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Nr. 205 Zweites Blatt. Sonntag den 1. September
Der chteßener Anzeiger erschrint täglich, mit Ausnahme de- Montags.
Die Gießener
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Gießener Anzeiger
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ZUM Sedanfeste.
Schon seit einer Reihe von Wochen feiert das deutsche Volk in dankbarer Erinnerung die große Zeit deS Krieges von 1870, besten herrlicher Ausgang ihm die verlorene Kaiserkrone und die ersehnte Reichseinheit wiedergebracht hat. Aber -er heutige Tag führt un6 auf die Höhe der Festfreude; denn der Tag von Sedan strahlt in der ganzen Reihe der ruhmreichen Stege im hellsten Lichte. An ihm zerschlug Gottes Gericht wie mit flammendem Blitze den durch List und Trug erbauten französischen Kaiserthron. An ihm segnete Gottes Gnade sichtlich vor den Augen der ganzen Welt den in aufrichtiger Demuth wie in echter Ritterlichkeit gleich erhabenen Greis und berief ihn zum Kaiserthron, den er nicht gesucht, aber den zu besteigen er der Würdigste war. Bei Sedan zwang Nord und Süd vereint das französische Heer zu einer Uebergabe ohne Gleichen, und ganz Deutschland jubelte mit seinem frommen Führer: „Welch eine Wendung durch Gottes Führung!"
Was der Sänger damals sang, muß darum auch heute den Gruudton aller Festfeier bilden:
Des Flammenstoßes Geleucht facht an!
Der Herr hat Großes an uns gethan: Ehre sei Golt in der Höhe!
Wir kennen Alle das Große, das Gott unS in der Entscheidung von Sedan heraufgeführt har! Alles, was wir jetzt haben, den ganzen Glanz der deutschen Kaiserkrone, die ganze Macht und das Ansehen deS Deutschen Reiches, jedes Zeichen der Achtung, die das Ausland dem deutschen Volke und seinem Kaiser zollt, die Ausbreitung deutscher Herrschaft bis in ferne Erdtheile und Meere, den ganzen Aufschwung deS wirthschaftlichen Lebens, den wir seit 1870 erlebt haben, Alles, Alles verdanken wir dem großen Kriege und seinem größten Tage, dem Tage von Sedan. Darum: Ehre sei Gott in der Höhe!
Aber waS Gott uns geschenkt hat, hat er uns durch mühseliges Ringen der deutschen Heere geschenkt. Ehre darum den Männern allen, die für uns die harte Arbeit deS Kriege- vollbrachten! Ehre und Dank dem großen Feldherrn zuerst, dem greisen Kaiser, dem Unvergeßlichen, seinem heldenhaften Sohne, dem Vielgeliebten, und Denen, die an ihrer Seite unsere Heere zum Stege führten! Ehre und Dank Moltke, dem stillen Denker und Lenker, und Roon, dem Waffenschmied! Ehre und Dank auch heut dem Dritten im Bunde der Beiden, dem übriggebliebenen Zeugen jener Tage, dem Alten im Sachsenwalde, der, was das Schwert errang, durch weises Walten dem Volke sicherte. Aber Ehre und Dank auch den
Osfiz-cren und all den tapferen Soldaten, die freudig mit Gort ihr Leben aufs Spiel setzten für König und Vaterland, die tapfer und treu nicht wichen, bis der glorreiche Krieg im glorreichen Frieden endete! Ehre und Dank Euch, die schon der kühle Rasen deckt, Ehre und Dank Euch Allen, die Ihr, einst tapfer im Streit, noch heute in unserer Mitte Euch des errungenen Sieges freuen dürft!
Aber was bleibt uns, die wir nicht mitftritten und doch die Früchte deS Siege- und all die Reichsherrlichkeit in freudigem Stolze genießen? Ein reich Erbtheil ist uns in den Schoß gefallen. Darum gilt uns das alte und immer neue Wort: „Was Du ererbt von Deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen!"
Dazu gilt es, den Geist zu wahren, der die Väter stark machte und zum Siege führte. DaS ist der fromme Geist, der mit Gott zum Schwerte greift und für gerechte Sache muthig und freudig eintritt, bis zum Tode kühn gegenüber jedem Feinde der Wahrheit und des Recht-. DaS ist der treue Geist, der für den angestammten Herrscher, für das theure Vaterland, für Weib und Kind und Herd einsteht mit ganzer Kraft, mit Herz und mit Hand. Das ist der Geist der Zucht, der fränkisches Wesen und wälsche Hoffahrt mit Verachtung und heiligem Zorne niederwirst und in deutscher Kraft sich mannhaft für deutsche Sitte und Zucht erhebt. DaS ist der Geist, den daS fremde Gefasel von Freiheit und Gleichheit verlacht, weil er weiß, daß kein Heer ohne Führer, kein Hau- ohne Herrn, kein Volk ohne Regiment bestehen kann. DaS ist der Geist der echten Brüderlichkeit, die ringend und streitend, schützend und helfend, sich neidlos in treuer, mühseliger Arbeit für den andern opfert.
Nur selten erlebt ein Volk so Herrliches, wie unser Volk in diesem Jahrhundert erlebt hat: eine zweimalige Erhebung zu ungeahntem Glanze! Da thut Wachsamkeit noth, daß Gott nicht nehmen muß, was er verlieh, nicht stürzen, was er erhöhte! Darum wach auf, du Geist von Leipzig und Sedan, in unserm Geschlecht! Wach auf, du alter deutscher frommer und treuer Geist, du Geist der Zucht und der Kraft, du Geist der Liebe und der Einigkeit! Ist der bei unS lebendig, dann bleibt unser, was die Väter errangen, dann geht es dennoch durch- Dunkel der Zeit aufwärts zum Licht und vorwärts mit Gott für Kaiser und Reich!
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* St. Privat laMoutagne, 25. August. Heute Vormittag gegen 9V2 Uhr kamen hier per Wagen ungefähr 150 bis 160 westfälische Veteranen von Metz aus durch das Monvaux Thal hier an. Am Fuße deS Gardecorpsdenkmals
hielt Herr Divisionspfarrer Schlegel aus Metz einen Feld« gotteSdienst ab. Derselbe wurde durch einen Gesang ein- geleitet, welchem eine zu Herzen gehende Gedenkpredigt folgte. Redner schilderte in gedrängter Kürze die RuhmeStdaten der Westfalen auf den Schlachtfeldern von Colombey, MarS-la- Tour, Gravelotte und St. Privat. Hierauf forcierte er fie auf, auch jetzt, angesichts des blutgetränkten Bodens, auf welchem sie ständen, fest und unverbrüchlich zum Vaterlande zu halten. Die von Begeisterung durchglühte Predigt verfehlte denn auch nicht ihre Wirkung, und man sah manche- Auge feucht werden. Den Schluß der ergreifenden Feier bildete wiederum ein Gesang. Zuletzt wurden sämmtliche Anwesende, Herr Diviston-pforrer . Schlegel im Ornate, photographisch ausgenommen. Don St. Privat ging dann die Fahrt nach St. Marie-avx-ChßneS und von dort über St. Ail, Vernvville, Malmatson nach Gravelotte. — Unternimmt man jetzt einen Rundgang über das Schlachtfeld, so findet man es, im Gegensätze zu früher, wie verwandelt. Urberall, auf allen Denkmälern, auf allen Kriegergräbern — selbst die verborgensten sind aufgesucht worden — prangen schöne Kränze und Guirlanden. Ganz besonders verdienen das Sachsendenkmal bet St. Privat, das Gardeschützendenkmal bet Amanwetler und das auf französischem Gebiete, im Bois de la Cuffe befindliche hessische Denkmal erwähnt zu werden. Um die beiden erstgenannten Denkmäler sind hohe Stangen in die Erde getrieben, an welchen zahlreiche schöne Fahnen mH den betreffenden Lande-farben wehen, während das letztere unter der Fülle der zahlreichen Kranzspenden, unter welchen sich Exemplare von hohem künstlerischen Werthe befinden, förmlich verborgen ist. Diese musterhafte Instandhaltung des Schlachtfeldes, auf welchem da« Auge de- Besuchers j tzt mit Wohlgefallen ruht, haben wir zum großen Theile dem Kriegergräberwärter Herrn Volkmann zu St. Privat zu verdcmken. Bei dieser Gelegenheit sei. rühmend deS Benehmens der einheimischen Bevölkerung gedacht. Ruhig und freundlich gegen Jedermann, ertheilten die Bewohner, so weit als möglich, d. h. so gut sie sich mit den Veteranen verständigen können, jede gewünschte Auskunft. Während der ganzen Festtage und bis jetzt noch ist nicht der geringste Mitzton in dieser Hinsicht vorgekommen. Nicht minder lobens- werth war das Verhalten unserer Gendarmerie, besonders in den Tagen vom 15. bi- 18. August. Ohne die Touristen auch nur im Geringsten zu belästigen, leiteten sie mit Umsicht und Verständniß den enormen Verkehr, insbesondere den ungeheueren Wagenandrang in jenen Tagen. Trotz der vielseitigen Anforderungen, welche der Dienst in dieser Zeit an sie stellte, waren die Herren freundlich und zuvorkommend.
jeuiUcton.
Sedan.
Ein Gedenkblatt zur 25jShrtgen Jubelfeier der Sedanschlacht.
(Unberechtigter Nachdruck verboten.)
Die JubiläumSfeierlichkeiten, welche das deutsche Volk gegenwärtig zur Erinnerung an die welthtstorischen Ereignisse der großen Zett von 1870/71 begeht, sind an ihrem ersten Höhepunkt angelangt, den die 25. Wiederkehr des TageS von Sedan darftellt. Auf dem weiten blutigen Schlachtfelde bet Sedan wurde nicht nur die letzte Armee des kaiserlichen Frankreichs von ihrem Schicksal ereilt, sondern auch das stolze Reich der Napoleoniden selbst in Trümmer geschlagen, während zugleich der Franzosenkaiser die Schmach über sich ergehen lassen mußte, der Gefangene des siegreichen Preußenkönigs zu werden. Während aber bei jener kleinen Maas- veste im äußersten Nordosten Frankreichs das dritte fran» zosische Kaiserreich in den Staub sank, leuchtete durch das grauenhafte Toben der gewaltigen Schlacht vom 1. (September 1870 bereits der Strahlenglanz des werdenden neuen deutschen Kaiserreiches hindurch, bildete doch die Sedanschlacht eigentlich nur noch die letzte Etappe auf dem Wege, der zur Gründung des neuen Nationalstaates der geeinten deutschen Stämme unter Wilhelm I. führen sollte. Unendlich Große- und Herrliche- ist daher im Ringen bet Sedan geboren worden und e- geztemt sich deshalb wohl, heute noch einmal einen Blick auf die welterschütternden Ereignisse zurück- zuwerfen, die sich in den ersten Septembertagen des Jahre- 1870 vor Sedan abspielten.
Nachdem die ehemalige französische Rheinarmee unter Bazatne durch die für die Deutschen siegreichen Schlachten von Colombey, Mars «la-Tour und Gravelotte genöthigt worden war, sich in die Festung Metz zu werfen, wo sie nun durch die erste und deutsche zweite Armee unter dem Oberbefehle des Prinzen Friedrich Karl cernirt wurde, -handelte es sich für die deutsche Heeresleitung darum, den
Vormarsch auf Paris und zunächst gegen die im Lager von ChLlons zusammengezogene Armee Mac Mahons energisch fortzusetzen. ES erfolgte zu diesem Zweck die Bildung einer neuen, der vierten ober nachmaligen Maasarmee, bestehend au- dem GardecorpS, 12. (königlich sächsischen) und dem 4. Armeecorps, welche Corps bisher mit zum Verband der zweiten Armee gehört hatten- den Oberbefehl über diese Armee erhielt der Kronprinz von Sachsen. Die unter dem Commando des Kronprinzen von Preußen verbleibende bisherige Süd- ober britte Armee dagegen, deren Bestandtheile bisher das 5. und 1k ArmeecarpS, die zwei bayerischen Armeecorps, daS combinirte württembergisch - badische Corps, sowie die 2. und 4. preußische Cavallerie« Division gebildet hatten, wurde durch die Heranziehung deS 6. Armeecorps verstärkt. DaS nächste Ziel dieser beiden großen Heeressäulen war ChalonS, bald aber erhielt man deutscherseits die Nachricht, daß Mac Mahon mit seiner ganzen Armee CHLlonS verlassen und sich nach einer unbekannten Richtung hingewendet habe, bis dann die sichere Kunde in das Hauptquartier König Wilhelms kam, die Armee von Cha'ons sei überraschender Weise nördlich nach der Maas zu abmarschirt, also jedenfalls, um sich mit der Armee Bazatnes in Metz zu vereinigen. Die beabsichtigte Vereinigung zu vereiteln, dies war die strategische Aufgabe MoltkeS, die in so unerwartet glänzender Weise gelöst werden sollte. In der Nacht vom 25. zum 26. August erhielten die Colonnen der dritten und vierten deutschen Armee den Befehl zu der berühmten Rechtsschwenkung nach Norden und schon am 27. August hatten die Vortruppen der Deutschen Fühlung mit der Mac Mahonschen Armee gewonnen, was die Treffen von Buzancy, Nouart und Aoneque, sowie die Schlacht von Beaumont, daS Vorspiel zur Schlacht bei Sedan, zur Folge hatte.
Durch diese für die Deutschen glücklichen Zusammenstöße war die französische Armee unter Mac Mahon auf da- rechte MaaSufer bei Getan zurückgedrängt worden- Kaiser Napoleon war am Abend des 30. August mit einer kleinen
Truppenabtheilung nach Sedan gelangt. Am 31. August marschirten die Armeen deS Kronprinzen von Preußen und des Kronprinzen von Sachsen unter dem obersten Befehle König Wilhelm- gegen die in dem Dreieck zwischen der Maas, dem Givonneflüßchen und dem Flecken Floing stehende französische Armee an, insgesammt waren die Deutschen etwa 250,000 Mann stark mit über 200 Geschützen. Die DiS- Positionen auf deutscher Seite waren im Allgemeinen so getroffen, daß da- 5. und 11. CorpS ein Durchbrechen der Franzosen nach Westen verhüten, die Garde die belgische Grenze abschließen, das 12. Armeecorps den AuSbruch des Feindes nach Osten verhindern und die Bayern ihn in der Front fassen sollten. DaS 4. CorpS, die Württemberger und die Cavallerie»Divisionen sollten einstweilen in Reserve stehen bleiben, doch gelangten auch diese Truppentheile dann bald zum Kampf.
Am 1. September Morgen- zwischen 4 und 5 Uhr begann die Schlacht bei Sedan, sie wurde durch einen Angriff der Bayern auf das stark befestigte Bazeilles eröffnet, um dessen Besitz sich ein stundenlanges mörderisches Ringen mit wechselndem Erfolge entwickelte. Währenddessen griffen die Sachsen die französischen Stellungen von La Moncelle und Daigny energisch an und setzten sich auch bald mit den Bayern bei Bazeilles in Verbindung. In dem Kampfe bei La Moncelle war es, wo Mac Mahon durch einen Granatsplitter derartig verwundet wurde, daß er sich genöthigt sah, den Oberbefehl an den General Ducrot abzugeben, der aber seinerseits das Obercommando im Verlaufe des weiteren Kampfes wieder an den älteren General Wimpffen abtreten mußte. Nack vielstündigem erbitterten Ringen, in welches weiter nach Norden zu an der oberen Givonne auch das preußische GardecorpS eingriff, gelang es endlich den deutschen Truppen, das wichtige Bazeilles im Süden der französischen Stellung zu behaupten, im Osten aber daS otere Givonne- thal zu nehmen und hiermit den Franzosen den beabsichtigten Durchbruch nach dieser Richtung gänzlich zu verlegen.


