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Nr. 2

Donnerstag den 3. Januar

1895

Der Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.

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Gießener Anzeiger

General-Anzeiger.

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Hratisöeitage: Gießener Jamitienölätter

Anrttichev Theil

v. Gagern.

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Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bi- Borm. 10 Uhr.

No. 45 des Reichs - Gesetzblatts, ausgegeben den 27. d. M-, enthält:

(No. 2204.) Bekanntmachung, betreffend Ergänzung und Berichtigung der dem internationalen Uebereinkommen über den Eisenbahnfrachtverkehr beigefügten Liste.

Gießen, den 31. December 1894.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Ausland.

Prag, 31. December. Während der Feiertage wurden in den Kreisen der Omladinisten zahlreiche Verhaft­ungen vorgenommen. Die Haussuchungen ergeben äußerst gravirende Resultate, sodaß eine Untersuchung wegen Hoch- verraths bevorsteht.

Budapest, 31. December. Die für heute Vormittag 9 Uhr angesetzte Abreise des Kaisers nach Wien ist wegen des Schnee-Unwetters fraglich geworden.

Ungarn ist im Zeichen der MinisterkrisiS, welche sich an den definitiven Sturz des Cabinets Wekerle anknüpfte, in das neue Jahr htnübergegangen. Denn bis zum Montag hatte noch keine der vielen politischen Persönlichkeiten, mit denen Kaiser Franz Joseph während feiner Anwesenheit in Pest über die Lage conferirte, den formellen Auftrag zur Cabinetsbildung erhalten. Doch wird eS viel bemerkt, daß sich unter den zum Kaiser berufenen Politikern und Staats­männern auch der Banus von Kroatien, Graf Khuen- Gödervary, befand. Derselbe wurde am Sonntag Nach­mittag 3 Uhr vom Kaiser in der Ofener Hofburg empfangen, nachdem der Banus vorher eine Unterredung mit Dr. Wekerle gehabt hatte. Am Abend erschien dann der BanuS im

ausschuß strebt die Genehmigung des Loosoertriebes auch in >en übrigen Bundesstaaten an.

Berlin, 31. December. Der Friedensschluß zwischen >en bislang boycotiirt gewesenen Berliner Brauereien und der socialistischen Parteileitung ist von den Angehörigen der socialdemokratischen Partei in Berlin und Umgegend keineswegs ohne Widerspruch ausgenommen worden. In mehr als einer der 16 socialistischen Versammlungen, welche die Herren Bebel, Singer usw. zur Bekräftigung der Aufhebung des Bierboycotts eiuberufen hatten, konnte der betreffende Antrag des Parteivorstandes nur mit Mühe durchgesetzt werden, wobei sich die Mitglieder der socialistischen Bohcottcommission von oppositionellenGenossen" sehr derbe Wahrheiten sagen lassen mußten. Ja, die Charlottenburger Socialdemokraten haben sogar beschloffen, den osficiellen Be­schluß auf Aufhebung des Bierboycotts nicht anzuerkennen, sondern auf eigene Faust den Kampf gegen die vereinigten Brauereien fortzusetzen. Practisch wird bei dieser nur von einem kleinen Theile der Socialdemokraten Berlins und Umgegend beschlossenen Fortsetzung des BoycottS natürlich nicht viel herauskommen, aber der Vorgang beweist doch aufs Neue, daß die socialisttsche Parteileitung sich keineswegs unbedingt auf dieGenoffen" verlassen kann. Es ist noch nicht bekannt, welche Haltung die Führer den frondirenden Charlottenburger Genossen gegenüber einnehmen werden, vielleicht wird man es aber auf jener Seite bei einem sanften Tadel des Verhaltens der Charlottenburger Sonderbündler bewenden lassen, die Zeit ist offenbar nicht geeignet, die neu aufgetauchten Meinungsverschiedenheiten in der socia- ltstischen Partei fortzuspinnen.

Berlin, 31. December. In der Tabaksteuer frag e scheint nicht Alles zwischen den verbündeten Regierungen zu klappen, obwohl der betreffende Entwurf schon den Be- rathungen seitens der BundesrathSausschüsse unterliegt. Es heißt, die Regierungen Bayerns, Badens und Hessens bean­standeten die Vorlage über die Tabakfabrikatsteuer in ver- schiedenen erheblichen Puncten, womit sich also die genannten drei süddeutschen Regierungen in einen gewissen Gegensatz zur Reichsregierung und zur preußischen Regierung bringen würden. Sollten diese angedeuteten Differenzen wirklich vor­handen sein, so wäre es allerdings hohe Zeit, daß sie endlich beseitigt würden, andernfalls müßte die Stellungnahme der bundesstaatlichen Commission bei den Reichstagsdebatten über die Tabaksteuervorlage ein seltsames Schauspiel gewähren.

Die Nachrichten über den angeblich beabsich­tigten Rücktritt des Reichstagspräsidenten von Levetzow tauchen erneut auf, sie stützen sich anscheinend darauf, daß die wider seinen Vorschlag erfolgte Hinaus­schiebung der Generaldebatte über dieUmsturz-Vorlage" bis nach den parlamentarischen Weihnachtsferien allerdings eine unverkennbare Verstimmung bei Herrn von Levetzow hervorgerufen hatte. Aber dieser den Wünschen des Retchs- tagSprästdenten entgegengesetzte Beschluß der Reichstags- Mehrheit schloß nicht tm Entferntesten die Bedeutung eines Mißtrauensvotums gegen Herrn von Levetzow in sich ein, vielmehr erfreut sich der geschäftserprobte erste Vorsitzende des Hauses nach wie vor der größten Hochachtung und Be­liebtheit bei allen Parteien. Es ist daher anzunehmen, daß Herr von Levetzow seine ja berechtigte Verstimmung über­winden und auch fernerhin seines langjährigen Ehrenamtes als Präsident des deutschen Reichstages walten wird.

Coceies u*6 prsvinzi-llc».

Gieße», bett 2. Januar 1895.

♦♦ Ermächtigung zur Annahme und zum Trage» eine! fremden Orden». Seine Köntgl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht: dem Kammerdiener Heinrich Mulch zu Lich die Erlaubniß zur Annahme und zum Tragen der ihm von Seiner König!. Hoheit dem Großherzog von Mecklenburg-Schwerin verliehenen Verdienstmedaille in Silber zu ertheilen.

Nebenbahnen in Oberhesten. Bei der Zweiten Kammer ist eine Vorstellung der Stadt Grün berg, unterstützt von 13 Gemeinden, eingereicht worden mit dem Ersuchen, die Kammer wolle beschließen, daß in Ausführung des Gesetzes vom 15. November 1890 die Nebenbahn von Laubach nach Grün berg unter möglichster Berücksichtigung des Seen- thales, einmündend zwischen Grünberg und der Station

Bekanntmachung.

Betreffend: Schafräude in Grünberg.

Nachdem die Räude in der Schafheerde zu Grünberg er­loschen ist, werden die verfügten Sperrmaßregel« hiermit wieder aufgehoben.

Gießen, den 31. December 1894.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Alle Annoncen-Bureaux beS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Deutsches Reich.

Berlin, 31. December. DieKrcuzztg." schreibt:Von einer Seite, die es wissen muß, wird uns mit aller Bestimmt­heit versichert, daß die Nachricht derNeuen Freien Presse", der Kaiser habe an den Czaren einen eigenhändigen Brief gerichtet, um die Belassung des Grafen Schuwalow in Berlin zu erwirken, unrichtig ist."

Berlin, 31. December. Der zum Legationsrath ernannte Prinz Alexander zu Hohenlohe-Schillingsfürst bezieht, wie dieKreuzztg." meldet, kein Gehalt. Sein Mandat zum Reichstage ist daher nach Art. 31 der Retchs- verfaffung nicht erloschen.

Berlin, 31. December. In einer zahlreich besuchten Versammlung der Berliner Saalbesitzer wurde heute Nach- mittag die Aufhebung der Saalsperre beschlossen, nachdem die Aufhebung des Bierboycotts erfolgt ist. |

Berlin, 31. December. Wie derB. B. Ztg." auf privatem Wege mitgetheilt wird, wurde der Po len verein O Sw lat in Lipine wegen gemeingefährlicher Bestrebungen amtlicherseits geschlossen. Ferner soll den Polenvereinen ein besonderes Augenmerk Seitens der Regierung gewidmet werden.

Berlin, 31. December. Der neu ernannte General- Gouverneur von Warschau und russischer Botschafter am hiesigen Hofe Graf Schuwalow ist heute früh auS Petersburg in Berlin wieder eingetroffen.

Berlin, 31. December. Den neuesten Abendnachrichten zufolge erhielt die Berliner Gewerbeausstellung ftr 1896 die Ermächtigung, biß zu vier Millionen Ein- mark-Loose in Preußen zu vertreiben. Der Arbetts-

Bekanntmachung.

Der Agent Johann Friedrich Schaaf zu Gießen hat den Gewerbebetrieb als Unteragent für den General­agenten F. I. Bothof zu Mainz zur Beförderung von Aus- wanderern durch die Schiffsbefrachter D. & C. Mac Jver in Liverpool, Julius Hartmann & Cie. in Antwerpen und von der Becke und Marsily in Antwerpen über die genannten Häfen nach den Vereinigten Staaten, Canada und Australien aufgegeben und die Rückgabe der von ihm gestellten Caution beantragt.

Ansprüche, welche der Rückgabe der Caution entgegen­gesetzt werden sollen, sind innerhalb sechs Monaten, vom Tage dieser Bekanntmachung an gerechnet, bei dem unter­zeichneten Großh. Kreisamt mit einer Nachweisung anzu­melden, daß wegen solcher Ansprüche Klage bei Gericht er­hoben worden ist.

Wird innerhalb dieser Frist kein Anspruch in gehöriger Weise angemeldet, so erfolgt die Rückgabe der Caution an den Empfangsberechtigten.

Gießen, den 29. December 1894.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

Bekanntmachung.

Philipp Volkert II. zu Klein-Linden ist zum Wasen- meister dieser Gemeinde ernannt und in dieser Eigenschaft verpflichtet worden.

Gießen, den 31. December 1894.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

liberalen Club und besprach sich mit mehreren der An- wesenden. Vielleicht darf man aus diesen Vorgängen schließen, daß Graf Khuen Gödervary zur Lösung der Cabinetsbildung berufen ist, namentlich wenn man sich der Rolle erinnert, welche er bei der ersten Demission des Cabinets Wekerle

Rom, 31. December. In parlamentarischen Kreisen ist man überzeugt, daß trotz des osficiellen Dementis eine Kammerauflösung zu erwarten sei. Nach dem Erscheinen des Briefes CavalottiS sei es nicht mehr nöthig, daß der König die Entlassung des Ministeriums fordere. Eine Anzahl Abgeordnete, welche sich für Crispi ausgesprochen hatten, scheinen der Opposition nicht mehr treu bleiben zu wollen.

Rom, 31. December. Heute früh wurde in Messina ein neuer kurzer Erdstoß verspürt, doch wurde kein Schaden angerichtet.

Lüttich, 31. December. Bei der Stichwahl zwischen dem Socialdemokraten Smeets und dem Katholiken Froncotte erhielt ersterer 63 788, letzterer 55564 Stimmen. Nach dem Bekanntwerden des Resultates entstanden heftige Streitig- feiten zwischen den Socialisten und Clerikalen. Mehrere Personen wurden verhaftet.

Pari», 31. December. Wie verlautet, hat der Kriegs­minister in den letzten Wochen 25 fremde Spione au« Frankreich ausgewiesen. Es sollen strengere Vorsichts­maßregeln gegen Spione ergriffen werden.

Pari», 31. December. Der Revisionsrath, welcher mit der Prüfung der von dem Hauptmann DreysuS gegen das Urtheil des Kriegsgerichts eingelegten Berufung beauftragt ist, trat heute Nachmittag unter dem Vorsitze deS Generals Gossart zusammen. Sofort bei Beginn der Sitzung erklärte der Regierungßcomwiffar Commandant Romain, der Vertheidiger Dreysud' beruhige sich bei dem Ürtheilsspruche des Rathes. Romain beantragte Verwerfung der Revision. Nach Berathung von wenigen Minuten beschloß der RevisionS- rath die Verwerfung der Berufung.

Loudon, 31. December. Die Polizei erhielt einen anarchistischen Drohbrief, in dem angekündigt wird, daß demnächst eins der großen Westend-Restaurants in die Luft gesprengt werden solle.

London, 31. December. Einer Meldung aus Gibraltar zufolge collidirte gestern daß französische SegelschiffMarie Louise" unweit Gibraltar mit einem englischen Schiffe und wurde sofort in den Grund gebohrt. Fünf Mann der Be­satzung ertranken.

London, 31. December. Aus San Francisco wird gemeldet, daß die Polizei daselbst eine geheime Gesellschaft von Chinesen entdeckt hat, deren Zwecke in der Entthronung der jetzigen Dynastie in China bestehe. Die Gesellschaft verfügt über bedeutende Geldmittel und über Waffen und habe bereits durch ihren Abgesandten in China eine Revolution vorbereitet.

Petersburg, 31. December. Der Kaiser und die Kaiserin werden sich im Frühjahr nach Finland begeben. Die Ernennung der russischen Consuln soll in Zukunft mit Autorisation des Finanzministers und des Ministers deS Auswärtigen erfolgen. Die in diesem Jahre wegen der Krankheit des Kaisers Alexander ausgefallenen Manöver werden im Herbste 1895 in der Gegend von Smolensk ab­gehalten. ____________

Neueste Nuchkkhten»

Lepeptzeu bei Burem»Hei'Ud"

Row, 1. Januar. Die Veröffentlichung des Decrets, durch welches das Parlament geschlossen wird, steht unmittelbar bevor. ________