Nr. 128 Zweites Blatt. Sonntag den 2 Zinn
1898
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Pfingsten.
Pfingsten ist der Geburtstag der Christenheit. Die Entstehung der Christenheit bedeutet, was man auch sage, den Frühlingsanfang für die menschliche Gesellschaft. Der Weg des HeidenthumS geht unterwärts, nach jugendlichem Blühen der Völker folgt allemal Greisenhaftigkeit und Tod. Das Heidenthum kennt eben keinen lebendigen Geist über der Natur, es hegt wohl sittliche Ideale, aber es hat keine gewisse Zuversicht, sie durchzuführen. Aber wie von Gott geboren tritt seit dem ersten Pfingsttage eine Gemeinschaft in der Welt einher, welche ihres endlichen Steges über Sünde und Mangel, Uebel und Tod sich kräftig bewußt ist. Denn alle Ideale, alles Hoffen und Sehnen steht die Christenheit in Jesu Leben wirklich geworden. Vom Tode erstanden regiert er am Himmel der Seelen als Sonne der Geister, seine Strahlen zünden in den Herzen unvergängliches Leben, die von seinem Geiste durchwehte Gemeinde verkündet in Jerusalem den Menschheitsfrllhling, das Gottesreich!
Dem Materialismus ist aller „Geist" zum Spotte, wie vielmehr der heilige Geist! Man will keine Kräfte von oben, man kennt nur natürliche Triebe und Entwickelung von unten her. Aber was gilts, bald wird man auf den Gaffen über die Meister spotten, welche sich getrauen, Liebe, Geduld, Pflicht, Aufopferung aus Fleisch und Blut zu destilliren, so wie man Wasser destillirt. Vordem entsetzten sich die Menschen vor dem Zauberspuke einer von Gespenstern und Geistern durchwalteten Natur. Diel grauenhafter noch ist aber das unheimliche Chaos, in welches der Materialismus seine Gläubigen zerrt, in eine Welt ohne Geist, in welcher rohe Kräfte sinnlos walten und die einzelne Seele zwecklos zerrieben wird. Aber das Pfingstfest ist ein fröhlicher Protest gegen diese Nebelwelt unserer aufgeklärten Dunkelmänner! Die Christenheit, um Christus gesammelt und von ihm erleuchtet, erkennt mit Jubel: Gott ist Geist, Gott ist Liebe- göttlicher Liebesgeist durchwaltet die Welt, lenkt die Geschichte, wohnt seltgmachend in den Herzen der Gläubigen. Er ist ein Vater des Lichtes und wir, seine Kinder, haben Aufgabe und Verheißung durch Ueberwindung der Natur aus dem wilden Chaos einer sündigen Welt ein Reich der Ordnung zu schaffen.
Schwere Aufgaben sind dem heutigen Geschlechte gestellt. Wir leben in einer Uebergangszeit, auf allen Gebieten gährt
es, die Herzen sind voller Unruhe. Ist viel Klagens über Luxus und Genußsucht, so ist das Schlimmste daran nicht die Vergeudung, sondern die daraus fließende sittliche Lahmheit, die geistige Knochenerweichung, der schnöd' witzelnde Pessimismus, der thatenscheu macht.
Was uns noth thut, das sind thatenfrohe Leute, welche dem trägen, herzensöden, begeisterungsunfähigen Philister- thume auf den Leib rücken. Männer, von Gott geboren, mit brennenden Herzen und feurigen Zungen, welche es nicht lassen können, dem Gotteswillen in unserem Volksleben wieder Bahn zu brechen. Nicht Gesetze oder polizeilicher Zwang, nicht Bildung noch technischer Fortschritt, sondern der Geist Christi ist es, der lebendig macht und Gesundung bringt- nicht die ungestörte Circulation des Geldes noch die richtige Vertheilung der Güter ist das Höchste und Heilende, sondern daß die lebendigen Wasser göttlichen Liebeslebens aus den Brunnenstuben geisterfüllter Persönlichkeiten in die Volksadern strömen.
Wird unser deutsches Volk seinen Bedarf an solchen Geistesmenschen decken können? Werden genügend viele den Muth finden, zu entsagen und sich von Gott zum Dienste und Kampf für ihr Volk weihen zu lassen? Unsere deutsche Zukunft hängt davon ab.
Wir harren eines neuen^Getstesfrühlings, den Gott uns schenken wird. Er kann und wird nicht ausbleiben, wo das Evangelium, die gute Botschaft von Jesus Christus, treulich verkündigt wird und wo ein Volk, eine Gemeinde, sich darum schaart und in begeisterter Hingabe dafür arbeitet, kämpft. Noch fehlt viel dazu. Noch sind Selbstsucht und Mammons- geist beherrschende Mächte, noch sind die Augen vieler gehalten, daß sie die wahre Quelle des Segens nicht sehen.
Ueberall doch regen sich gute Kräfte in freudiger Begeisterung, allewege Keime und Ansätze zu gesunden Gebilden — so feiern wir Pfingsten fröhlich in Hoffnung auf ein frUchtereiches Gedeihen. Denn Gott hat uns gegeben nicht den Geist der Furcht, sondern den Geist der Kraft, der die Welt überwindet.
vemurschte-.
* Straßburg. 28. Mai. Die amtliche Correspondenz verzeichnet wiederum sechs in der Fremdenlegion zu Grunde gegangene Elsaß Lothringer.
* Ein ganz origineller neuer Wafiersport ist gegenwärtig in Nordamerika im Aufkommen begriffen, der mir Hilfe eines eigenartigen, daS ungefährdete Laufen im Wasser, ohne einen Fuß naß zu machen, gestattenden Apparates möglich wird- die Vorrichtung bietet aber auch einen absoluten Schutz gegen Ertrinken und möchte daher als Rettungsapparat viel beffere Dienste leisten, wie Schwimmgürtel und ähnliche Nothbehelfe. Die Neuheit besteht, nach einer Mirtheilung vom Internationalen Patent-Bureau Carl Fr. Reichelt, Berlin NW., auS einem beinkleidartigen, aus wasserdichtem Stoff gefertigten Schlauch, der sich oberhalb der beiden Theile zu einem beckenartigen Gefäß erweitert, das auch auS wasserdichtem Stoff bestehend und doppelwandig, aufgeblasen und so mit Luft gefüllt werden kann. Der originelle Apparat wird wie ein Beinkleid angezogen, und zwar sind die unteren Enden der Hosen geschlossen und schuhartig ausgebildet; nachdem der so Ausgerüstete den Obertheil aufgeblasen, marschiert derselbe ins Wasser und schwimmt, sobald er keinen Boden mehr unter den Füßen spürt, trocken und bequem, wie eine Wasserlilie auf dem Wasserspiegel, wobei eine geringe tretende Bewegung mit den schwimmfußartig gestalteten Schuhen ein Fortbewegen leicht möglich macht. Amerikanische Momentaufnahmen geben ergötzliche Abbildungen solcher im Wasser stehender Angler, unter welchen Freunden des neuen Sports auch couragierte Ladies zu erblicken sind, die, Wassernixen gleich, mit der beköderten Angel darauf warten, „daß einer anbeißt". Der obere beckenartige Theil des Schwimmers, in welchem die Person ungefähr bis zur Armhöhe steckt, ist als ein vom Körper abstehender Teller ausgebildet, in welchem Angelutensilien, Nahrungsmittel rc. untergebracht werden können, so daß der Wafferläufer in jeder Beziehung gegen Noth und Mangel geschützt wird. Die wirklich gefällige, angenehme Neuheit wird wahrscheinlich auch binnen Kurzem in Europa eingeführt werden und sich wahrscheinlich daselbst ebenso schnell Freunde erwerben wie tm < Lande der Aankees.
Kunst-Aasstellung, ‘USÄ
nähme des Samstags, von 11 bis 1 Uhr, am Mittwoch und Sonntag auch noch von 3 bis 5 Uhr. — Eintrittspreis für Nichtmitglieder an Werktagen 50 Pfg., an Sonntagen 20 Pfg.
FernUeton.
Wochrnbriese aus der Residenz
(Ortginalbericht des „Gießener Anzeiger".)
Z. Darmstadt, 31. Mai.
Gartenfest bei Hofe. — Das Philharmonische Orchester in Darmstadt. — Vom Journalisteuverein. — Verschiedenes.
AuS der vergangenen Woche haben wir noch den Bericht über das große Gartenfest nachzutragen, das Se. Königl. Hoheit der Großherzog am Mittwoch der verflossenen Woche im sog. Prinz-Emils-Garten für die Hosgesellschafr veranstaltet hatte. Bei schönstem Wetter verlief das trefflich arrangirte Fest in bester Weise. Es wurde fleißig getanzt und ohne strengen Etiquettenzwang ergingen sich die zahlreichen geladenen Personen in den wetten Räumen des in duftigem Frühlingsschmucke prangenden Gartens. Das Groß- herzogliche Paar nahm an der Freude seiner Gäste regen Antheil und betheiligte sich an den arrangirten geselligen Vergnügungen.
Einen erlesenen Kunstgenuß brachte den Refidenzlern noch zu guterletzt das einmalige Gastspiel des philharmonischen Orchesters aus Berlin, das im Saalbau unter Leitung seines großen Dirigenten, Professor Mannstaedt, ein Concert veranstaltete. Das kunstsinnige Publikum der Stadt hatte sich in außerordentlich großer Anzahl eingefunden und spendete den Leistungen der unter des genialen Bülow künstlerischer Leitung geschulten Capelle wahrhaft enthusiastischen Beifall. Alle Kritiken sind darüber einig, daß eine auswärtige Capelle hier am Platze selten einen solch außerordentlichen Erfolg errungen hat, wie die Mitglieder des genannten Kunstkörpers. Nach diesem Debüt können die trefflichen Musiker stets der wärmsten Aufnahme in Darmstadt sicher sein.
Ein Debüt war es auch, das am verflossenen Samstag die neugegründete Ortsgruppe Darmstadt des Allgemeinen deutschenJournalisten-undSchriftftellervereins, ablegte. Am Abend dieses Tages fand nämlich in dem Restaurant „ZurOper" dererste BereinSabend der neugeschaffenen '
Corporation der Männer von der Feder statt und der gemüth- liche Verlauf bildet eine frohe Bürgschaft für das Gedeihen des Vereins und seiner Zwecke. Herr Schriftsteller Hepp, der Vorsitzende, begrüßte die erschienenen Mitglieder und Gäste mit herzlichen Worten und gedachte dann in kurzer Rede des jüngst entschlafenen Dichters Gustav Frehtag, dessen Lebensbild er in scharfen Umrissen entwarf. Die Würdigung der Verdienste dieses unvergeßlichen deutschen Dichters bot Gelegenheit, die literarischen Zeitströmungen und Tagesfragen zu streifen und dabei flüchtig zu kennzeichnen. Den trefflichen Ausführungen des Vortragenden folgte dann der Beginn der „Ftdulität." Die Herren Edward, Bär und Riechman n hatten die Liebenswürdigkeit gehabt, als Gäste zu erscheinen und diese erprobten Kräfte unserer Hofbühne erfreuten durch mehrere declamatorische und gesangliche Vorträge. Bis zu später Abendstunde blieben die Mitglieder des Vereins zusammen und erfreuten sich der humoristischen Dichtungen, die zwei einheimische Musensöhne, als Resultat ihrer Pegassusritte zum Besten gaben. Der junge Verein kann mit Befriedigung auf den Verlauf seiner ersten Veranstaltung zurückblicken und darf getrosten MutheS tu die Zukunft schauen.
Die jüngst an dieser Stelle erwähnte Enthüllung des Ohly-Denkmals in Neunkirchen ist nun auf den 23. Juni anberaumt. An diesem Tage soll auch der Ge- sammrausflug des Odenwaldclubs, der das Denkmal bekanntlich stiftet, stattsinden. Die Enthüllungsfeier soll außerdem mit einem Volksfest in Odenwälder Tracht verbunden werden, das wieder einmal Gelegenheit bieten soll, die leider nun ganz verschwundene alte Odenwälder Tracht zu zeigen, die noch vor wenig Jahrzehnten dort allgemein getragen wurde, bis sie der mehr städtischen Mode weichen mußte, die sich heute leider immer mehr in unseren heimischen Bergen einbürgert. Ueber den Verlauf des Festes berichten wir unseren Lesern seinerzeit an dieser Stelle.
Noch zu erwähnen haben wir dann die eigenartigen S p orts kämp fe, die am letzten Sonntag auf der Rennbahn des Btcycleclubs von hiesigen und auswärtigen Radfahrern gegen die Mitglieder einer mexikanischen Reitergesell
schaft ausgefochten wurden. Die eigenartigen Rennen zwischen den Radfahrern und den in kleidsamer mexikanischer Tracht erschienenen Reitern unb Reiterinnen endigten mit einer Ausnahme alle zu Gunsten der Ritter vom Stahlroß, wozu allerdings der stark aufgeweichte Boden der Rennbahn beigetrogen haben mag. DaS Darmstädter Publikum bewies auch bei dieser Veranstaltung sein großes Interesse für sportliche Dinge, denn es war trotz der zweifelhaften Witterung in großer Anzahl erschienen und verfolgte den Verlauf der einzelnen Rennen mit der größten Aufmerksamkeit.
Dann sei in unserem heutigen Briefe den Lesern des „Gießener Anzeiger" noch eine Statistik mitgetheilt, die über die Thätigkeit des Hoftheaters in der abgelaufenen Spielzeit Aufschluß gibt. Nach dem von der Direction veröffentlichten offictellen Bericht wurden vom 2. September 1894 bis zum 21. Mai 1895 im Ganzen 158 Vorstellungen gegeben. Von diesen kommen der Oper zu 93, dem Schau- und Lustspiel 75, dem Ballet 13, dem. sogen, komischen Genre mit Musik 8. In der Oper erschienen neu 6 Werke auf dem Spielplan, neu einstudirt 10, darunter als besonders erwähnenöwerth Richard WagnerS „Ring des Nibelungen". Im Schau- und Lustspiele waren unter 48 verschiedenen Werken nicht weniger als 15 Novitäten, neu einstudirt 14. Die meisten Aufführungen erlebte Sardous Lustspiel „Madame Sans-Gene", dem auch Seine Majestät der Kaiser bei seinem Hiersein Interesse schenkte. Dann folgt als Zugstück Humperdincks „Hänsel und Grethel" und endlich das Ballet „Leben in der Hochsaison." Von Tonmeistern war Richard Wagner und Mozart der größte Spielraum gelassen worden, wie überhaupt daS Opern- repertoir vorwiegend deutsche Werke brachte. Im Schauspiel traten die Klassiker gegen Werke moderneren Charakters zurück- doch scheint damit kein Programm für die Zukunft angekündigt werden zu sollen. Im Personalbestand der Oper und des Schauspiels traten mehrfach Veränderungen ein. Im Sommer wird nun daS Saalbautheater den Darmstädtern theatralische Genüsse bieten, es beginnt am Samstag mit der Zeller'schen Operette „Der Obersteiger". ,


