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8.11.1895 Erstes Blatt
 
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Nlr. 263 Erstes Blatt. Freitag den 8. November ISftfe

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Deutsche» Reich.

Darmstadt, 6. November. Aus Worms, 5. November, wirb derDarmst. Ztg." gemeldet: Zum ersten Mate war eS am heutigen Tage unserer Stabt vergönnt, Ihre Kgl. Hoheit die GrotzHerzogin an der Seite des hohen Landes» fürsten in ihren Mauenr begrüßen zu dürfen. Bormittags kurz nach 10 Uhr zeigten Böllerschüsse die Ankunft der Aller höchsten Herrschaften an, Höchftwelche in Rosengarten von Herrn KreiSrath Dr. Breidert, Regierungsrath v. Hombergk, Oberbürgermeister Küchler, Oberstlieutenant Stichler und Freiherr v. Hryl zu HerrnShetm empfangen worden waren. Der Besuch Ihrer Kgl. Hoheiten galt zunächst dem LudwtgS- denkmal, wo sich Vertreter der Stadt zum Empfang etn- gefunden hatten. Der LudwtgSplatz bot mit seinen Waffer- künsteu und seinen tannengeschmückten Flaggenmasten einen sehr farbenschönen Anblick. Von hier ging die Fahrt zum Paulus-Museum, wo der Vorstand desselben, Herr Major v. Hehl, die Professoren Dr. Weckerling und Soldan, Dr. Köhl und Medizinalrath Dr. Raiser der Hohen Gäste harrten. Nachdem die Sammlungen hier eingehend befichtigt waren, begaben sich die Allerhöchsten Herrschaften zum Dom, dessen wundervolles Geläute die Hohen Gäste beim Betreten und verlassen des altehrwürdigen Gebäudes begrüßte. Gegen 12 Uhr, nach der Besichtigung des Domes, begaben sich die Allerhöchsten Herrschaften in Equipagen am Lutherdenkmal vor­über nach HerrnShetm, wo bei dem Frhrn. v. Hehl daS Dejeuner eingenommen wurde. Im Lause des Nachmittags fand ein gemeinsamer Besuch der Freiherrltch Heyl'schen Fabriken statt, woraus Se. Kgl. Hoheit der Großherzog die Fabrik- etabliffementS des Herrn Commerzienrath Valckenberg be­sichtigte, während Ihre Königs. Hoheit die Großherzogin die Aliceschule, das DiaconissenhauS, die Barmherzigen Schwestern und das Sophtensttft mit ihrem Hohen Besuch zu beehren geruhte. Nach der Einnahme des Thees bei Herrn Oberbürgermeister Küchler verließ das Grohherzog- ltche Paar, daS auf seiner Rundfahrt überall von dermaßen- haft zufammengeftrömten, namentlich auch der ländlichen Be­völkerung mit lautem Hochrufen begleitet wurde, um 6 Uhr mit Extrazug unsere Stadt. Noch jetzt aber, am späten Abend, wogt die festlich bewegte Menge unaufhaltsam durch die mit Fahnen in hessischen und sachsen-coburg-gothaischen LandeSfarben reich geschmückten Straßen der Stadt. Der Besuch der Allerhöchsten Herrschaften war vom Wetter bestens begünstigt.

Berlin, 7. November. Die am Dienstag in Dort­mund vollzogene ReichStagSftichwahl hat den Sieg deS foctaldemokratifchen Candidaten Dr. Lütgenau über den bisherigen nationalliberalen Vertreter des Dortmunder Wahlkreises, Möller, ergeben, es zieht demnach der 47. er- tretet der Socialdemokratie in den Reichstag ein. Bei der Hauptwahl hatten Dr. Lütgenau wie Möller säst genau die­selbe Stimmenzahl erhalten, nämlich ca. 17,200, auf den CentrumScandidaten Lenfing waren etwas über 14,000 Stimmen gefallen, in der Hand des Centrums lag also die Entschei­dung für die Stichwahl. Bei derselben ist der Socialtst mit ca. 24,500 Stimmen zum Abgeordneten gewählt worden, während auf seinen nationalliberalen Gegner nur ca. 21,600 Stimmen fielen. DaS PluS von rund 7300 Stimmen, welches Herr Dr. Lütgenau bei der entscheidenden Wahl gegenüber der Hauptwahl aufweisen kann, ist gewiß nicht aus etwaige noch vorhanden gewesene Reserven der Social- demokratie zurückzusühren, dieselbe pflegt nicht so bedeutende Mannschaften ins Hintertreffen zu stellen, wenn sie in einem Wahlkampfe mit ungewiffcm AuSgange engagirt ist. Es muß also ein Theil der Centrumswähler trotz der von der Parteileitung ausgegebenen offiziellen Parole der Wahlent­haltung bei der Stichwahl für den Vertreter der Social­demokratie gestimmt haben, denn nur hierdurch konnte letzterer siegen.

lUuefte Nnchvichten.

Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.

Berlin, 6. November. Seine Majestät der Kaiser nahm gestern Abend im Neuen Palais die Meldung des Botschafters Grasen zu Eulenburg entgegen, welcher sich auf feinen Poften nach Wien zurückbegibt. Später empfing Seine Majestät den öfterreichisch-ungarischen Botschafter v. Szoegyeny- Martch. Betde Botschafter vliebcn zur Abendtafel im Nenen PalaiS.

München, 6. November. DieNeuesten Nachrichten" halten gegenüber dem Dementi desReichsanzeigers" ihre Mittheilungen über Verhandlungen deS preußischen Staats- Ministeriums bezüglich der Militär-Strafproceß-Ord-

uung aufrecht. Dem gegenüber ist daSSüdd. Corr.- Bureau" ermächtigt, diese Mittheilungen von hier aus als Erfindungen zu bezeichnen.

Rotterdam, 6. November. Heute wurde das Urtheil des Gerichtshofes in dem Proceffe wegen des Zusammen­stoßes derElbe" undCrat hie" gefällt. Das Gericht erachtet die Thatfache deS Zusammenstoßes beider Schiffe für erwiesen und erklärt dieCrathie" für allein schuldtg an demfelben. DieElbe" habe allen Vorschriften Genüge ge­leitet und auf die von ihr eingeschlagene Weise fahren dürfen. Es war für dieElbe" kein Anlaß, Signale zu geben, welche nur bei Nebel obligatorisch find. Daher falle die ganze Ver­antwortlichkeit auf dieCrathie". Alle durch den Nordd. Llcyd gemachten Angaben feien bewiesen worden, daher müffe desien Anspruch als zu Recht bestehend anerkannt werden, besonders der aus Schadloshaltung für den Gesammtverlust derElbe". Der Betrag sei noch festzustellen und 6 pCt. Zinfen dazu zu rechnen. Die Eigenthümer derCrathie" wurden nach dem Verhältniß ihres Antheils verurtheilt und die Beschlagnahme derCrathie" bis zur erfolgten Zahlung wurde für zulässig erklärt.

Paris, 6. November. DaS Banket der deutschen Colonte zu Ehren des Botschafters Grafen Münster an­läßlich seines zehnjährigen Jubiläums als Botschafter in Paris nahm einen glänzenden Verlauf. Der Viceprästdent des deutschen Hilfsvereins, Grub, brachte ein begeistert auf­genommenes dreifaches Hoch auf den Kaiser aus. Kaufmann Rumpf toastete auf den Präsidenten Faure. Die Festrede hielt der Vorstand deS Quartettvereins, Lüders, welcher der Verehrung und Dankbarkeit der deutschen Colonie für den Grafen Münster Ausdruck gab. Pem Botschafter würbe hieraus ein prachtvoller Silber-Pokai mit Reliefbildern deS Botschaster-PalaiS und deS Münfter'schen Schlosses Derneburg Überreicht. Der Botschafter dankte tiefbewegt. Den deutschen Landsleuten hilfreich beizustehen, sei die selbstverständliche Pflicht deS deutschen Vertreters. Bei seinen Bemühungen, zwischen Deutschland und Frankreich gute Beziehungen zu erhalten, sei ihm seitens der französischen Staatsmänner das beste Entgegenkommen bewiesen worden. Der Botschafter wies sodann auf den friedlichen Wettkampf hin, zu dem sich Frankreich für 1900 rüste und schloß seine Rede mit einem Hoch auf die deutschen Coloniften und deren Frauen.

London, 5. November. Der König von Portugal traf heute hier ein und wurde vom Herzog von Sachsen- Coburg-Gotha empfangen. Beide Fürsten fuhren, von der Leibgarde escortirt, nach dem Buckingham-Palast.

London, 6. November. Der deutsche SchoonerOtto", mit Kohlen nach Bremerhaven unterwegs, ist gestern Nacht bei dem Shonghallfelsen, in der Nähe von North Berwick in Schottland, gescheitert. Ein Mann von der Besatzung ist umgekommen, der Rest wurde gerettet.

Newyork, 6. November. Ein großes Feuer, das in der letzten Nacht am Broadway und in der Bleeckerftraße wüthete, verursachte einen Schaden von 3 Millionen Dollar. Biele Feuerwehrleute wurden verletzt. Drei Gebäude, in welchen sich mehrere Kaufläden einer Fabrik, sowie die Manhattan Bank befanden, wurden durch das Feuer zerstört. ______________

Depeschen deS Bureau

Berlin, 6. November. DaSBerliner Tageblatt" bringt zu allgemeiner Senntniß, daß der ehemalige Chefredakteur derKreuzzeitung", v. Hammerstein, glücklich bei den Antipoden in Auckland angelangt fei. Sin Parteigenoffe deffelben habe diese Mittheilung an einzelne Freunde hierher gelangen laffen.

Berlin, 6. November. Aus Wiesbaden wird derBerl. Börsen-Zeitung" von angeblich zuverlässiger Seite geschrieben, daß am 1. April Herr v. Hülfen zum General-Intendant der Königlichen Theater Berlins ernannt werde. General- Intendant Hochberg werde Minister des Königlichen HauseS.

Berlin, 6. November. Der Vorstand des Bundes der Landwirthe trat heute Morgen hierselbft zusammen, um über die Kundgebung betr. Hebung der Getreidepreise und die Arbeiterfrage, die nach zweitägiger Berathung gestern Rackmittag vom Ausschuß angenommen worden war, zu be- rathen. Diese Kundgebung tritt, wie diePoft" hört, in energischer Weise für den Antrag Kanitz in der vom Gesammt- auSschuß im vorigen Jahre beschloffenen Faffung und für Beibehaltung der Naturallöhne ein. Auf der Tagesordnung stand außer dieser Kundgebung eine Resolution betreffend Aufhebung der TransitlSger, zur Berathung.

Berlin, 6. November. Die heutige Nummer des Vorwärts" ist confiScirt worden. DaS Blatt hatte

eine Nachricht aus Barmen mitgetheilt, wonach zwei Polizei- Sergeanten wegen Körperverletzung im Amte zu je 3 Monaten Gefängniß verurtheilt worden waren, welche Strafe auf ein Gnadengesuch vom Kaiser in eine Geldstrafe von 50 Mark umgewandelt wurde. Diese Notiz erschien unter der Dpitz- marke:Gnade wem Gnade gebührt." Hierin soll eine Majestät-beleidigung erblickt worden sein. Etwa 500 bis 600 Exemplare wurden beschlagnahmt.

Berlin, 6. November. Nach einer Meldung auö R-tibor wurde von der dortigen Strafkammer der Tischlergeselle Franz Kisenki wegen Majestätsbeleidigung zu V/j Jahren Gefängniß verurtheilt. In Bromberg wurde von der Strafkammer die Arbeiterfrau Nowak aus RoSpentek und der Buchdrucker Robert Müller wegen Majestäts­beleidigung zu zwei Monaten Gefängniß verurtheilt.

Berlin, 6. November. Bei den gestern hier abgehaltenen Control-Dersammlungen wurde zum ersten Male ein Befehl zur Verlesung gebracht, wonach der Besitz und die Verbreitung revolutionärer, aufreizender Schriften nicht nur in den Kasernen verboten, sondern daß die bezüglichen Be­stimmungen und Strafen auch für die zur Control-Versamm- lung erscheinenden Mannschaften Geltung haben. Die Ver­lesung dieser Ordre soll auf besondere Anweisung des Kaisers erfolgt fein.

Berlin, 6. November. Aus der socialdemokratischen Parteikaffe hat, derPost" zufolge, der Reichstags­abgeordnete Ewald Vogtherr eine Zuwendung von 4500 Mark als Darlehen erhalten, für welche ein begütertes Mitglied der freireligiösen Gemeinde, deren Sprecher Herr Vogtherr ist, die Bürgschaft übernommen hat. DiePost" behauptet, die Summe fei dazu verwendet worden, um einen ConcurS des Herrn Vogtherr abzuwenden.

Wien, 6. November. Nachdem der MinisterialrathS- Befchluß betreffend die Wiener Bürgermeisterwahl der kaiserlichen CabinetSkanzlei unterbreitet worden ist, dürfte die Bestätigung Dr. Luegers morgen unterzeichnet werden.

Rom, 6. November. In die Santa Maria-Kirche drangen Diebe ein und raubten sämmtlichen Altarschmuck. Ferner plünderten dieselben die Capelle der Heiligen und zerstörten mehrere Statuen. Der Werth der geraubten Gegenstände beträgt über 100 000 Lire. Die Diebe wurden bisher nicht ermittelt.

Rom, 6. November. Heute früh 3 Uhr wurde hier ein leicht er Erdstoß verspürt.

Paris, 6. November. Die großen Finanzgesellschaften, welche sich zu einer Genoffenschaft vereinigt haben, um den für die Weltausstellung im Jahre 1900 nöthigen Garantiefonds von 65 Millionen zu stellen, haben con- statirt, daß sich an der Subscription 5500 beteiligt haben, während zur Stellung der Garantie 3250 mit einer Einlage von je 20000 FrcS. genügt hätten. DaS Unternehmen ist also in finanzieller Hinsicht gesichert.

Paris, 6. November. WieLibre Parole" mittheilt, werden mehrere Abgeordnete den Dringlichkeitsantrag für ben am Donnerstag einzubringenden Gesetzentwurf bezüglich der Anarchistengesetze stellen. Die Re­gierung wird sich diesem Anträge nicht widersetzen und sich zur sofortigen Debatte deffelben bereit erklären.

Madrid, 6. November. Die Königin-Regentin empfing gestern die Schauspielerin Sarah Bernhard. Die Künstlerin verweilte eine ganze Stunde bei der Königin.

Madrid, 6. November. Aus Puerto principe wird berichtet, daß 60 0 Rebellen einen spanischen Armeetrain bei Loma de Salado angegriffen haben. Sie wurden jedoch zurückgeschlagen und verloren fünf Tobte und viele Ver­wundete. AuS Santiago wird gemeldet, daß die Spanier ein Rebellenlager zerstört haben.

Konstantinopel, 6. November. Die Situation hat sich hier etwas beruhigt, da das Gerücht, die ottomanifche Bank verlange die Decrettrung eines ZwangScurseS, un­begründet ist. Der Rücktritt Vincents wird als sicher betrachtet.

Der Krieg von 1870(71,

«fcbtlbert durch Ausschnitte auS ZeitungS-Nummern jener Zeit.

(Nachdruck verboten.)

8. November.

Sharny, 8. November. Verdun hat capitulirt.

Herr Gambetta hat folgende Verordnung erlaffrr Krieg und Inneres an die Präfecten und an General- Anwälte: Verdoppeln Sie Ihre Wachsamkeit., ,et®u/ wo Sie Bazaine ober einem seiner Offiziere bef'^ ' °nca Sie ihn festnehmrn unb augenblicklich mit gar cortc "ach TourS bringen."