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nr 277
Der et*»« Z»»etgtt erscheint täglich, Wtt Ausnahme des Montags.
vir Gießener |le*i(t<alCÄlhr amten dem Anzeiger »schentlich dreimal deigelegt.
Zweites Blatt. Sonntag den ^4. November ___________
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♦ Löwenburg. 20. November. Im nahen GterSdorf entstand in dem Hause der 80 Jahre alten Wttlwe Rosina Döring Feuer, wobei die Besitzerin verbrannte. Nach Aeußeruugen, welche die alte Frau kurz vorher gethan, hat sie selbst ihr Haus angezündet und sich freiwillig den Flammen überliefert.
• Im Walde bei Pose» ist der Wilderer Szczechow.Ski, der zuerst Feuer gab, von dem Fabrikbesitzer Wolff erschossen worden.
• Der Verein zur Verbreitung von Volksbildung entwickelt im Stillen durch Vertheilung guter Schriften und Zeitungen eine sehr dankenSwerthe Thätigkeit. Wenn man bedenkt, mit welcher Rührigkeit die auf den Umsturz unserer bestehenden Ordnung hinarbeitenden Kreise daS gedruckte Wort unter daS Publikum bringen und besonders die urthetlS« lose« breiten Schichten mit ihrer Schandlitteratur vergiften, so ist eß sehr erfreulich, aber auch die höchste Zett, daß von Seiten der Gutgesinnten dieser Richtung der Propaganda «ehr Aufmerksamkeit zugewendet wird. Hier ist aber daS glaisser aller* besonders vom Uebel. Neuerdings machen sich erfreuliche Anzeichen einer Aenderung in der Weise geltend, daß die Großindustriellen und andere Arbeitgeber mit großer Arbeiterschaft immer mehr die unentgeltliche Verbreitung guter Lcciüre unter ihren Arbeitern sich angelegen sei« laffen. Dieses Vorgehen ist mit Freude zu begrüßen, weil eß das Uebel an der Wurzel anfaßt. ES gicbt genug billige Bücher und Zeitschriften sehr reichhaltigen und belehrenden Inhalt-, die, weil sie die alltägl'chen Bedürfniffe des Volkes, namentlich die Erhaltung der Gesundheit u. ä. behandeln, sicherlich geeignet sind, das Jntereffe deS kleinen Mannes auzaregen. Einmal in seinen Gesichtskreis gebracht, werden sie sich zweifellos den Platz derjenigen Lectüre erobern, deren Einbürgerung man leider in bedauerlicher Verkennung der Verhältniffe so lange unthätig zugeiehcn hat.
Gesunbh. Corr.
• Ehrenzeichen für treue Pflichterfüllung. Im Groß- her zogt hum Baden ist durch landesherrliche Verordnung ein Ehrenzeichen für treue Pflichterfüllung gestiftet worden, dnS an Arbeiter und männliche Dieustboteu verliehen wird
uud von den Inhabern getragen werden darf. Das Ehrenzeichen ist besonders für solche bestimmt, die eine lange Reihe von Jahren in demselben Arbeits- und Dtenstverhältniß gestanden haben, unbescholten find und pflichttreue Gesinnung gegen den Landesherr« und daß Vaterland bewährt haben. Im Königreich Sachsen wird ein solches Ehrenzeichen schon längerer Zeit verliehen.
• eine telephonische Tracht Prügel. Fräulein Emma ist in einem großen Wiener C o nfecrionShause bedienstet, und erwirbt sich redlich, was sie für sich und ihre alte Mutter braucht. Die auffallende Schönheit der jungen Dam- bringt es freilich mit sich, daß sie zuweilen recht ungebetene Verehrer findet. Ein Galant hat sie neulich mit besonderer Kühnheit verfolgt, und sich hierbei eine derbe Zurechtweisung gefallen laffen müssen, denn Fräulein Emma versteht in solchen Dingen keinen Spaß. Seitdem empfing das Mädchen fast täglich einen merkwürdigen Morgengruß. Daß ConfectionShauS X besitzt, wie jedes größere Geschäft, ein Telephon. Jeden Morgen ward nun Fräulein Emma zum Telephon gerufen —, allein statt deS erwarteten Auftrages einer Kundschaft bekam das Fräulein beim Telephon eine Auslese von nichtsnutzigen Schmähungen zu hören. Das war die Rache deS Galants, der auf diese hinterlistige Art sich den Morgenkaffee versüßte. Dem Fräulein Emma ward dadurch natürlich ebenso sehr die Stimmung vergällt, daß arme Mädchen verließ jedesmal nach einem solchen telephonischen Wolkenbruch schluchzend und vor Aufregung zitternd die Zelle, und wußte sich gegen den tückischen Angreifer gar nicht zu helfen. Da kam dem Chef der Firma, an den sich daS Fräulein klagend gewendet hatte, ein famoser E'nfall. Als wieder einmal die verdächtig gewordene Männerstimme am Telephon nach dem Fräulem Emma rief, wurde dem Rufenden bedeutet, Fräulein Emma sei nicht im Geschäfte, der Herr möge in einer Viertelstunde w eder anfiagen. Dann erkundigte man sich rasch bet der Centrale noch der Nummer des Anrufers- die Antwort lautete: Casv U Nun sprang der Chef deS Hauses in Begleitung eines handftften Mannes in einen berittstehenden Wagen, und fuhr im Eilttmpo ins Cafv A. Die Beiden kamen gerade recht, als das bewußte Herrchen in die Falle, d. h. noch einmal zum Telephon ging. In der Telephonzelle deS Lase A. wurden an jenem Tage
ganz merkwürdig klatschende Töne vernommen, die nur durch elektrische Schwingungen der GesichtSmcmbrane entstände« sein konnten. Leider war die telepdonische Verbindung zwischen dem Cafe Y und dem ConfectionShause 3E noch nicht hergestellt, sodaß Fräulein Emma diesen oenstischen Ber- geltungßproeeß nicht mit anhören konnte sondern erst später von der vollzogenen Genugthnung erfuhr. Der im telephonischen Wege durchgebläute Galant soll seither auf die Erfindung deS Telephons sehr schlecht zu sprechen sein- Fräulein Emma aber ist nicht ganz zufrieden. DaS Fraulcia hätte gewünscht, sich an dem Strafacte eigenhändig bethei- ligen zu können.
» eine riesige Schiffsladung brachte der, der „White Star"-Linie gehörige „Georgic", welcher vor Kurzem, vo» Nrw York kommend, in die Mersey Bucht von Liverpool ein- lief. Der Binnenländer macht sich schwerlich einen Begriff davon, welche enormen Mengen der verschiedensten Güter der Rumpf eines solchen modernen ColoffeS aufzunehme« vermag. Die Schiffspapiere weisen die folgenden Poste« auf: 750 Stück Rindvieh, 9000 Schafe, 3000 Rindsviertcl, 136,000 BushelS Weizen, 90,000 Busbels Roggen, 550 Valle« Baumwolle, 2000 SackMehl, 1800 Sack Oelkuchen, 35,000 Ge- säße mit gepökeltem Schweinefleisch, 300 Fäffer und Büchse« Proviant, 9000 Pack Speck, 3500 Faß Harz, 700 Faß Traubenzucker, 1000 Gefäße mit Büchsenfleisch, 300 Pack Seife, 400 Faß Wachs, 300 Faß Rmderexlract, 1000 Faß Schmieröl, 100 TonS Nutzholz, 3000 Pack essigsauren Kalk, 150 Faß Zinkoxyd und 10,000 Böt.cherwaareu! Diese enorme Ladung wird allerdings als die größte bezeichnet, bte den New-Yorker Hafen je verlaffen hat._________________
Literatur und Knnftc
— Die uns vo> liegende Nr. 21 des „«entral«tt»etger für Eleetrotechnik", Fachzeitschrift für das gelammte Elecuicnälswesen, R.ductlo»: Ingenieur Jos. Krämer, Docent für Elektrotechnik m Be'ltn, Verlag: A. Th. Engelhardt in Leipzig, Preis vie-teijährlich 1 Mk., hat folgenden Inhalt: Die Beleuchtung des neuen ReichstagS- ge^äudes in Berlin. E>n belastet anlaufender Wechselsti ommotor. Ueber elrctrtsche Locomotiven und Fernbahnen. Dampfkeffel-Exploflo« bei Redcar in England. Kleine Mtttde lunger. Finanzielles. Geschäftsberichte. Schulnachiichten. Patent Liste. Literatur. Brieskastea der Redaction. Mathematik.
Feuilleton.
Unaufmerksamkeit und Schwerhörigkeit der Schulkinder.
Von Dr. Hans Fröhlich.
(Nachdruck verboten.)
Anfang der 80er Jahre machten Aerzte tn Zeitschriften und polit schen Zeitungen wiederholt daraus aufmerksam, daß oiele Schulkinder ungerechter Welse alS „schlecht begabt" vernachlässigt oder alS zerstreut und unaufmerksam getadelt und bestraft würden, während sie in Wirklichkeit schwerhörig »ären. Seitdem hat man immer wieder Untersuchung» n yierüber angestellt und nun ganz unanfechtbar bewiesen, daß die Schwerhörigkeit im schulpflichtigen Atter sehr verbreltet ist und — waß höchst wichtig — daß sie die geistige Ent- «ickelung der Kinder und den Fortschritt tn der Schule bedeutend beeinträchtigt. Dr. von Reichard in Riga stellte in 1055 Schulkindern Hörprüfungen an, welche ergaben, daß fast der vierte Thetl derselben schlecht hörte. Neben den Kinderkrankheiten beschuldigte er Unreintichkeit und Er- kältungen als die häufigsten Ursachen. Dr. Weil in Statt- gart untersuchte 5905 Schulkinder mittelst Flüstersprache und Ohrspiegel. Infolge von Nachlässigkeit und Unreinlichkeit hatten von den Knaben 11 Procent und von den Mädchen 15 Procent Ohrenschmalzpf öpfe und waren nur deßhalb schwerhörig. Von 1918 Gymnasiasten und VolkS'chülern aller Altersklassen, die Dr. Bezold in München untersuchte, besaß mehr alS der vierte Thetl höchstens ein Drittel der normalen Gehörschärfe. Bezüglich deS En fluffes der Schwer- HSrtgkeit auf die Fortschri'te der Kmder tn der Schule stellte rr fest, daß der burchschnittltche Klaffenplatz der Kinder um s, weiter nach unten log, je schwerhöriger sie waren. Zur besseren Vergleichung nahm er die Schülerzahl der Klaffen zu je 100 an, so daß der mittlere Durchschnittsplatz für die ganze Schule durch die Zahl 60 ausgedrückt ist. Dann ergaben sich folgende Resultate: Die auf 8 bis 4 Meter hirenden hatten den DurchschntttSpiatz 54 statt 50, die auf 4 bis 2 Meter Hörenden hatten den Durchschnittsplatz 64 statt 60, und die nur auf 2 und weniger Meier Hörenden mite« den Durchschnittsplatz 68 statt 60. Diese Zahlen -e-weiser, also deutlich, daß nicht nur überhaupt eine Beein-
floffung der Fortschritte stattgefunden hat, sondern daß sogar eine genau dem Grade der vorhandenen Schwerhörigkeit ent sprechende Steigerung dieses EinflusftS vorhanden ist. Schon tn der ersten oben dargesttlltcn Gruppe von Schwerhörigen spricht sich d,eß aus, obgleich diese zum Thetl nur einen io geringen Gekördefect anfwetsen, daß er im gewöhnlichen Verkehr gar nicht in Betracht gezogen wird und den meisten Betroffenen selbst, sowie deren Angehörigen verborgen bleibt. ES ist also der zahlenmäßige NachwerS geliefert, daß die geistige Entwickelung des Schülers eine dem Grad ferner Hörverminderung entsprechende Beeinträchtigung erfährt, während der Lehrer, weil er dies Leiden meist nicht kennt, daß arme Kind für faul und unaufmerksam hält. Der amerikanische Ohrenarzt Dr. S. Sexton fand 13 Procent Kinder mit stark geschwächtem Hörvermögen, aber nur in einem einzigen Falle war dem Lehrer etwas davon bekannt- unter den Kindern selbst kannten nur 19 von 76 ihren eigenen Gehörfehler.
Die neuesten Untersuchungen hierüber stammen vom Kreißphysikuß Dr. Richter in Groß - Wartenberg. Von 700 Schulkindern hatten über 12 Procent geschwächtes Gehör vermögen und 16 Procent waren ganz schwerhörig. Als Durchschnittsplatz ergab sich, nach der Methode von Dr. Bezold berechnet, der 65. bis 66. Platz, so daß also auch diese Schwerhörigen stets zu den schlechtesten Schülern ihrer Klaffe gehören. Nur 12 Kinder wußten von ihrem eigenen Gebrechen und nur 7 waren auch ihren Lehrern als schwerhörend bekannt. Bei allen übrigen Kindern ahnten die Lehrer nichts von einer Schwerhörigkeit und konnten sie demnach beim Unterricht auch nicht berückfichiigen, sondern hielten die Schüler für unaufmerksam und leicht zerstreut. Häufig sagten die Lehrer, sie hätten wohl die Empfindung gehabt, daß etwas mit den Kindern „nicht richtig" sei, aber sie wären nicht darauf verfallen, daß die Kinder schwerhörig sein könnten, da dieselben, einmal energisch aufgerüttelt, daun dem Unterricht wieder gut zu folgen vermocht hätten. Natürlich! So lange nämlich aus großer Angst die Aufmerksamkeit mit aller Energie zuiammengenommen wurde und die Schüler vom Munde des Lehrers abzulesrn suchten, waS sie nicht mit den Obren vernehmen konnten.
Keineswegs darf man aber etwa die Schule für die häufige Schwerhörigkeit verantwortlich machen. Im Gegen
thetl pflegen in den oberen Klaffen weniger Ohrenleidende zu fein als in den unteren. Diese auffällige Thatsache mag verschiedene Gründe haben. Da ohrenkranke Kinder oft auch sonst körperlich schwächlich und leidend sind, so wird wohl ein Thetl derselben noch im Schalalter irgend einer Erkrankung zum Opfer fallen und ein anderer Thetl wird, wenn daS Gehö. leiden sich verschlimmert, auS der Schule genommen. Daher in den höheren Klaffen die Abnahme in der Zahl bet Gehörschwachen.
Wie kommt nun aber die Schwerhörigkeit bet den Kinder« zu Stande? Die häufigsten Ursachen derselben find, wie die Untersuchungen ergeben haben, Unreinlichkeit, Erkältungen und ansteckende Krankheiten und zwar hauptsächlich dann, wen« diese Schädlichkeiten schwächliche, widerstandSunsähige, mit E bkrankheiten behaftete oder in der Entwickelung gehemmte Kinder treffen. Von den durch Dr. Richter untersuchte« 155 Gehörschwachen waren 48 allein durch Ohrenschmalz- pfröpfe in ihrem Gehörvermögen geschädigt. DieS ist jedenfalls ein höchst trauriges Zeichen für die Reinlichkeit der Kinder und — der Eltern! Wie ist daß überhaupt möglich? Betrachten wir einmal die morgtudliche „Katzenwäsche" der meisten Schulkinder. Da wird daß Kind, wenn eß höchste Zeit zur Schule ist, schnell aus dem Bette gejagt, spült fich dann, namentlich im Winter, mit dem kalten Wasser flüchtig den sichtbaren Schmutz von Geficht und Händen ab, während die „Mutter" den Kaffee kocht oder die „Frau Mama" ruhig im Bette liegen bleibt. An gründliches Reinigen der Obre« wird dabei ebenso wenig gedacht wie z. B. an Zähncputze«. Und gerade bei einem so zart und fein gebauten Organ, wie dem menschlichen Ohr, ist die größte Sauberkeit nöthig. Auch möge man zum Schutze deffelden gegen Erkältungen die jüngeren und schwächlichen Schulkinder bei sehr kalter und naffer Witterung Ohrenklappen tragen laffen. Merken aber die Eltern irgendwie, wenn auch nur zeitweise, eine Unaufmerksamkeit oder ein Ueberhören von Worten bei den Kindern, so müffen sie möglichst bald einen Arzt zu Rathe ziehe«. Zu Hauß wird bekanntlich so oft daß „Wie- und Wasfragen" als Unart gerügt, während tn Wirklichkeit vielfach nur schlechtes Gehör die Schuld trägt. Manches Unrecht gege« die armen, unschuldigen Kindlein würde durch rechtzeitige ärztliche Behandlung vermieden werden.


