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Nr. 06
Der Hießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.
Die Gießener DamikieaSkäller werden dem Anzeiger »Lchentlich dreimal beigelegt.
Zweites Blatt.
Dienstag den 7. Mai
1893
Gichmer Anzeig er
Senerat-Mnzeiger.
vierteljähriger AöoMMcmfHtsptei»: 2 Mark 20 Pfg. mit Brtngerlohn.
Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Pfg.
Redaction, Erpedili« und Druckerei:
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Zltnts- und Anzeigeblutt für den Tkreis Giefzen.
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Alle Annoncen-Bureaux des In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
2lmtlid?er Lheil.
Gießen, den 2. Mai 1895. Betr.: Die Vertilgung der BluUaus.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Grosth. Bürgermeistereien bezw. Ortspolizeibeamten des Kreises.
Nach dem in obiger Angelegenheit erlassenen Reglement vom 3. Februar 1888 — Kreisblatt Nr. 32 — hat im Laufe des Monats Mai durch die zu bestellende Commission eine Untersuchung der Aepfelbäume auf das Vorhandensein der Blutlaus stattzufinden. Wir beauftragen Sie, diese Untersuchung vornehmen zu lasten und über das Resultat zu Ende Mai zu berichten. In die Commisfion sind möglichst dieselben Männer zu wählen wie in früheren Jahren, da bei denselben eine bestere Erfahrung im Auffinden der Blutlaus vorausgesetzt werden darf. Besondere Aufmerksamkeit muß bei der Besichtigung denjenigen Bäumen geschenkt werden, an welchen in den letzten Jahren die Blutlaus gefunden wurde. In den Berichten ist anzugeben, ob sie sich hier wieder gezeigt hat.
Wird das Jnsect gefunden, so ist mit der Reinigung der Bäume nach den Vorschriften des Reglements alsbald oorzugehen. Wegen der besten Art der Vertilgung verweisen wir auf unser Ausschreiben vom 9. Juli 1887 — Kreisblatt Nr. 160.
v. Gagern.
Gießen, den 4. Mai 1895.
Betr.: Die Ablieferung der Vacanzüberschüste erledigter Schulstellen an den Provinzialschulfonds.
Dar Grotzherzogliche Kreisamt Gießen Mi die «rotzp. Bürgermeistereien des Kreises.
Wir erinnern Diejenigen von Ihnen, welche mit der Einsendung der Nachweisung über Vacanzüberschüste oder mit den Berichten, daß solche nicht einzureichen sind, noch im Rückstände sich befinden, an die alsbaldige Erledigung unserer Verfügung vom 11. v. Ms., Anzeiger Nr. 89.
v. Gagern.
Deutsche» Reich.
Berlin, 4. Mai. Der Kaiser nahm am Freitag einen , längeren gemeinschaftlichen Vortrag des Reichs- I kanzlers Fürsten Hohenlohe und deS Staats-, secretärS des Auswärtigen Amtes, Freiherrn - v. Marschall, entgegen. Man wird vielleicht in der An- nähme nicht fehlgehen, daß es sich in dieser Audienz um Darlegungen der beiden Staatsmänner über die o ft a s i a t i s ch e Frage gehandelr hat, worauf speciell die Theilnahme deS - Herrn v. Marschall an dem Vortrage hindeutet. In den letzten Tagen sind sowohl der japanische Gesandte am Berliner ; Hose, Vicomte Arki, als auch der chinesische Geschäftsträger i vom Staatssecretär des Auswärtigen empfangen worden, und über die hierbei erhaltenen Eindrücke dürfte Herr v. Marschall in seinem gemeinsamen Vortrage mit dem Reichskanzler dem Kaiser berichtet haben. Wie in Berliner politischen Kreisen versichert wird, bringt Japan den erfolgten Vorstellungen Deutschlands, Rußlands und Frankreichs keineswegs die schroffe Ablehnung entgegen, an welche die englische Preste glauben machen will. Es sollen Verhandlungen im Gange sein, um Japan Compensationen irgendwelcher Art für die von ihm aufzugebenden Forderungen gegenüber China anzubieten, womit angeblich auch die englische Regierung einverstanden ist. ES wird daher jetzt eine beruhigende und für alle beteiligten Interessenten ersprießliche Wetterentwickelung der ostasiatischen Frage für wahrscheinlich gehalten.
— Im Reichstag beginnt am Dienstag die zweite Plenarlesung der vielgenannten „U m st u r z - V o r l a g e", womit also die parlamentarische Entscheidung in dieser so lange schon schwebenden Frage endlich herangenaht ist. Trotz aller dem äußerlichen Anscheine nach ungünstigen Constellationen für die Vorlage läßt sich indeffen der schließliche Auögang der ganzen Angelegenheit noch keineswegs mit Bestimmtheit beurteilen. Selbst wenn die Vorlage in der zweiten Lesung abgelehnt werden sollte, so wäre eS ooch nicht unmöglich, daß noch zwischen der zweiten und dritten Lesung eine Ver- ständigung über die hauptsächlichsten wegen des „Umsturz- Gesetzes" bestehenden Differenzpunkte im Reichstage zu Stande kommt. Zur stricten Ablehnung der „Umsturz-Vorlage" in jeder Gestalt sind die Socialdemokraten, die beiden freisinnigen Fractiooen und die süddeutsche Volkspartei entschloffen, aber diese Gruppen geben noch lange nicht den Ausschlag, es kommt vor Allem auf die Stellungnahme der stärksten Partei des Reichstages, des Centrums, an, und daffelbe wird
ja bei den kommenden entscheidenden Beratungen über die „Umsturz-Vorlage" endlich genötigt sein, seine Karten aufzudecken.
Au-land.
Laibach, 4. Mai. Heute früh gegen 4 Uhr wurde hier abermals ein Erdstoß verspürt.
Paris, 4. Mai. Der Marineminister soll wegen der Haltung der chauvinistischen Preffe über die Thatsache, daß auf den Flaggen der nach Kiel zu den Festlichkeiten zu entsendenden französischen Schiffe die Jahreszahl 1870 angebracht wird, telegraphisch die Marineverwaltung in Brest angewiesen haben, aus den Schiffsflaggen überhaupt keine Jahreszahl anzubringen.
Paris, 4. Mai. Gerüchtweise verlautet, daß Japan entschloffen sei, den Wünschen der europäischen Mächte in Betreff des Friedensvertrages Rechnung zu tragen.
Epinal, 4. Mai. Die Nachforschungen nach den Leichen in Bouseh werden eifrig fortgesetzt. Infolge der Ans- dünstungen des Schlammes, welcher von der Ueberschwem- mung zurückgeblieben ist, bricht ein heftiges Fieber ans. Der Abgeordnete Franc aus Epinal hat einen Central- AuSschuß von 30 Personen gebildet, welcher mit der Ber- ! theilung der Unterstützungen beauftragt wird. Der Minister ? hat die Vertheilung der Medicamente angeordnet und er= : klärt, er werde Epinal nicht früher verlaffen, als bis er [ über die Verantwortlichkeit der Katastrophe vollständig auf- ; geklärt sei.
Risch, 4. Mai. Die Skupschtina hat heute den Antrag [ der Regierung, dem Exkönig Milan eine JahreSpenfion von - 480,000 Francs auszusetzen, angenommen.
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Bad Nauheim, 3. Mai. Die Kinderheilanstalt Elisabeth- hauS hat am 1. Mai ihre erste Sommercurperiode mit 95 Pfleglingen begonnen. ES finden im Sommer 4 Cnr- perioden von je 5 Wochen statt. Den Pflegedienst versehen 6 Schwestern ans dem Elisabethenstist zu Darmstadt unter der Leitung der Schwester Elisabeth Sandmann, wozu noch ein Dienstpersonal von 5 Personen tritt. Dirigierender Anftaltsarzt ist seit Gründung der Anstalt Medicinalrath Di. Slbbee. Angemeldet und fest angenommen sind bereits 360 Personen- noch täglich laufen Anmeldungen ein, doch
Feuilleton.
Aus 6 i f t r f n dj t.
Von G. ©trüber.
(Fortsetzung.)
Werner wollte sich erheben, Fleischer zog ihn jedoch erregt auf seinen Platz zurück.
„Sie werden doch die Damen durch Ihr Nachlaufen nicht compromittiren wollen," stieß er hervor. „Ich kann eS Ihnen allerdings nicht verwehren, sich um das junge Mädchen zu bewerben, aber wenn Jemand versuchen sollte, ihm lästig zu werden, so würde eS mich zu seinem Schutze bereit finden."
Werner erwiderte nichts auf diese Worte. Nachdenklich senkte er den Kopf auf die Brust und seufzte verschiedene Male laut vor sich hin, so daß sein Gefährte ihn mit argwöhnischer Unruhe betrachtete. Mit einem Male trank er sein GlaS mit einem Zuge aus und bat Fleischer, ihn zu entschuldigen, wenn er sich jetzt von ihm trennte. Denn er befände sich in einer so eigentümlichen Stimmung, daß er unbedingt die Einsamkeit aufsuchen und eine Zeitlang allein sein müßte.
In tiefe und nicht eben beruhigende Gedanken versunken verließ kurz darauf auch Fleischer das Local.
Drei Tage später führte ihn ein Geschäft nach dem Comptoir seines Bankiers, wo er Werner allein antraf. Das Geschäft war rasch erledigt, als sich Fleischer indeffen wieder entfernen wollte, meinte der junge Commis mit einem verschmitzten Lächeln:
„Sie werden mir vielleicht bald gratullren können, Herr Fleischer. Ich habe nämlich die Wohnung Ihrer schonen Bekannten entdeckt und mit ihr gesprochen, und dabei hat fie einen so vortrefflichen Eindruck auf mich gemacht, daß ich entschloffen bin, sobald wie möglich um ihre Hand anzuhalten. Da ich vom nächsten Monat an eine erhebliche Gehaltszulage erhalte, so werde ich in der Lage fein, eine Frau anständig ernähren zu können, und mein Glück werde ich alsdann allein
Ihnen zu verdanken haben, durch welchen ich auf einen so seltenen Schatz aufmerksam gemacht worden bin."
Herr Fleischer, der bald blaß, bald rott) geworden war, brummte etwas vor sich bin, was sich durchaus nicht wie ein Glückwunsch anhörte, und verließ mit einem sehr kurzen „Guten Morgen" daS Bureau.
Mit recht grimmiger Miene ging er über die Straße, bis er vor einem hübschen Handschuhladen angelangt war. Zögernd und sich den Schweiß von der Stirn abwischend, blieb er einige Minuten vor demselben stehen und trat alsdann ein.
Das auffallend schöne Mädchen mit den klugen und freundlichen Augen, welches in dem Laden anwesend war, mußte Herrn Fleischer wohl schon ziemlich gut kennen, denn es lächelte ihm verbindlich zu und frug, ob ein Paar Handschule gefällig wären.
„Allerdings, mein Fräulein, wenn Sie die Güte haben wollten, mich Ihre Handschuhe sehen zu lasten," stammelte er verlegen, ohne fie anzusehen. „Ich brauche ziemlich viel Handschuhe, wenn man indessen ein Vermögen von über vierhunderttausend Mark hat," fügte er etwas fester und nicht ohne Stolz hinzu, „so haben solche Ausgaben nichts zu bedeuten."
„Das ist sehr wahr," versetzte das schöne Mädchen, indem es eine Anzahl Handschuhe auf der Theke ausbreitete. „Wer viel Geld besitzt, der kann sich Manches erlauben, worauf der Arme verzichten muß."
„Wenn Sie das so gut wissen," meinte er mit Betonung, „so würde ich an Ihrer Stelle mir auch niemals einen Mann aussuchen, der kein Vermögen besitzt und mit dem Sie also Entbehrungen aller Art durchzumachen hätten."
Das Fräulein lächelte unbefangen.
„Ich denke noch nicht ans Heirathen," erklärte sie, „wenn aber jemals eine derartige Absicht in mir entstände, so würde das Geld meines Zukünftigen am allerwenigsten bestimmend auf mich einwirken. Nur dem würde ich meine Hand reichen, der mir in Bezug auf seine äußeren und inneren Eigenschaften durchaus gefiele."
„Wie zum Beispiel Herr Fritz Werner," platzte Fleischer heraus, eine Bemerkung, die lediglich ein vergnügtes Lächeln bei dem Fräulein zur Folge hatte.
„Herr Werner ist allerdings ein charmanter Herr, den ich sehr gut leiden kann, von einer Heirath zwischen uns beiden war indessen bis-dahin noch nie die Rede."
„Denken Sie auch niemals an etwas Derartiges, Fräulein Johanna!" rief Fleischer mit großer Lebhaftigkeit aus. „Was konnte Ihnen ein solcher armer Commis auch bieten, der nichts besitzt, als fein armseliges Einkommen! Wäre ich in Ihrer Stelle, so würde ich mir einen gesetzten Mann mit Vermögen aussuchen, der über die Thorheiten der Jugend hinaus wäre und wüßte, wie er ein solches Kleinod wie Sie zu achten und zu ehren hätte."
„Ein solcher Mann wird ein armes Mädchen wie mich nicht nehmen wollen," sprach leise Johanna, welche das erglühende Gesicht zu Boden gesenkt hatte.
Mit unbeschreiblichem Entzücken betrachtete Fleischer daS in diesem Moment doppelt schöne Mädchen. Er schien mit einem schwerem Entschlüsse zu ringen, plötzlich) aber erfaßte er das Händchen Johannas und flüsterte ihr leidenschaftliche Worte ins Ohr, welche damit endeten, daß die fortwährend die Farbe wechselnde Johanna mit einem Male daS Köpfchen an die breite Brust ihres Anbeters legte und es duldete, daß er sie feurig umarmte.
Fräulein Schmidt, wie die nunmehrige Braut des Herr« Fleischer hieß, hatte eingewilligt, mit ihrem Bräutigam am Nachmittag des nächsten Tages, welcher ein Festtag war, eine Promenade zu machen, und so wanderten denn beide zu der festgesetzten Zeit Arm in Arm und strahlend vor.Gliick durch die Straßen der Stadt. Herrn Fleischers ganzes Gesicht leuchtete jedesmal aus von Stolz uni) Freude, wenn irgend ein ihm begegnender Bekannter bewundernd das bildhübsche Mädchen an seiner Seite betrachtete, während Johanna alsdann regelmäßig unter leichtem Errothen die Augen zu Boden senkte.
(Schluß folgt.)


