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Nr. 227

Freitag den 28. September

1894

Der chleßener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.

Die Gießener

PamIlienvtLtler werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

Gießener Anzeiger

Kenerat-Mnzeiger.

Vierteljähriger Avonncmentspreir r 2 Marl 20 Pfg. mit Bringcrlohn. Durch die Post bezogen 2 Marl 50 Pfg.

Redaction, Expedition und Druckerei:

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Amts« und Anzeigeblatt für den Nreis Gieren.

chralisöeikage: Kießener Kamikienblätter

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag« für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Vorm. 10 Uhr.

Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Theil.

Gießen, den 25. September 1894. Betr.: Die Einrichtung der Fortbildungsschulen.

Die

Srohh. Kreis-SchulcommGon Gießen

an die Schulvorstände des Kreises.

In einzelnen Orten des Kreises ist die Ertheilung des Unterrichts in der Fortbildungsschule auf eine sehr kurze Zeit beschränkt worden, in welcher die zu ertheilenden Stunden in einer für Lehrer und Schüler nicht zuträglichen Weise zu- sammengedrängt werden.

Ein solches Verfahren ist nach dem Ausschreiben Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz, Abtheilung für Schulangelegenheiten vom 13. Juli 1875, betr. die Errichtung und Einrichtung der Fortbildungsschulen, nicht zulässig.

Nach diesem ist der Unterricht auf 5, mindestens auf 4 Monate zu verteilen. Für einklassige Schulen in großen Gemeinden haben wir 120 Stunden im Ganzen bestimmt, bei diesen empfiehlt sich die Stundenvertheilung auf 5 Monate; wo örtliche Verhältnisse es bedingen, können jedoch auch 4»/, bis 4 Monate dazu verwendet werden.

Für größere Fortbildungsschulen, an denen die Schüler in mehrere Klassen getheilt sind und eine mit uns vereinbarte Stundenzahl ertheilt wird, ist ebenfalls für jede Klasse eine Zeit von 4 Monaten für den Unterricht einzuhalten, desgleichen in kleineren Schulen, bei denen wegen der geringen Schülerzahl oder der Dürftigkeit der Gemeinden eine geringere Stunden­zahl als 120 gestattet worden ist.

Sie wollen darauf achten, daß genau nach obenstehender Verfügung bei Abhaltung des Unterrichts in der Fort­bildungsschule verfahren wird, auch wollen Sie den Lehrern Kenntniß von dieser Verfügung geben.

v. Gagern.__________________

Hauptversammlung

des landwirthschaftlichen Vereins für die Provinz Oberhessen.

Zur diesjährigen ordentlichen Hauptversammlung beehre ich mich die Vereinsmitglieder hierdurch auf

Mittwoch, 10. October l. I., Vormittags 11 Uhr, nach Gießen auf Lony's Keller, West-Anlage, hiermit er» gebens! einzuladen.

Gegenstände der Verhandlungen werden sein:

1. Vorlage der Beschlüsse der landwirthschaftlichen Bezirks­vereine, betreffend die Errichtung von Landwirthschafts- kammern;

2. Die Frage:Empfiehlt sich die Gründung von Getreide- Verwerthungs-Genossenschaften nach dem Muster der ge­nossenschaftlichen Zuckerfabriken;

3. Das Gesetz vom 26. October 1887, die Anschaffung und Unterhaltung des Faselviehes betreffend, seine Ziele und seine Erfolge.

Laubach, am 21. September 1894.

Der Präsident des landwirthschaftlichen Vereins für die Provinz Oberhessen.

Friedrich Graf zu Solms-Laubach.

Der auf Mittwoch, den 10. October, anberaumten Hauptversammlung soll um 10 Uhr eine Ausschußsitzung vorangehen, zu der ich die verehrlichen Mitglieder hiermit einlade.

Laubach, am 21. September 1894.

Der Präsident des landwirthschaftlichen Vereins für die Provinz Oberhessen.

______Friedrich Graf zu Solms-Laubach.______

Bekanntmachung.

Wegen vorzunehmender Arbeiten wird die Licherstrahe von der Kreuzung der Licherstraße und Grünbergerstraße bis zur Wolfftraße für nächsten Mittwoch und Donnerstag für den Fuhrwerksverkehr gesperrt.

Gießen, den 25. September 1894.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

__________________I. V.: Roth.__________________

Deutsches Reich.

Berlin, 26. September. Der Reichskanzler Graf Caprivi ist von seinem Curaufenthalte in Karlsbad am Dienstag Abend gegen 9 Uhr wieder in Berlin etnge- troffen. Die Cur in Karlsbad ist dem Kanzler auch diesmal wieder ausgezeichnet bekommen und erfreut er sich eines frischen und gesunden Aussehens, trotzdem gedenkt er noch

einige Tage auf dem Lande zu verbringen und erst in kommender Woche die persönliche Leitung seiner Amtsgeschäfte wieder zu übernehmen. Jedenfalls steht aber zu erwarten, daß mit der Rückkehr, des leitenden Staatsmannes des Reiches aus seinem Sommerurlaube nunmehr die Entscheidung in so manchen schwebenden Fragen der inneren Politik herannahen wird. Ob diese Entscheidung hie und da den Character einer Krisis annehmen und wohl gar Personalveränderungen in hohen Aemtern veranlassen wird, wie man in manchen Kreisen vermuthet, das muß freilich noch dahingestellt bleiben.

Ausland.

Während in Pest noch die Delegationen versammelt find, heben schon wieder die Arbeiten des ungarischen Reichs­tages allmälich an. Zunächst ist der sogen. Dreier-Ausschuß des Oberhauses zusammengetreten, um die noch unerledigten kirchenpolitischen Gesetzentwürfe vorzuberathen. Am Dienstag erörterte der genannte Ausschuß die Vorlage über die freie Ausübung der Religion und nahm den Entwurf zuerst in der allgemeinen Discusfion und dann auch in der Special- debatte an.

Auch in Frankreich zeigen sich die Vorboten der heran- nahenden Wintersession des Parlaments. Pariser Meldungen kündigen die Vertheilung des neuen Budgetvoranschlages für nächste Zeit an, wobei bereits ein Deficit von 25 Millionen Frcs. infolge neuer Ausgaben signalisirt wird. Zur Deckung desselben soll hauptsächlich die geplante neue Erbschaftssteuer dienen und wird die Veröffentlichung der betreffenden Vorlage ebenfalls für nächste Zeit angekündtgt.

Nerrefte

Wolff» telegraphisches Eorrespondenz- Bureau.

Berlin, 26. September. Die Meldung über eine an­geblich unter .den deutschen Mitgliedern des Provinzialland- tageS verbreitete Aeußerung des Reichskanzlers, ob es jetzt nicht soweit wäre, daß polnische Landräthe in der Provinz Posen angestellt werden können, ist bestem Vernehmen nach ihrem ganzen Inhalte nach erfunden.

Berlin, 26. September. Die Verhaftung von Wucherern und ihren Helfershelfern nimmt einen größeren Umfang an. Gestern wurde wieder ein Kaufmann verhaftet. Jedenfalls steht ein umfangreicher Proceß bevor.

Berlin, 26. September. Das Kaiserliche Gesundheitsamt gibt bekannt, daß in Ostpreußen, im Weichselgebiete und im Netze-Warthe-Gebiet vom 17. bis 23. September 47 Er­krankungen und 9 Todesfälle an Cholera, in Oberschlesien vom 15. bis 22. September 59 und 17, in der Rheinprovinz 2 und 0 vorgekommen sind.

Hadersleben, 26. September. Eine deutsch-dänische Grenzregulirungscommission zur Festsetzung der Seegrenze des kleinen Belt zwischen Preußen und Dänemark ist hier zusammengetreten.

Hannover, 26. September. Der zwölfte deutsch­evangelische Kirchengesang-Vereinstag wurde heute durch Staatsrath Hallwachs-Darmstadt eröffnet. Bennigsen hielt Namens der Staatsregierung, Profeffor B o n n w e t s ch Namens der Universität Göttingen und der Stadtsyndikus Namens der Stadt Begrüßungsansprachen. Alsdann wurde ein Huldigungstelegramm an den Kaiser ab­gesandt.

Dresden, 26. September. Heute Morgen um 3 Uhr brannte ein Matertalmagazin des Schlesischen Bahnhofs mit sämmtlichen Vorräthen nieder. Menschen sind nicht ver­unglückt. Der Schaden ist sehr bedeutend.

Florenz, 26. September. In einem Bauernhause im äußeren Rayon von Florenz, das dem Gärtner Salai gehört, der sich vordem mit der Herstellung von Feuerwerkskörpern beschäftigte, entdeckte die Polizei zwei vollständige Bomben mit langem Zünder, ferner eine Rolle Zündschnur und verschiedene zur Herstellung von Bomben dienende Werkzeuge. Salai und zwei mitschuldige Maurer wurden verhaftet.

Loudon, 26. September. Nach einer Meldung des Bureau Reuter aus Lourenzo Marques ist die Lage daselbst kritisch. Die Eingeborenen verfolgen die zurück­berufenen portugiesischen Soldaten fbis in die Stadt und die Portugiesen ließen Kanonen und Munition im Stich. Der Gouverneur protestirte in Lissabon gegen die Landung englischer Marine-Infanterie. Die portugiesische Streitmacht besieht aus 120 Europäern und 200 Schwarzen, während diejenige Mahazulas 7000 Mann stark ist. Es ist noch ungewiß, ob der Maputastamm die Portugiesen unterstützen wird, auch wird eine Erhebung Gungenhamas befürchtet.

Loudon, 26. September. Nach einer Meldung des Bureau Reuter aus Lourenzo Marques ist die englische

Marine-Infanterie wieder eingeschifft, da jede Gefahr eines Angriffs auf das englische Consulat beseitigt erscheint.

Loudon, 26. September. Die Abendblätter veröffent­lichen eine Depesche aus Tokio vom 26. September, in welcher das Gerücht, England und Rußland hätten einen Waffenstillstand vorgeschlagen, osfieiell dementirt wird. Die zweite, in Hiroschina concentrirte Armee ist ungefähr 30000 Mann stark, nicht 80000, wie früher gemeldet wurde. Die Einschiffung begann gestern nach einer Besichtigung durch den Kaiser. Es herrschte großer Enthu­siasmus. Die Bestimmung der Truppen wird geheim ge­halten. Das Commando übernimmt der Krtegsrninister. Wir verlautet, wird das Corps unabhängig vom Corps des Grafen Aamagata operiren, doch habe dieser den OperationSplan entworfen. Die Transportschiffe werden von dem zweiten japanischen Geschwader bis zum Gelben Meere escortirt, dann übernimmt das erste Geschwader die Escorte bis zum Be­stimmungsorte der Truppen. Graf Sai vertritt denKriegs- minister während dessen Abwesenheit.

Shanghai, 26. September. Reutermeldung. Zufolge eines Telegramms des chinesischen ConsulS in Singapore beschlagnahmte ein chinesisches Kriegsschiff am 21. September im Canal von Formosa den englischen DampferPathan", weil man vermuthete, daß sich an Bord deffelben Kriegsmunition befand. Der Dampfer wurde zur Untersuchung der Ladung nach Kelung gebracht.

Depeschen des Bureau .Herold".

Berlin, 26. September. Nach einer derVoss. Ztg." aus Darmstadt zugehenden Drahtnachricht wird Seine Majestät der Kaiser am 16. Oetober Vormittags dort ein­treffen, um Sr. König!. Hoheit dem Großherzog einen Gegen­besuch abzustatten. Der Kaiser reist Nachmittags von Darm­stadt zur Enthüllung des Kaiser-Wilhelm-Denkmals und zur Eröffnungsvorstellung des neuen königlichen Theaters nach Wiesbaden weiter, wo er um 5 Uhr ankommt. Am Abend deffelben Tages kehrt der Kaiser nach Berlin zurück, wo er am 17. Oetober den Besuch des Königs von Serbien empfängt.

Berlin, 26. September. In einem offenbar von sach­verständiger Seite herrührenden Artikel:Die Führer bei den deutschen Kaisermanövern" wird u. A. imBerliner Tageblatt" gesagt, der Kaiser, der in Weftpreußen die Leitung der Manöver selbst übernahm, besitze alle Eigen­schaften eines hervorragenden Heerführers in seltenem Maße. M t dem höchsten Lobe müsse auch General Lentze, der Corn- manbeur des 17. ArmeecorpS, genannt werden, welcher als Feldherr ersten Ranges sich erwiesen habe.

Berlin, 26. September. Der preußische Gesandte bei denHansastädten, v. Kiderlen-Wächter, hatte heute eine längere Conferenz mit dem Reichskanzler Grafen Caprivi Im Reichskanzlerpalais.

Berlin, 26. September. Einer Blättermeldung zufolge sollen Major v. Wißmann und Dr. Peters entschlossen sein, aus dem Reichsdienste auszutreten.

Berlin, 26. September. DerReichsanzeiger" meldet, dem bisherigen Oberpräsidenten von Schlesien, v. Seydewitz, ist der rothe Adlerorden erster Klasse mit Eichenlaub verliehen worden.

Berlin, 26. September. Vor wenigen Tagen hat der Kgl. Generalmajor und Commaudeur der 1. Garde-Cavallerie- Brigade, Eduard Prinz zu Salm-Korstmar, Berlin mit Urlaub verlassen. Dem Vernehmen nach wird Prinz Salm sein Commando nicht wieder übernehmen, da er seinen Abschied erbeten hat.

Berlin, 26. September. In der gestrigen Versammlung des deutschen Reformvereins sprach der Reichstags­abgeordnete Dr. Böckel über das Massenelend und die Social- demokratie. Der Vorsitzende meinte, die Vorgänge in Mar­burg seien auf Quertreibereien zurückzusühren. Dr. Böckel repräsentire den Vertreter des radiealen Antisemitismus. Da er in Berlin bleibe, werde sich hier bald eine schärfere Ton­art bemerkbar machen, auch im Reichstage. Dr. Böckel ging mit keinem Wort auf die Ausführungen des Vorredners ein. Der Gastwirth Bodeck erklärte, ein so bewährter Führer wie Böckel müsse der Partei unbedingt erhalten bleiben. Das neue Zeitungsunternehmen desselben müsse kräftig unterstützt werden, damit der Führer nicht untergehe.

Pose», 26. September. Der Regteruugspräfident hat die Behörden angewiesen, ferneren Zuzug russischer land- wirthschaftltcher Arbeiter über die Landesgrenze bis auf Weiteres zu verhindern.

Altona, 26. September. Hier wurden wegen Miß­handlung vonPolizisten und wegen eines Aufruhrs 14 Personen verhaftet.