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Samstag den 5. Januar

1895

Nr. 4

Der Kießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.

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Gießener Anzeiger

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Amtliche* Theil.

Gießen, den 2. Januar 1895.

Betr.: Regelung der Sonntagsruhe im Müllereigewerbe. DaS Großherzogliche Kreisamt Gießen «t die Grotzh. Bürgermeiftereie« M Kreises.

Diejenigen von Ihnen, welche unserer Verfügung vom 18. v. M. seither noch nicht entsprochen haben, werden an i)ie umgehende Erledigung derselben erinnert.

v. Gagern.

Bekanntmachung, betreffend Die Prüfung der Bewerber um die Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Militärdienst im Frühjahr 1895.

Diejenigen jungen Leute, welche beabsichtigen, sich der im Frühjahr 1895 stattfindenden rubr. Prüfung zu unterziehen, werden hierdurch aufgefordert, ihre deßfallsigen Gesuche um Zulassung bei Meidung des Ausschlusses von dieser Prüfung

spätestens bis zum 1. Februar 1895

bei der unterzeichneten Commission einzureichen.

Hinsichtlich der Anbringung der Gesuche wird im Spe- riellen das Folgende bemerkt:

1. Das Gesuch ist bei der unterzeichneten Prüfungs - Com­mission nur dann anzubriugen, wenn der sich Meldende im Grohherzogthum Hessen seinen dauernden Aufenthalts­ort hat.

2. Die Zulassung zur Prüfung kann nicht vor vollendetem 17. Lebensjahr erfolgen.

3. Das Gesuch muß von dem Betreffenden selbst geschrieben sein. Auch erscheint es zweckdienlich, wenn stets die nähere Adreffe angegeben wird.

4. Dem Gesuche sind folgende Papiere beizufügen:

a. Geburtszeugniß;

b. Einwilligungs-Attest des Vaters oder Vormundes mit der Erklärung über dessen Bereitwilligkeit, den Freiwilligen während einer einjährigen activen Dienstzeit zu bekleiden, auszurüsten, sowie die Kosten für Wohnung und Unterhalt zu übernehmen. Die

Fähigkeit hierzu ist obrigkeitlich zu bescheinigen und muß die Unterschrift des Vaters oder Vormundes beglaubigt sein-

c. ein Unbescholtenheitszeugniß, welches von der Polizei- Obrigkeit oder der vorgesetzten Dienstbehörde aus­zustellen ist-

d. ein selbstgeschriebener Lebenslauf.

5. In dem Gesuche ist außerdem anzugeben, in welchen zwei fremden Sprachen (von Französisch, Englisch, La­teinisch und Griechisch) der sich Meldende geprüft sein will.

6. Ist bereits früher ein Gesuch um Zulassung zur Prü­fung eingereicht worden, so bleibt dem erneuten Gesuche nur ein Unbescholtenheitszeugniß beizulegeu.

lieber die Anforderungen, welche an die zu Prüfenden gestellt werden, gibt die Prüfungs-Ordnung (Anlage 2 zur ! Wehr-Ordnung vom 22. Novbr. 1888 Regierungs-Blatt ! Nr. 27 von 1894) Aufschluß.

Bezüglich des Prüfungstermins, sowie des Locals, in , welchem die Prüfung stattfindet, erfolgt eventuell weitere j Bekanntmachung; auf specielle Ladung kann nicht gerechnet > werden.

Darmstadt, den 27. December 1894.

Großh. Prüfungs-Commission für einjährig Freiwillige.

Der Vorsitzende: Buchinger, Regierungs Rath.

Deutsches Reich.

Darmstadt, 3. Januar. Nach dreitägigem Besuche ver­abschiedeten fich heute Vormittag der Kronprinz und die Kronprinzessin von Rumänien vom hiesigen Hofe.

Berlin, 4. Januar. Auf dem Gebiete der inneren deutschen Angelegenheiten hat der erste kurze Ab­schnitt des neuen Jahres keine Nachrichten von erheblichem Belang gebracht. Es regiert eben noch die mit der Weih­nachtsvertagung des Reichstages eingetretene politische Ferien- sttlle und erst der am nächsten Dienstag erfolgende Wieder­beginn der Reichötagsverhandlungen dürfte von Neuem einen regeren politischen Wellenschlag erzeugen. Der schon längst angekündigte Besuch des Reichskanzlers Fürsten Hohenlohe beim Fürsten Bismarck in Friedrichsruhe soll in diesen Tagen

stattfinden, doch bleibt es gerathen, vor einer Erörterung der Bedeutung dieser signalisirten Begegnung zwischen dem jetzigen Kanzler und dem ersten Reichstage die Verwirk­lichung derselben immerhin abzuwarten. Die Tabaksteuer- Vorlage soll dem Reichskanzler erst zu einem späteren Zeit­punkte der Session zugehen, da sie im Bundesrathe zunächst noch verschiedene Bedenken eines Thetles der süddeutschen Regierungen zu überwinden hat. Im preußischen Landtage, deffen Zusammentritt am 15. Januar erfolgt, wird kein Ge­setzentwurf zur Abänderung des Vereins- und Versammlungs­rechtes zur Vorlage gelangen.

Der Landeshauptmann von Kaiser Wil- Helmsland, Schmiele, ist von seinem Poften zurück­getreten. Zu seinem Stellvertreter bis zur Ernennung eines neuen Landeshauptmannes wurde Corvettencapitain a. D. Rüdiger ernannt.

Ausland.

Die Miniftercrisis, mit welcher Ungarn aus dem alten Jahre in das neue hinübergegangen ist, befindet sich noch immer in der Schwebe. Schon galt die Bildung eines neuen ungarischen Cabtnets unter dem Banns von Croatien, Grafen Khuen-Hedervary, als zweifellos, da wird jetzt aus Budapest gemeldet, daß der Banus die Bildung des neuen Cabtnets abgelehnt habe. Doch handelt es fich vorerst nur um ein Gerüchl, auch wird hinzugefügt, daß Graf Khuen- Hedervary bei einem formellen Auftrage zur Cabinetsbtldung sicherlich Erfolg haben werde. Andere Budapester Meldungen dagegen behaupten, daß die liberale Partei an einem Mini­sterium unter Banffy, dem Präsidenten des Abgeordneten­hauses, festhalte- die ungarische Miniftercrisis wird offenbar bis zu ihrer Lösung noch manche Schwierigkeiten zu über­winden haben.

Brüffel, 3. Januar. König Leopold von Belgien hat beim Neujahrsempfang der Kammerprästdten zum ge­meinsamen Zusammenschluß der bürgerlichen Partei gegen­über der wachsenden socialistischen Gefahr aufgefordert, sowie die Durchführung der socialpolitischen Gesetzgebung nach dem Muster Deutschlands für Belgien empfohlen. Dem bel­gischen Parlamente wird seitens der Regierung die Erklä­rung des Congostaates zu einer belgischen Colonie vor-

Fenilleton.

Aus vergangenen Tagen.

Bon Carl Daniel.

I

Wer heute in studentischen Kreisen verkehrt, hat gar oft' Gelegenheit, abfällige Urtheile über unsere Vaterstadt zu hören. Die älteren Studenten, die, von größeren Universitäten kom­mend, die letzten Semester hier verbringen, um dann ihr j Examen zu machen, schimpfen, verwöhnt durch das Leben in ' der Großstadt, aufdas Nest" und die jüngeren machen es ihnen nach, meist ohne sich bewußt zu werden, was sie eigent­lich vermissen. Die Zeiten sind vorüber, da der Student fich mit wirklichem Interesse um das kümmerte, was ihm die Eigenthümlichkeiten seiner Musenstadt für Herz und Geist zu bieten vermochten. Die Studentenschaft mit ihren Bestrebungen hat fich geändert, ihre Ziele sind eben andere geworden. Umso wohlthuender berührt uns ein Zeugniß, wie sich der Student vor ftinfzig Jahren in Sage und Geschichte seiner geistigen Heimath vertiefte, und wie ein Gruß aus jenen fernen Tagen muthet uns ein Liederstrauß an, den solch ein Musensohn der Stadtwo er sieht vorüberwallen seiner Jugend goldnen Traum" in dankbarer Erinnerung gewun­den hat.

Ein wenig gekanntes oder längst wieder vergessenes Büchlein betitelt sich:Sagen, Geschichten und Lieder aus Gießen und seiner Umgegend". Ein Gedenkbuch der Musenstadt von Alois Henninger, gen. Alois der Taunide, Dr. phil. Gießen 1848. In zwangloser Reihenfolge hält der Verfasser hier fest, was er aus dem Munde des Volkes erlauscht ober was ihm die Geschichte Bemerkenswerthes aus Gießens Vergangenheit erzählt. Dazwischen streut er seine Sieber, die sich allerdings oft mehr burch warme Empfinbung, als burch Formenschönheit auszeichnen. Den Reigen eröffnet rm Lob der Stabt Gießen, von bem wir bie beiben charakte­ristischsten Strophen hierhersetzen: s

sie freundlich auch zu nennen Dort die Berge in der Runde, Nicht durch ihrer Bauten Glanz Hier des Stromes reicher Strand, Wirds doch schwer, von ihr sich trennen Burgen dort im Hintergründe, Jedem, der da lernet kennen Dörfer hier im schönen Bunde

Ihres Lebens grünen Kranz. Bilden diese- Zauberband.

Diese Liebe zur Stabt, biese Freube an der schönen Umgebung spricht sich in einer ganzen Reihe von Gedichten aus, sei es daß der Verfasser sich über die Wandlung erstaunt, die mit Gießen nach dem Fall der einengenben Festungs­mauern vor sich gegangen ist (das neue Gießen"), sei es, daß er den lauschigen Laubgang, der sich früher um die Stadt zog,die Schur", und das dort sich entwickelnde Treiben besingt, ober baß er auf Vetzberg, Gleiberg, Düns- berg, Badenburg, Staufenberg und Schiffenberg sich seinen Betrachtungen hingiebt.

Breiten Raum nehmen die Sagen ein, anknüpfend an seltsame Namen, an denen so Mancher achtlos vorübergeht. Da ist zunächstdes Teufels Lustgärtchen", das seinerzeit auch die Aufmerksamkeit des Kaisers Friedrich und seines Freun­des, unseres verstorbenen Großherzogs, lebhaft erregt hat. Der Teufel, so meldet die Sage, studierte einst in Gießen. An einem kühlen Abend durchstrich er die Stadt und kam an einem Häuschen, vor dem ein Gärtchen lag, vorüber. Aus dem Fenster des Häuschens ertönte süßer Gesang und den Tönen nachgehend entdeckte der Teufel in der Sängerin ein junges hübsches Mädchen. Es gelang ihm zwar nach vielen Bemühungen mit diesem ein Verhältniß anzuknüpfen, aber eines Tags vergaß er, was er sonst immer sorgfältig gethan hatte, seinen Pferdefuß zu versteckenund ach! das junge Mädchen gewahrt den Klumpenfuß". Entsetzt schlägt es das Kreuz und der Satan versinkt mit Blitzesschnelle in den Grund. Das Mädchen aber verlor den Verstandund in des Lebens Blüthe brach ihr das Herz der Gram." Von da ab wird das Gärtchendes Teufels Lustgärtchen" genannt. Eine andere Sage erklärt den NamenHeiden- thurm". Hier sollen Zigeuner, die der Volksmund' Heiden nennt, in Gefangenschaft gehalten worden sein, weil sie zwar wahr gesagt, aber nicht die Wahrheit gesagt haben. Doch hat diese Sage einen historischen Hintergrund, wie man in Buchnersaus Gießens Vergangenheit" nachlesen kann. Die Umgegend lieferteAlois dem Tauniden" reichen Stoff zur poetischen Bearbeitung. Er behandelt zunächst in zwei Gedichten die Frauenkreuze im Kinzenbacher und im Krofdorfer Wald, von denen beiden die Sage geht, daß sie zum Andenken an eine Gräfin von Nassau, die von ihrem Gemahl aus falscher Eifersucht getöbtet worben fei, an ber Stelle bes Mordes von dem reuigen Gatten errichtet seien.

Daran reihen sich die Sagen von der Erbauung 6er drei Burgen: Vetzberg, Gleiberg, Wettenberg, bie von bi ei Brübern ber lchönen Bertha auf dem Dünsberg zu Liebe errichtet sein sollen, ferner bie reizende Geschickte vomJungfernraub", den der kühne Ritter Holzappel ausführte, indem er die Tochter des Grafen Johann IV. von Nassau-Dillenburg ent­führte, vom erzürnten Vater aber am Fuße des Vetzbergs eingeholt und zur Herausgabe des schönen Raubes gezwungen wurde. Wenig bekannt ist auch die Sage vom Schatten des Kommenthurs auf dem Schiffenberg. Dort hing ehemals über dem Altar in der Kapelle eine im Kampf erbeutete Fahne. Um Mitternacht erhebt sich der tapfere Kommenthur^ der das Siegeszeichen erstritten hat, aus dem Grabe und durchwandelt still die Kirche. Vor dem Fähnlein bleibt er stehen und in seinen Anblick versunken wandern seine Ge­danken zurück,denn er denkt der heißen Stunde, wo er es vow Feind gewann". Es thut ihm wehe, daß das Kleinod so verstaubt und vermodert ein Spiel des Windes verderben soll. Schon reckt er die Hand aus, um es mit ins Grab, an sein treues Herz zu nehmen, da schlägt das Ende der Geisterstunde, der Kommenthur muß zurück in die Gruft und das Fähnlein wehet einsam am Altäre wie zuvor". Des Humors entbehrt nicht die Sage von der Herkunft des DorfnamensWatzenborn". Auf bie Gefahr hin, von ben Etymologen verkannt zu werden, wollen wir sie mittheilen. Nachdem das Dörfchen, das heute jenen schönen Namen führt, erbaut war, berief der Schulze die Gemeinde, um einen Namen für den neuen Ort zu wählen. Jeder sollte einen Vorschlag machen und von ben brei schönsten sollte einer ausgewählt werben. Aber den Bauern wollte absolut kein Name einfallen, alles war still. Da, als der Schulze wieder ungeduldig auf Vorschläge drängt, stürzt der Schweinehirt herein mit dem Angstruf:Watz im Born!" Bestürzt bricht die versammelte Gemeinde in dieselben Worte aus und der Name ist gegeben. Daß diese Ableitung eben nur eine Sage ist, braucht nicht erst hervorgehoben zu werden. Die alte NamensformWazemburne" ist wohl als Wiesenquelle (Wasen) zu erklären. Ernsteren Inhalts ist bie Sage von ber Entstehung Annerob". Ein junges Weib Anna mit Namen hatte mit ihrem Gatten zu Kriegszeiten all ihr Gelb im Walbe ver­graben. Aber nach Beenbigung bes Krieges, in welchem ber Gatte gefallen war, konnte sie ben Ort, da ihr Gut der-