein Tochter nach einem manoeuvre de force gleichfalls mit dem Capitain. In ergötzlicher Weise ist nun der Widerstreit deS zum Schwiegervater avancirten Burschen mit seinem Vorgesetzten unb nunmehrigen Schwiegersohn gegeben. Inzwischen hat die mit ihrem Mann zu Besuch anwesende Schwägerin, Frau von Solignac, einen von ihrem Gemahl verlorenen Brief gefunden, von einer Tänzerin Sirena herrührend. Die sehr auf Ihre „Grundsätze" haltende Frau glaubt den Brief an ihren Sohn JuleS, der als Dragonerlieutenant gleichfalls anwesend, gerichtet und unterzieht diesen einem Verhör. Dieser ist empört darüber, reist zu der im Briefe unterzeichneten Sirena, wo er darüber aufgeklärt wird, daß dieser Brief schon recht alt und seinen Vater angehe, der mit der gleichnamigen Mutter der Tänzerin früher Beziehungen unterhalten. Die sittenstrenge Frau von Solignac will aber über den Brief fich persönlich erkundigen und reist deshalb nach Paris. Der Sohn, um ihr zuvorzukommen und um Sirena zu bitten, seinen Vater nicht zu compromtttiren, reist auch dorthin. Der eine Liaison mit der Tänzerin unterhaltende Capitain reift, als ihm die Geschichte von JuleS mitgetheilt wird, gleichfalls zu dieser, ihm nach der Bursche, welcher dort die Kammerzofe liebt unb zum Schluß reift auch W ttwe Auberive mit ihrer Tochter, welche bavon Kenntniß erhielten, borthin nach Paris. Im dritten Act schürzt fich der Knoten: Die


