**♦♦♦ m 239 Zweites Blatt. Freitag den 11. Oktober
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Der tieftet Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montag-.
Die Gießener
Pamikie» v kälter werdm dem Anzeiger Wöchentlich dreimal beigelegt.
Gießener Anzeiger
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Amts- und Anzeigeblntt füv den Tivers Gietzen.
Hörden um sich und erklärte ihnen, daß die herrliche Stadt Straßburg jammt dem Elsaß fortan deutsch bleiben werde. Am 10. October wurde dieselbe Erklärung an allen Straßen» ecken angeschlagen.
Versailles, 11. October. (Amtlich.) Ein gemischtes Eorps aus Truppen der Armee des Kronprinzen unter General von der Tann hat am 10. October einen Theil der Loire-Armee bei Orleans -geschlagen. 1000 Gefangene gemacht, 3 Geschütze erobert. Der Feind in regelloser Flucht.
totales und provinzieller-
n. Nidda, 9. October. Eine hiesige Pferdehändler» Firma, die ein sehr ausgebreitetes Geschäft hat und ihren großen Bedarf an Arbeitspferden seither durch Bezug aus Frankreich, Belgien und Holland deckte, sah sich genöthigt, sich nach anderen Bezugsquellen umzusehen, weil die Pserde in den genannten Ländern rar und darum sehr theuer sind. Sie machte einen Versuch in Nordamerika und ließ auf einer der großen Auctionen in Chicago eine Anzahl eingefahrene junge Pserde kaufen, die in Antwerpen wohlbehalten ankamen und dort ausgeladen wurden. Die 20 Pferde find jetzt hier eingetroffen. Die Transportkosten stellen sich naturgemäß sehr hoch, doch wurden bereits mehrere davon bis zu 1100 Mk. für das Stück verkauft. Die Pferde sind etwas gestreckter als die in hiesiger Gegend viel gefahrenen „Belgier" und ähneln sehr den „Normännern", die auch hier eingeführt find. Sie kommen unbeschlagen und mit einem Schweif an, der fast bis zum Boden reicht. Alle angekommenen Thiere find jehr treu. In etwa drei Wochen trifft abermals ein Zug (42 Stück) hier ein.
n. Nieder - Florstadt, 7. October. Die Kriegervereine des Bezirks Friedberg hielten gestern hier ihren Bezirkstag ab. — Nachmittags nach 6 Uhr riefen plötzlich Signale die Feuerwehr zusammen. Die Herren Kreisamtmann Schliephake und Kreisfeuerwehr-Jnspector Hyronimus von Friedberg waren nämlich erschienen und hielten eine Hebung ab, die zu ihrer Zufriedenheit ausfiel. Heute Morgen nun ertönten gleich nach 10 Uhr abermals die Feuerwehr- Signale. Diesmal aber war es Ernste denn es war in einer Scheuer Feuer ausgebrochen, das schon weit um sich gegriffen hatte, als man es bemerkte. Viele Leute waren im Felde und die brennende Scheuer hing mit andern Gebäuden, welche bald auch Feuer fingen, zusammen. Mit Energie und Umsicht griff unsere rasch gesammelte Feuer» wehr ein und bald erschienen noch einige telephonisch beorderte Feuerwehren auf dem Brandplatze, auf dem sieben Spritzen thätig waren. Von allen Seiten griff man nun unter einer Leitung planmäßig ein, und es gelang, das Feuer so rasch zu dämpfen, daß nur eine Scheuer und drei Ställe abbrannten und eine Scheuer und zwei Wohnhäuser mehr oder weniger anbrannten. Um 1 Uhr Mittags war bereits alle Gefahr beseitigt. Ein Glück war es auch, daß Waffer genug aus der unweit vorbeifließenden Nidda zu haben war. Bis auf eine Ausnahme find die Betroffenen versichert.
Alsfeld, 7. October. Heute Morgen wurden die Bewohner der Hersfeldergaffe durch ein markerschütterndes Schm erzenSges chrei erschreckt. Man brachte auf einem Wagen den verunglückten Knecht deS Fuhrmanns Koch. Demselben war daS rechte Knie von den Rädern eines jchweren Kohlenwagens vollständig zerquetscht worden. Der Knecht wollte auf der Straße Alsfeld Eudorf während des Fahrens den Wagen besteigen, kam dabei zu Fall und gerieth unter die Räder. Wahrscheinlich wird eine Amputation des betr. Beines nothwendig werden.
nn. Darmstadt, 9. October. Der gestern Morgen erfolgte Tod der Gräfin Waldeck hat trotz ihrer Derurtheilung zu einer neunmonatlichen Gefängnißstrafe doch allgemeine Theil- nähme hervorgerufen, umsomehr als die Verstorbene das Opfer ihrer ans Unglaubliche grenzenden Leichtgläubigkeit und GutmÜthigkeit geworden ist. Schon nach ihrer erfolgten Derurtheilung am verflossenen Montag verfiel die Gräfin in einen völlig apathischen Zustand und es muß als ein günstiger Umstand bezeichnet werden, daß die Katastrophe nicht während der Verhandlung eingetreten ist. An und für sich schon herz- leidend und hysterisch angelegt, haben die überstandene Seelenqual und Gewiffensbiffe, der Kummer, daß sich ihre Tochter Erika seit etwa sechs Wochen von ihr losgesagt hatte und eS mit dem Schwindler Tomba hielt, sowie die Untersuchungshaft in ungünstigster Weise auf das Leben der Gräfin von Waldeck eingewirkt. Am Samstag Mittag wurde die Gräfin von einem Schlaganfall betroffen, der ihre Ueber- führnng ins städtische Hospital nöthig machte, da hierdurch
die unteren Extremitäten gelähmt wurden und gestern ist die Katastrophe eingetreten, welche einen Theil eines Romans zum Abschluß gebracht hat. Don ihrem früheren Hauslehrer und Schwindler Tomba hatte sich die Gräfin vollständig losgesagt und auch ihrer einzigen Tochter Erika hatte sie den Briefwechsel mit demselben untersagt, allein vergebens, denn ihre Briefe wurden immer häufiger und so liebeglühend von Tomba erwidert, daß hier der Untersuchungsrichter einschreiten mußte. Mit dem herrlichen Leben drS ^Grafen von Nesselrode" ist eS jetzt zu Ende, nachdem schon vor einiger Zeit der Geldbriefträger auSgeblieben ist. Während er in der Untersuchungshaft eS sich an Nichts fehlen;liefe, hat er sich jetzt auch an die Gefangenenkost gewöhnt und auch an die Arbeit, denn augenblicklich ist er mit ^TadakauSrippen be»’ fchäftigt, weil er zur Cartonnagearbeit nichts taugte. Wenn Tomba feine sechs Wochen Gefängnife wegen Bedrohung ab- gesessen hat, erfolgt seine Auslieferung an die österreichische Militärbehörde wegen seiner Desertion auS dem österreichischen Militärdienst und dafür wird er einige Jahr Festung erhalten und seine Militärzeit nachdienen müssen. Bis dahin wird auch der Liebestraum der Comtesse Erika von Waldeck verrauscht sein und der „Graf von Nesselrode" — Tomba — kann um die Erfahrung „Kleine Ursachen große Wirkungen" reicher zu dem alten Zuschneider Tomba nach Budapest zurück- kehren. Die nunmehr verstorbene Gräfin von Waldeck gehörte nicht der Gräflich Waldeck'schen, sondern der sogen. Bergheimer Linie an. Prinz Heinrich von Waldeck, der Bruder deS Fürsten Georg Heinrich, verheirathete sich mit einer Bonner BürgerStochter, welche zur Gräfin Waldeck erhoben wurde. AuS dieser Ehe entsprangen zwei Söhne und eine Tochter. Die Cornteß Marie heirathete den Professor Dracke, während die beiden Grafen zur katholischen Kirche übertraten und in Oesterreich Dienste nahmen. Die oben erwähnte Gräfin Waldeck ist die Wittwe des ältesten von beiden, des Grafen Friedrich. Aus dessen erster Ehe sind noch vier Kinder, zwei Söhne und zwei Töchter, vorhanden.
Ctteratar nnd Annft.
— Das neueste Heft (8/9) der unter der Redaclion von Bertha von Suttner im Verlag von E. Pierson in Dresden erscheinenden Zeitschrift .Die Waffen Nieder1* hat wiederum einen mannigfaltigen und reichhaltigen Inhalt. Wir heben aus demselben Nachstehendes hervor: Die 6. interparlamentarische Eon- serenz. — Björnstjerne Björnson; Schiedsgerichisvertrage ober Rüstungen. — Dr. R. Penzig: Auch ein Jubiläum. — Moritz Stekeh: Ein neuer Orden. — Moritz Adler: Brief an Herrn Gaston Moch. — Balduin Groller: Ein Torpedokreuzer. — Ein Wahlaufruf. — Zeitschau. — Svatuplok Cech: Aus den Sclavenliedern. — Anton Renk: Am Wege — Gegen die Friedensbewegung. — Gegen den Krieg. — Correspondenz. — Literarisches. — Aus der Presse. — Aus den Friedensvereinen und Versammlungen. — Vermischtes. — Briefkasten. Bei reichem Inhalt und vorzüglicher Ausstattung kosten „Die Waffen nieder!" jährlich nur 6 Mk.
— Mit Anfang dieses Monats beginnt der zehnte Jahrgang von .Dies Blatt gehört der HarrSfraul", Zeitschrift für die Angelegenheiten des Haushaltes, sowie für Mode- und Handarbeiten, jede Woche eine Nummer. Preis vierteljährlich Mk. 140, frei inS Haus. Verlag von Friedrich Schirmer, Berlin 8 W.,Neuenburger- strafee 14a. Die Verlagshandlung hat es an besonderen Anstrengungen nicht fehlen lassen, um diesen JubtlSumsjahrgang ihren Abonnenten zu einem hervorragenden auszustatten. Außer dem wie htsher vorzüglichen Inhalte wird gratis in Lieferungen das Prachtwerk „Das ganze Deutschland soll es sein!", eine Reise durch die deutsche Heimath in Wort und Bild, geboten; ferner erhalten die Abonnentinnen gratis (nur gegen Erstattung der Porto- und Papterauslagen) genaue Schnittmuster nach Mafe zu jeder Moden- abbildung und den Lehrcursus im Schnittzeichnen mit vielen Abbildungen, elegant cartontrt. Im unterhaltenden Theil beginnt Friedrich Spielhagens neuester Roman „Zum Zeitvertreib". Unsere Leser, welche noch nicht Abonnenten von „DteS Blatt gehört der Hausfrau!" sind, thun gut, aus diese Zeitschrift sofort zu abonniren.
Wöchentliche tleberficht der TodeSsälle in Gieße«.
40. Woche. Vom 29. September bis 5. October 1895. Einwohnerzahl: angenommen zu 22 400 (incl. 1600 Mann Militär). SterblichkettSrfffer: 16,25, nach Abzug von 2 Ortsfremden 11,61°/«.
Kinder
ES starben an: Zusammen: Erwachsene: im vom
1. Lebensjahr: 2.-15. Jahr:
Rose 11— —
Bösartiger Neubild. 11 — —
Lungenschwindsucht 11 — —
Lungenentzündung 3 (2) 2 (2) 1 —
Acuter Tuberkulose 1__________—__________1___________—
Summa: 7 (2) 5 (2) 2 —
Anm. Die in Klammern gesetzten Ziffern geben an, wie viele der Todesfälle in der betreffenden Krankheit auf von auswärts nach Gießen gebrachte Kranke kommen.
Verkehr, £anO* rrnd Vott-rvirthfehaft.
Limdurg, 9. October. Frachtmarkt. Roth er Weizen X 12,60, weißer Weizen X 00.00, Korn X 9.20, Gerste X 8.40, Hafer X 5.90.
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Gratisbeilage: Gießener Ilamitienblätter.
Der Entwurf des bürgerlichen Gesetzbuches.
Gerade zur Zeit, da baß deutsche Volk die silberne Jubelfeier feiner nationalen und politischen Einigung begeht, ist jenes Werk in seinen Vorstadien abgeschloffen worden, welches Deutschland nun auch die Einigung auf dem Gebiete des bürgerlichen Rechts verheißt: der Entwurf des allgemeinen bürgerlichen Gesetzbuches für das Deutsche Reich. Der Jahrhunderte langen politischen und nationalen Zerriffeuheit unseres Vaterlandes, welche Deutschland den leider nicht ganz ungerechtfertigten Spottnamen eines bloßen geographischen Begriffes eintrug, entsprach auch die bislang herrschende Buntscheckigkeit auf dem Gebiete der deutschen Rechtspflege, erst die glorreiche Begründung des Deutschen Reiches rief von selbst die Bemühungen wach, dem deutschen Volke nun auch ein gemeinsames Recht zu schaffen. 1874 trat zum ersten Male die aus namhasten Juristen bestehende Commission zusammen, welcher die ebenso schwierige wie bedeutsame Aufgabe geworden war, den Entwurf deS geplanten bürgerlichen Gesetzbuches ans- zuarbeiten, doch bedurfte die Commission fast anderthalb Jahrzehnte zur Lösung ihrer Aufgabe, denn 1888 erschien der erstmalige Entwurf deS neuen gesetzgeberischen Werkes. Er erfuhr indessen damals eine zum Theil sehr absprechende Kritik, die jedoch keineswegs unberechtigt war, und so wurde denn alsbald eine RevisionScommission ernannt, welche das Werk ihrer Vorgängerin durchsetzen und verbessern sollte. Auch diese Commission hat jetzt ihre Aufgabe einstweilen beendet. Der zweite Entwurf des bürgerlichen Gesetzbuches ist jetzt soweit hergestellt, daß er soeben den BundeSraths- ausschüssen zu einer erstmaligen Begutachtung hat unterbreitet werden können.
Einundzwanzig Jahre find demnach seit dem Beginn der Vorarbeiten am bürgerlichen Gesetzbuche verflossen, eine Frist, welche aber keineswegs so erstaunlich lang erscheint, wenn man erwägt, welche außerordentlichen Schwierigkeiten bei dem Werke in seinem Fortgänge zu überwinden waren. »Erfreuen" wir unß doch in Deutschlund nicht nur verschiedener Hauptsysteme in der bürgerlichen Rechtspflege, sondern auch einer wahren Unzahl von Rechtssystemen lediglich provinziellen, ja, mitunter sogar nur localen CharacterS, wie man denn, um nur ein Beispiel in letzterer Beziehung hervorzuheben, in Nürnberg innerhalb der Mauern dieser ehemaligen Reichsstadt ein anderes Recht hat, als vor den Thoren. ES war geradezu eine Riesenarbeit, aus diesen hundertlei größeren und kleineren Rechtssystemen das jetzt Im Entwurf endlich vorliegende Werk einheitlicher deutscher Rechtssprechung zusammenzuschweißen und dabei auf der einen Seite den praktischen Bedürfnissen des modernen Lebens Rechnung zu tragen, auf der anderen Seite aber zugleich auch gewisse particulare Eigenheiten möglichst zu schonen, überhaupt das erstrebte einheitliche nationale Recht mit den im Volke vielfach tief eingewurzelten bisherigen Anschauungen der einzelnen Landesgesetzgebungen nach Kräften in Einklang
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für de» folgenden Tag erscheinenden Nummer dir Dorm. 10 Uhr.
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zu bringen. Zur Durchführung einer solchen gewaltigen Ausgabe erscheint da der Zeitraum von im Ganzen ein- nndzwanzig Jahren Wohl nicht als allzu groß bemessen, ja, kö hätte die Arbeit wohl noch länger dauern können, wenn die beteiligten Commissionen sich derselben nicht mit solcher Eingebung und solchem Fleiße gewidmet hätten.
Heute steht nun der Entwurf des bürgerlichen Gesetzbuches vollendet da, insgesammt nicht weniger als 2265 Paragraphen zählend, welche auf eine entsprechende Reihe von Abschnitten vertheilt find. Seine bis jetzt veröffentlichten einzelnen Theile find von der öffentlichen Kritik weit günstiger ausgenommen worden, als sich dies von dem früheren Ent- veurse sagen liefe, offenbar ist die RevisionScommission be- fhebt gewesen, die Erfordernisse der lebendigen Gegenwart n:d)t vom alten Grau juristischer Theorien verhüllen zu [offen. 3m BundeSrathe wird die Berathung deS neuen Gesetzbuches voraussichtlich glatt vor sich gehen, hoffentlich macht auch der Reichstag keine zu langen und einschneidenden Ausstellungen an dem so gründlich und gewissenhaft vorbereiteten Werke der Mnftlgen einheitlichen Rechtsprechung in Deutschland.
S. October, woran sie find. An diesem Tage hielt der neue M «Vmeralgouverneur, Graf BiSmarck-Bohlen, seinen Einzug ttt Strafeburg, versammelte nach einem Gottesdienste alle Be-
Der Krieg von 1870(71, durch Ausschnitte aus ZeitungS-Nummern jener Zett. (Nachdruck verboten.)
11. October.
Strafeburger und .Elsässer wiffen seit dem
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Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Ausländer nehmm Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.


