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m Gikhi. « 8 Uhr Diversität: lis, ment No, 26
Freitag den 8. November
1894
Nr. 263
Zweites Blatt.
Amts- unb Zlnzrigeblatt für den Kret» Gieren.
Hratisöeitage: Hießener Kamilienötätter.
Alle Annoncen-Bureaux des In« und Auslandes nehme« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für de, gokgenden Tag erscheinenden Nummer bi» Sonn. 10 Uhr.
Nedaction, Expcdino« und Druckerei:
Kchutstraße Ar.7.
Fernsprecher 51.
Vierteljähriger Adonnementspret» i 2 Mark 20 Psg. mit Bringerlolm. Durch die Post bezöge« 2 Mark 50 Pfg.
Die Gießener P-mttienvrälter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelrgt.
Der
Lietzener Anzeiger ericheint täglich, mit Ausnahme deS Montag».
Gießener Anzeiger
Keneral-Mnzeiger.
Amtliche» Theil.
Gießen, den 1. November 1895. Betr.: Die Unterstützung von Familien der zu Friedensübungen etnberufenen Mannschaften.
Das Grotzherzogliche Kreisamt Gießen
OW die Grstzh. Bürger« elfter etze« de- aretses.
Indem wir Sie auf unsere Verfügung vom 4. Juli d. I. (Anzeiger Nr. 157, drittes Blatt) verweisen, beauftragen wir Sie, die Gemeinde-Einnehmer anzuhalten, soweit dies noch nicht geschehen ist, alsbald und spätestens bis zum 15. d. MtS. mit dem Kreiskasserechner abzurechnen.
Diese Abrechnung hat in der durch unsere obengenannte Verfügung vorgeschrtebenen Weise zu geschehen, worauf Sie die Gemeinde-Einnehmer noch besonders aufmerksam machen wollen.
v. Gagern.
Bekanntmachung,
betreffend Rothlaufseuche der Schweine.
In einem Gehöfte zu Enzheim bei Lindhetm ist bei einem verendeten Schweine die Rothlaufseuche festgestellt worden.
Gießen, den 6. November 1895.
Grobherzogliches KreiSamt Gießen.
v. Gagern.
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CocoUs rrnd LroVinztelles,
n. Reichelsheim i. d. W.. 3. November. Auf Einladung des Vorstandes des hiesigen Gewerbevereins wurde heute dahier im Gasthaus „Zur Post" die erste Gesellenprüfung der Handwerkerschule abgehalten, welcher sich 5 Schüler unterzogen. Es waren 2 Schreiner, 1 Weißbinder , 1 Schneider und 1 Buchbinder. Als Schaumeister waren, außer einigen hiesigen Meistern, für die betreffenden Arbeiten Herr Hofmaler Hieronimus und Herr Buchbinder Streckfuß von Friedberg bestimmt. Sie sprachen sich sämmtlich sehr anerkennend und zufrieden über die ausgestellten und von den Schülern verfertigten Arbeiten, bestehend in: Schreibtisch, Waschtisch, Hose und Weste und eingebundene Bücher, aus. Der Weißbinder hatte in seinem
Hause eine Decke gemalt und die Zeichnung vorgelegt. Nachdem die Schaumcister ihre Arbeit erledigt, erfolgte die Begrüßung der Mitglieder des Gewerbevereins durch den Vorsitzenden, Herrn Dr. Schäfer dahier, worauf Herr Hofmaler Hieronimus eine sehr beifällig aufgenommene Ansprache an die Schüler und die Mitglieder des Gewerbe- vereinS hielt. ES folgte nun die Vertheilung der Gesellen- briefe unter die Schüler.
N. Von der oberen Nidda, 5. November. Die in jüngster Zeit hier vorgekommenen Verpachtungen von fiScali- schen Grundstücken haben einen deutlichen Rückgang in den Pachtpreisen erkennen laffen. Die schlechten Fruchtpreise und die hohen Geschäftsunkosten, besonders die hohen Tag- löhne, machen eS dem kleinen Bauer unmöglich, hohe Pacht- Preise zu zahlen. Da die Genehmigung für die Verpachtungen versagt wurde, haben die Pächter kleine Nachgebote eingelegt, die aber den früheren Stand dennoch nicht erreichten. Die Pachtungen find aber doch jetzt zugeschlagen worden. — Mit dem Weißkraute, welches waggonweise aus Holland bezogen wurde, find die Leute recht zufrieden, es ist zart und ausgiebig. Mitunter kamen wahre Riesenhäupter zum Vorscheine. Ein Besteller erhielt einen Gentner aus vier Kraut- köpfen bestehend. Häupter im Gewichte von 10 bis 12 Pfund find nichts Seltenes. Der Genttier kommt etwas über 3 Mk. zu stehen, was bei dem mageren Ausfälle deS Weißkrautes in unserer Gegend ein billiger Preis ist.
Büdesheim, 3. November. Von welch bedeutender Trag- fähigkeit ein Weinstock sein kann, mag man daraus ersehen, daß von einer Traubenplanke (Gaptraube) im Hofe des Herrn Seb. Schild dahier 800.wohlgezählte gut entwickelte Trauben gelesen wurden.
K. Ranstadt, 5. November. Gegenwärtig ist man in hiesiger Gemarkung auf der Suche nach einer geeigneten Quelle zu einer Wasserleitung. Wenn diese» gelingt, so wird einem hier schon längst gefühlten Bedürfnisse abgeholfen. Herr Wasserbauinspector Becker von Darmstadt leitet die Vorarbeiten- derselbe verspricht sich einen guten Erfolg. Auch in unserer Nachbarstadt Nidda ist man mit den Vorarbeiten einer solchen beschäftigt, und scheinen auch diese mit Erfolg gekrönt zu sein.
-j- Hungen, 5. November. Die im Laufe dieses Sommers dahier neu erbaute Dampf-Molkerei geht nunmehr der Vollendung entgegen, und dürfte die Betriebs- Eröffnung wohl am 15. lfd. Mts. stattfinden.
4- Hnngen, 5. November. Der gestern dahier stattgefundene „Allerheiligen-Markt" war gut besucht. Der Schweine-Markt war gut befahren mit Ferkeln und Läufern, und herrschte auch bei mäßigen Preisen ziemlicher Handel. Bezahlt wurde für das Paar Ferkel 16 bis 20 Mk. und mehr, je nach Alter und Qualität. Läufer kamen dem entsprechend höher. Auf dem Krämer-Markt, welcher durch die günstige Witterung veranlaßt, auch recht gut be- sucht war, wurden belangreiche Einkäufe, namentlich in Winter- Artikeln gemacht. — Der nächste und letzte diesjährige Markt findet am 9. December statt.
H. Vom Fuße des HoherodSkopfes, 3. November. DaS Torfstreulager, welches hier entdeckt und in Betrieb gesetzt wurde, liefert eine reiche Ausbeute, hat aber noch nicht genügenden Absatz gefunden, weil durch die reiche Strohernte deS vorigen Jahres wenig Bedürfniß für Streu- material vorhanden war. DaS wird sich aber dieses Jahr ändern. Die Grummeternte fiel sehr mager aus, daS Stroh wird vielfach als Winterfutter benutzt werden müffen und man wird gerne zur billigen Torsstreu greifen, welche aus- gezeichnete Eigenschaften besitzt, indem sie die Luft in den Ställen reinigt und die flüssigen Abfallstoffe aufsaugt. Sie bindet auch das Ammoniak bester, und wird dadurch zu einem sehr werthvollen Dungmittel, welches leichter zu tranSportiren und unterzupflügen ist, als der lange Strohmist.
Wöchentliche Ueberficht der Todesfälle t« Gieße»
44. Woche. Vom 27. October bis 2. November 1895. Einwohnerzahl: angenommen zu 22400 (incl. 1600 Mann MUitär). SterbltchkeUSziffer: 11,61, nach Abzug von 1 Ortsfremden 9,39°/«.
Kinder
Cs stacben an: Zusammen: Erwachsene: tm
1. Lebensjahr: 2.—15. Jahr:
Altersschwäche 11 — —
Gehirnschlagfluß 2 2 —
Herzentzündung 1 (1) 1 (1) — —
Rhachitls 1_________—_________—_________1
Summa: 5 (1) 4 (1) — 1 ,,
Anm. Die in Klammern gesetzten Ziffern geben an, wie viele der Todesfälle in der betreffenden Krankheit auf von auswärts nach Gießen gebrachte Kranke kommen.
ÄneetttllviMrt im Thurmhaus am Brand, Kunst-Ausstellung, geöffnet täglich, mit Ausnahme des Samstags, von 11 bis 1 Uhr, am Mittwoch und Sonntag auch noch von 3 bis 5 Uhr. — Eintrittspreis für Nichtmttglieder an Werktagen 50 Pfg., an Sonntagen 20 Pfg.
Feuilleton.
Hochzeitsgebriiichk, Sitten und Trachten im Ndenwaidc und im Ried.
(Nachdruck verboten.)
%* Aus Starkenburg, im November 1895.
Im vergangenen Frühjahre brachten die „Gießener Familienblätter" (Nr. 39, 40, 41) einen Aufsatz über „Hoch- zeitSgebräuche bei den verschiedenen Völkern". Etwa einen Monat später brachte das Hauptblatt einen kleinen Aufsatz über „Verlobungsgebräuche in der Wetterau". Diese Mittheilung ging in Dutzende von Blättern und Blättchen aller Schattirungen über und es wurde hierdurch dargethan, daß man in allen Kreisen ein lebhaftes Jntereffe für unsere immer mehr und mehr verschwindenden Sitten, Trachten und Volksgebräuche hat. In Nr. 181 (drittes Blatt) vom 4. August l. I. bringt der „Gießener Anzeiger" die Schilderung eines eigenartigen Brautzuges aus der Gegend von Michelstadt. Es wird dazu bemerkt, daß ein solcher Brautzug seit Jahren nicht mehr gesehen wurde. Die schönen alten Gebräuche verschwinden auch im Gebirge immer mehr. Der prächtige vierspännige Erntewagen bei dem Gießener land- wirthschaftlicheu Feste hat besonders deßhalb allgemeinen, besonders aber auch den allerhöchsten Beifall des Gcoßh. Paares gefunden, weil die auf dem Wagen fitzenden Mädchen in die hessische Landestracht gekleidet waren. Darum denkt der Schreiber dieser Zeilen, ein geborener Odenwälder, welcher alle Sitten und Gebräuche bei Hochzeiten und Kind- taufen oftmals mitgemacht und erlebt hat, es fei Zeit, daß man sie der schnelllebigen gegenwärtigen Generation noch einmal vorführe, sonst möchte eß geschehen, daß diese Gebräuche ganz erlöschen, um für alle Zeiten vergeffen zu werden.
Ferner meint der Einsender: Die Leute und Leser der Zeitungen haben Verständniß und Sympathie für die Hoch- zeitSgebräuche der alten Germanen, Römer, Griechen und sonstigen, zum Theil verschwundenen Völkerftämme bewiesen-
warum soll man nicht Verständniß für einen noch lebenden, kräftig emporstrebenden vaterländischen Volksstamm haben! Auch ist man fest überzeigt, daß diese Mittheilungen manche Sitten und Gebräuche aus dem Vogelsberge und anderen Intendanten Gegenden wieder Hervorrufen, wie es bei den Gebräuchen hinsichtlich der Verlobungen auch der Fall war. Sie lesen sich aber mindestens ebenso angenehm, wie die Nachrichten aus Ghina, Japan, Madagaskar und Kamerun, haben aber nebenbei den großen Vortheil, daß die Leser ihr HeimathSland, welches sie zuweilen gar nicht recht kennen, immer mehr schätzen und lieben lernen. Dazu haben die kleinen „Geschichtsbilder auS Oberheffen", welche im „Gießener Anzeiger" erschienen, eifrig gelesen und ebenfalls nachgedruckt wurden, auch beigetragen. Und nun zur Sache.
Die Hochzeiten wurden im Odenwalde ehemals nur auf Sonntag, Dienstag oder Donnerstag abgehalten. Große Hochzeiten legte man fast nur auf Donnerstag. Dieser Wochentag besitzt die meisten Buchstuben, er bedeutet darum, nach dem alten Volksglauben, eine lange Ehe und ein langes Leben. Vor der Hochzeit mußte ein dreimaliges (heutzutage nur noch ein einmaliges) Aufrufen oder Aufbieten von der Kanzel durch den OrtSgeiftlichen oder dessen Stellvertreter ftattfinden. Beim zweiten Aufgebote erschien das Brautpaar in der Kirche, jeder Theil auf seinem Platze. Die ganze Versammlung wußte, daß das Paar aufgerufen wurde und Jeder wandte sich, wenn äußerst thunlich, nach der Braut, welche vor Verlegenheit Über und Über erglühte.
Die Einladungen zur Hochzeit ergingen in der Regel Sonntags vor der Feier. Al» Hochzeitsbitter hatten die Pathen, oder, wenn diese gestorben oder im Dorfe nicht wohnhaft waren, je ein naher Verwandter der Brautkute zu amttren.*) Die Pathen erhielten die Liste der zu ladenden Gäste und begannen, nachdem der NachmittagSgotteSdienst
♦) Die Pathen, Gevatter, Mitdrater, auch Cumbeer, aus dem Französischen: compere, gelten noch viel im Odenwalde, sie werden bei allen wichtigen Vorfällen, einerlei, ob ernster oder heiterer Natur, um ihre Ansicht befragt. Sie nehmen sich aber auch der Pathen tn Freud und Leid an und stehen fest zu ihnen.
beendet war, ihren Rund- und EinladungSgang. Mit den Kirchen- und Feiertagskleidern*) angethan, traten sie bei den zu ladenden Familien ein und redeten die Worte: „Nächsten Donnerstag wollen Anna Schneiderin und Ehrifioph Winter ihren Ehren- und Hochzeitstag halten. Dazu seid Ihr mit Frau und Kind, mit Alt und Jung herzlich geladen und Ihr sollet Ihnen die Lieb und Freundschaft thun, mit Groß und Klein pünktlich zu erscheinen." Dieser Einladungs- spruch war an vielen Orten in Knittelversen gereimt; die Hochzeitsbitter blieben mit ihren Reimen manchmal stecken, es half dann einer dem andern heraus und blieb dann zuweilen selber stecken. Ueberall wurden die Hochzeitbitter mit Wein gelabt. Man trank auf die Gesundheit des Brautpaares, der Eltern, der Pathen, der Geladenen und der Hochzeitbitter. Darum ist es begreiflich, daß letztere gewöhnlich in Überseligem Zustande nach vollbrachter Einladung zum Brautpaare zurückkehrten, um zu berichten, daß alles bestens besorgt sei.
Wurde die Hochzeit im Hause deS Bräutigams gehalten, so mußte die Braut am Hochzeitstage früh und bald nach Sonnenaufgang oder auch vor Tagesanbruch in daS Hans der Schwiegereltern kommen. Sie ging nicht mitten auf der Straße, sondern dicht an den Häusern hin, wobei sie darauf achtete, daß ihr Niemand begegnen und sie anreden möchte, denn eine Braut sollte unbeschrieen in daS Haus deS Bräutigams kommen. Fand die Hochzeit im Hause der Braut statt, so mußte der Bräutigam, wenn er nach dem HochzeitShause ging, dieselbe Vorsicht gebrauchen, wie die Braut. (Fortsetzung folgt.)
*) Der Sonntagsstaat eines vermögenden Odenwälder Bauers bestand aus folgenden Stücken: Dreieckiger schwarzer Hut, lang- schößiger Rock aus dunkelblauem Tuch mit zinnernen oder silbernen Knöpfen, dunkelblaue (nicht rothe) Weste mit kleineren Knöpfen als der Rock, ziemlich breite Halsbinde von schwarzer oder weißer Farbe, weiße oder gelbe wildlederne Kniehosen mit Knteschnallen von Silber, weiße oder blaue hochheraufgehende Strümpfe, Schuhe mit silbernen Schnallen. Die Tracht war äußerst gediegen und malerisch, viel schöner und characteristischer als unsere jetzigen, verschwommenen, modernen Anzüge.


