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8.10.1895 Zweites Blatt
 
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Dienstag den 8. October

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Zweites Blatt

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vierteljähriger

Kenerat-Wnzeiger.

2(mts» und Anzeigeblatt für den Kreis Gieren.

Hratisbeikage: Gießener Jamikienblätter.

Innahmr von Anzeigen zu der Nachmittag- für de» folgenden Tag erscheinenden Nummer bi- Bonn. 10 Uhr.

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Der >(<|en<r Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme de- Montag-.

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Gießener Anzeig er

Deutsche» Leich.

Berli», 5. October. Der Kaiser hat am vorigen Freitag seinen vom besten watdmännischen Erfolg begleiteten Jagdaufenthalt in Romtn ten beendet und ist nach Schloß HubertuSstock übergestedelt, um daselbst noch einen zehn­tägigen Aufenthalt vor Antritt seiner Reise nach Elsaß- Lothringen zu nehmen. Auf der Reise von.Rominten nach Schloß HubertuSstock war der Kaiser am SamStag Vormittag in Eberswalde mit der Kaiserin zusammengetroffen, von wo au- stch die Majestäten zu Wagen gemeinschaftlich nach HubertuSstock begaben. Die Kaiserin wird wahrscheinlich nur einige Tage in HubertuSstock weilen und dann zunächst nach Potsdam zurückkehren. Der Kaiser gedenkt am Montag den 14. d. MtS., früh 6 Uhr, von Eberswalde nach Wiesbaden abzureisen und daselbst mit der Kaiserin zusammenzutreffen, worauf da- erlaucht^Paar nach Lothringen weirerreist.

Am Sonntag ist in BreSlau der diesjährige socialdemokratische Parteitag eröffnet worden. Auf stiner Tagesordnung stehen verschiedene Angelegenheiten, die unter den versammelten Genoffen vermuthlich lebhafte AuS« einandersetzungen erwarten laffen. Hierher gehören namentlich der Entwurf deS socialdemokratischen AgrarprogrammeS, der vielfach auf scharfen Widerspruch im socialdemakratischen Lager -ößt, sowie eine Anzahl von Berichten und Anträgen, die lich auf die Fragen der Taktik und der Organisation der socialifttschea Partei und auf verschiedene sonstige häusliche Angelegenheiten beziehen. Wahrscheinlich werden hierbei auch die alten Differenzen zwischen der Richtung Bebel-Liebknecht und der Richtung Bollmar wieder hervortreten, sodaß man auch auf Seiten der bürgerlichen Parteien dem Verlaufe der Verhandlungen der Breslauer Versammlung mit Jntereffe entgegensehen darf.

Berlin, 5. October. 2Üie nachträglich bekannt wird, hat der Kaiser dem General der Infanterie v. LeSzynsky am 25. Jahrestage der Uebergabe von Straßburg ein sehr .gnädiges Telegramm zugehen laffen.

Berlin, 5. October. Der frühere Redacteur des Vorwärts", Dierl, ist wegen Majestätsbeleidigung zu 6 Monaten Gefängniß verurtheilt worden. Der Staats­anwalt hatte 9 Monate beantragt.

Berlin, 5. October. Die christlich-sociale Partei hatte auf gestern Abend eine Versammlung einberusen, iie von etwa tausend Personen besucht war. Unter diesen waren hauptsächlich Antisemiten Böckel'scher Richtung vertreten, Ht durch häufige Zwischenrufe stürmische Auftritte hervor- liefen. Hofprediger a. D. Stöcker sprach überRegierung, Mittelparteien und Socialdemokratie." Die in letzter Zeit gegen ihn in Scene gesetzte Agitation bezeichnete Stöcker als Theater -Comödte. Von dem vielgenannten Briefe an Hammerstein wiffe er nichts mehr. (Zwischenruf: Sie haben ihn doch geschrieben.) Er habe nie daran gedacht, Fürst Lismarck zu stürzen und verstehe nicht, wie man ihn mit dem Fall Hammerstein in Verbindung bringen könne. Den Kampf gegen ihn bezeichnet er als unsittlich und illoyal. Zwischenruf: Heuchler.) Wetter sprach Redner" über die Kkämpfung der Socialdemokratie. An der Debatte de- heiligten sich zwei Pfarrer und der württembergische LandtagS- obgeordnete Schrempf, sämmtlich im Sinne Stöckers. Zum tzchluß entstand ein unbeschreiblicher Tumult, als Böckel, i-r sich zum Wort gemeldet hatte, dies nicht erhielt, weil <r sich gerühmt hatte, daß Stöcker es ihm zu>erdanken habe, hB er nicht mehr im Reichstage sitze. Rufe wie: Mache, Frechheit, Feigheit ertönten. Der Vorsitzende schloß, nachdem tt noch über eine Resolution hatte abstimmen laffen, die Ansammlung unter Protestrufen und großem Tumult. Am -LuSgange ging man Dr. Böckel und seinen Anhängern zu Klbe.

An-land.

Prag, 6. October. Die Aufhebung des Ausnahme- MandeS erfolgt, wie nunmehr bestimmt verlautet, noch im Saufe dieses MonatS.

Hom, 6. October. Nachrichten aus der eryträischen Provinz zufolge haben italienische Vorposten die Action auf Antalo-Makalla bereits begonnen und mehrere Gefechte mit »en Truppen RaS Mangaschas gehabt. ES ist indeß noch Ächt gelungen, diesen aus seiner Stellung zu verdrängen.

Rom, 5. October. Verschiedenen Blättern zufolge soll «an in Berlin, Wien und Rom dahin überein gekommen fein, die Erneuerung deS Dreibundes auf nächstes Jahr zu verschieben. Crispi habe dies verlangt, um nicht unliebsame Srörterungen in der französischen Preffe hervorzurufen in

dem Augenblick, wo er mit Frankreich einen Handelsvertrag schließen wolle.

Pari-, 5. October. Heute Mittag hat die Beerdigung Pasteurs unter großartiger Beteiligung stattgefunden. Unter vielen Kränzen fielen besonders diejenigen des Herzogs von Orleans und der Straßburger Studenten auf. Hundert­tausende bildeten auf dem Wege, den der Zug nahm, Spalier. Präsident Faure begab sich direkt nach der Notredame Kirche und wurde dortselbst vom Cardinal Richard empfangest.

London, 4. October. Der Sturm an der britischen Küste hat sich erneuert. Es trafen Nachrichten von Schiff­brüchen ein, bei welchen eine große Zahl von Menschen um- Leben kam. An der Westküste gingen acht Segelschiffe ver­loren. Die norwegische BriggHaabet" litt bei Ilfracombe Schiffbruch. Die Bemannung und ein Mädchen wurden mittelst Raketen-Apparates gerettet. Auf der Höhe von Aizard wurde ein großer österreichischer Dampfer in Noth signalisier, ein Schleppdampfer und ein Rettungsboot sind zur Hilfeleistung abgegangen. Zwei auf der Höhe von Scillh in Noth gerathene Dampfer wurden eingeschleppt.

Constavtivopel, 5. October. Die Aufregung hat sich etwas gelegt. Die Polizei geht energisch vor und duldet keine Ansammlungen von Christen oder Muhamedanern. Das Einschreiten der Botschafter hatte zur Folge, daß mehrere Polizeibeamte suSpendtrt wurden und die Untersuchung gegen die verhafteten Ruhestörer schleunigst durchgeführt wird. Die Gerüchte, wonach mehrere verhaftete Armenier im Gefängniß ermordet worden seien, sind vollständig unbegründet. Der Polizeimintster lud die Botschafter ein, sich persönlich im Gefängniß von der Unwahrheit dieser Gerüchte zu überzeugen.

Sonstantinopel, 6. October. Zur Zeit herrscht hier vollständige Ruhe. Nur auS den Provinzen laufen alar- mtrende Nachrichten ein, deren Richtigkeit man jedoch bezweifelt.

18. Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins.

Die zweite Mitgliederversammlung deS Allgemeinen Deutschen Frauenvereins fand Mittwoch den 2. October, Vormittags, statt. Auf der Tagesordnung stand zunächst ein Referat von Frau Dr. Goldschmidt-Leipzig:Die Stellung der Frau im Familienrecht". Die Rednerin führte auS, daß bet der Durchberathung des Entwurfes eines bürgerlichen Gesetzbuches im Reichstage auch die Frauen ver­treten zu fein wünschen und daß deßhalb der Bund deutscher Frauenvereine eine Petition vorbereitet habe, in welcher um Abänderung derjenigen Paragraphen des Entwurfes gebeten wird, welche nach Ansicht der Frauen ihrem Geschlechte nicht Gerechtigkeit widerfahren laffen. Frau Dr. Goldschmidt be­sprach diese Paragraphen, welche hauptsächlich daS Ehe- und Güterrecht betreffen, eingehend und fand die volle Zustimmung der Versammlung. Es folgte hierauf die Besprechung der fitzt immer weitere Kreise von Frauen interesfirenden Sttt« ltchkeitSfrage. Fräulein Auguste Schmidt begründete die Petition um Abschaffung der gewerbsmäßigen Prostitution, welche der Bund Deutscher Frauenvereine dem Reichstage einzureichen gedenkt. Frau Bieber-Böhm, Berlin, brachte auS ihrer reichen Erfahrung weiteres werthvolles Material herbei und wies überzeugend nach, wie durchaus nothwendig eS ist, daß die Frauen endlich anfangen, sich dieses wunden Punktes thatkräftig anzunehmen. Nachdem Fräulein Hoffmann-Bremen, Schriftführerin des Bremer Mäßigkeitsvereins, noch vorgelegt hatte, daß die Trunksucht außerordentlich ost die Ursache der Unfittlichkeit sei, wurde die Debatte eröffnet, auS welcher deutlich hervorging, daß alle Anwesenden mit ganzer Seele der Förderung dieser Bestrebungen zugethan waren. Um 12 Uhr wurde die Ver­handlung geschloffen.

Die Nachmittagsoersammlung deS 2. October wurde in den Räumen des SaalbaueS vor einem außerordentlich zahlreichen Publikum abgehalten. Auf der Tagesordnung stand zunächst der Vortrag von Frau Dr. Goldschmidt- Leipzig :Friedrich Fröbel und der Volkskindergarten." Sie betont die Wichtigkeit des Fröbel'schen ErziehungsshstemS, daS die Frauen ganz besonders zur Mithilfe heranzieht, in­dem eS daS ganze weibliche Geschlecht in den Dienst der VolkSerziehung stellen will. Die Rednerin geht hierauf auf die Bedeutung der Volkskindergärten näher ein und betont, welch einen außerordentlich wichtigen Factor sie bei der Er­ziehung der Kinder bilden. Die Lehrerinnen sollten sich viel mehr als bis jetzt mit der Fröbel'schen Methode beschäftigen, besonders müffe das Seminar in Verbindung mit dem Volks- kind-rgarten stehen. Lauter Beifall belohnte die Rednerin. Nachdem bann Fräulein Mecke einen Bericht Über die Kinderhorte in Straßburg gegeben hatte und im Anschluß

daran über die von Profeffor Zimmer gegründete evangelische Diakonie in Schloß Wehrdorf berichtet, erstattete Frau Pro« feffor Weber-Tübingen einen Bericht über den Verein für HauSbeamtinnen, der tm Jahre 1894 gegründet wurde, um daS StandeSbewußtsein und die Berufsbildung derjenigen jungen Mädchen zu heben, die sich als Siützen der Haus­frauen , Repräsentantinnen rc. ihr Brod verdienen. Der Verein hat in der kurzen Zeit seines Bestehens schon sehr schöne Erfolge zu verzeichnen- Frau Prof. Weber fordert zur thärigen Förderung des Vereins auf.

Nachdem Fräulein Dr. Kastner über die Erfolge der von ihr begründeten Obst- und Gartenbauschule für Frauen gesprochen hatte, hielt Fräulein A. Schmidt den letzten, mit Begeisterung aufgenommenen Vortrag über das Thema: Die sociale Bedeutung der Frauenbewegung". Ideen gleichen Keimzellen, nur die lebenskräftigen entwickeln sich und erzeugen Neubildungen. Lebenskräftig find die Ideen, auS denen die Frauenbewegung entsprungen ist, die trotz der größten Hemmungen stetig fortschreitet. Ste refulitren auS der Anschauung, daß die Frauen nicht nur ihren Nalu,beruf, sondern auch einen Culturberuf zu erfüllen haben, selbst in der Erziehung, denn diese beschränkt sich nicht auf die Körper­pflege deS Kindes, sondern steht ihre höhere Ausgabe in der Bildung deS JntellectS und der sittlichen Kräfte. In der Erfüllung ihrer Culturaufgabe treten Frauen als Mitarbeiier an den socialen Aufgaben, -r Erhöhte Leistungskraft ver­mehrt den Reichthum einer Nation und für viele sociale Aufgaben ist die LeistungSkrast der Frau sehr wohl zu ge­brauchen. Diese Leistungskraft muß gestärkt werden durch Schulung und durch die Frelgebung von Berufszweigen. Weitere sociale Aufgaben entwickelten sich auS dem Arbeits­felde der Hausfrau. Der Ueberschuß von Kraft und Zeit ist zu verwenden zur Theilnahme an Wohlfahrtseinrichtungen, für die denkende, arbeitsfähige Frauen hochbegabt find. Die sociale Pflicht gebietet der Frau, nach einer Reihe von Aemtern in der Gemeinde zu trachten, wie Armen- und Krankenpflege, Vormundschaft u. s. w. Die Gestaltung der menschlichen Gesellschaft wird durch unsere Mitarbeit ge­winnen, wenn die Frau daS Wort beherzigt:Nicht mit- zuhaffen, mitzulieben bin ich da." Das Mitgefühl muß die Grundlage der Mitarbeit bilden. Die Anwesenden geben durch lauten Beifall ihre Sympathie mit den Ausführungen der Rednerin kund. Die Versammlung wurde hierauf geschloffen.

DertttifdyteSo

Köln, 3. October.Ein fast neues Zweirad billig zu verkaufen", annondrte ein hiesiger Wirth. Seine Gäste meinten, daß er die Maschine sobald nicht los sein dürste, weil der Winter vor der Thür stehe.Ich wette", rief der Wirth,nach dieser Annonce werde ich eS schon loS." Und er hatte Recht. Alsbald erschien ein junger Mann, besah stch mit Kennerblicken das Vehikel und fand den geforderten Preis nicht zu theuer, wenn sich die Maschine gut fahren laste.Bitte, versuchen Sie", antwortete der Wirth. Der junge Mann schwang stch auf sein Stahlroß, fuhr erst langsam und bedächtig, dann immer schneller, bis er ganz verschwunden war und blieb.

Literatur rrird Knnft

Das Erscheinen der 5. Lieferung der Allgemeine« Ge­schichte der dildende« Künste von Professor Alwin Schultz (G. Grote'sche Verlagsbuchhandlung Separat-Conto (Müller-Grote u. Baumgärtelj, Berlin) gibt unL Anlaß, von neuem auf dieses popu'äre Kunstwerk hinzuweisen. Die vorliegende Lieferung enthält den Schluß der italienischen Renaistance- und Barock-Plastik, die Bildhauerkunst der Renaistance in Spanten, Frankreich, den Nieder­landen, England, Deutschland und bringt damit die gesammte Dar­stellung der Plastik der Renaissance zum Abschluß. Auch in diesem hochwichtigen Abschnitt bewährt sich der Verfasser als gründlichster Kenner und als Meister der Darstellungskunft. In lebensvoller Anschaulichkeit zeichnet er das Empfinden, Schaffen und fieben der großen Meister und den Gesammtcharakter jener hervorragenden Kunftpertode. 59 Abbildungen im Text, unübertreffliche Erzeugriste unserer Holzschneidekunst, und 12 Tafeln und Knnstbeilagen erläutern und schmücken die vorliegende Lieferung, die Meisterwerke der Renaissance-Plastik in wirkungsvoller, treuer Wiedergabe zur An­schauung bringend. Eine wohlgelungene, farbige Nachbildung deS ReliefsDie Verkündigung" von Andrea della Robbta gibt ein hübsches Beispiel von der eigenartigen Thätigkeit der Florentiner Künstlerfamtlte della Robbia, deren Reliefs aus glasirtem Thon durch ihre ideale Formenschönheit und keusche Einfachheit entzücken. Es verdient den Dank aller Kunstfreunde, daß dieses Werk, dessen Inhalt reicher und gediegener kaum gedacht werden kann, zu einem so sehr billigen Preis dargeboten wird; so allerdings wird auf die zweckmäßigste Weise dafür gesorgt, daß Jeder, der Sinn für die Kunst und das Schöne hat, demselben auch die beste geistige Nahrung zusühren kann.