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-irtzener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.
Die Gießener
A>«mikien Sfätter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
Zweites Blatt. Sonntag den 5. Mai
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Deutschlands Interessen in Ostasien.
Kriegerische Ereignisse, welche in ihren Folgen dazu angethan sind, ganzen Ländern für Jahrzehnte und selbst für Jahrhunderte hinaus eine gänzlich veränderte Entwickelung oder auch Unterdrückung der natürlichen Kräfteentfaltung zu geben, müffen mit weitem Blick ohne jedes Borurtheil und ohne jede Beeinflussung von der politischen Tagesströmung von den Staatslenkern beurtheilt und behandelt werden, Ion ft entstehen Fehler, welche für den Volkswohlstand niemals wieder ganz ausgeglichen werden können. In dieser Lage befinden fich die meisten europäischen Großmächte, ganz besonders auch Deutschland, den Folgen deS japanisch chine- sischen Krieges gegenüber, und der gemeinsame Protest Deutschlands, Rußlands und Frankreichs gegen die japanischen von China verlangten Frtedensbedingungen beweist, daß die RetchSregierung ein scharfes Auge für die Wahrung der deutschen Interessen in Ostasien hat. Denn wenn wir bis zu einem gewisien Grade unsere moralischen Sympathien auch Japan, welche- eine fortgeschrittene Cultur vertritt und dem ungeschlachten chinesischen Riesen eine größere Werthschätzung der europäischen Cultur indirekt beigebracht hat, zuwenden müssen, so ist doch im Uebrigen Deutschland (wie auch Rußland und Frankreich) in die Rothwendigkeit versetzt, politisch und auch wirrhschaftlich den Japanern entgegenzutreten. ES hat sich nämlich durch den japanischen Feldzug und den von Japan erstrebten Friedensvertrog mit China gezeigt, daß Japan keineswegs nur Korea befreien und China demüthigen will, sondern daß es mit aller Macht und aller ihm eigenen List und Verschlagenheit darauf hinausgeht, die maßgebende Macht in Ostasien zu werden und China in Bezug auf dessen Politik und Handel vollständig zu beherrschen und auszubeuten. Die daraus für Deutschlands Handel mit China und die ganze Machtstellung deS deutschen Reiches in Ostasien entstehenden Nachtheile können, wenn Japan nicht in gewisse Schranken mit seiner Eroberungspolitik zurückgewiesen wird, in den folgenden Jahren auch deshalb ganz besonders groß und gefährlich werden, weil erstens Japan schon jetzt bemüht ist, fich eine eigene große Industrie zu schaffen und von Europa möglichst wenig Maaren zu beziehen, und weil Japan Neigung verräth, mit China ein Schutz- und Trutzbündniß abzuschließen, welches als gleichbedeutend mit der Bekämpfung des europäischen Handels und der europäischen Cultur angesehen werden muß. Unmöglich können Deutschland, Rußland und Frankreich ruhig zusehen, daß das verhältnißmäßig kleine Japan das riesige chinesische Reich, welches gegen 400 Millionen Einwohner zählt, und mit der Zeit für den
europäischen bez. deutschen Handel ein abnormes Absatzgebiet ■
werden kann, allein nach der rücksichtslosen Manier eines glücklichen Eroberers für sich allein auSbeutet. Auch muß der Vorwurf zurückgewiesen werden, daß Deutschland durch sein Zusammengehen mit Rußland und Frankreich in der ostasiatischen Frage für Rußland die Kastanien aus dem Feuer hole. Richtig ist cS ja, daß Rußland als directer Nachbar von China und Korea dort mehr Jntereffen wahrzunehmen hat als Deutschland, aber handelspolitisch haben Rußland, Deutschland und Frankreich dort gemeinsame Jntereffen, und cS handelt sich dort darum, daß sich Japan nicht in der Mandschurei, also im eigentlichen China festsetzt, und auch nicht Verträge mit China abschließt, welche den europäischen, bez. deutschen Handel lahm legen. Erstaunt werden viele Politiker darüber sein, daß England und Nordamerika, welche doch auch viel Jntereffen in Ostasien haben, jetzt abwartend bei Seite stehen. Nun daS Fischen im Trüben dürfte diesmal den Engländern und Amerikanern sehr schwer werden, denn Deutschland, Frankreich und Rußland repräsentiren ein lolcheS colossales Schwergewicht, daß mit Winkelzügen nichts dagegen auszurichten ist, und wenn eines Morgens 40 bis 50 starke Kriegsschiffe Rußlands, Frankreichs und Deutschlands die japanischen Häfen bloktren, dann werden den Japanern auch die Augen aufgehen.
totales unb prot>iti3iclles,
Bad Nauheim, 1. Mai. Mit dem heutigen Tage ist die . officielle Badesatson eröffnet worden. Der Zuzug ’i von Fremden war die letzten Tage ein recht beträchtlicher.
Von den vielen hiesigen Logierhäusern kann sich übrigens kein zweites einer Frequenz rühmen, wie das städtische Kurhospital, das am Tage seiner heutigen Eröffnung bereits nahezu voll- ’ ständig mit 36 Gästen besetzt ist.
j § Stockheim, 1. Mai. Am verflossenen Sonntag ging der Landwirth Konrad Lotz aus dem benachbarten Orte
1 Glauberg zu einer Hochzeit nach Heegheim und trat von dort gegen 3 Uhr Nachts den Heimweg an. Der Mann ist indessen bei seinen Angehörigen nicht eingetroffen. Die Mütze des Vermißten wurde am anderen Morgen von einem Müller in der Nidder aufgefunden. Da der Weg, den Lotz passiren mußte, eine kurze Strecke an genanntem Flüßchen vorüberführt, ist es wahrscheinlich, daß der Mann in der Dunkelheit den Weg verfehlt, in das Waffer gefallen und ertrunken ist. Obwohl schon zwei Tage die Nidder auf eine weite Strecke abgesucht wird, konnte die Leiche bis jetzt noch nicht geländet werden.
Schistsnaehrichten.
Norddeutscher Lloyd, tn Gießen vertreten durch die Agenten 6er! LooS unb I. M. Schulhof.
Bremen, 30. April. (Per transatlantischen Telegraph.) Der Schnelldampfer Ems, Eapt. W. Retmkasten, vom Norddeutsche» Lloyd in Bremen, ist heule 10 Uhr Vormittags wohlbehalten tn Newyork angekommen.
Bremen, 2. Mai. (Per transatlantischen Telegraph.) Der Schnelldampfer Havel, Eapitain Th. Jüngst, vom Norddeutschen Lloyd in Bremen, ist gestern 4 Uhr Nachmittags wohlbehalten in Newyork angekommen.
— Der Postdampfer „Noordland" der „Red Star Linie" in Antwerpen ist laut Telegramm am 1. Mai wohlbehalten in Newyork angekommen.
— Der Postdampfer „Switzerland" der „Red Star Linie" in Antwerpen ist laut Telegramm am 1. Mat wohlbehalten in Pphiladelhia angekommen.
Technische Fortschritte.
— Ei« einfache» Mittel, nm Messing den schwarren, «alten Farbton de» Harne» zn geben. Reines, gutes Melsing, d. h. solches, das aus überwiegend Küpser besteht, nimmt diese Färbung durch Behandeln mit kohlensaurem Kohlenoxyd in Verbindung mit Salmiakgeist an. Da der Ueberzug aus Kupfer besteht, so ist dieser sehr haltbar. Besonders schön im Aussehen werden, nach dem „Metallarbeiter", Broncegegenstände aller Art, so Bronce- Ntppsachen usw. Ein leichter Ueberzug mit der Lösung eines Präparates, z. B. Damar in Petroläther hebt die Färbung und macht sie gegen äußere Einflüsse unempfänglicher.
— Holzkitt. Man bereitet nach „Wiecks Gew.-Ztg." solche« aus: 1 Theil Gummi arabicum, 2 Thellen Wasser und 3—5 Theil« Kartoffelstärke. — Ein sehr guter Kitt wird auch erzielt, wenn mtm ganz feine Sägespähne durch Befeuchten mit Leinölfirniß und andauerndes Kneten der Maffe in Teigform bringt, wodurch die Masse sehr bildsam wird.
— Einfache» Mittel, um Botte* und Schmalz bat ranzigen Geschmack r« nehmen. Man wäscht bte Butter oder das Fett mit Wasser aus, gießt frische, gute Milch darüber und läßt es 8 Tage stehen; hieraus gießt man die Milch ab, und wäscht die Butter oder das Fett abermals auS. Die Butter muß aufs Neue gesalzen werden.
Kunst-Ausstellung, Ä'Ä
nähme des Samstags, von 11 bis 1 Uhr, am Mittwoch und Sonntag auch noch von 3 bis 5 Uhr. — Eintrittspreis für Nichtmitglieder an Werktagen 50 Pfg., an Sonntagen 20 Pfg.
— Theekenner seien hierdurch auf Meßmer» Thee, Englische Mischung, » Mk. 2.80 pr. Pfd., ganz besonders aufmerksam gemacht. Diese Sorte steht in Folge günstiger Marktlage beim Einkauf dieses Jahr auf einer außergewöhnlich hohen Qualttätsstufe und wird überall von Kennern sehr gelobt. Probepackete 60 Pfg. bei Condttor Hettler. 2069
Feuilleton.
Wochendrirfk aus der Residenz.
(Originalbericht deS „Gießener Anzeiger".)
Z. Darmstadt, 2. Mai.
Hoher Besuch. — 6tn alpines Fest.
Die hessische Metropole war in der vergangenen Woche und am Anfang der laufenden wieder einmal der Rendezvous- Platz einer Reihe hoher Fürstlichkeiten, wie daS schon so manchmal gerade in den letzten paar Jahren der Fall war. Wie Ihren Lesern bereits bekannt ist, trafen fich neben einer Reihe anderer erlauchter Persönlichkeiten vor Allem Seine Majestät Kaiser Wilhelm und Ihre Majestät Königin Victoria von England. Letztere war bekanntlich schon einige Tage hier anwesend und benützte diese Zeit zu täglichen Ausflügen zu Wagen in DarmstadlS herrliche Umgebung, vor Allem nach den umliegenden Großherzoglichen Schlössern, nach dem Kranichsteiner Wildpark usw., lauter One, die gerade für die Königin Victoria besondere Bedeutung haben, da fie nicht nur LieblingSplätze von ihr sind, die fie stets bet ihrer Anwesenheit in Darmstadt besucht, sondern weil fie auch für ihre Kinder und die übrigen nahen Verwandten, welche die Königin am hessischen Hofe befaß und noch besitzt, jederzeit eine besondere Anziehungskraft boten. Hatte schon die Stadt auS Anlaß dieses hohen Besuches ihr Festgewand angelegt, so putzte fie fich noch mehr heraus für den vergangenen SamStag Abend, wo Kaiser Wilhelms Besuch angekündigt war. Bald nach 6 Uhr traf der Herrscher ein, herzlich begrüßt am Bahnhofe von unserem Landesherrn, dem Prinzen Wilhelm von Hessen und dem Prinzen Albert zu Schleswig-Holstein. Da der Besuch keinerlei osficiellen Character trug, sondern nur der Grohherzogltchen Familie galt, fand auch kein militärischer Empfang statt. Se. Majestät
fuhr sofort vom Bahnhofe aus im offenen Vierspänner, zur Rechten unseres Landesherrn sitzend und mit diesem sich lebhaft unterhaltend, nach dem Neuen Palais, wo die Begrüßung der Königin von England, der Großherzogin unb der übrigen anwesenden Fürstlichkeiten stattfand. Das Kaiserliche Absteigequartier befand sich tm Großherzoglichen Residenzschloffe, wohin bald nach Ankunft deS hohen Besuches die Fahnen der hier garnisontrenden Truppen gebracht wurden. Selbstverständlich waren die Straßen um daS Schloß, um das Palais am Luisenplatz und das Neue Valais sortgesetzt dicht von Menschen besetzt, die stets, wenn sich der Kaiserliche Gast zeigte, ihn stürmisch begrüßten. Ueber die weiteren Vorgänge während der Anwesenheit des Kaisers find Ihre Leser schon unterrichtet. Die Abreise des Monarchen fand in aller Stille statt. Voraus ging derselben ein Alarm der Garnison mit anschließender Parade vor dem obersten Kriegsherrn. Jetzt ist es wieder still in der Residenz. Auch die Königin von England ist wieder abgeretst und die noch anwesenden auswärtigen Glieder der Großherzoglichen Familie gehen größtentheils in diesen Tagen.
Zu einem Feste, daS hinsichtlich der Originalität des Arrangements und des Glanzes seines Verlaufes unter die bestgelungensten der ganzen verflossenen Saison gehörte, hatte die nunmehr 25 Jahre hier bestehende Section Darm« stadt des Deutsch-Oefterreichischen Alpenvereins ihre Mitglieder und Freunde am vergangenen SamStag tn den Städtischen Saalbau eingeladen. Mitten in die Alpen glaubte fich der Besucher beim Betreten deS großen Saales versetzt, promenirend unter prachtvollen Fichten erblickte er im Bilde einen dahinrasenden Gießbach, einen romantischen Gletscher, eine anheimelnde Sennhütte usw. und um fich nichts als Touristen, Senner, schmucke Sennerinnen tc., der schwarze Rock sowohl, wie der unvermeidliche Frack waren nämlich den Besuchern von vornherein verboten. Um 7 Uhr gab eine Kuhglocke daS Zeichen zum Beginn des Festes.
Nachdem der schwungvolle Alpenjägermarsch von Keler Bela verklungen war, begrüßte der Präsident Rechtsanwalt Metz die zahlreichen Festtheilnehmer, unter denen fich auch zwei auS weiter Ferne herbeigeeilte „echte Straftet" befanden, nämlich der berühmte Führer Makler und sein College Schwarzhans aus St. Anton, in dessen Nähe die Darmstädter Hütte liegt. Der hervorragendste Theil des reichhaltigen Programms war die Aufführung deS eigens für den Abend von dem hiesigen Hofjuwelier Wondra gedichteten Festspiels „In hundert Jahren". Das reizend auSgedachte Stückchen spielt tm Jahre 1995 auf dem Montblanc, zu dem man nicht mehr mühselig zu Fuße heraufzuklettern nöthig hat, denn eine Luftbahn befördert den auSsichtShungrigen Touristen dorthin und oben warten feiner infolge einer Menge epochemachender Erfindungen, von denen unsere Zett noch keine Ahnung hat, die herrlichsten Genüsse. Das Stückchen ist reich an geistvollen Pointen und localen Anspielungen, die natürlich stürmischen Beifall ernteten, zudem auch die Darsteller der einzelnen Rollen prächtig spielten. Geredet wurde natürlich sehr viel, den Gipfel der Festfreude bildete jedoch das gemüthvolle Treiben in dem WirthshauS „Zur Gletscherspalte", wo bet Münchener Bier und dem Gesänge fideler „Bocklieder" fich jene selige Stimmung entwickelte, die alle Standes- und Rangunterschiede der Einzelnen ausgleicht und sie ungetrübtem Lebensgenüsse sich fröhlich hingeben läßt. Wie lange das Leben dort dauerte, vermag ich Ihnen nicht anzugeben, als ich daS Heim aufsuchte, war es schon arg spät, dort aber rief der ganze Tisch, als ich aufstand: Nein so früh gehn wir noch nicht! — Den Schluß des herrlichen Festes bildete am letzten Sonntag ein Ausflug nach Auerbach, der würdig war deS vorhergegangenen Abends und nicht weniger rote jener allen Teilnehmern noch lange gedenken wird.


