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15.1.1895 Erstes Blatt
 
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Der -leßener -«»elger «rschkint täglich, mit Ausnahme des AonlagS.

Die Gießener A>a«itie«dtälter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal deigelegt.

Erstes Blatt. Dienstag dm 15. Januar

Weßener Anzeiger

Generat-Mnzeiger.

1895

Vierteljähriger Aöonuementspreis: 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Pfg.

Redaktion, Expeditio« und Druckerei:

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Zlints- nnd Anzeigeblatt für den Kreis Gietzen.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bi- Norm. 10 Uhr.

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Alle Annoncen-Bureaux des In- und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

2lmtHd?er Theil.

Bekanntmachung,

betreffend die Mathildenftiftung für Oberhessen.

Nach dem Voranschlag der Mathildenftiftung für Ober­hessen sind für das Jahr 1895 etwa 1150 Mk. vorhanden, welche zu wohlthätigen Zwecken verwendet und womit in erfter Linie die in der Provinz bestehenden Kleinkinderschulen bedacht werden sollen.

Es werden hiernach die Vorstände solcher Schulen, für welche eine Subvention gewünscht wird, aufgefordert, ihre ' desfallsjgen Gesuche, mit welchen eine möglichst ausführliche , Mittbeilung über Ausdehnung, Mittel und Bedürfnisse der ; betreffenden Anstalt zu verbinden ist, bis zum 10. Februar l. Js. an den unterzeichneten Vorstand der Stiftung ge- ! langen zu laffen.

Gießen, den 12. Januar 1895.

Der Vorstand der Mathildenftiftung für Oberheffen. v. Gagern, Provinzmi-Director.

Deutsches Reich.

Berlin, 12. Januar. In der heutigen Reichstagssitzung erregte es Aussehen, daß der Reichskanzler kurz nach bem Eintritt in den Sitzungssaal den Reichstagsabgeordneten Grafen Herbert Bismarck zu sich bat und sich mit ihm längere Zeit unterhielt. Auch die Minister v. Köller und Bronsart v. Schellendorf halten mit dem Grafen Herbert eine lebhafte Unterhaltung. In parlamentarischen Kreisen ! verlautet, der Graf werde baldigst wieder in den Staatsdienst eiatreten. In politischen Kreisen wird der auffällige Umstand cowmentirt, daß Minister v. Bötticher nicht i in die Reichstagsdebatte eingriff. Man glaubt allgemein, daß sein Rücktritt bevorstehe. Wie verlautet, wird daS : diesjährige Botschaftsdiner am Dienstag den 15. Januar ! Abends im hiesigen Königlichen Schlöffe stanfinden. Bei der in den letzten Tagcn erfolgten ersten Lesung des Tabak- I steuer-Gesctz n wurfß in den Ausschüffen deS Bundesratbs I

find einige Punkte offen gehalten worden. Sie werden ihre j Erledigung erst in der zweiten Lesung finden. ES wird an­genommen, daß fich das Plenum des BuodesrathS noch in der nächsten Woche mit der Vorlage beschäftigen und sie zur Erledigung bringen wird. In der Budget-Commission des Reichstags wurde nach längerer Debatte folgender Antrag deS Abg. Dr. Schädler mit großer Mehrheit angenommen 1) die Commandantenstellen in Frankfurt a. M. alskünftig wegfallend" zu bezeichnen, 2) die Stelle in Rastatt wieder einzustellen mit dem Vermerkkünftig wegsallend", 3) in Hannover zu streichen, 4) die Stelle in Altona ebenfalls zu streichen, 5) bei den Stellen in Frankfurt, Rostock und Altona im Dispositiv des Etats zu bemerken:Das Bureaugeld einschließlich Schreibzulage von 900 Mark wird nach dem künftigen Wegfall der Stelle, bet Altona bereits jetzt, für die Wahrnehmung der Geschäfte weitergezahlt.

Berlin, 12. Januar. Im Reichstage ging heute das Gerücht, daß Staatssecretär v. Marschall in aller­nächster Zett als Nachfolger des Grafen Hatzfeldt, welcher neuerdings erkrankt ist und von seinem Posten zurücktreten soll, nach London gehen wird. Der Prediger D. Lisco in Rummelsburg ist wegen seiner mit der Kirchenbehörde nicht übereinstimmenden Ueberzeugung über die Agende auf seinen Antrag vom Amte suspendirt und in DtScipltnar- Untersuchung gezogen worden.

Berlin, 12. Januar. Von den verhafteten Ober­feuerwerkern sind heute Mittag dreizehn Mann, welche in einem besonderen Wagen des Schnellzuges von Magdeburg ankamen, in das Festungsgefängniß zu Spandau eingeliefert worden. Zwölf Oberfeuerwerkern waren die Treffen abge­schnitten, nur einer befand fich noch im Besitze derselben. Die ReichStagSbaucommtssion ist nunmehr osfictell etnberusen worden, um in der Frage der Anbringung der Inschrift:Dem deutschen Volke" an der Vorderfront des neuen ReichßtagShauses die Entscheidung zu treffen.

Berlin, 12. Januar. Ein zweiter Besuch des Kaisers beim FürstenBismarck gilt als bevorstehend- man vermuthet, daß derselbe im März und zwar in Schloß Schönhausen, stattfinden werde. Als Vorbereitung auf dieses

erwartete Ereigniß betrachtet man vielfach die am Freitag stattgefundene Reise des kaiserlichen Flügeladjutanten Grasen Moltke nach Frtedrichsruh, deren äußerlichen Zweck die Ueber- brtngung eines prachtvollen Arrangements lebender Blumen im Auftrage des Kaisers an den Fürsten Bismarck bildete. Zu Weihnachten hatte der Kaiser dem Fürsten einen herr­lichen GlaSpokal mit starkem Goldreifen übersandt.

Major Leutwein, der Besieger des rebellischen Hottentotten-Häuptlings Hendrick Witboi, ist definitiv zum Eommandanten der deutschen Schutztruppe in Südwe st-Afrika an Stelle des Majors v. FrantzviS ernannt worden.

Berlin, 12. Januar. DerSocialist" ist heute Abend nochmals in einer einseitigen Nummer erschienen und nennt fichOrgan deutscher Anarchisten". Das Blatt enthält nur einen Artikel, der die Ueberschrift trägt:Noch weiter haben wir's gebracht!" und mit den Woiten schließt: Der anarchistischeSocialist" ist tobt! Es lebe der an­archistische Socialtsmus!" Der besagte Artikel, der fich mit den Maßnahmen des Staatsanwalts Benedix beschäftigt, gibt zu verstehen, daß derSocialist" weiterhin im Auslande erscheinen werde. Es heißt darin wörtlich:Deshalbbrechen wir unsere Hütten in Deutschland für diesmal ab. Wir erwarten aber von den Genoffen des Auslandes, daß sie etwas von unserem Häuserbau gelernt haben."

Halle, 12. Januar. Der Landtag ber Provinz Sachs en ist aus ben 29. b. Mts. zu einer auherorbentlichen Tagung einberufen, um, wie bieHaüeiche Zeitung" melbet, über bie Errtchiung einer LanbwinhschaftSkammer für bie Provinz Sachsen zu berathen.

Erfurt, 12. Januar. Das Project ber Erbauung einer Bahn quer burch ben Harz von Nordhausen nach Wernigerobe ist durch bie Betheiligung großer Banken gesichert. Mit Beginn des Frühjahrs bürfte die Ausführung der Bahn erfolgen.

Hamburg, 12. Januar. DerHamburgische Corresp." kann bie Nachricht, baß Fürst Bismarck seinen achtzigsten Geburtstag möglicherweise in Varzm feiern würbe, als burchaus irrig bezeichnen. Der Fürst habe noch vor Kurzem

Feuilleton.

frankfurter Theaterbrief.

(Originalbertcht für denGießener Anzeiger".)

(Nachdruck verboten.)

GoethesWerther" als Oper.

Dr. II. Was I. Maffenet in dem lyrischen Drama .Werther" in Musik gesetzt hat, das ist die Geschichte einer unglücklichen Liebe, das leidvolle Geschick eines empfindsamen Heizens, das an dieser Neigung zu Grunde geht. WaS der Kranzoie aber nicht geben konnte und überhaupt jede dramatische Behandlung deS Stoffes schuldig bleiben muß: das ist die jpec fische Wertherstimmung, bie für uns gleichbedeutend mit einer verflossenen Periode deutschen Gemüthsledens. Werther ist nicht bloß ein unglücklich Liebender, er ist der Repräsen- tant der Sentimentalität deö 18. Jahrhunderts und will iilS einem gewißen Culturzusammenhange heraus begriffen treiben.

Goethes Roman ist eine psychologische Stubie von un- tndlicher Feinheit unb Tiefe. Es ist ganz unmöglich, baß haß, waS eben an ihr daß Characteristische unb Bestimmende ist, in theatralisches Leben umgefetzt werden kann. Die außer- »rdenllich feinen Uebergänge, das allmähliche Werden unb Lachsen ber tobtbringenben Neigung, die erst nach und nach wf ben Punkt geräth, wo sich dem beklommenen Herzen ber kusschrei entwindet:Meine Augen sinb trocken unb meine Sinne, die nicht mehr von erquickenden Thränen gelabt werben, ziehen ängstlich meine Stirn zusammen. Ich leide riel, denn ich habe verloren, was meines Lebens einzige Lonne war: die heilige, belebende Kraft, mit der ich Welten im mich schuf- sie ist dahin . . ." alle solche Stimmungen Nb Reflexionen entziehen sich den Ausdrucksmitteln ber bühne. Am ehesten könnte fich die absolute Mufik dieser Innenwelt bemächtigen. Und so ist es denn auch das Vor­spiel mit seinem träumerisch - elegischen Adagiocharacter, Kelches in der Maffenet'schen Oper bem Hörer zuerst bie «gemhümliche Wertherstimmung vermittelt.

Zu Den großen poetischen Schönheiten des Romans ge­hört u. a. das tief shmbolifche Eingreifen ber Natur in bie Aekesphasen des Helden. Wir sehen, wie fich bie Geschichte »erläuft vom grünen Frühling bis zum weißen Winter, wie Aerthers Herz in Liebe aufblüht, reift, herbstlich welkt und Mich vom Baume deS Lebens abfällt. Da kann kein

DecorationSpinfel milkommen. Unb so schön auch bie Winter- lanbschaft ist, das Bild der Stadt Wetzlar, in der Christ­nacht aus ber Vogelperspective gesehen, welches zusammen mit einem instrumentalen Zwischenspiel zur letz'en Scene überleitet es bleibt boch immer Theatermalerei. Die große Schwierigkeit, welche vor Allem darin lag, den Inhalt des Werthertagebuchs, diese wechselnden Stimmungen, die ber Liebende nur fich selbst und dem verschwiegenen Freunde der- : traut, in Monologe und Dialoge zu verthetlen, ist übrigens so glücklich gelöst worden, als es der Natur der Sache nach irgend möglich war. Dramatische Steigerungen konnten die Textdichter Ed. Blau, Paul Mllliet und Georges Hartmann, die sich ja im Schweiße ihres Angesichts abgemüht haben, das Original thunlichst wenig zu entstellen, allerdings nicht herbeizaubern, und ihr Fehlen ist es hauptsächlich, was bie Actschlüffe so mott erscheinen ließ unb auch im Frankfurter Opernhaufe ben Beifall mehr als nothwenbig war dar- > niederhielt.

E.ne gewisse Monotonie der Vorgänge war eben nicht ! zu umgehen. Die musikalische Eifindungßkraft, die aber für alle ©eenen bis zum Ende vorhält und namentlich am Schluß ' einen Strom reicher, Sinn und Gemüth gleich entzückender Melodien daherfluthen läßt, schafft hierfür einen Ausgleich. Es ist nichts Gestückeltes, Gequältes ober künstlich An- empfunbenes in dieser Werthermusik- sie schöpft aus dem tiefen Born ächten Gefühls unb sagt uns, daß der Componist vornemlich der Mann ist, jenen zarten, weichen, träumerischen Empfindungen Töne zu leihen, bie etwas Knospenhaftes, Frühlingsartiges an sich tragen. Wie Flieber- unb Mai- blumenbuft steigt es aus diesen Melodien auf! Im Ver­gleich zu dem viel heißeren und sinnenfälltgeren Gounod nimmt Maffenet sich in seiner Tonsprache aus wie der i Lenz zum Sommer.

Zu ben musikalischen Höhepunkten rechne ich entschieben . die Scene bes dritten Actes, in welcher Werther mit Lotten bie Ossianlecture wieber aufnimmt unb in den Vortrag der J düsteren nordischen Poesie sein eigenes Weh legt. Die ernste Skaldensprache ist textlich nun zwar, und dies besonders durch den Endreim, bedenklich auf ein alltägliches Niveau herab­gestimmt worden, aber wenn sich von ben Lippen WertherS in heißer Inbrunst die Worte losringen: . . . der Tag des Welkens ist nicht weit!" Zu bald nur wird der Sturm­wind tosen! Was bin ich aufgewacht, du schöne Frühlings­zeit?" dann überfällt auch jeden einigermaßen zugänglichen

Hörer die ganze Gewalt dieser todttraurigen Hiebe, die un­aufhaltsam bem frühen Grade zubrängt.

Um eine wirkiame Schlußscene zu haben, mußte ber Textdichter Lotte zu dem sterbenden Werther citiren. Die Goethe'sche Dichtung weiß bekanntlich von diesem theatralischen Zuge nichts. Der Maffenet'schen Musik gewährt er natürlich die günstigsten Anhaltepunkte. Trotz der vielen tonltchen Schönheiten des Finales möchten wir aber doch die Ansicht ausiprechen, daß wir bas Sterben WertherS für viel zu breit angelegt unb ausgesponnen halten. Man ist es ja wohl feit lange gewöhnt, baß ben Opernhelben in ber Tobesstunbe ber Äthern zum langen Abschiedsliebe nicht ausgehen barf, selbst Wagner läßt den fterbenben Siegfried noch den vollen Kamps mit den Wogen des Orchesters aufnehmen aber Alles mit Maß und Ziel! Das Zeitmaß des Sterbens Werthers ist überschätzt, unb wenn Siegfried, der Wäisungensproß, kraft seiner halbgöttlichen Natur, noch mit sterbender Lippe jenen erschütterndenWeckruf" anstimmen kann, so ist das schließlich auch noch ein anderer Fall als bet dem empfindsamen Träumer des vorigen Jahrhunderts!

Als einen Cardinalsehler der Oper mögen es Viele, und nicht mit Unrecht, ansehen, daß Lotte so ziemlich von Anfang an in den Gefühlsaufruhr des Helden mit hinein­gezogen wird, wodurch ihr das schöne Gleichmaß des Originals verloren geht.

Eine freie Zuthat, die aber keinen Tadel weiter verdient, ist ferner die zarte, kindliche Zuneigung der jüngeren Schwester Sophie für Werther. Der Componist hat diesem fröhlichen Kinde ein sehr hübsches, frisches Liedchen in den Mund gelegt: Ganz in der Früh, als fich erhoben im Osten fern bie Sonne kaum, flog burch ben blauen Raum ein Vöglein hinauf nach oben . . ." Der Applaus setzte am Donnerstag an dieser Stelle zuerst ein und richtete sich an die Adresse von Frl. Schacko.

In hochpoetischer Weise verkörpert Herr Rav al unb Frl. Jäger die beiden Hauptpersonen, auch Herr Na- wiawsky gibt der musikalisch keineswegs undankbar be­handelten Partie desAlbert" den ihr zukommenden Character.

Vorzügliche Arbeit leistete das Orchester unter der Führung Dr. Rottenbergs.