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1.11.1896 Drittes Blatt
 
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Nr. 258 Drittes Blatt. Sonntag den L November

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A<eteuer A«relger krscheint täglich, »U Ausnahme deS Montags.

Die Gießener

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ThaiL.

Bekauvtmachum.

Unter der Schalherde zu Schmalbach, Kr. Wetzlar, ist die « auenseuche amtlich feftgestellt und Weidesperre an- gtordnet worden.

Gießen, den 30. October 1896.

GroßherzogltcheS KreiSamt Gieße«.

_________________I. V.: Dr. Melior.________________

Bekamttmachuug.

9?at einer Mitthetlung des Königl. preußischen LaudrathS- amts W tzlar tft wegen dec im dortigen Kreise herrschenden Maul- und Klauenseuche die Abhaltung deS auf den L. November dsS. IS. in Leun anstehenden viehmarkteS verboten worden.

Gießen, am 30. October 1896. Großherzogliches KreiSamt Gieße«.

I B.: Dr. Melior.

? Ruppertenrod, 30. October. Nicht gerade besonders günstiges Wetter begleitete unseren gestrigen H erbstmar k t. Dlffmungeachtet hatte der Markt eine recht große Aus­dehnung und war gut besucht. Der Viehmarkt war so stark mit Jungschweinen befahren, wie wir uns einer gleich starken Auffahrt nicht erinnern finnen- Er lieferte einen sprechenden Beweis davon, wie ungemein sich die Ferkelzucht vermehrt hat. Trotz des starken Angebots ging doch der Handel bei sehr mäßigen Preisen flott. Bezahlt wurde für daS Paar Ferkel geringster Sorte 12 bis 16 Mk., besserer 20 bis 25 Mk. und bester 25 bis 32 Mk. Läufer waren im Ver- hältniß zu den Ferkeln schwächer vertreten. Sie galten per Paar im Durchschnitt 60 bis 70 Mk. und 70 bis 80 Mk. Bemerkt muß dabei werden, daß diese Läufer zu Einleg schweinen dienen und bald geschlachtet werden können. Der Kcämermarkt war mil BerkaufSständen recht gut besetzt, nurwurde er durch das naßkalte Sudelwetter etwas ungünstig beeinflußt.

n. Friedberg, 28. October. Gestern und heute wurde hier der Herbstpferdemarkt abgehalten. Der Handel auf demselben war sehr lebhaft bei guten Preisen. Von Fohlen waren am meisten begehrt diejenigen von l1/« bis 21/, Jahren. Schöne Thiers in diesem Alter galten bis zu 650 Mk. Nach jüngeren Fohlen war weniger Nachfrage. Doch wurden auch solche gehandelt. Gute jüngere Arbeitspferde waren ebenfalls lebhaft gefragt. Hervorragend schöne und leistungs­fähige Exemplare hiervon wurden mit 1100 Mk. pro Kopf

verkauft. Geringere galten 600 bis 800 Mk. Auch eine Anzahl amerikanische Pferde waren wieder von den Gebrü« dern Leopold aus Nidda aufgetrieben und fanden bei hohen Preisen rasch Abnehmer.

-n- Gettenau, 29. October. Ein löblicher Such« und Sammeleifer fängt noch und nach an, unter der Be­völkerung der hiesigen Gegend Platz zu greisen, wodurch manches Stück, welches unbeachtet geblieben wäre, ans Tage«« licht kommt und für die Wissenschaft erhalten bleibt. ES find nömltch in letzter Zeit nicht blos werthvolle Sachen von den Eisenbahnarbeitern, sondern auch von anderen Personen gefunden worden. In erster Lmie ist es eine sehr hübsche römische Münze mit wohlerhaltenem Bildniß und schöner Umschrift aus dem 2. Jahrhundert nach Ehr. Dieses Stück, sowie noch einige Eisentheile von Waffen wurden von dem Todlengräber auf dem Echzeller Friedhöfe gefunden. Auf dem Friedhöfe und um die Echzeller Kirche, die auf einer kleinen Bodeverhö^ung liegen, waren zweifellos römische An- lagen. Da die Münze einem gelehrten Herrn in Gießen zur Prüfung mitgetheilt wurde, sehen wir von einer ge­naueren Beschreibung ab. Ein anderer Fund wurde tn denBüdrichSwiesen" von einem FeldbereinigungSarbeiter gemacht, nämlich eine 75 Zentimeter lange Kette, die an beiden Enden zwei halbkreisförmige, wulstartige Ringe be­sitzt, an dessen einem ein fingerlanges, zwei Finger dickes Schloß fich befindet, das mit einem Hohlschlüssel geöffnet werden muß. Die Kette ist sehr stark und wiegt zehn bis zwölf Pfund. Sie diente jedenfalls zur Fesselung von Ge­fangenen. An dem Orte, wo fie lag, fanden fich zahlreiche Menschenknochen. Jene Gegend war vor zwlihundert Jahren ein großer Morast, in dem fich nur Wasser- und Sumpf­vögel, Frösche, Kröten und andere Reptilien aufhalten konnten. Der mtt der Kette gefesselte Mensch muß in diesem Moraste vielleicht auf der Flucht Schutz gesucht und sein Leben ein- gebllßt haben, denn freiwillig ging Niemand in jene Gegend, weil fie lebensgefährlich war. Erst in diesem Jahrhundert wurde der Morast nach und nach beseitigt^ sehr sumpfig ist aber die Stelle heute noch.

randwirthschafUiche Winke und Kathschlägr.

Aus vberheffe« in der dritten Octoberwoche 1896.

Landtvtrlhschaftliche Rück«, Um» und Vorschau.

(Schluß.)

Uebcr die diesjährigen Obsterträge dürfen wir nicht mit Stillschweigen hinweggehen. In unserer Provinz sind sie über eine halbe Ernte nicht hinauszegangen. Da8 Steinobst hat fast ganz versagt. Daß die Odstbäume nach den reichen Ernten der früheren Jahre auch einmal ausruhen wollen, kann nicht Wunder nehmen. So viel haben wir jedoch begreifen lernen, daß wir jedes Jahr

Obst ernten können, wenn wir den Bäumen diejenige Pflege an- gedeihen lassen, die erforderlich ist, um neue Früchte hervor zu bringen. Daran fehlt es in vielen Fällen. ES ist schon viel gewonnen, daß unsere Bau rn bereits sagen: ich kann nicht ernten, wo ich nicht ge­sät habe, das gilt von den Säumen gerade so gut, wie von dem Getreide und den Wurzelgewächsen. Wir haben seits sechs Jahren sehr bedeutende Fortschritte in Bezug auf Pflanzen der Obsträume, Auswahl der Sorten, Verwerthurg und V-rp ckung b<8 Dl lief, Herstellung von Dbst- und Beerenweinen, Fruchtsästen und Eon- ferven und ähnlichen Dingen gemacht Rastlos arbeiten die Schulen und Unterrichisanstalten für diesen wichtigen Zweig der Landwirth» schäft. Die Lückn die die heißen Jahrgänge 1893 und 1895 sowie der mörderische Winter 1894 95 geiiffen, werden ausgefüllt. Wenn noch eine Reihe von Jahren in bieftm Sinne weitert gearbeitet robb, dann tritt der Zeitpunkt ein, von dem man tagen darf: der Bauer hat sich durch den Obstbau ein zweites Stcckwerk auf seinem Acker errichtet und das ist wohlgethan.

Was die Viehzucht anbelangi, so strebt man auch in diesem hochwichtigen Zweige der Landwirthschast nach den höchsten Zielen. Ein großer Foitschritt ist das klar oorgesteckte Ziel sowohl in der Ebene wie im Gebirge hinsichtlich der Zucht. Eine wahre Speise­karte von allen möglichen Gattungen und Rassen deS gezüchteten Viehes ist in den Dörfern vorhanden, ein einheitlicher Plan fehlte. Das wird nun anders. Nur was wirklich gut ist und was sich für die betreffende Gegend eignet, soll gezücht t werden. Zunächst handelt es fich um den wichtigen Zweig der Viehzucht: um das Rindvieh bei uns in Oberhessen. Aber auch Pferde-, Schweine und Ziegenzucht finden gebührende Beachtung und in der Geflügel­zucht regt es sich. Der Handel mit Wetterauer Gänsen nach Frankfurt bringt einen ansehnlichen Posten Geld ins Land und viele Familien in der Wetterau ernähren fich durch Geflügelzucht und Geflügeihandel.

Auf dem Gebiete der Bodenvrrbesserung sind alljährlich schöne Fortschritte zu bemerken. Ein äußerst wichtiger Gegenstand ist b*e Verbesserung der Vogelsberger Hutweiden. Man hat Veranlassung gegeben, derartige Weiden in anderen Gegenden zu sehen, die aufgeroinbten Kosten zu erwägen, die großen Vortberlc nach der Erwägung zu prüfen, wodurch der Sinn für btefe Ver­besserungen mächtige Anregung erhielt. An Capital für diese Meliorationen fehlt es nicht und ein fehr geringer Zinsfuß wird dafür in Ansatz gebracht werden. Welcher Segen muß daraus ,r- wachfen, wenn die tausend und aber tausend Morgen von W.-iden im Vogelsberge, die einen mitunter ganz unbtbeutenben ertrag liefern, zur vollen Ertrazsfähigkeit herangeführt sind.

Von Neuern erheben wir unsere Stimme dafür, daß selbst auch der kleinste Bauer sich endlich einmal aufraffen und feine Ein­nahmen und Ausgaben auffchreiben möchte. Schon vor vielen Jahren haben wir dies imGießener Anzeiger^ hervor­gehoben und einen größeren Aufsatz über den Segen und die Dor- thelle der Buchführung gebracht. In diesem wichtigen Zweige deS landwirthschaftltchen Betriebes herrscht noch eine betrübende Dämmer­ung und es will gar nicht Tag werden. Mit Recht zeigte dieses Blatt kürzlich auf denFall Sommer" hin, der uns mit Über- wäliigender Bestimmtheit zeigt, daß die nachläfstgen Bauern, die nichts aufschreiben, den größten Gefahren ausgrsetzt sind. In den fiebenziger Jahren hatte der Einsender Gelegenheit, ähnliche Be­obachtungen im Odenwalde zn machen. Ein ganzes Thal war von den sogen. Chilffcrn (chilluph kessaw heißt Wechsel, Tiatte) über­schwemmt, die die Bauern bis auf den letzten Heller auSpreßten. Die Aussaugung gelang bei solchen, die nichts aufschrieben, am voll

FerrMetsn.

Wochtndriesr aus der Residenz.

(Originalbericht de«Gießener Anzeigers").

Z. Darmstadt, 29. October.

Bora Hofe. Heimen de« Hessischen Reitervereins. Theater.

RegeS Leben herrschte in der abgelaufenen Berichtswoche am Großherzoglichen Hofe. Wenn auch von größeren Feierlichkeiten Abstand genommen wurde während der An­wesenheit der russischen Herrschaften, so war doch für kleinere, namentlich Im Kreise der landesherrlichen Familie fich ab- spielende Veranstaltungen reichlich gesorgt worden. Für mehrere Abende hatte Hofcapellmeister W. de Haan Befehl, im Neuen Palais Elavier zu spielen, dann ließen sich die Allerhöchsten Herrschaften in einer Separatvorstellung den Edison'schen Ktnrmatograph, der foeben im Städtischen Saal« bau gezeigt wird, vorführen und erklären, ferner besuchten die Fürstlichkeiten wiederholt die Ausgrabungen, die auf Be­fehl unseres Landesherrn unter Leitung des als AlterthumS- forscher bekannten HofrathS Kofler beim Forsthaus Kober­stadt in der Nähe von Messel auSgrführt werden. Eine am vergangenen Dienstag veranstaltete Hoftafel vereinigte die hier und in der Umgegend wohnenden hessischen standes- herrlichen Familien mit den Mitgliedern der Grobherzoglichen Hofhaltung. Nebenbei wurden täglich Ausflüge in die Um« gegend der Stadt gemacht, so nach dem reizend gelegenen Schlosse Seeheim an der Bergstraße u. s. w., auch den Offizieren des Infanterie (Letbgarde-)RegimentS statteten der Kar, der Großfürst SergiuS und der Großhrrzog Ernst Ludwig einen Besuch im Casino ab. Die hohen Herrschaften vvurden an dem mit plächttgen Teppichen gezierten Eingänge som RegimentScommandeur Oberst v. Scholten empfangen und von ihm in den schön decorirten Spetsefaal geleitet, wo

die Vorstellung deö Offiziercorps erfolgte. Auch der DivlfionS- commandeur der hessischen Division, Generalmajor v. Müller, war zugegen. Die Fürsten unterhielten fich längere Zeit mtt verschiedenen Offizieren und nahmen eine Erfrischung ein. Herr Oberst v. Scholten brachte ein Hoch auf den Kaiser Nikolaus aus, das jener mit einem Hoch auf daS Regiment erwiderte. Die Anwesenheit der Herrschaften dauerte etwa eine Stunde. Endlich sah unsere Stadt in vergangener Woche noch hohen fürstlichen Besuch in ihren Mauern: Ihre Majestät die Kaiserin Friedrich verweilte am vergangenen Freitag und der hohe Schwiegervater des Großherzogs am letzten Mittwoch mehrere Stunden am hie« figen Hofe. Heute Morgen find nun die ruffifchen Herr­schaften abgereift, nicht ohne vorher noch eine große Anzahl von Orden und Geschenken der verschiedensten Art ausgetheilt zu haben.

W?ntg vom Wetter begünstigt fand am letzten Sonntag Nachmittag das Herb st me eting des hessi chen Reiter- vereinS statt. Man hatte den Weiterstädter Exercierplotz zum Rennplatz ausersehen, denn seitdem auf dem Rasen am Krantchstetner Wildpark daS Unglück Pasfirte, daß ein Retter sich beim Passiren der Allee lebensgefährlich verletzte, wird jene, allerdings schöner gelegene und abwechslungsreicher ge- staltete Bahn nicht mehr benutzt. Ihre Kgl. Hoheiten der Großhrrzog und die Großherzogin, sowie Ihre K. H. die Großfürstin SergtuS wohnten der ohne den geringsten Unfall verlaufenen Veranstaltung in einem für sie besonders errich­teten Pavillon bet. Ein zahlreiches, namentlich den ersten Kreisen der Residenz angehörendes Publikum, hatte fich ein- gefunden. DaS russische Kaiserpaar, desse Anwesenheit er­wartet wurde, war am Erscheinen verhindert, indessen schickte der Zar als Vertreter den G-neral-Adjutant von Richter, der tm Allerhöchsten Auftrage eine prächtige Onyx-Schale in Etuis als Ehrenpreis überreichte, Herr Lieutenant v. Gern« mtngen (Drag.»Rgt. Nr. 23) hatte daS Glück, dieselbe zu er«

ringen. Geritten wurden im Ganzen vier Rennen, die alle gut besetzte Felder aufwiesen und namentlich von Osfizieretr der hiesigen Garnison bestritten wurden. Den Siegern ward die Ehre zu Theil, ihre Preise auS den Händen I. K. H. der Großherzogin zu empfangen.

Eine an künstlerischen und materiellen Erfolgen sehr reiche Woche war die vergangene für daS Großherzog l. Hoftheater. Der vergangene Sonntag brachte Rich. Wag­nersTannhäuser" mit Frl. Milka Ternnia auS München alsElisabeth" eine Glanzleistung allerersten Ranges! ES wäre Unrecht, auch nur eine Seite der großartigen Dar­bietung hervorzuheben, well dadurch andere zu kurz kämen, daS Ganze trug so durchaus den Stempel höchster Vollen­dung, der schauspielerische, wie der gesangliche Theil der Auf- gäbe wurde so einheitlich und harmonisch gelöst, daß jeder Tadel verstummen mußte und rückhaltloses Lob zu spenden war. Am vergangenen Dienstag kam dann Goldmark­langerwartete OperDaS Heimchen am Herde" zur erstmaligen hiesigen Aufführung. Ueberraschend geradezu ist deS Componisten Fortschritt in diesem Werke, seit seiner letzten OperMerlin". Auf dem Gebiete, daS er hier betreten hat, scheint seine hervorragende Begabung zu liegen. Mögen auch die Melodien hie und da nicht originell erfunden fein, die Art und Weise, wie Fremdes mit Eigenem verbunden und verarbeitet wird, die ganze Atmosphäre, die über dem Werke liegt, und der köstliche Humor, der aus demselben spricht, macht eS zu einer der besten Erzeugnisse auf diesem Gebiete in den letzten Jahren. Auch daS Libretto verdient mit An- erkennung erwähnt zu werden. Der Verfasser, A. M. Willner, hat den Stoff Dickens entlehnt und für seinen Zweck mit Geschick frei behandelt. Die Oper fand eine glänzende In- scenirurg und eine vorzügliche Wiedergabe, um die fich namentlich die Herren Weber, Bucar, Rtchmann und die Damen Pfeiffer-Rißmaun und Permh verdient machten.